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#189 – Wie du deine Jobchancen optimal nutzt trotz vorhandener Einschränkungen mit Stephan Wenn

Diesmal spreche ich mit Stephan Wenn über Jobchancen trotz Einschränkungen. Stephan hat mehrere Jahre bei der Agentur für Arbeit Menschen mit Beeinträchtigungen beim Finden des passenden Arbeitsverhältnisses unterstützt und dabei als Schnittstelle zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern fungiert. Mittlerweile nimmt er diese Rolle als einheitlicher Ansprechpartner für Arbeitgeber wahr. Er ermutigt Menschen dazu sich ihrer Wertigkeit bewusst zu sein oder zu werden und sich auf die persönlichen Stärken zu besinnen.

Einem Job nachzugehen ist gut für die finanzielle Situation, stärkt das Selbstwertgefühl und der Job ist auch eine wichtige Komponente für soziale Interaktion. Aufgrund des zunehmenden Fachkräftemangels öffnet sich der Arbeitsmarkt immer mehr für Menschen, die nicht Vollzeit arbeiten können und womöglich spezielle Unterstützungen benötigen. Und die Agentur für Arbeit, wie auch andere Stellen haben vielfältige Hilfen, auf die zurückgegriffen werden kann und die Arbeitnehmer und Arbeitgeber in Anspruch nehmen können.

Wir sprechen über die verschiedenen Einschränkungen, die mit MS-Symptomen einhergehen können – körperlich, geistig oder psychisch, wie wichtig es ist offen über spezielle Bedürfnisse zu sprechen und wann der richtige Zeitpunkt im Bewerbungsprozess dafür ist. Ein offenes Gespräch über die Möglichkeiten und Vorteile des Arbeitens trotz bestehender Einschränkungen und ein Appell diesen Aspekt des Lebens solange wie möglich aufrecht zu erhalten.

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Inhaltsverzeichnis

Begrüßung

Nele: Hallo Stefan. Schön, dass du dir die Zeit nimmst und heute mein Gast bist und mit mir über das Thema Jobchancen trotz vorhandener Einschränkungen sprichst. Aber erst mal ein ganz liebes Hallo zu dir. #00:00:11#

Stephan Wenn: Hallo Nele. Schön, dass ich die Möglichkeit habe, ein bisschen was von mir, von dem was ich tue, von dem was ich denke, preisgeben zu können und hoffentlich mit dir gemeinsam die eine oder andere oder den einen oder anderen erreichen zu können, denen wir vielleicht ein Hilfsangebot machen können oder motivieren können, anders zu denken, als er das heute noch tut. #00:00:28#

Vorstellung

Nele: Genau. Bevor wir loslegen, bist du so liebt und stellst dich ganz kurz den Hörerinnen und Hörern vor, damit die wissen, wen ich heute zu Gast habe? #00:00:34#

Stephan Wenn: Ja, sehr gerne. Stefan Wenn, in Kürze 58 Jahre alt, drei Kinder, alles Töchter. Die beiden älteren sind 30 und 25 und die jüngste ist dreieinhalb. Da kann man jetzt schon erahnen, dass es da mal ein kleines Break gegeben hat.

Ich bin gelernter Versicherungskaufmann, habe 20 Jahre in der weltbesten Firma, die es in diesem Bereich gab, gearbeitet. Dann wurden wir gekauft, dann war ich weg, hatte da eine Führungsposition. Und nach Irrungen und Wirrungen des Lebens, mit Herzinfarkt, Hirnblutung und allem was dazu gehört, durfte ich vor mittlerweile elf Jahren, zwölf Jahren meine heutige Lebensgefährtin kennenlernen. Wir haben dann einen Plan gemacht, den haben wir umgesetzt und es gibt mich immer noch.

Die Irrungen und Wirrungen des Berufslebens haben mich dann irgendwann zur Agentur für Arbeit gebracht und dann habe ich sechs Jahre Menschen mit Schwerbehinderung in den Arbeitsmarkt integriert. Also habe Arbeitsplätze akquiriert, geschaffen, sensibilisiert bei Arbeitgebern für Menschen mit Schwerbehinderung. Und habe jetzt zum 1.1.2023 noch mal die Position gewechselt und bin jetzt sogenannter einheitlicher Ansprechpartner für Arbeitgeber. Ganz gruseliger Begriff aber da kommen wir vielleicht im weiteren Verlauf noch mal zu.

Der Weg zur Agentur für Arbeit

Warum bin ich bei der Agentur für Arbeit gelandet? Hätte ich eigentlich gar nicht dürfen, weil Verwaltung ist das eine und so wie ich halt Versicherungsvertrieb sind eigentlich nicht so kompatible Welten. Aber Katrin und ich, meine Lebensgefährtin, wir haben vor mittlerweile zehn Jahren eine Fußballmannschaft für Menschen mit Handicap gegründet. Das machen wir jeden Samstag von neun 9:30 Uhr bis 11 Uhr. Freies Angebot, Gruppe ist mittlerweile so 25-30 Personen stark. Und das wusste die Kollegin bei der Agentur für Arbeit und hat mich angesprochen, hat gesagt “Mensch, Herr Wenn, Sie haben keine Sorge und Nöte vertrieblich vorzugehen, Arbeitgeber anzusprechen. Sie haben ein gewisses Faible für Menschen mit Schwerbehinderung. Können Sie sich nicht vorstellen, bei uns zu arbeiten?”. Und dann habe ich mir das erst nicht vorstellen können. Und habe Katrin gesagt “Mensch, was soll ich denn bei einer Verwaltung?”. Und sie hat sehr pragmatisch geantwortet und hat gesagt “was ist denn die Alternative?”. Ja, und dann habe ich mich beworben und habe den Job gekriegt, ja. Und heute sitze ich hier und darf mit dir ein bisschen über dieses Thema sinnieren. #00:02:45#

Jobchancen für Arbeitnehmer mit Einschränkungen

Wie ergeht es Menschen, die irgendeine Art von Einschränkung mitbringen normalerweise bei der Jobsuche?

Nele: Ja, und das ist so wichtig, weil man natürlich trotz irgendwelcher Einschränkungen Arbeiten gehen kann, aber es oft ein ganzes Stück schwieriger ist. Der Weg ist ein Stück steiniger, umständlicher, was auch immer. Aber kommen wir erst mal zur Themenrubrik Jobchancen für Arbeitnehmer mit Einschränkung. Wie ergeht es denn Menschen, die irgendeine Art von Einschränkung mitbringen, normalerweise bei der Jobsuche? Welche Erfahrung hast du da gemacht aus deiner Beobachterposition? #00:03:12#

Stephan Wenn: Ja. Also es ist unglaublich unterschiedlich. Und was ich gelernt habe, ist, du kannst nicht Copy Paste machen. Jeder Fall für sich ist ein Einzelfall, weil man ja immer mindestens drei Ebenen betrachten muss.

Die erste Ebene ist der Betroffene und sein direktes Umfeld. Da ist schon die Frage, ist es jemand noch in sehr jungen Jahren, der zu Hause wohnt, der möglicherweise eine körperliche oder eine geistige Beeinträchtigung hat, das macht ja schon einen ganz großen Unterschied in der Auswahl potentieller Arbeitgeber. Da muss man schon, glaube ich, ein ganz gutes Gefühl dafür entwickeln, wie man jemand integrieren kann.

Die zweite Ebene ist auch eine mindestens mal genauso wichtige, ist nämlich der Arbeitgeber. Findest du einen Arbeitgeber, der nach heutiger Denk- und Lesart bereit ist, jemand mit einer Einschränkung in seinem Unternehmen einzustellen. Da war meine Erfahrung oder ist meine Erfahrung sehr häufig, ich wohne ja hier in der im Randgebiet der Eifel und da ist das noch sehr ausgeprägt im ländlichen Bereich, das wird es in anderen Ländern genauso geben. Der Peter kennt den Heinz und der Heinz hat einen behinderten Sohn und der Peter kennt aber jemanden, das ist der Josef aus dem Fußballverein und da müssen wir jetzt was für tun. Also die persönliche Betroffenheit, die da ist, die bringt Menschen dann zum Nachdenken.

Manche Firmen suchen sogar gezielt nach dem Potenzial schwerbehinderter Menschen

Es gibt ja auch Firmen, die ganz gezielt das Potenzial von Menschen mit Schwerbehinderung suchen. Autisten zum Beispiel sind ganz gefragte Menschen im Controlling Bereich oder immer dann, wenn es um Zahlen oder eine Sonderbegabung geht. Aber es bedarf halt immer der Dinge, und das ist die dritte Ebene, diese zwei miteinander zusammenzubringen und auch beim Arbeitgeber zum Beispiel Sorgen und Ängste zu nehmen. Auch bei dem potenziellen Arbeitnehmer drauf zu verweisen “hey, auch wenn du eine Schwerbehinderung hast, du hast ja einen Wert. Du hast eine Wertigkeit. Du hast ein Standing im Leben”. Und dann muss man halt mal schauen, wieviel Wertigkeit, in Anführungszeichen, betriebswirtschaftlich betrachtet, ein solcher Arbeitnehmer für einen Arbeitgeber hat.

