Karikatur von Phil Hubbe vom 29.12.2020 zur Corona-Impfung

Podcast #068 – Interview mit Prof. Ziemssen zur Corona-Impfung und Impfungen allgemein

Ich begrüße erneut Prof. Dr. Ziemssen als Interviewpartner. Diesmal geht es um die Corona-Impfung und Impfungen im Allgemeinen aus dem Blickwinkel von MS-Patienten.

Prof. Ziemssen ist Leiter vom Zentrum für klinische Neurowissenschaften an der Universitätsklinik Dresden. Der Text ist zum großen Teil seiner Präsentation entnommen, die er für die Patientenfortbildung erstellt hat.

Fragen zu Impfungen allgemein

Wozu dienen Impfungen?

  • Können regionale oder sogar weltweite Verbreitung von Krankheiten stoppen.
  • Schützen vor ansteckenden Krankheiten, die teils nur eingeschränkt oder gar nicht behandelbar sind und mitunter lebensbedrohlich verlaufen können.
  • Gehören zu den effektivsten und zugleich sichersten Vorsorgemaßnahmen der Medizin.
  • Verhindern Infektionen und mögliche Komplikationen – beim Impfling und den Kontaktpersonen.

Warum muss man noch gegen Krankheiten impfen, die in Deutschland kaum noch vorkommen?

Die Kinderlähmung ist in vielen Teilen der Welt ausgerottet. Durch das massive Reiseaufkommen für private und berufliche Zwecke können jedoch Krankheiten wieder aus entlegenen Teilen der Welt neu nach Deutschland gelangen. Nur dank einer stetig hohen Impfquote können neue Ausbrüche verhindert werden.

Bei Masern gibt es in Deutschland leider einen wachsenden Prozentsatz an „Impfmuffeln“. Die Krankheit ist hochgradig ansteckend. Von 100 Ungeimpften würden sich 95 Personen anstecken, die Kontakt zu einem Maserninfizierten hätten. Zu den möglichen akuten Komplikationen zählen: Lungenentzündung, Mittelohrentzündung, Hörschäden, sowie Gehirnentzündung (Enzephalitis) – ca. 1 von 1.000. Hinzukommen mögliche Spätfolgen wie SSPE (subakute sklerosierende Panenzephalitis) oder sogar ein tödlicher Verlauf – ca. 1 von 1.000.

Woher weiß ich, welche Impfungen sinnvoll sind? Wer erarbeitet die Impf-Empfehlungen und auf welcher Basis?

Die Impfempfehlungen werden von der STIKO.de herausgegeben, die mit dem Robert-Koch-Institut und Paul-Ehrlich-Institut zusammenarbeitet und sich berät. Bei Fragen ist die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ebenfalls eine gute Anlaufstelle.

Wie funktionieren Impfungen?

  1. Abgeschwächte Erreger oder Bestandteile von abgetöteten Erregern werden als Impfstoff verabreicht, meist per Spritze, auch Schluckimpfungen oder Nasenspray sind möglich.
  2. Das Immunsystem bildet erregerspezifische Abwehrstoffe und Gedächtniszellen.
  3. Die Gedächtniszellen merken sich die Oberflächenstruktur der Erreger.
  4. Sobald es zu einem Erregerkontakt kommt, werden die Gedächtniszellen aktiviert. Die spezifischen Abwehrstoffe ermöglichen eine schnelle Abwehrreaktion.

Was ist der Unterschied zwischen Lebend- und Totimpfstoffen?

Bei Totimpfstoffen werden inaktivierte oder Bestandteile von Erregern geimpft, z.B. Impfstoffe gegen Hepatitis B, Hib, Keuchhusten, Tetanus.

Bei Lebendimpfstoffen werden vermehrungsfähige, aber abgeschwächte Erreger geimpft, z.B. Impfstoffe gegen Masern, Mumps, Röteln, Windpocken, Rotaviren.

Welche Impfreaktionen können auftreten?

Zwei bis 20 Prozent der Geimpften haben Lokalreaktionen an der Einstichstelle. Dazu zählen Rötung, Schwellung, Überwärmung, Schmerzen an der Einstichstelle. Diese treten meist in den ersten 3 Tagen nach der Impfung auf und klingen i.d.R. nach wenigen Tagen von selbst ab.

