Porträtfoto von Anne Geßner zum Artikel zur EDSS-Untersuchung und Physiotherapie bei MS

Podcast #085 – Interview mit Anne Geßner zur EDSS-Untersuchung und Physiotherapie bei MS

Vorstellung

Ich befinde mich in einer Beziehung und stamme aus Dresden. Leider habe ich keine Haustiere, aber die braune Labradordame „Lotta“, der Hund meiner Eltern, besucht uns oft. Mein Traum sind eigene Hühner, am besten noch dieses Jahr in meinem Garten. Natürlich nur für frische Eier, nicht zum Essen. 😉

Ansonsten bin ich gerne in der Natur unterwegs zum Wandern, fahre seit vielen Jahren Kunstrad und trainiere sogar Kinder im Verein. Ich liebe Wintersport, vor allem Abfahrtsski und Langlauf.

Wichtigste Stationen bis zur jetzigen Position

Von 2016-2019 habe ich meine Ausbildung zur Physiotherapeutin an der Universitätsklinik Dresden absolviert. Außerdem habe ich begleitend dazu studiert und zwar „Physiotherapie B.Sc“ an der Dresden International University von 2016- 2020.

Nach meiner Ausbildung und dem Studium habe ich als Physiotherapeutin in der Uniklinik auf der neurologischen Normalstation, Stroke Unit und neurologischen Intensivstation begonnen. Seit 12/2020 arbeite ich im MS-Zentrum Dresden als Studienassistentin/ Physiotherapeutin B.Sc. Und im April 2021 startete mein berufsbegleitendes Masterstudium (M.Sc.) für Neurorehabilitation an der Hochschule in Gera.

Persönliche Motivation für den Beruf

Ich liebe Sport und Bewegung sowie die Arbeit mit Menschen. Mein Job ermöglicht mir, das Hobby zum Beruf zu machen. Außerdem gefällt mir das sehr selbstständige und abwechslungsreiche Tätigkeitsfeld, indem ich mich auf die verschiedensten Bereiche spezialisieren kann. Als Physiotherapeutin bin ich allumfassend ausgebildet im medizinischen Bereich, was mir viele Perspektiven ermöglicht.

Neurologische Untersuchung bei Multipler Sklerose

Du führst die neurologische Untersuchung durch, um den EDSS-Wert von MS-Patienten zu ermitteln. Was gehört alles dazu und worauf achtest du besonders?

Die EDSS ist die Leistungsskala, die den Schweregrad der Behinderung bei Multiple-Sklerose-Patienten zum Zeitpunkt der Erhebung angibt. Sie beginnt bei 0 und endet bei 10. Es gehören 8 Funktionssysteme (Sehfunktion, Blasen- Mastdarmfunktionen, zerebralen Funktionen, Kleinhirn, Hirnstamm, Sensorik und Pyramidenbahn) dazu.
Ich als Physiotherapeutin achte bei der Untersuchung besonders auf die Motorik (Krafttests, funktionelle Krafttests), Gleichgewicht, Koordination und Spastik.
Dabei schaue ich besonders auf Veränderungen und studiere vor jeder Untersuchung die Ergebnisse vom letzten Mal an. Gibt es Veränderungen? Wenn ja, Verschlechterungen oder Verbesserungen und in welchen Funktionssystemen.

Gibt es typische Frühindikatoren bei der Untersuchung, die auf eine MS hindeuten und wenn ja, welche?

Typische Frühindikationen die zum Beispiel auf einen Schub hindeuten und in der neurologischen Untersuchung erkannt werden können sind:

  • Gefühlsstörungen und Missempfindungen (Taubheit, kribbeln)
  • Sehstörungen (Doppelbilder, Sehen durch Milchglasscheibe)
  • Muskelschwäche, Koordinationsstörung

Die neurologische Untersuchung (EDSS), aber auch die anderen klinischen Assessments in unserem Zentrum (multimodale Ganganalyse, Fragebögen, MSPT= Multiple Sklerose Performance Test) eignen sich sehr gut zur Erkennung von Frühindikation.