Und dann kommen wir zum Thema Förderung, wie kann man so was ausgleichen. Und dann hat man schon mal einen ersten, großen Schritt getan. Also Chancen, um die Frage konkret zu beantworten, Chancen sind durchaus da. Bedarf aber des einen oder anderen Schubsers für beide Seiten. #00:05:28#

Warum sollten Arbeitgeber umdenken und sich für Menschen mit Beeinträchtigung öffnen?

Nele: Jetzt hast du es schon ein bisschen anskizziert. Warum sollten denn Arbeitgeber umdenken und sich für Menschen mit Beeinträchtigungen öffnen? Was haben die Arbeitgeber davon? #00:05:37#

Stephan Wenn: Also zum einen bekommt man… Nein, ich muss es anders aufziehen. Wir haben ein Riesenthema Fachkräftemangel. Hubertus Heil hat diese Woche noch irgendwo, oder letzte Woche, noch irgendwo gesagt, es wird Zeit, dass wir die Menschen mit Schwerbehinderung in den Arbeitsmarkt / ins Arbeitsleben miteinbeziehen, intensiver miteinbeziehen. Wo ich mich frage, warum eigentlich erst jetzt. War vorhersehbar, dass wir irgendwann mal so einen Fachkräftemangel kriegen könnten. Aber gut, ist ein anderes Thema. Also Thema Fachkräftemangel, wir haben mit künstlicher Intelligenz, wir haben mit sonstigen softwarespezifischen Hilfen, wir haben mit motorischen Hilfen so viel Möglichkeiten, Menschen ein Umfeld gestalten zu können, wo sie einen hervorragenden Job leisten können. Das darf man nicht vergessen.

Soziale Verpflichtung und Loyalität

Mein Lieblingsbeispiel ist dann immer der Mensch mit einer Sehbeeinträchtigung, der kriegt halt ein Laptop mit einer Braille Tastatur und kann dann völlig normal Dinge dokumentieren. Wir haben mit Sicherheit das Thema Bildung. Und Ausbildung ist ein Riesenthema, gerade in dem was da jetzt nachkommt. Also wir haben ganz viele junge oder Jugendliche Schwerbehinderte, wo ich sage, da hat ein Arbeitgeber einfach auch eine soziale Verpflichtung neben dem Thema Fachkräftemangel und da kann er sich jemanden loyal in sein Unternehmen einbringen und ihn da einsetzen, wo er ihn braucht, indem er ihn selber dahin ausbildet. Und die Loyalität von Menschen mit Schwerbehinderung, die eine Jobmöglichkeit kriegen, ist unendlich viel größer als die eines, ich sage mal, normalen Arbeitnehmers. Der würde auch nicht für zwei Euro mehr die Stunde wechseln. Also das sind so Themen.

Ich glaube, ein weiteres Thema ist dieser gesamte Bereich der Transformation, also Mitarbeiter, die heute Jobs machen, durch Weiterbildung auf andere Jobs zu qualifizieren, aber dieser Job an sich fällt ja nicht weg. Also da könnte ich jemanden, der vielleicht eine Minderqualifizierung hat, den könnte ich dahin entwickeln oder einstellen. Und ein ganz wesentlicher Punkt, es gibt ganz viele Menschen mit Schwerbehinderung, die durchaus älter sind, die aber eine Berufserfahrung mitbringen, eine Lebenserfahrung mitbringen, die einem Unternehmen auch guttun, weil man vielleicht in einem gewissen Alter Dinge ganz anders erlebt, spürt, man ist eher Sparringspartner.

Nicht zu vergessen natürlich auch, dass der Arbeitgeber sich als sozial engagiertes Unternehmen darstellen kann, indem man eben Menschen mit Behinderung einstellt. Also ganz viele weiche Faktoren aber eben auch harte. Und meiner Meinung nach gibt es da immer noch zu wenig Aufklärung. #00:08:10#

Wie kann der Arbeitsplatz individuell auf körperliche und kognitive Einschränkungen angepasst werden und gibt es dafür Zuschüsse?

Nele: Ja, gerade diese Loyalität, die du angesprochen hast, ich glaube, das ist wirklich ein ganz wichtiger Faktor. Denn wieviel Know-how geht dem Unternehmen verloren, wenn Leute mit einem großen Wissensstand gehen, eben weil sie sich dann doch anders umorientieren und eben vielleicht ein bisschen mehr Geld bekommen, was sie der Meinung sind, zu brauchen, brauchen zu müssen. Ich will das ja gar nicht bewerten. Aber Loyalität ist, glaube ich, schon viel wert.

Wie kann denn der Arbeitsplatz individuell auf körperliche und kognitive Einschränkungen angepasst werden und gibt es dafür Zuschüsse? Du hast jetzt gerade schon die Braille-Tastatur genannt, aber da gibt es sicherlich einiges mehr. Und vor allen Dingen, können Arbeitgeber auch einen finanziellen Ausgleich bekommen, oder? #00:08:48#

Stephan Wenn: Absolut. Ja, also man muss dann einfach schauen, also von den Begrifflichkeiten bin ich da nicht immer sauber, gebe ich zu. Aber wenn man einen Arbeitsplatz behindertengerecht ausstatten möchte. Das geht ja schon los bei jemanden, der gar nicht schwerbehindert ist, sondern der einfach unter permanenten Rückenschmerzen leidet. Dem stellt man halt einen Schreibtisch hin, der höhenverstellbar ist, so dass der sich ab und zu mal stellen muss. Oder der bekommt einen speziellen orthopädischen Stuhl.

Und bei Menschen mit Schwerbehinderung ist das eben noch sehr viel extremer. Also das geht hin bis zum, wir stellen einen Rollstuhlfahrer ein, der kann aber nicht die Treppe hochfahren, also wird da ein Aufzug angebaut. Also es gibt undenkbar viele Möglichkeiten. Es können Autos umgebaut werden. Die Braille-Tastatur haben wir schon angesprochen. Es gibt Leseverstärkungsgeräte für Bildschirme zum Beispiel. Es gibt barrierefreie Umbauten, also die Treppe muss weg, da muss eine Rampe hin. Bis hin die Teeküche, dass derjenige oder diejenige sich da eben auch frei bewegen kann.

Agentur für Arbeit ist erster Ansprechpartner

Und das sind Dinge, die kann man jeweils mit der örtlichen Agentur für Arbeit besprechen. Die kann man mit denen, da gibt es jetzt im Rheinland die Integrationsfachdienste, da weiß ich nicht immer zwingend, wie diese Institutionen in den jeweiligen Bundesländern heißen. Das sind die Regionalstellen, die für den Arbeitnehmer da sind. Es gibt die Fachstellen in den Städten und Kommunen, die ja vor allen Dingen immer bekannt sind dafür, wenn es um Kündigungsschutzverfahren geht, die dann einschreiten. Aber so eine Fachstelle ist zum Beispiel auch Ansprechpartnerin oder Ansprechpartner, wenn es um arbeitsplatzspezifische Umbauten geht. Also es gibt eine Reihe von Spielpartnerinnen und Spielpartnern, die allerdings, das muss man dazu sagen, wenn ich jetzt Arbeitgeber wäre, hätte ein Handwerksunternehmen mit vielleicht 10-15 Leuten und mein Tag wäre sowieso immer zu kurz, da muss ich mir die Frage stellen, mit wieviel will ich denn reden, um möglicherweise einen Menschen mit Schwerbehinderung einzustellen. Also da ist schon eine Hemmschwelle, ja? Mit wem rede ich? Mit der Agentur für Arbeit. Ehe ich da durchkomme, weiß ich nicht, nein, will ich jetzt nicht.

Dann gibt es vielleicht noch irgendwelche regionalen Dinge, mit denen man mal reden kann. Im schlimmsten Fall musst du dann auch noch mit der Deutschen Rentenversicherung sprechen, weil derjenige gar nicht bei der Agentur für Arbeit geführt wird. Also ehe du dir das als Unternehmer alles ausdenken kannst, mit wem will ich denn reden, hast du das in vielen Fällen schon wieder verworfen. Deshalb ist es wichtig, einfach den ersten Schritt zu machen und alle, also zumindest für mein direktes Umfeld hier kann ich das sagen, alle, die in diesem Bereich arbeiten, wissen, mit wem soll dieser Arbeitgeber sinnhafterweise reden. Also Thema Beratung ist da ganz, ganz wichtig. Und meine Erfahrung ist, lieber Arbeitgeber, ruf an wen immer du möchtest. Agentur für Arbeit, Deutsche Rentenversicherung, weiß der Henker wen. Da sitzt jemand, der für diese Menschen dann auch bereit ist, dir Informationen zu geben, dir Gesprächspartner zu vermitteln, aber du bist derjenige, der den Ball ins Rollen bringen muss. Und da haben wir, glaube ich, noch viel, viel Nachholbedarf. #00:11:51#

Nele: Diesen ersten Schubs zu geben. #00:11:54#

Stephan Wenn: Ja, genau. #00:11:54#

Menschen mit MS werden eher wegen kognitiver Einschränkungen frühverrentet als wegen körperlicher Symptome. Welche Konzepte gibt es, um genügend Pausen zu ermöglichen oder flexible Arbeitszeitmodelle?

