Porträtbild von Dr. Florian Raker, der die Studie MS-Kinder durchführt

Podcast #065 – Interview mit Dr. Florian Rakers zur Studie „MS-Kinder“

Heute ist Dr. Florian Rakers, Neurologe und Privatdozent am Universitätsklinikum Jena, zu Gast im Interview. Wir haben uns über seine Studie „MS-Kinder“ unterhalten.

Fragen zur Studie MS-Kinder

Herr Rakers, sie wollen testen, ob die Gabe von Cortison in der Schwangerschaft unbedenklich für die geistige Entwicklung der heranwachsenden Kinder ist. Wie kamen Sie auf diese Fragestellung?

Florian Rakers: Die Fragestellung basiert auf unserer Forschung zur Auswirkung von mütterlichem Stress während der Schwangerschaft auf die Gehirnentwicklung des Kindes im späteren Leben. Meine Arbeitsgruppe konnte in einer früheren Studie im Tierexperiment nachweisen, dass Stress während der Schwangerschaft die Reifung des fetalen Gehirns beeinflusst. Diese Erkenntnisse lassen sich durch Beobachtungen am Menschen reproduzieren. So führte z.B. das Erleben eines katastrophalen Eissturms in Kanada dazu, dass die Kinder von betroffenen Schwangeren im späteren Leben einen niedrigeren IQ, eine verzögerte sprachliche Entwicklung und ein ADHS-ähnliches Verhalten aufweisen. Wir möchten diese Erkenntnisse jetzt auf die MS übertragen.

“Cortison” – bzw. genauer: das zur Schubbehandlung verwendete Methylprednisolon – ist eng verwandt mit dem während des mütterlichen Stresses ausgeschütteten Hormon Cortisol. Und beide Hormone können über die Plazenta direkt in den fetalen Blutkreislauf übergehen. Da der Fetus selbst nicht in der Lage ist, Stresshormone zu produzieren, bedeutet mütterlicher Stress oder eine Schubbehandlung mit Methylprednisolon ein starkes Überangebot von Stresshormonen im Fetus welche direkt in die Reifung des fetalen Gehirns eingreifen kann. Mehr noch: das reifende Stresssystem des Fetus wird fehlprogrammiert, da es fälschlicherweise davon ausgeht, dass außerhalb des Mutterleibes eine sehr stressige Umgebung wartet. Die Folge ist ein Stresssystem, welches im späteren Leben zu viel oder zu wenig Stresshormone produziert. Das kann langfristige gesundheitliche Folgen haben. 

Bei welcher Art und Schwere von Schub wird derzeit Schwangeren die Gabe von Cortison empfohlen?

Florian Rakers: Es gibt aktuell keine einheitliche Vorgehensweise bei der Schubbehandlung während der Schwangerschaft. Aktuell wird davon ausgegangen, dass eine Schubbehandlung während des zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittels ungefährlich für das Kind ist.

Während des ersten Schwangerschaftsdrittels gibt es ein geringes Risiko für Fehlbildungen wie z.B. Lippen-Kiefer-Gaumenspalten. Deswegen wird Cortison während der frühen Schwangerschaft nur in Ausnahmefällen gegeben. Wir in Jena sind mit der Indikationsstellung aber auch bei einer fortgeschrittenen Schwangerschaft deutlich restriktiver. Wir würden Cortison nur bei schweren Schüben mit drohender Behinderung geben. Allerdings ist das immer eine Abwägung gemeinsam mit der Patientin.

Hier soll unsere Studie bei der Nutzen-Risiko-Abwägung helfen. Gebe ich Cortison oder ist das Risiko für Entwicklungsstörungen im späteren Leben zu hoch? Diese Frage ist aktuell noch ungeklärt. 

Was ist Cortison genau und wie wirkt es bei einem Schub?

Florian Rakers: Cortison ist die inaktivierte Form des körpereigenen Stresshormons Cortisol. Wenn wir Cortison sagen, meinen wir bei der MS in unseren Breiten eigentlich das Medikament Methylprednisolon – ein enger Verwandter von Cortisol.

Dieses ist ein lebenswichtiges Stresshormon und das Endprodukt der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse. Während akuten Stresssituationen wird Cortisol von den Nebennieren ausgeschüttet und greift in den Zucker- und Fettstoffwechsel ein. Hierdurch werden während akutem Stress wichtige Energiereserven aktiviert und “unwichtige” Prozesse, wie z.B. Entzündungen, unterdrückt. Dies machen wir uns bei der MS zunutze, denn ein Schub ist ja eine akute autoimmun vermittelte Entzündung, bei der die Nerven – bzw. die Myelinscheiden der Nerven – angegriffen werden. 

