Porträtfoto von Prof. Dr. Mathias Mäurer zum Beitrag über Lifestylefaktoren bei MS

Podcast #089 – Interview mit Prof. Dr. Mathias Mäurer zum Einfluss von Lifestylefaktoren auf die MS

Diesmal unterhalte ich mich mit Prof. Dr. Mäurer über den Einfluss von Lifestylefaktoren auf die MS. Ich habe seine Antworten verkürzt wiedergegeben. Die ausführliche Version kannst du im Podcast nachhören.

Vorstellung

Prof. Dr. med. Mathias Mäurer ist Chefarzt für Neurologie und Neurologische Frührehabilitation am Juliusspital in Würzburg. Auch wenn er ursprünglich Chirurg werden wollte, hatte er bereits zum Thema Multiple Sklerose promoviert und ist der Behandlung der Krankheit mit den 1.000 Gesichtern bis heute treu geblieben.

Einfluss von Lifestylefaktoren auf Multiple Sklerose

MS wird die Krankheit der 1.000 Gesichter genannt, weil sie so unterschiedlich verläuft. Die Lebensweise scheint beim Verlauf der Krankheit eine entscheidende Rolle zu spielen. Welche Faktoren gehören dazu?

Lifestylefaktoren sind vielfältig und beinhalten, wie wir uns ernähren, wie wir leben, wie wir uns bewegen. Es gehören aber auch Faktoren dazu, die wir nicht beeinflussen können. Wie nah oder fern der Wohnort vom Äquator entfernt liegt und wie viel Sonne man somit ausgesetzt ist.

Außerdem beeinflussen durchgemachte Kinderkrankheiten und der Zeitpunkt, wann die Infektion erfolgte die Wahrscheinlichkeit später eine MS zu entwickeln. Das Epstein-Barr-Virus (EBV) spielt offenbar eine wesentliche Rolle.

Wichtig: Kein MS-Patient trägt eine Schuld an der Erkrankung. Vielmehr wird Multiple Sklerose durch ein Zusammentreffen verschiedener Faktoren, darunter auch nicht beeinflussbaren Zufällen, verursacht.

Mittels Lifestylefaktoren kann man die Erkrankung beeinflussen, sowohl positiv, als auch negativ.

Wie wirkt sich Rauchen bei MS aus und wie schnell treten positive Effekte auf, wenn man zum Nichtraucher wird?

Rauchen ist ein eindrücklicher Risikofaktor, auch Passivrauchen und das Rauchverhalten der Eltern wirken sich negativ auf die Kinder aus. Vor allem wenn in der Familie bereits MS aufgetreten ist, sollte man dem Nikotin möglichst fernbleiben.

Raucher erkranken häufiger und haben die schwereren Verläufe. Wenn man zum Nichtraucher wird, kann man den Verlauf wieder abmildern. Der Schritt lohnt sich. Das gilt auch für andere Autoimmunerkrankungen.

Der Grund dafür liegt in der große immunologische Grenzfläche der Lunge, die stets im Austausch mit der Umwelt steht. Schäden an der  Lunge wirken sich in vielfacher Hinsicht negativ auf den gesamten Körper aus.

Gibt es eine Empfehlung bezüglich des Alkoholkonsums?

Bei Alkohol gibt es noch keine klare Studienlage. Alkohol ist allerdings ein Neurotoxin. Man kann durch erhöhten Alkoholkonsum neurologische Ausfälle haben. Für jemanden, der bereits Schäden hat, ist das nicht gut. Ein gelegentliches Glas Bier oder Sekt ist okay, übermäßiger Konsum sollte vermieden werden.

Und wie sieht es mit Cannabis aus, das oft als harmlos angesehen wird?

Cannabis ist ein interessantes Präparat. Als Medikament wird es zur Spastikbehandlung eingesetzt (z.B. Sativex). Es gehört ordentlich untersucht auf seine Möglichkeiten der Behandlung bei MS und anderen Erkrankungen. Allerdings sollte das nur in seriösen klinischen Studien erfolgen. 