Nele: Jetzt ist es so, wenn man MS hat, wird man häufiger wegen kognitiver Einschränkungen früh verrentet. Also jetzt wegen körperlicher Sachen, das ist ein großes Thema. Welche Konzepte gibt es denn da, um vielleicht genügend Pausen zu ermöglichen oder flexible Arbeitszeitmodelle, wie kennst du dich da aus? Kannst du uns vielleicht Einblicke geben? #00:12:11#

Stephan Wenn: Also das ist auch immer sehr arbeitgeberspezifisch. Also in so einem Fall kann man zweifelsfrei sagen, je größer ein Arbeitgeber ist, oder je mehr Beschäftigte er hat, desto einfacher ist es, da Lösungen zu finden. Das ist aber ganz menschlich, weil ein kleines Team von beispielsweise drei oder fünf Personen, würde stärker überlegen jemanden als Kollegin/Kollege einzustellen, der deutlich mehr Pausenzeiten benötigt, der höre Ausfallzeiten hat. Also all diese negativ behafteten Dinge, von denen wir ja alle so getrieben sind, das würde in so einem Umfeld viel, viel schneller ganz sauer aufstoßen, als wenn ich jetzt zum Beispiel ein mittelständisches Unternehmen mit 1.000 Mitarbeitern nehme, wo so jemand dem Grunde nach gar nicht auffällt. Wo es auch ganz einfach ist, mit einem Betriebsrat, mit einer Schwerbehindertenvertretung Rahmen zu schaffen, Arbeitsplatzbedingungen zu schaffen und gleichzeitig diesen Menschen aber nicht zu einer Belastung für das gesamte Team werden zu lassen, weil man die einfach ganz anders mit einbeziehen kann.

Je größer das Unternehmen, desto einfacher gelingt Integration

Ich glaube, in einem Unternehmen bis 50 Personen wird erwartet, dass jeder funktioniert. Das ist so. Und wenn da ein Geschäftsführer oder ein Inhaber bereit ist, einen solchen Schritt zu gehen, dann ist das gut, dann ist das absolut löblich. Aber dann geht es nicht nur darum, diesen Menschen einzustellen, sondern dann gilt es auch die gesamte Belegschaft in dieses Thema mitzunehmen. Also den Leuten zu sagen “passt mal auf, wir stellen da jemanden ein, der kriegt nicht direkt das Malus Kreuz, gar keine Frage”. Da geht es um Offenheit und Transparenz. Das ist, glaube ich, ein ganz, ganz wichtiger Punkt und da bin ich mir nicht immer sicher, ob unsere Gesellschaft dazu schon in der Lage ist. #00:13:55#

Wie sehen die Jobchancen für Menschen mit psychischen Problemen, wie Depression oder Angststörungen aus?

Nele: Ja, es gibt noch viel zu tun, noch viel Aufklärung zu betreiben. Damit kommen wir auch gleich zum nächsten Punkt. Jetzt habe ich erst über kognitive Einschränkungen gesprochen. Aber es ist für viele Menschen ja auch schwierig mit psychischen Problemen umzugehen. Also wie Depressionen oder Angststörungen. Wie ist da die Gemengelage? #00:14:15#

Stephan Wenn: Das ist in der Tat ein schwieriges Feld. Denn man muss sich ja immer vorstellen, also auf der einen Seite haben wir einen Arbeitgeber, der sucht einen Mitarbeitenden. Dann haben wir da jemanden, der erhebliche Probleme hat, sich vielleicht in so einem Team einzubringen, der vielleicht Angstzustände hat, was auch immer. Und in der Mitte sitzt dann jemand wie ich, der versucht, die beiden zusammenzubringen. So. Jetzt kenne ich eben möglicherweise den Arbeitnehmenden und weiß, oh weh, schwierige Situation. Bei den letzten drei Arbeitgebern hat es da immer Probleme gegeben. Derjenige ist bemüht, will, kann aber nicht. Was sage ich denn jetzt dem Arbeitgeber davon? Also ich schränke mich in meiner Denke selbst ein, denjenigen oder diejenige objektiv zu vermitteln. Ich habe es irgendwann geschafft, diese beiden Parteien zusammenzubringen und dann haben die ein normales Bewerbungsgespräch geführt. Und dann habe ich im Vorfeld immer gesagt “redet offen miteinander, legt die Dinge auf den Tisch, wenn ihr eine Lösung findet, alles gut. Wenn ihr meint, ihr bräuchtet jemanden, der euch bei den Lösungen vielleicht ein bisschen zur Seite steht, komme ich gerne dazu”, aber es ist erst mal ein Gespräch zwischen einem Arbeitgeber und einem Arbeitnehmer. Und dann müssen die beiden miteinander klarkommen, weil irgendwann fällt einem das ja eh vor die Füße.

Wie und wann spreche ich die Behinderung an

Ja, es gibt die Frage, die stellen mir ganz viele Menschen “Mensch, ich habe eine Schwerbehinderung, soll ich die bei der Bewerbung angeben oder besser nicht?”. Dann sage ich persönlich “irgendwann kommt es eh raus. Also sage es doch direkt”. Dann sagen viele “ja, aber dann komme ich schon auf den Stapel derer, die mich nicht haben wollen”. Dann sage ich “ja, dann ist das so. Aber das wäre auch nicht der Arbeitgeber, wo du dich wohlfühlen würdest. Sondern der, der dann mit dir spricht, der weiß worauf er sich einlässt. Das ist doch eine faire Geschichte”. Und da gibt es unterschiedliche Denkweisen. Es gibt andere, die sagen “um Gottes Willen, bloß nicht sagen. Dann kommst du eben auf den Stapel derer, die gar nicht…”. Na ja, und dann sage ich “dann fängst du da an und dann taucht das erste Mal ein Problem auf, nämlich dein spezifisches, welches auch immer”. Und dann sagt der Arbeitgeber “was ist denn hier los? Wusste ich ja gar nicht”. Dann haben wir Probezeit, dann haben wir das Thema, dass dann vielleicht noch jemand eingeschaltet werden muss, dann kommt, weiß ich nicht, das Thema Kündigung. Und dann ist auch eins klar, bei diesem Arbeitgeber braucht nie mehr einer vorbeizuschauen und zu sagen “ich habe da jemanden mit einer Schwerbehinderung, könnten sie sich vorstellen, dass…?”. Dann fliegst du achtkantig raus. Also ich sage mal, der oder diejenige tut auch für seine Mitleidensgenossen eher einen Bärendienst. Das ist aber meine sehr persönliche Wahrnehmung und Einstellung. Das muss jeder für sich selbst wissen. Ich würde mit dem Thema immer offen umgehen und glaube auch, damit bisher gut gefahren zu sein. #00:17:01#

Welche besonderen Eigenschaften bringen Menschen mit, die nicht voll einsatzfähig sind und von denen Arbeitgeber und Teams profitieren können?

Nele: Ja, Bärendienst auf der einen Seite und eine Frustration für denjenigen, der es erlebt, weil er gedacht hat, er spricht es nicht an und dann durchlebt er wieder diese unangenehme Situation. Ich glaube da verlieren beide am Ende, denke ich, würde ich vermuten.

Doch kommen wir mal zu den positiven Aspekten. Jetzt haben wir genug über die Schwierigkeiten gesprochen. Welche besonderen Eigenschaften bringen denn Menschen mit, die nicht voll einsatzfähig sind von denen Arbeitgeber und Teams profitieren können? #00:17:28#

Stephan Wenn: Ja. Auch da muss man klar sagen, im Rahmen von Diversität und Inklusion, wie das ja heutzutage so modern heißt, da ist alles dabei. Also da gibt es nichts, was nicht auch bei nicht-schwerbehinderten Menschen vorkommen würde. Ich habe erlebt, dass Leute einen Arbeitsvertrag unterschrieben haben und einfach nie erschienen sind. Ich habe erlebt, dass Leute unter Vorbehalt sowohl vom Arbeitgeber wie auch eigenem Vorbehalt, irgendwo angefangen haben und jahrelang glücklich gewesen sind und großartig zusammengearbeitet haben. Ich habe viele Menschen, leider viele Menschen, erlebt, die gefördert worden sind und nach Ablauf der Förderung dann ihren Arbeitsplatz wieder verloren haben. Auch da gibt es im System vielleicht einen Bruch, weil wenn jemand zwei Jahre gefördert wird und die Förderung ausläuft und er irgendwo anders hingeht, kann er da wieder neu gefördert werden, weil es ein Arbeitgeberwechsel ist, wo ich sage, na ja, aber auf der anderen Seite, er hat da ja zwei Jahre schon gearbeitet, der Arbeitgeber kennt ihn, also kann man denn da nicht zumindest noch eine Teilförderung aussprechen, damit die sogenannte Minderleistung ausgeglichen werden kann. Alles sehr, sehr schwierig.