Wie oft wird die Untersuchung normalerweise durchgeführt und warum?

Normalerweise 1x im halben Jahr. Bei Schüben oder Schubverdacht wird EDSS auch akut durchgeführt, um die klinischen Veränderungen besser zu beurteilen.
Die neurologische Untersuchung ist ein wichtiger Baustein bei der Verlaufskontrolle. Durch die gewonnenen Daten können klinische Veränderungen objektiv eingeschätzt und überprüft werden. Funktioniert die Therapie oder  muss eventuell das verlaufsmodifizierende Medikament gewechselt werden? Und zeigen die physiotherapeutischen Interventionen Erfolg?

Wie stark schwanken die Ergebnisse im EDSS-Wert bei einzelnen Patienten über die Zeit? Und wie schnell kann sich der Wert auch mal verbessern?

Bei einem Schub kann der EDSS schon sehr schwanken mit der Tendenz zur Verschlechterung. Wie groß der Schwankungsbereich ist, hängt von der Schwere des Schubs ab.

Wenn der Patient jedoch gut medikamentös und durch andere Therapien eingestellt ist, bleibt der EDSS meist sehr stabil. Durch gezielte und multimodale Therapie (Physio/ Ergo/ Logo, Sport) und viel Eigeninitiative des Patienten kann sich der EDSS auch verbessern.

Physiotherapie bei Multipler Sklerose

Welche typischen MS-Symptome können durch die Physiotherapie behandelt werden und wie umfangreich ist eine solche Behandlung?

Typische Symptome wie Gleichgewichtsstörungen, Kraftdefizite, Spastiken, Koordinationsstörungen und Einschränkungen der Gehfähigkeit können durch Physiotherapie behandelt werden. Dabei sollte die Therapie für jeden Patienten individuell und gezielt angepasst werden.

Wie umfangreich dann letztendlich die Behandlung wird, ist abhängig vom physiotherapeutischen Befund bzw. von der Schwere der Erkrankung. Wichtig ist jedoch immer, neben den speziellen Therapiezielen eine alltagsgerechte Behandlung des Patienten anzubieten, die zu seinen Hobbys und Lebensumständen passt.

Ein Schwerpunkt sollte darauf liegen, die Patienten zur Selbstübung und Eigendisziplin anzuleiten. In der Kürze der Therapiezeit ist Erfolg oft nicht möglich. Deswegen muss die Therapie unbedingt mit in den Alltag verlagert werden!

Verschreibt normalerweise der Neurologe physiotherapeutische Behandlungen, wenn es Sinn macht, oder sollten MS-Patienten aktiv danach fragen?

Der Neurologe, aber auch der Hausarzt können physiotherapeutische Behandlungen verschreiben. MS-Patienten sollten ruhig gezielt nach einer Verordnung fragen, wenn es zu klinischen Verschlechterungen (z.B. Motorik, Gleichgewicht und Koordination) kommt.

Ganz wichtig: Es sollte auf jeden Fall »KG ZNS« verordnet werden!

  • Behandlungszeit beträgt hier 30 min, statt normalerweise 20 min.
  • Konzept beruht auf neurophysiologischer Basis.
  • Ausgewählte Therapeuten, die diese Verordnung durchführen dürfen, habe eine spezielle Weiterbildung gemacht und sind spezialisiert.
Welche Erfolge kann man mit der geeigneten Physiotherapie erzielen?

Große Erfolge, wobei das höchste Ziel für MS-Patienten vermutlich der Erhalt der Selbstständigkeit im Alltag, sowie eine aktive Teilnahme in allen Lebensbereichen ist.

Spezielle Defizite können mit dem passenden Konzept behandelt werden und diese Defizite dann auch im Alltag kompensiert werden.