Von einer Eigenbehandlung mit Cannabis bitte absehen. Es kann bei jüngeren Menschen Psychosen auslösen. Als Joint geraucht ist unklar wie viel, von was man zu sich nimmt.

Dennoch enthält Cannabis sicherlich weitere interessante Potenziale, die vielleicht auch für andere Bereiche der MS-Behandlung in Frage kommen, nicht nur bei Spastiken.

Eine legale Form von Hanf ist das CBD-Öl. In den sozialen Medien wird es oft für die Behandlung chronischer Krankheiten beworben. Hat es einen nachweisbaren Nutzen oder funktioniert es eher über den Placebo-Effekt?

CBD ist eine wirksame Substanz, die auch in Arzneimitteln eingesetzt wird. Unter anderem ist sie für eine kindliche Form der Epilepsie als Behandlung zugelassen. CBD ist auch in Sativex enthalten.

Das Problem an den CBD-Ölen ist, dass unklar ist, was drin ist. Es wurden mal Reihenuntersuchungen gemacht. Und meist stimmten die angegebenen Inhaltsstoffe nicht mit dem eigentlichen Inhalt überein bis hin zu dem Fall, dass gar nichts drin war.

Wenn Patienten CBD-Öl anwenden wollen, ein Nutzen über die Spastik hinaus ist bisher nicht erwiesen, dann bitte mit dem Apotheker besprechen.

Wichtig zu wissen, CBD-Öl ist ein Nahrungsergänzungsmittel, musste in keiner Studie seine Wirksamkeit beweisen und es steckt sehr viel Gewinn für die Produzenten in diesem Markt.

Im Gegensatz dazu werden Arzneimittel regelmäßig untersucht, müssen sehr hohe Qualitätskontrollen bestehen und ihren Nutzen klar nachweisen.

Welchen Einfluss hat die Ernährung auf die Krankheitsaktivität? Gibt es eine für jeden Patienten gleichermaßen sinnvolle Richtlinie?

Es gibt keine spezielle MS-Diät. Es ist wichtig, sich gesund und ausgewogen zu ernähren, damit prophylaktisch Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen und seinem Körper alle wichtigen Nährstoffe zuzuführen. Dabei sollte das eigene Wohlbefinden im Vordergrund stehen und etwaige Präferenzen oder Unverträglichkeiten beachtet werden.

Bioprodukte, wenig verarbeitet und selbst zubereitet, sind das Beste. Und generell ist die mediterrane Diät sehr zu empfehlen.

Übergewicht gehört zu den klassischen Risikofaktoren für viele Erkrankungen. Wie sieht es bei der MS aus?

Übergewicht in der Adoleszenz (Übergang Jugendlicher zum Erwachsenen) gehört für Frauen zu den Risikofaktoren an Multipler Sklerose zu erkranken und wird wissenschaftlich gerade genauer betrachtet.

Folgende drei Theorien werden überprüft:

  1. Stachelt die dauerhafte, niedrige Entzündungsaktivität, die durch das Fettgewebe entsteht das Immunsystem an?
  2. Fettzellen bilden Leptine, die wiederum Zytokine erzeugen. Und Zytokine wiederum stimulieren Entzündungsprozesse im Körper. Haben sie auch Einfluss auf autoimmune Prozesse bei MS?
    r. Übergewichtige scheinen nicht so viel Vitamin D zu produzieren. Hat das einen Einfluss auf die MS?

Zusammengefasst gibt es mehrere Gründe, warum Übergewicht in der Adoleszenz vor allem bei Mädchen das Risiko erhöht an MS zu erkranken.

Wenn die MS ausgebrochen ist, erhöht das Übergewicht die Gefahr weitere Erkrankungen zu bekommen, wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Schwäche oder starke Gelenkprobleme. Diese zusätzlichen Erkrankungen schränken die Beweglichkeit zum Teil mehr ein, als die MS selbst.

Sportlich und fit in Form bleiben ist besonders für alle Kinder und Jugendlichen wichtig, die bereits mindestens einen MS-Erkrankten in der Familie haben und eine Präventionsmöglichkeit.