Loyalität, Pflichtbewusstsein, Dankbarkeit

Was man auf jeden Fall bekommt in ganz vielen Fällen, ist große, hohe Loyalität, Verbundenheit zum Unternehmen. Menschen, die sich einbringen. Menschen, die auch bereit sind, mehr einzubringen, als nur da zu arbeiten und Geld zu verdienen, sondern die auch wirklich versuchen, sich sozial zu integrieren. Weil machen wir uns nichts vor. Wenn jemand schon Schwierigkeiten hat aufgrund seiner Schwerbehinderung einen Arbeitsplatz zu finden, dann ist er ja auch sozial wahrscheinlich nicht so integriert, wie wir uns das uns das vorstellen oder wünschen würden, Thema Freizeitsportvereine et cetera. Und da ist eine unglaubliche Dankbarkeit, diese Chance zu bekommen. Weil Menschen mit Schwerbehinderung oftmals eben gar nicht in die Lage versetzt werden, beweisen zu können, was sie denn alles können. Und der Mensch selber hat eine unglaublich andere Wertigkeit von heute auf morgen. Hat sozial einen ganz anderen Stand. Der hat Arbeit, er geht für seinen Lebensunterhalt arbeiten, bekommt Geld dafür. Anderen, die das nicht tun, sagt man ja, sie liegen in der sozialen Hängematte. Warum sie aber nicht Arbeiten gehen, ergründet ja dann auch keiner. Also ich sage mal, die wesentlichen Dinge, um es zusammenzufassen, sind Loyalität und Dankbarkeit. Und Pflichtbewusstsein ist, glaube ich, auch noch sehr, sehr stark ausgeprägt. #00:20:06#

Wie gut sind Arbeitsvermittler und Arbeitgeber darauf vorbereitet flexible Lösungen zu finden, wenn Arbeitnehmer spezielle Bedürfnisse haben?

Nele: Alles großartige Eigenschaften, die man mitbekommt. Was ist deine Erfahrung, die du in den Jahren gesammelt hast, wie gut sind Arbeitsvermittler und Arbeitgeber darauf vorbereitet, flexible Lösungen zu finden, wenn Arbeitnehmer spezielle Bedürfnisse haben? #00:20:25#

Stephan Wenn: Ja, also das Zusammenspiel funktioniert in der Tat. Wenn ein Arbeitgeber sich entschieden hat, jemanden zu nehmen und sagt “ich brauche aber eure Unterstützung”, da gibt es, also würde ich jetzt für meine Kolleginnen und Kollegen die Hand ins Feuer legen, gibt es keinen, der nicht sagt “da sind Sie jetzt bei mir aber falsch” oder “da bin ich nicht für zuständig” oder “ist nicht mein Buchstabe” oder so. Sondern dann geht es wirklich ans Eingemachte und dann wird überlegt, was brauchst du denn für Hilfe.

Also das geht ja hin bis zum sogenannten technischen Beratungsdienst, der rauskommt. Das sind im Wesentlichen Ingenieure und die schauen dann, ob irgendwelche Umbauten, irgendwelche besonderen Maßnahmen gemacht werden müssen. Also da gibt es in der Tat ein tolles Zusammenspiel, kann ich nicht anders sagen aus all den Jahren, die ich dabei bin. Es gibt dann immer noch Gründe, warum was nicht funktioniert, weil vielleicht die Statik eines Hauses es nicht zulässt. Oder weil vielleicht der Anfahrtsweg für denjenigen dann doch zu lange wird, weil öffentliche Verkehrsmittel eben schwierig sind. Oder weil er vielleicht aufgrund seiner Besonderheiten medizinische Unterstützung am Arbeitsplatz braucht, das aber irgendwie im Unternehmen nicht machbar ist.

Wir reden da immer sehr schnell auch von Datenschutz und geschützten Daten. Also wenn so eine medizinische Begleitung mit an meinen Arbeitsplatz kommt und ja auch meine Unterlagen sieht, die muss ja dann auch eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben und, und, und. Also da gibt es eine Vielzahl von Dingen, über die man im Vorfeld reden muss und dann kann es auch passieren, dass es dann nicht funktioniert. Aber dann ist es eben so. Dann würde ich immer sagen, alle Beteiligten haben alles probiert, haben ihren guten Willen gezeigt. Und vielleicht hat einer im Nachgang ja eine fixe Idee, wo man sagt “Mensch, aber da könnten wir ihn doch brauchen” oder “hier könnte doch jemand eingesetzt werden” oder “mit dieser Hilfeleistung könnte jemand diesen Job machen”. Also zumindest, wir hatten das schon mal, wäre der Ball dann im Spiel. Und das ist, glaube ich, schon mal ein ganz wesentlicher Punkt. #00:22:18#

Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es von staatlicher Seite, um Menschen mit körperlichen, kognitiven oder psychischen Beeinträchtigungen bei der Arbeitssuche zu unterstützen?

Nele: Jetzt hast du schon einiges genannt. Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es noch von staatlicher Seite, um Menschen mit körperlichen, kognitiven, psychischen Beeinträchtigungen bei der Arbeitssuche zu unterstützen? Gibt es noch etwas ergänzendes zu dem, was du schon alles genannt hast? #00:22:34#

Stephan Wenn: Ja, es gibt in der Tat eine Vielzahl. Es gibt einmal finanziellen Ausgleich für den Arbeitgeber zum Beispiel in Form eines Eingliederungszuschusses. Man kann über eine Probebeschäftigung nachdenken, wo jemand erst mal ein paar Wochen im Unternehmen arbeitet und sieht, passt das denn. Wo sich alle miteinander abgleichen können. Es gibt bauliche Dinge, es gibt am Arbeitsplatz direkt Dinge, beispielsweise wenn jemand, der hörgeschädigt ist, in einem Industrieunternehmen anfängt, wo zum Beispiel Walzen oder andere schwere Maschinen arbeiten oder Gabelstapler rumfahren oder sonst was, der aber nicht in der Lage ist, akustische Warnsignale wahrzunehmen. Da wird dann zum Beispiel ein optisches Warnsignal eingebaut. Also solche Dinge gibt es.

Es gibt Fahrdienste, es gibt Begleitung am Arbeitsplatz, es gibt für Auszubildende Stützunterricht. Also die Bandbreite ist gigantisch groß. Und das ist gut zu wissen auf der einen Seite. Schade, dass es nicht mehr genutzt wird. Also ich will jetzt nicht sagen, die Gelder sind ja da und müssen raus. Wenn sie sinnvoll rausgehauen werden, dann ist das gut und ich bin der Meinung, jeder Schwerbehinderte, der einen Arbeitsplatz findet, ist ein gutes Investment für unsere Gesellschaft. #00:23:52#

Hast du Tipps, wie Menschen mit einer Beeinträchtigung bei einer konkreten Bewerbung vorgehen und wann sie ihre speziellen Bedürfnisse ansprechen sollten?

Nele: Absolut. Ja, in vielfältiger Hinsicht.

Hast du denn Tipps, wie Menschen mit einer Beeinträchtigung bei einer konkreten Bewerbung vorgehen und wann sie ihre speziellen Bedürfnisse ansprechen sollten? Mache ich das jetzt gleich beim Anschreiben, oder erst im Vorstellungsgespräch oder wann bringe ich diesen Punkt vor? #00:24:08#

Stephan Wenn: Also alles, was man da rät, kann ja nur falsch sein, ist ja klar, weil logisch. Ich würde es immer so machen, und habe es meinen Kunden auch immer so empfohlen, in der offiziellen Bewerbung schreibst du rein “ich habe einen Grad der Behinderung von… und würde Ihnen zu meinen spezifischen Behinderungen gerne im persönlichen Gespräch etwas sagen” Punkt. So. Dann hast du die Karten insofern auf den Tisch gelegt, dass ein Arbeitgeber sieht, da ist was, ja, okay. Und wenn der mit dir reden will, dann weiß der, dass da was ist und jetzt geht es nur noch darum, was ist denn da. Aber dann haben wir den ersten Schritt schon mal geschafft. So würde ich immer vorgehen. #00:24:52#

Nele: Ja, das passt. #00:24:55#

Transparenz und Offenheit

Stephan Wenn: Ich bin, wie gesagt, ich bin absolut ein Verfechter von Transparenz und Offenheit. Also ich würde jetzt nicht episch lang in einem Bewerbungsschreiben reinschreiben, was ich hätte und warum und wo es herkommt und was es für Auswirkungen hat, das liest nachher keiner mehr. Ich glaube, da ist auch wichtig, dass ein Arbeitgeber erkennt, okay, da ist jemand offen und sagt da ist was. Und wenn ich jetzt mit dem zusammensitze, dann will ich mal gucken, wie offen der ist. Dann kann ich auch Fragen stellen, Verständnisfragen. Wie oft hast du bei einer Schwerbehinderung auch medizinische Fachbegriffe, wo ich sage, kann ich nichts mit anfangen. Möglicherweise auch viele andere Arbeitgeber nicht. Also erwarte ich jetzt, dass der dann erst mal googelt, was das jetzt bedeutet und dann noch googeln muss, was das für Auswirkung hat. Macht im Zweifelsfall wahrscheinlich keiner. Würde ich vermuten. Ich täte es nicht ehrlicherweise.