Viele MS-Patienten erzählen von ihren positiven Erfahrungen und Erfolgen, die sie mit rehabilitativer Physiotherapie gemacht haben. Besonders in Zeiten von Corona stellt die Physiotherapie einen wichtigen Baustein dar, weil Fitnessstudios/ Sportaktivitäten in Vereinen, etc. wegfallen und es somit für Patienten die einzige Möglichkeit ist, ein individuelles Training durchzuführen.

Kann man Physiotherapie auch präventiv durchführen, und wenn ja, für wen oder unter welchen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen?

Natürlich ist es möglich, Physiotherapie präventiv durchzuführen. Voraussetzung dafür ist, dass ein genauer physiotherapeutischer Befund zur Bestimmung des Status quo erstellt wird, um bisherige Defizite genau zu erkennen, auch wenn es vielleicht nur um geringe sensomotorischer Defizite geht. Denn bei frühzeitiger Erkennung kann Physiotherapie den Prozess der Verschlechterung verlangsamen, bevor z.B. eine Gangstörung auftritt.

Welchen Durchbruch wünschst du dir für die Behandlung der MS in den kommenden 5 Jahren?

Ganz besonders einen Durchbruch der Physiotherapie in der MS Versorgung. Damit meine ich, dass individuell auf den Patienten angepasste Behandlungsmethoden zum Standard werden, die sich auf wissenschaftliche Untersuchungen und deren Ergebnisse stützen.

Des Weiteren wünsche ich mir, dass die Physiotherapie bei der Behandlung der MS mehr akzeptiert wird und an Bedeutung zunimmt. Dazu gehört ein besserer Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis in der Physiotherapie der MS. Denn viele neue positive Erkenntnisse der klinischen Forschung können und sollten in den Alltag der MS-Patienten übertragen werden.

Blitzlicht-Runde

Was war der beste Ratschlag, den du jemals erhalten hast?

„Anne sei nicht so ungeduldig. 80% Der Probleme lösen sich manchmal von selbst. Also bleib entspannt.“

Wie lautet dein aktuelles Lebensmotto?

Das Leben ist zu kurz für „irgendwann“.

Mit welcher Person würdest du gern einmal ein Kamingespräch führen und zu welchem Thema?

Felix Neureuther (bekannter deutscher Skifahrer). Wir würden über unsere Vorliebe über Berge und das Skifahren reden…

Vervollständige den Satz: „Für mich ist die Multiple Sklerose… “

„… ein Meer, bei dem das Wasser mal durchsichtig, mal undurchsichtig scheint“

Welche Internet-Seite kannst du zum Thema MS empfehlen?

MS-Perspektive von Nele 😊

Welches Buch oder Hörbuch, das du kürzlich gelesen hast, kannst du uns empfehlen und worum geht es darin?

Ich bin ein absoluter Fan von skandinavischen Krimis, deswegen empfehle ich die spannenden Bücher von Jussi Adler Olsen z.B. „Erlösung“.

Verabschiedung

Möchtest du den Hörerinnen und Hörern noch etwas mit auf dem Weg geben?

Passen Sie auf sich und Ihre Liebsten auf und vor allem: Bleiben sie gesund!

Wie erreicht man das MS-Zentrum am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden am besten?

Am besten, wenn man einfach bei uns vorbei kommt. Sonst sind wir auch erreichbar über Mail und Telefon!

———-

Vielen Dank für das geführte Interview an Anne Geßner!

Bestmögliche Gesundheit wünscht dir,
Nele

Mehr Informationen rund um das Thema MS erhältst du in meinem kostenlosen Newsletter.

Hier findest du eine Übersicht zu allen bisher veröffentlichten Podcastfolgen.

* Dieser Text enthält Affiliatelinks. Das bedeutet, dass ich eine kleine Vergütung bekomme, wenn du das von mir empfohlene Produkt über den Link erwirbst. Für dich ändert sich dadurch nichts am Kaufpreis. Und mir hilft es dabei, die Kosten für den Blog zu tragen und neue Beiträge zu schreiben.

Kommentar verfassen