Ungefähr zehn Prozent aller Geimpften erfahren allgemeine Reaktionen, wie Temperaturerhöhung, grippeähnliche Symptome, Magen-Darm-Symptome oder Lymphknoten-Vergrößerung. Bei Totimpfstoffen zeigen sich die Symptome meist am Impftag oder bis zu 3 Tage danach. Bei Lebendimpfungen nach ca. 5-14 Tagen und klingen meist nach 1-2 Tagen wieder ab.

Merke: Da eine Impfung nur ein punktueller Anreiz für das Immunsystem ist, im Gegensatz zu dauerhaften Therapien, sind zeitlich verzögerte Reaktionen von mehreren Wochen, Monaten oder sogar Jahren extrem unwahrscheinlich.

Was passiert im Fall eines Impfschadens?

Ein Impfschaden ist „die gesundheitliche und wirtschaftliche Folge einer über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung durch die Schutzimpfung; ein Impfschaden liegt auch vor, wenn mit vermehrungsfähigen Erregern geimpft wurde und eine andere als die geimpfte Person geschädigt wurde.“ (§2 Infektionsschutzgesetz)

Anträge auf Impfschadensanerkennung werden von den Versorgungsämtern der Bundesländer bearbeitet.

Bleibende Schäden nach Impfungen mit aktuell empfohlenen Impfstoffen sind sehr seltene Ausnahmefälle.

4 Merksätze zu Impfungen (Quelle: www.uniklinikum-dresden.de)

  1. Totimpfstoffe können grundsätzlich bei Personen mit einer Autoimmunkrankheit oder einer anderen chronisch-entzündlichen Erkrankung ohne oder unter einer immunsuppressiven Therapie angewendet werden.
    Der Impfschutz sollte entsprechend den Empfehlungen der STIKO aktualisiert bzw. vervollständigt werden.
  2. Personen mit einer Autoimmunkrankheiten oder einer anderen chronisch-entzündlichen Erkrankung ohne bzw. vor geplanter immunsuppressiver Therapie sollen Lebendimpfstoffe entsprechend den Empfehlungen der STIKO erhalten.
  3. Während der Therapie mit Immunsuppressiva sollten Personen mit Autoimmunkrankheiten oder anderen chronisch-entzündlichen Erkrankungen nicht mit Lebendimpfstoffen geimpft werden.
    Ausnahmen sind nur im begründeten Einzelfall unter individueller Risiko-Nutzenabschätzung möglich.
  4. Kontaktpersonen von Personen mit Autoimmunkrankheiten und anderen chronisch-entzündlichen Erkrankungen sollten entsprechend den Empfehlungen der STIKO vollständig geimpft werden. Besonders ist bei im selben Haushalt lebenden oder von ihnen betreuten Personen und bei medizinischem Personal an eine jährliche Influenza-Impfung zu denken.

Corona-Impfung

Was passiert bei der Infektion mit SARS-Cov2?

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/SARS-CoV-2#/media/Datei:SARS-CoV-2_Vermehrungszyklus.jpg

Welcher Ansatz ergibt sich daraus für mögliche Impfungen?

Das virale Spike-Protein, steht im Mittelpunkt aller Impfansätze. Also der Teil vom Virus, der an unsere Zellen andockt. Dabei werden verschiedene Technologien eingesetzt.

Wie wirken die neuartigen mRNA Impfstoffe? Was sind die Vorteile dieser neuen Impfstoffgruppe?

Es handelt sich um die synthetische Variante eines natürlich vorkommenden genetischen Moleküls. Es weist eine hohe Reinheit auf und ist frei von tierischen Produkten.
Deshalb ist keine Adjuvans notwendig, also keine Zusatzstoffe, wie Aluminium. Das erhöht die Verträglichkeit.
Die Antikörper-und T-Zell Immunantworten werden in niedriger Dosierung stimuliert.
Bisher wurden mehr als 50.000 Patienten in klinischen Prüfungen getestet. Außerdem kann er Impfstoff schnell in millionenfacher Ausfertigung hergestellt werden. 
Lediglich die intensive Kühlung stellt ein Problem im direkten Einsatz dar und deshalb müssen spezielle Impfzentren genutzt werden.
 