So, wenn ich aber weiß, okay, da kommt jetzt jemand, der Wenn kommt, der hat einen GdB von 50. Ja, will ich doch mal hören, was das denn ist. Aber ansonsten sieht der Lebenslauf eigentlich ganz gut aus. So. Und wenn ich dann am Tisch sitze und mich offen präsentiere und offen berichte, was ich habe, was das für Auswirkungen hat, was das auch vielleicht in meinem Leben schon bewirkt hat, dass ich vielleicht auch dadurch schon den einen oder anderen Arbeitsplatz verloren habe, jetzt aber offen damit umgehen möchte, und, und, und, dann glaube ich, dass das bei einem Arbeitgeber punkten kann. Ich stimme aber genauso zu allen, die jetzt sagen, na ja, es kann aber auch das Gegenteil bewirken. Klar, das ist immer so, ja. #00:26:17#

Den Job weiter behalten trotz Einschränkungen durch Multiple Sklerose

Vor welchen Herausforderungen stehen Arbeitnehmer, wenn sie mit neu auftretenden Symptomen konfrontiert werden, die ihren Job beeinflussen?

Nele: Ja, aber wie du schon gesagt hast, derjenige, der offen ist, der guckt ja dann und der andere, der sowieso niemanden mehr haben möchte mit Einschränkung und nur behauptet, dass er Inklusion und liebt, und nur mit wehenden Fahnen voranschreitet ohne es zu leben, bei dem hat man ja sowieso keine Chancen, da ist man ohnehin früher oder später wahrscheinlich draußen wegen dem Thema. Insofern klingt das nach einem sinnvollen Ansatz.

Jetzt gibt es aber auch den Aspekt, ich bekomme eine Einschränkung, also gerade bei einer Autoimmunerkrankung wie der MS, die eventuell voranschreitet und möchte meinen Job behalten trotz der neuen Einschränkungen, die dazu kommen. Vor welchen Herausforderungen stehen dann Arbeitnehmer, wenn sie neu mit auftretenden Symptomen konfrontiert werden, die ihren Job beeinflussen? #00:27:01#

Stephan Wenn: Das ist eine schwierige Frage, Nele, weil da kommt es echt auf den Arbeitgeber an. Also ich habe jetzt gerade einen konkreten Fall, hat jetzt nichts mit meinem Job zu tun, sondern in der Tat aus dem privaten Umfeld. Jemand der 50, 55 Mitarbeiter hat und einen Menschen davon seit über 23 Jahren beschäftigt hat, der jetzt nach einer schweren Krebserkrankung zurückkommt, hat einen GdB von 80 hat. Und mein Freund sagt mir “das ist ein total super Typ und ich würde alles für den tun. Aber der leistet maximal noch 30 Prozent von dem, was ich von dem gewohnt bin”. Wo ich sage “ja, okay. Aber für ihn sind das 100 Prozent, weil mehr kann er einfach nicht. Jetzt müssen wir doch überlegen, wie kriegen wir denn das, was er als 100 betrachtet und das, was du als 100 haben möchtest, jetzt so übereinandergelegt, dass ihr beide glücklich seid”. Also kann man zum Beispiel überlegen, ob der nur noch in Teilzeit arbeiten kann, beispielsweise.

Wer bereit ist Inklusion zu leben, findet fast immer eine Lösung

Oder man kann überlegen welche Zuschüsse es gibt, damit du einen finanziellen Ausgleich bekommen kannst. Sagt mein Freund mir “mir geht es gar nicht ums Geld”. Dann sage ich “ja, dann haben wir doch gar kein Problem”. Dann sagt er “na ja, also ganz so krass ist es nicht, denn ich habe ein Unternehmen, da muss halt jedes Rädchen funktionieren. Eigentlich müsste ich jemanden einstellen, der die 70 Prozent fehlende Arbeitsleistung jetzt auffängt”, so. Und dann ist man im Dialog. Und dann fallen mir so zwei, drei Gesprächspartner ein, wo ich sage “pass mal auf, ich kenne da jemanden, ich bringe dich mal mit dem zusammen. Vielleicht gibt es da noch eine Fördermöglichkeit, vielleicht gibt es irgendwelche Unterstützungsmaßnahmen, die wir einleiten müssen. Vielleicht finden wir auch jemanden, der auch eine Schwerbehinderung hat, der auch nur halbtags arbeiten kann und die beiden könnten sich diesen Arbeitsplatz teilen und du bekommst dafür eine Förderung.” Also letztlich muss man dann auch nur ein bisschen kreativ werden, um zu überlegen, gibt es eine Lösung, gibt es eine Möglichkeit.

Das Entscheidende ist, dass der Arbeitgeber sagt “ich will den unbedingt behalten”. Wenn du jetzt bei einem Arbeitgeber beschäftigt bist und feststellst, upps, einer der eine Erkältung hat, der steht schon kurz vor einer Abmahnung, weil der Arbeitgeber ganz hart durchorganisiert ist, dann wird es schwer. Dann ist es auch, glaube ich, dauerhaft nicht zu retten. #00:29:10#

Nele: Ja. #00:29:12#

Selbst aktiv werden und das jeweilige Problem zur Sprache bringen

Stephan Wenn: Und dann, Entschuldigung Nele, das vielleicht noch als Nachsatz, dann sollte der Mensch, der diese Schwerbehinderung hat, von sich aus auf die Arbeitsagentur zugehen und sich Rat suchend melden und sagen “meine Vorgeschichte, Status quo, ich befürchte, dass…”. Und dann muss man mal überlegen, gibt es in der Region einen anderen Arbeitgeber, kann man mit dem Arbeitgeber mal reden. Da muss man aber dann wirklich in die Kommunikation gehen, ja. Aber ich würde es nicht per se ausschließen, dass man trotzdem Möglichkeiten hat, diesen Arbeitsplatz zu erhalten, klar. #00:29:44#

Nele: Okay, aber das ist ja ein guter Tipp. Dass man die Chance hat, auf die Agentur für Arbeit zuzugehen und zu schauen, ob es da doch Möglichkeiten gibt, wer weiß, vielleicht wenn jemand kompetentes, im Sinne von Erfahrungen mit dem Thema, mit dem Arbeitgeber spricht, vielleicht ändert er ja dann doch seine Meinung und wird vom “ich schmeiße jemanden raus, bloß weil er zu oft Schnupfen hat” doch zum etwas sozialeren Menschen. #00:30:05#

Stephan Wenn: So ist es. Und da haben natürlich die Kolleginnen und Kollegen nicht nur bei der Agentur für Arbeit, sondern auch bei allen anderen Institutionen, die für diese Menschen da sind, natürlich auch regional ihre Ansprechpartner und ihre Erfahrungen und haben vielleicht sogar gerade irgendwo jemanden, wo sie sagen “Mensch, da ist eine Vakanz, der sucht jemanden in Teilzeit. Komm, wir schieben dich da rüber, wir reden…”. Also da gibt es Möglichkeiten. Aber entscheidend ist halt, man muss in Kommunikation kommen und das können immer nur, also ich kann ja schlecht beim Arbeitgeber anrufen, sagen “geht es bei ihnen gut? Haben sie einen Schwerbehinderten beschäftigt und funktioniert das denn?”. Also du weißt, wie ich das meine. Ich will das jetzt wirklich nicht ins Lächerliche ziehen, aber das ist ja nicht Aufgabe der Agentur. Oder der, ich sage mal, wenn du jetzt einen Betreuer hast, der kümmert sich da drum ja, Haken dran. Aber in einer normalen Arbeitgeber-Arbeitnehmer Funktion, habe ich mich ja gar nicht einzumischen. Das ist ein Vertragsverhältnis dieser beiden. Aber wenn einer dieser beiden mich anspricht, dann setzt mein Job an, ja. Dann geht es um Arbeitsplatzerhaltung. Aber das kann ich natürlich nie aktiv lostreten, das ist einfach so. #00:31:09#

Wie wichtig ist es selbst aktiv in die Diskussion mit dem Arbeitgeber zu gehen, wenn es darum geht Lösungen zu finden?

Nele: Genau, und da gleich mal einzuhaken, was würdest du sagen, wie wichtig ist es, dass man selbst aktiv ist? Also ich bin selbst betroffen, die Hörerin, der Hörer, der da draußen jetzt gerade zuhört, ist selbst betroffen. Wie wichtig ist es, selbst aktiv in die Diskussion zu gehen mit dem Arbeitgeber, wenn es darum geht, Lösungen zu finden? Oder wann sollte man vielleicht lieber einen Moderator mit hinzunehmen? #00:31:29#

Stephan Wenn: Also da bin ich ganz einfach gestrickt. Wenn du was hast, musst du es lösen. Es kommt keiner, der dich fragt. Das ist so. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen banal, aber das ist einfach Lebenserfahrung. Wenn du an einem Arbeitsplatz bist und fühlst dich unwohl oder merkst, das funktioniert nicht mehr so, weil… Dann ist ja klar, dass es irgendwann eine Reaktion geben wird. Dann ist es doch einfacher zu sagen “Chef, ich habe ein Problem, und zwar Folgendes. Hast du mal zehn Minuten?”. Und dann sind wir wieder an dem Punkt. Hast du einen Chef mit Empathie, wird man eine Lösung finden können. Und hast du einen, jetzt hätte ich fast ein böses Wort gesagt, hast du jemanden, der diese Empathie nicht besitzt, dann kannst du ziemlich sicher sein, dass du dir eine andere Lösung suchen musst. Das ist die Hemmschwelle, darum gehen Leute nicht auf jemanden zu. Weil bei dieser fifty-fifty Chance könntest du auch den miesen Joker ziehen. Wer will das denn schon. Aber klar ist ja, der Zustand wird nicht besser. Also du kannst dann nicht erwarten, dass du sagst “nächste Woche wird bestimmt besser”. Kann, muss aber nicht.