Studien an Schwangeren sind generell ein heikles Thema. Wie wird der Ablauf bei ihrer Studie MS-Kinder sein?

Florian Rakers: Wir wollen nicht direkt Schwangere untersuchen, sondern wir wollen uns Kinder anschauen, deren Mütter mit MS während der Schwangerschaft eine Schubbehandlung mit Cortison erhalten haben. Die Kinder sollen zwischen 8 und 18 Jahre alt sein. Die Studie besteht aus zwei Studientagen in den Schulferien, an denen die Kinder umfassend untersucht werden.

Zunächst möchten wir nach einer Eingangsuntersuchung eine neuropsychologische Testung durchführen. Hier bestimmen wir den Intelligenzquotienten, schauen uns die motorischen Fähigkeiten näher an und untersuchen die Aufmerksamkeit und das Verhalten. Anschließend testen wir während einer Prüfungssituation – dem sogenannten Trier Social Stress Test – die Reaktion des Kindes auf akuten Stress. Diese Prüfung wird allerdings nicht stressiger sein, als das, was die Kinder aus der Schule kennen.

Dann fertigen wir noch ein Kopf-MRT an, das dauert nicht länger als 10 Minuten und geht ohne Kontrastmittel. Die bisherigen Kinder fanden die Studientage spannend und haben gerne mitgemacht. Wir werten dann gemeinsam mit der Mutter die Ergebnisse aus und brennen das MRT auf eine CD, die man mitnehmen kann.

Die Studie findet in Jena (Thüringen) oder in Bochum (NRW) statt. Falls man aus der Ferne anreist, können wir Hotel und Reisekosten übernehmen. Alle Teilnehmer erhalten zudem eine Aufwandsentschädigung. 

Wie lange werden Sie die Kinder beobachten, um eine eindeutige Aussage treffen zu können und wie viele Teilnehmerinnen brauchen sie, die die Behandlung erhalten bzw. nicht erhalten, um eine valide Aussage treffen zu können? 

Florian Rakers: Um eine eindeutige Aussage zu treffen, müssen wir insgesamt 80 Kinder untersuchen. Wir sind insbesondere an Kindern von Müttern interessiert, die während der Schwangerschaft eine Schubbehandlung mit “Cortison” bzw. Methylprednisolon erhalten haben. Aber auch Kinder von Müttern mit MS ohne Schubbehandlung können sich melden. Diese benötigen wir für die Kontrollgruppe.

Werden Sie mit anderen Universitäten und Kliniken zusammenarbeiten und auf bestehende Daten zurückgreifen?

Florian Rakers: Wir arbeiten eng mit dem MS-Schwangerschaftsregister in Bochum unter der Leitung von Frau Prof. Hellwig zusammen. Unsere Studie wird außerdem von der DMSG (Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft) unterstützt. Wir arbeiten mit vielen weiteren großen MS-Zentren in Deutschland zusammen, die uns bei der Rekrutierung unterstützen.

Blitzlicht-Runde

Abschlussbotschaft

Multiple Sklerose ist immer besser behandelbar, vor allem wenn man zeitig und entschieden dagegen vorgeht. Die Aktivität der Krankheit muss bestmöglich durch eine gezielte Therapie und den passenden Lebenswandel unterbunden werden. Dafür sollten Arzt und Patient ein Vertrauensverhältnis haben, um gemeinsam für ein langfristig gutes Leben zu arbeiten. Im Zweifelsfall sollten sich Patienten eine Zweitmeinung einholen.

Vielen Dank an Dr. Florian Rakers für das geführte Interview und Beantwortung aller Fragen im Podcast und schriftlicher Form für den Blog.

Kontakt und Infos zur Studie

Webseite zur Studie MS-Kinder
E-Mail: MS-Kinder@med.uni-jena.de
Telefon: 03641 – 9 32 35 93

Die Studienergebnisse werden im Anschluss mit Neurologen in ganz Deutschland und weltweit geteilt. Sie werden eine große Hilfe bei der Entscheidungsfindung sein, ob Cortison in der Schwangerschaft gegeben werden soll oder lieber nur in besonderen Fällen. Falls dein Kinder oder deine Kinder im passenden Alter sind, kannst du somit einen ganz wichtigen Beitrag leisten und außerdem erfahren, wie intelligent und stressresistent dein Kind ist und was vielleicht die Ursachen dafür sind. Damit hilfst du zukünftigen Müttern, ihren Kindern und den behandelnden Ärzten.

Bestmögliche Gesundheit wünscht dir,
Nele

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