Wie viele Menschen nahmen an der Studie von Biontech-Pfizer teil und was waren die Ergebnisse?

18.860 Probanden erhielten den Impfstoff und 18.846 Personen erhielten ein Placebo. Durch die hohe Anzahl an Teilnehmern konnte in sehr kurzer Zeit sowohl Wirksamkeit, als auch Verträglichkeit sehr gut getestet werden. Bei bisherigen Impfstoffentwicklungen war die Zahl der Probanden oft viel kleiner.

Welche anderen Impfstoffe werden voraussichtlich ebenfalls bald zugelassen und wie wirken diese?

Mit dem Moderna-Impfstoff wird es einen zweiten mRNA Impfstoff geben. Außerdem werden mehrere klassische Totimpfstoffe dabei sein. Auf Zeit.de gibt es eine gute Übersicht über die Impfstoffentwicklung und Zulassung, die regelmäßig aktualisiert wird.

Was könnte gegen eine Impfung sprechen?

  • Ein extrem gedämpftes Immunsystem, wie nach einer Organtransplantation.
  • Nach einer akuten, schweren Krankheit sollten zunächst zwei Wochen vergehen. 
  • Falls es früher eine allergische Reaktion gegen einen Bestandteil des Impfstoffes gab.
  • Vorsicht ist im ersten Trimester der Schwangerschaft geboten.

Wie sieht die konkrete Empfehlung für MS-Patienten aus und was muss bei einzelnen Medikamenten und Therapien beachtet werden?

Generell geht keine Gefahr von den Impfstoffen für MS-Patienten aus. Je nach Art des eingenommenen Medikaments kann die Wirkung des Impfstoffes jedoch negativ beeinträchtigt sein. Sprich die Impfung ist eventuell weniger erfolgreich, wenn sie zwei Tage nach einer Cortison-Stoßtherapie verabreicht wird. Aber auch dann ist die Impfung nicht gefährlich für den MS-Patienten. Bitte möglichst mit dem Neurologen absprechen, wann eine Impfung gegen Corona Sinn macht, wenn du eine akute Therapie oder dauerhafte Medikation gegen aktive bzw. hochaktive MS nimmst.

Der Impferfolg der Corona-Impfung soll im MS-Zentrum Dresden untersucht und die Impfung dort verabreicht werden. Aktuell läuft noch die Organisation.

Sprich am besten deinen dich behandelnden Neurologen an, ob du ebenfalls vor Ort geimpft werden kannst, da du dann in bester Betreuung bist.

Merke: Die Corona-Impfung ist für MS-Patienten ungefährlich und verhindert womöglich Schübe, die durch eine Infektion mit dem Corona-Virus ausgelöst werden können. Patienten, die an Covid-19 erkrankten haben zum Teil eine deutliche Verschlechterung ihrer MS erlebt. Lass Dich daher so schnell wie möglich impfen und schütze dich bis dahin gut vor einer Ansteckung.

Wie schnell sollten sich MS-Patienten gegen SARS-Cov2 impfen lassen? 

Sobald die Impfungen der breiten Masse zur Verfügung stehen, sollten sich MS-Patienten impfen lassen. Schließlich trägt jeder geimpfte Bürger dazu bei die Herdenimmunität aufzubauen und schützt sich selber vor einer (schweren) COVID19 Infektion. Auch bei einer durchgestandenen SARS-Cov2-Infektion sollte geimpft werden, da nach aktueller Datenlage offenbar keine lange Immunität besteht.

Kontakt und Infos zu Prof. Ziemssen

http://msz.uniklinikum-dresden.de/
Blasewitzer Straße 43 (Haus 111)
01307 Dresden
YouTube Aufzeichnung zum Thema Impfen inkl. Fragerunde
E-Mail: ms[at]uniklinikum-dresden.de

Bestmögliche Gesundheit wünscht dir,
Nele

Mehr Informationen rund um das Thema MS erhältst du in meinem kostenlosen Newsletter.

Hier findest du eine Übersicht zu allen bisher veröffentlichten Podcastfolgen.

Das Coverbild stammt von Phil Hubbe, der trotz Multipler Sklerose seinen Traum als selbstständiger Karikaturist und Cartoonist lebt. Unten zu sehen, zwei aktuelle Veröffentlichungen von ihm.

Kommentar verfassen