Nicht ansprechen macht das Problem nur größer

Und in zwei Wochen weiß man es auch nicht und darum glaube ich, muss man so Dinge einfach ansprechen. Und wenn man darüber redet, dann kann man auch Lösungen finden. Und wenn du dann mit einem redest, der gar keine Lösung finden mag, dann findest du die diese Woche nicht, aber in vier oder sechs Wochen auch nicht. Aber der Zustand in diesen vier bis sechs Wochen, der wird für dich immer größer, und dieser Druck, der wächst. Und wer unter Druck arbeitet, der macht Fehler, der wird unzuverlässiger, der zeigt Angst. Also all solche Dinge, Arbeitspsychologen könnten da jetzt wahrscheinlich noch viel mehr zu sagen. Und darum glaube ich, wenn man für sich selber merkt, ich kann nicht mehr die Leistung bringen, die ich von mir selber gewohnt bin, dann kann man davon ausgehen, dass das auch andere merken. Und dann sollte man das Gespräch suchen. Meine, wieder mal meine persönliche Auffassung. #00:33:17#

Gibt es für den Fall neu auftretender Einschränkungen stattliche Unterstützungsangebote, um den Arbeitsplatz weiter zu sichern?

Ja, nein, da wirst du aber recht haben, glaube ich auch. Gibt es denn für den Fall neuauftretender Einschränkungen ebenfalls staatliche Unterstützungsangebote, um den Arbeitsplatz weiter zu sichern? #00:33:29#

Stephan Wenn: Also wir reden ja wenn, dann von einem neuen Vorgang. Also jetzt denke ich mal als Verwaltung, Klappe zu, ist erledigt, Mensch arbeitet, alles ist gut. Jetzt tritt was Neues auf, dann wird ein neuer Vorgang aufgemacht. Da sind allerdings die Mittel deutlich begrenzter. Aber es gibt sie. Also um das mal vorsichtig zu beschreiben.

Da muss man dann halt in der Tat schauen, so, mit wem reden wir denn jetzt? Der Arbeitgeber, oder anders, die Agentur für Arbeit hat mit dem Arbeitgeber vor X Monaten, Wochen, Jahren, was auch immer, über eine Förderung gesprochen, die ist jetzt abgelaufen, Mensch ist weiter beschäftigt, und jetzt tritt etwas Neues auf. Dann ist dieser Mensch aber für die Agentur für Arbeit ja im Arbeitsprozess. Also wir haben dann keinen Vermittlungsauftrag.

Meldet er sich jetzt wieder Rat suchend, schaltet er die Agentur offiziell ein, dann muss man gemeinsam überlegen, so, worüber reden wir denn gerade, was bedeutet das denn? Und dann muss man mal schauen, wen man noch ins Spiel bringen kann, der sich dann auf den Arbeitgeber konzentriert und mit dem Mal spricht und sagt “pass mal auf, wir haben hier ein Thema. Lassen wir mal reden”. Und dann muss man sich im Einzelfall anschauen, welche Fördermöglichkeiten da sind.

Also ich komme jetzt mal auf denjenigen, der sagt, einfachstes Beispiel, “Chef, ich habe immer Rückenschmerzen. Das ist der helle Wahnsinn”. Ja, dann kauf halt einen Schreibtisch, der höhenverstellbar ist, dann kannst du auch mal im Stehen arbeiten. Oder weiß ich nicht, kriegt irgendwie ein Spezialwerkzeug, oder was auch immer. Also das sind Dinge… Oder wenn jemand sagt “ich sehe immer schlechter” und dann kriegt man halt einen größeren Bildschirm. Und dann muss man gucken, oftmals ist es so, dass Arbeitgeber sagen “der Mitarbeiter hat für mich so eine Wertigkeit, ich kaufe den Bildschirm jetzt und gut ist”. Oder aber man sagt okay, dann gehe ich mal an die Stelle heran, die mir empfohlen worden ist und frage nach. “Ich habe hier einen Mitarbeiter, der ist seit X Jahren bei mir beschäftigt. Da bräuchten wir jetzt ein anderes Gerät, ich habe aber gar keine Ahnung was genau. Können Sie mal jemanden vorbei schicken? Mit wem kann ich denn da reden?”. Und dann kommt die Maschinerie ins Rollen. Das kann schon mal ein bisschen dauern, das ist so. Aber sie kommt dann ins Rollen und dann findet sich auch irgendwann eine Lösung. #00:35:38#

Welche Wiedereingliederungsmodelle gibt es nach einer längeren krankheitsbedingten Arbeitsunterbrechung?

Nele: Okay, super. Jetzt kann es bei MS auch passieren, gilt natürlich genauso für andere Sachen, ich bin eine ganze Weile rausgerissen, aus dem Beruf. Ich hatte so einen schweren Schub, ich war in der Reha. Was für Wiedereingliederungsmodelle gibt es denn nach so einer längeren, krankheitsbedingten Arbeitsunterbrechung? #00:35:53#

Stephan Wenn: Also da ist immer die Frage, ist derjenige oder diejenige noch im Arbeitsverhältnis, Arbeitsvertragsverhältnis oder nicht. Wenn nicht, dann geht es ganz klar, ist ja dann auch arbeitslos gemeldet im wahrscheinlichsten aller Momente. Dann geht es in der Tat darum zu sagen, so, wie ist denn die gesundheitliche Stabilität? Was wäre denn möglich? Was stellen Sie sich selbst vor? Haben Sie sich schon mal irgendwo beworben? Wie kommen Sie in ihrem Tag zurecht / Also man muss ja erst mal ein Gefühl dafür kriegen, sieht sich jemand selbst in der Lage, einen vollständigen Arbeitsplatz zu belegen? Oder sagt dann schon jemand “also halbtags würde mir vollends reichen, ich bin finanziell so aufgestellt, das funktioniert. Aber so ein bisschen brauche ich schon noch und würde ich auch gerne”. Heißt nicht, dass man genau in so einer Halbtagsphase dann trotzdem noch mal irgendwie ausfällt, das eine schließt das andere ja nicht aus. Und dann geht es los, dass man in der Tat gemeinsam Arbeitgeber suchen würde, mit dem man dann spricht und über Fördermöglichkeiten diskutiert. Also Eingliederungszuschüsse et cetera.

Wenn das Arbeitsverhältnis noch besteht

Das zweite Beispiel ist, dass ein Arbeitgeber, oder dass man im Krankengeldbezug ist, oder in der Krankenphase ist, aber noch in einem Arbeitsvertragsverhältnis ist, und dann muss man dem Grunde nach, so wie ich es eben von meinem Freund beschrieben habe, dann muss der Arbeitgeber mit dem Arbeitnehmer eine Lösung finden, wie man möglicherweise eine Vereinbarung trifft, dass die beiden 100 Prozent, von denen ich eben gesprochen habe, dann auch wirklich im Ganzen 100 Prozent sind. Also da läuft dann wieder die Maschinerie ab, melde ich Rat suchend. Der Arbeitgeber kann genauso, es gibt einen Arbeitgeberservice bei der Agentur für Arbeit, also der Arbeitgeber kann anrufen und sagen “Mensch, ich habe hier jemanden, ich weiß mir da nicht weiter, ich habe keine Ahnung. Können Sie mir da irgendwie weiterhelfen?”. Und dann, wie gesagt, dann rollt die Maschine wieder. Es ist klingt jetzt ein bisschen blöd, aber man muss dem Grunde nach die Maschine einfach nur anschalten. Wenn sie einmal rollt oder wenn sie einmal läuft, dann läuft sie. Mit allem, was dabei rauskommen kann. #00:37:57#

Warum sollten Menschen mit speziellen Bedürfnissen so lange wie möglich am Arbeitsmarkt teilnehmen und sich nicht entmutigen lassen?

Nele: Okay, super. Was würdest du denn sagen, warum sollten Menschen mit speziellen Bedürfnissen so lange wie möglich am Arbeitsmarkt teilnehmen und sich nicht entmutigen lassen? Denn das passiert ja manchmal, dass die Leute den Mut oder das Selbstbewusstsein verlieren, sie werden nicht mehr gebraucht, niemand will sie haben, weil sie vielleicht zwei, drei Mal irgendwie schwierige Bewerbungssituationen hatten / oder deutlich öfter Schwierigkeiten hatten, nichts mehr von ihren Bewerbungen gehört haben. Was ist deine Argumentation dafür, den Leuten Mut zu machen, es weiter zu versuchen? #00:38:27#

Stephan Wenn: Also du hast schon vieles gerade angesprochen. Genau um solches Empfinden nicht zu haben. Die Thema Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, es hat dann auch ganz viel mit einer Eigenverantwortung sich selbst gegenüber zu tun. Auch so ein bisschen Selbstliebe. Also ich kann, ich bin wahrscheinlich kein gutes Beispiel, aber ich habe vor vielen Jahren mal meinen Job verloren aufgrund eines Herzinfarktes. Ich habe mich da gerade selbständig gemacht, Herzinfarkt gekriegt und dann hat es mich richtig weggerumst. Und mir war klar, das, was du suchst, wirst du nie mehr finden. Denn ich war vorher Führungskraft in einem relativ großen Unternehmen mit knapp 1’300 Leuten, für die ich verantwortlich war. Und da war klar, also so was wie dich sucht jetzt keiner.

Nach vorn schauen, was kann ich noch. Den eigenen Wert bewusst wahrnehmen

Jetzt bin ich mal doof. Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Ich setze mich in die Ecke und heule und finde das Leben einfach nur grausam. Oder aber ich sage okay, dann gibt es halt einen anderen Plan. Was muss ich jetzt tun? Was kann ich denn noch? Was traue ich mir selbst zu? Das ist ein verdammt harter Prozess und der tut auch weh, definitiv. Auch persönlich tut der weh.

Es gibt heute noch Dinge, ich war vor Kurzem in Krefeld und bin an einem Gebäude vorbeigefahren, da hatte ich mal knapp 30 Mitarbeiter sitzen, für die verantwortlich sein durfte, da kriegst du schon feuchte Augen. Weil du heute nur noch für dich selbst verantwortlich bist und für deine Familie. Auf der anderen Seite sage ich mir ja, aber Gott sei Dank, weil ich hätte ja auch weg sein können. Also das muss man immer in Relation sehen. Ich glaube, ganz wichtig ist, wenn man am Boden liegt, wieder aufzustehen. Und im Arbeitsplatz, oder was den Arbeitsplatz betrifft, solange es irgendwie geht, jeden Tag dahin gehen und seinen Job machen, und zwar so gut, wie möglich. Das hat was mit Selbstwertgefühl zu tun, mit Selbstbewusstsein, mit Ausstrahlung, mit sozialer Wertigkeit, mit Geld verdienen, Status will ich jetzt gar nicht sagen.

Weil die die Gegenfrage ist, was passiert denn, wenn du das nicht machst? Dann sitzt du zu Hause. Dann kannst du noch, ich sage mal, die ersten drei Wochen kriegst du noch irgendwie rum, das ist wie Urlaub, wenn du das denn dann kannst. Muss man mal sehen. Mit Rasenmähen und Zeitung Lesen und vielleicht mal Fernsehgucken oder einfach mal in Ruhe einen Kaffee trinken und mal Besuch kriegen und vielleicht irgendwohin gehen. Immer vorausgesetzt, man kann das, man kriegt das körperlich dann überhaupt noch hin. Und dann, also ich meine irgendwann kommt jeder an den Punkt, wo du dich fragst, was machst du eigentlich den ganzen Tag? Und ich finde da ist sich jeder auch selbst ein bisschen gegenüber verantwortlich. Und ich würde immer, solange es geht, arbeiten. Also jetzt kann man mir vorwerfen, ja, ja, du warst im öffentlichen Dienst, du hast gut reden. Ich habe 2020 eine Hirnblutung gehabt, die ist von jetzt auf gleich aufgetreten. Und ich lag innerhalb von knapp einer Stunde auf der Intensivstation. Da kannst du nicht selbst entscheiden ‘ich gehe so lange arbeiten, wie ich will’. Jetzt habe ich aber auf Grund dieser blöden Zeit, die ich dann flach gelegen habe, habe ich unglaubliche Rückenprobleme. Und natürlich könnte ich zum Arzt gehen und mich krankschreiben lassen und sagen “nein es geht nicht und hier ist Zipperlein und da tut was weh”. Ja, und ich bin auch zwischenzeitlich natürlich in Behandlung und es gibt Dinge, die mir helfen und es gibt Dinge, die mir durchaus schaden.

Wer zäh und loyal ist, wird von den meisten Arbeitgebern geschätzt

Aber das ist meine Einstellung. Ich möchte morgens aufstehen, mich um mein Kind kümmern, meiner Frau ein bisschen den Rücken freihalten. Ich habe einen Job, wo ich glaube, eine Verantwortung zu haben, wo ich Schönes tun kann. Nämlich Menschen, für die sonst nicht so viel getan wird, vielleicht Arbeitsplätze zu finden. Und das finde ich einfach, das tut mir gut. Der Gedanke, dass ich morgens aufstünde und Katrin würde unsere Tochter zur Kita fahren und käme abends wieder und ich säße hier den ganzen Tag rum, würde vielleicht mal Staubsaugen, wenn es ging, nur weil ich Rückenschmerzen habe. Das ist für mich kein gutes Gefühl.

Jetzt kann man mir selbstverständlich vorwerfen, berechtigterweise, na ja, also zwischen Rückenschmerzen und einem MS-Schub, da ist schon noch mal ein Unterschied. Ja, das ist richtig. Vollkommen klar. Und trotzdem glaube ich, dass es auch da Möglichkeiten gibt, gegen anzukämpfen und sich selbst auch eine gewisse Wertigkeit zu geben, zu sagen “nein, ich werde in meinen Job gebraucht”. Und dann gehe ich da auch hin und mache den auch. Und das, solange ich kann. Und ich glaube, wenn man das dann auch mit einem Arbeitgeber bespricht, und den offensiv da einbindet, dann hat man auch eine unglaubliche Chance, danach wieder einzusteigen. Nicht aus Dankbarkeit, sondern weil er weiß, ja, da ist jemand zäh, da ist jemand loyal. Der guckt nicht nur auf sich, der achtet auch auf das Unternehmen. Das sind doch unglaublich positive Dinge. Wenn ein Arbeitgeber jemanden einstellt, den er nur nach Bewerbung kennt, dann kann ich ja ein weitaus schlimmeres Schicksal erreichen, das ist ja nun mal einfach so. #00:43:09#

Nele: Ja, absolut. Und du hast ja auch ganz am Anfang von unserem Gespräch gesagt, heute einfach mit den ganzen Möglichkeiten, künstlicher Intelligenz, dass ich von zu Hause arbeite, dass ich ganz viele digitale Unterstützungsmöglichkeiten habe. Ich glaube, die Chancen waren ja noch nie so gut mit bestimmter Beeinträchtigung trotzdem produktiv arbeiten zu können. Unabhängig von der Stundenanzahl. Und ich bin da ganz bei dir. Ich denke auch, für mich ist das total wichtig. Mich würde das absolut runterziehen, wenn ich nicht mehr was, in meinem Empfinden, Sinnvolles machen und einfach nur TV gucken würde. #00:43:42#

Der Arbeitsmarkt ist mittlerweile besonders offen für Arbeitnehmer, auch mit weniger Stunden oder Beeinträchtigungen

Stephan Wenn: Ich vergleiche das ein bisschen, also zu der Zeit, als meine Kinder auf die Welt kamen, also ich sage jetzt mal, da reden wir von vor 30 Jahren, habe ich gearbeitet. Ich habe einen guten Job gehabt, vernünftiges Geld verdient und meine Frau war Hausfrau und Mutter. Das war für uns auch vollkommen okay. Und meine Frau hat sich ganz viel umgeben mit Hausfrauen und Müttern. Das hat auch wunderbar gepasst. Aber irgendwann kommt halt mal eine Zeit, wo man denkt, eigentlich ist das jetzt nicht mehr so das Tollste. Ich würde jetzt eigentlich gerne wieder was tun. Wir haben ja heutzutage das Thema Frauen in Führungsposition, all so Dinge. Das hat sich ja in den letzten Jahren unglaublich toll entwickelt. Und nur weil ich jetzt alt bin und weiß bin, bin ich ja kein alter, weißer Mann, der das alles ausbremsen will. Aber ich sehe so eine Entwicklung, dass hinkt wahrscheinlich, aber so eine Entwicklung sehe ich auch im Bereich der schwerbehinderten Menschen.

Denn irgendwann gab es ja mal Arbeitgeber, die waren heilfroh, dass Mütter zurückgekommen sind ins Berufsleben. Weil sie eben Not hatten, weil nicht genug Arbeitsplätze besetzt werden konnten. Und ich glaube, wir gehen wieder in so eine Phase, dass Arbeitgeber ihr teilweise arrogantes Verhalten und arrogantes Denken, dass sie nur die Besten auf dem Markt haben wollen, das müssen sie über Bord schmeißen. Ansonsten werden diese Arbeitgeber dauerhaft verlieren und auch keine Menschen einstellen. Die sind so in ihrem Denkmuster verhaftet, dass sie ja gar keine Lösungsmöglichkeiten sehen oder suchen. Im schlimmsten Fall beauftragen sie einen Headhunter oder was auch immer, aber wo soll der sie denn hernehmen? Das ist nur noch ein Umverteilen.

Und wenn ich so einen Menschen kriege, dann weiß ich, na ja, also der nächste, der anruft, dann geht er dahin, dann bin ich den wieder los und muss neu suchen. Wie gesagt, ich glaube, der Vergleich hinkt. Aber irgendwann gab es mal eine Zeit, da waren unglaublich viele Freundinnen meiner Frau, meiner damaligen Frau, wieder im Berufsleben tätig. Dann hat sich das generationstechnisch Gott sei Dank so verändert, dass Frauen sehr viel intensiver ihre Karriere verfolgt haben. Ich sage das jetzt mal, zwischendurch noch ein Kind gekriegt, und dann mit der Karriere weitergemacht haben. Das hat alles funktioniert und wir haben heute Lebensbilder, wo so was problemlos machbar ist. Also ich kann unsere Tochter in den Kindergarten bringen und sie holen und mache trotzdem meinen Job, weil ich eben die Möglichkeit habe, über das Homeoffice zu arbeiten. Das kann nicht jeder, das ist mir auch klar. Aber ich glaube, dass diese Öffnung bei den Arbeitgebern gedanklich heute viel, viel größer ist und in den nächsten Jahren viel, viel größer werden wird, dieses gesamte Thema Diversität, und ich ziehe da Inklusion durchaus mit rein, sehr viel offener sehen zu müssen, weil ansonsten haben sie auf dem Arbeitsmarkt als Arbeitgeber ganz schlechte Karten. #00:46:24#

Wege in die Selbstständigkeit mit körperlichen, geistigen oder psychischen Einschränkungen

Gibt es spezielle Unterstützungen, die Menschen mit Einschränkungen nutzen können, wenn sie sich selbstständig machen wollen?

Nele: Ja. Die Folge, die nach dir ausgestrahlt wird, da spreche ich mit André, der sehr stark durch die MS beeinflusst ist und dennoch leistet er 16 Stunden die Woche bei seinem Arbeitgeber. Er ist da schon lange, absolut loyal und macht mit Sicherheit einen guten Job. Da ist heutzutage viel möglich, denke ich auch, wenn da die richtigen zusammenkommen.

Jetzt möchte ich noch mal kurz auf das Thema Selbständigkeit zu sprechen kommen. Ich habe mich selbst vor einem Jahr selbstständig gemacht. Was hältst du von Selbstständigkeit mit körperlichen, geistigen oder psychischen Einschränkungen. Gibt es denn spezielle Unterstützung, die Menschen mit diesen Einschränkungen nutzen können, wenn sie sich selbstständig machen wollen? #00:47:00#

Stephan Wenn: Also ehrlicherweise, da muss ich passen. Es gibt einen Gründungszuschuss, ich glaube, der läuft ein Jahr oder neun Monate. Diesen Anspruch hat jeder. Den kann auch ein Mensch mit einer Schwerbehinderung beantragen. Aber da ist natürlich schon sehr krass die Frage, was hat er für Beeinträchtigungen? Was bringt er für Vorerfahrungen mit? Welches Modell? Womit will er eigentlich auf den Markt gehen? Also das ist schon sehr differenziert zu betrachten. Jetzt spinne ich mal. Ich habe einen GdB von 50. Wenn ich meinen heutigen Job verliere, dann bin ich mir ziemlich sicher, auf dem normalen Arbeitsmarkt wird es schwer, auch wenn alle davon reden “wir brauchen Leute und pipapo”. Für mich wäre es vielleicht noch mal eine Variante, mich selbstständig zu machen als, ich weiß es nicht, Unternehmensberater oder als Berater für Menschen mit Schwerbehinderung oder was auch immer. Dann müsste ich aber schon einen ganz guten Businessplan haben vom Steuerberater abgesegnet, dass ich diesen Gründungszuschuss bekomme. Und der geht ja auch nur, wenn mich nicht alles täuscht, neun Monate oder ein Jahr. Also das ist jetzt nichts, wo du, wenn du keine Reserven hast, eine echte Zukunft aufbauen kannst. Das ist allemal besser, als gar nicht zu arbeiten, das sehe ich schon so. Aber da muss man, glaube ich, im Einzelfall sehr genau hinschauen.

Man sollte sich der speziellen Herausforderungen der Selbstständigkeit bewusst sein und gewachsen fühlen

Also, ich will jetzt gerne was Böses sagen, es gibt so viele Leute mit spinnerten Ideen, die kennst du genauso gut wie ich, und heute ist ein Start-Up eine Milliarde wert und morgen gibt es das schon gar nicht mehr, so ungefähr. Ich glaube, das ist schon zäh. Und dann muss man ja auch immer sehen, ist das jemand, der mit diesem Druck klarkommt? Selbstständig heißt, ich muss jeden Morgen aufstehen, ich muss jeden Tag einen Plan haben, ich bin Dienstleister möglicherweise, ich muss reagieren können, ich habe vielleicht auch schon mal damit zu tun, dass mich meine Kunden beschimpfen, angehen, die Rechnungen nicht bezahlen und, und, und. Das ist ein Punkt, wo ich sage, ja, da lässt sich jemand auf ein Spiel ein, das hat schon noch mal ganz andere Spielregeln als der Angestellte an sich. Von daher ja, es gibt die Möglichkeit, aber da würde ich immer im Einzelfall mit anschauen, was hat derjenige schon gemacht oder erlebt und was hat er denn überhaupt und was hat er denn vor. Gibt es da den Markt für, ist der regional bedienbar und, und, und. Also wenn das jemand macht, habe ich da einen Heidenrespekt vor, definitiv. #00:49:23#

Verabschiedung

Möchtest du den Hörerinnen und Hörern noch etwas mit auf dem Weg geben?

Nele: Sehr gut. Okay, dann würde ich sagen, kommen wir zum Abschluss. Möchtest du denn den Hörerinnen und Hörern noch was mit auf den Weg geben? #00:49:34#

Stephan Wenn: Ja, gerne. Also wenn irgendwas ist, wo man das Gefühl hat, man weiß gerade nicht so weiter oder man würde mal gerne mit einem reden, der vielleicht zuhört aber auch durchaus ehrlich antwortet, kann man mich gerne kontaktieren über dich. Ich bin auch im Netz zu finden. Das ist das eine.

Das zweite ist, ja, nehmt euer Leben selbst in die Hand. Denn es kommt keiner, der euch hilft. Es sei denn, man fragt nach Hilfe. Ich weiß, viele wollen das gar nicht, weil sie ihr Leben selbst gestalten möchten. Ich bin auch eher jemand, der nicht zwingend Hilfe in Anspruch nimmt. Aber wenn es denn im gesamten mir nachher hilft, wäre ich ja verrückt, wenn ich es nicht täte. Das mag ich eben jedem kundtun. Und ja, seid einfach da. Ihr seid so, wie ihr seid und das kann man auch im schlimmsten Fall nicht mehr ändern, also in einer Form der positiven Gesundheit. Und das ist dann einfach so. Und die Gesellschaft, verdammt noch mal, hat ihre Rechte, aber sie hat auch ihre Pflichten und wir sind Teil der Gesellschaft. Schwerbehindert oder nicht spielt keine Rolle.

Im richtigen Umfeld können Menschen mit sichtbarer oder unsichtbarer Beeinträchtigung ihre Leistung bringen 

Man sieht es auch nicht jedem an. Also das ist noch so ein Punkt, wenn du mit Leuten über Schwerbehinderung sprichst, dann weiß kaum einer, dass zehn Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung einen GdB haben. Also einen Grad der Behinderung, das muss man sich mal vorstellen. Das sind acht Millionen Menschen bei knapp 80 Millionen Einwohnern. Und wenn du mit Leuten über Schwerbehinderung sprichst, dann denken die immer an Stephen Hawking, Rollstuhl und der kann nur noch so, oh weh, oh weh. Dem ist nicht so. Ist völlig verrückt. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist, und darum sage ich immer, zeigt was ihr drauf habt, und zeigt was ihr könnt und überzeugt damit, ich glaube das Tor des Monats der Sportshow 2016, wenn mich nicht alles täuscht, irgendwann im Oktober oder so, hat ein Mensch mit einer Sehbeeinträchtigung geschossen, also ein Blinder. Das heißt der steht auf derselben Stufe wie Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski und wie all die Helden meiner Jugend hätte ich fast gesagt. Also Menschen, denen man ein Umfeld schafft, in dem sie ihre Leistung bringen können, haben eine hohe Wertigkeit und dann müssen wir es als Gesellschaft schaffen, das Umfeld zu schaffen. Und alles ist gut. Klingt ganz einfach, finde ich. Ist aber schwer umzusetzen, weiß ich auch. #00:51:47#

Nele: Super. Stefan, ich danke dir für die Zeit, ich danke dir für all die Einblicke, auch für die ehrliche offene Art und für das Mutmachen und wie gesagt, Selbstständigkeit sollte man sich genau überlegen, das vielleicht noch mal kurz positiv abschließend. Ich habe es gemacht, aber ich habe auch immer gerne viel gearbeitet und mir geht es zum Glück gut, obwohl ich schon so lange MS habe, ich meine auch das gibt es. Aber du hast schon recht, das sollte man sich wirklich sehr genau überlegen, weil man da einfach viel mehr auf sich selbst gestellt ist.

Ich wünsche dir noch viel Erfolg, dass du weiter Menschen gut begleiten kannst, für dich natürlich persönlich und auch für die Fußballmannschaft große Erfolge. Vielen, vielen Dank, dass du heute mein Gast warst. Tschüss. #00:52:24#

Stephan Wenn: Danke Nele, dass ich dein Gast sein durfte. Tschüss. #00:52:26#

Danke an Stephan Wenn und wenn Du mit ihm Kontakt aufnehmen willst für den persönlichen Austausch oder Beratung, schreib mich gerne an.

Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele

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