Sport ist gut für Körper und Geist. Wie trägt Bewegung zu einem milden Verlauf der MS bei?

Ob Sport einen positiven Effekt auf das Immunsystem hat, ist unklar. Aber ein fitter Mensch lebt besser mit der MS.

So wird das Uhthoff-Phänomen von fitten Menschen deutlich besser gemanagt und ertragen, als von unsportlichen Patienten.

Außerdem haben Sportler einen höheren Vitamin-D-Spiegel. Ob es daran liegt, dass Sportler eher draußen sind und in der Jugendphase damit mehr Vitamin D zu sich genommen haben, ist nicht geklärt.

Generell gilt – Sport beeinflusst das Wohlbefinden positiv.

Negativer Stress auf die Psyche tut niemandem gut. Welchen Einfluss hat er auf den Verlauf der MS?

Die neurologische Reserve sollte maximal gestärkt werden, um das Gehirn flexibel zu halten. Psychischer Stress reduziert die Möglichkeiten, flexibel zu bleiben. Umso mehr können Gelassenheit und Achtsamkeit dabei helfen, weniger unter Fatigue, kognitiven Einschränkungen und Depressionen zu leiden.

Vitamin D in extrem hohen Dosen ist aktuell wieder sehr populär in der MS-Community, angepriesen von George Jelinek oder im Coimbra-Protokoll. Können Sie den Nutzen und die Gefahren von Vitamin D auf die MS und allgemeine Gesundheit aus Expertensicht einordnen?

Vitamin D ist extrem interessant bei MS. Gerade die Menge an Vitamin D, der man in der Adoleszenz ausgesetzt wird, spielt eine Rolle. Mehr Sonne in diesen Jahren reduziert das Risiko an MS zu erkranken. Weniger Sonne erhöht es. Und wenn Familien in der Zeit umziehen, übernehmen die Jugendlichen das Risiko der neuen Heimatregion.

Es ist klar, dass der Vitamin-D-Mangel ein Risikofaktor beim Ausbruch von Autoimmunerkrankungen darstellt. Aber inwieweit man nach dem Ausbruch der Erkrankung noch eine Auswirkung auf deren Verlauf erzielen kann, ist bisher nicht geklärt. Ein pragmatischer Ansatz mit 1.000 – 2.000 IE am Tag oder einmal 20.000 IE in der Woche ist üblich und völlig plausibel.

Bei extremen hohen Gaben wie beim Coimbra-Protokoll bestehen jedoch Gefahren, da Vitamin D als aktives Hormon zum Beispiel in den Calcium-Stoffwechsel eingreift. Wenn man da ungebremst hohe Dosen zuführt, kann genau das auch krankmachen.

Dr. Coimbra hat zwar sein Protokoll ins Netz gestellt, aber es wurden nie kontrollierte Studien dazu gemacht, um eine Nutzen-Risiko-Analyse zu machen.

Wer wissenschaftlich arbeitet, untersucht zunächst seine Theorien und erst, wenn ein klarer Beweis für einen positiven Effekt gegeben ist  und die Rahmendaten stehen, sollte man in die Vermarktung gehen. Das ist bei ultrahochdosiertem Vitamin D bisher nicht passiert.

Seit vielen Jahrzehnten ist es in der Wissenschaft üblich erst empirische Studien an an vielen tausend Menschen durchzuführen, zu schauen ob eine Theorie stimmt oder nicht und nur bewiesene Theorien zu vermarkten.

Das ist bei Dr. Coimbra bisher nicht passiert. Vielmehr gibt es Coimbra-Patienten, die schwere Erkrankungen von der Behandlung bekommen haben, meist Nierenschäden.

In ordentlichen Studien würden Patienten extrem engmaschig untersucht, um mögliche Komplikationen sofort zu erkennen und gegenzusteuern.

Welchen Durchbruch wünschen Sie sich für die Behandlung der MS in den kommenden 5 Jahren?

Das die schwellende Entzündung der Gehirne von MS-Patienten besser behandelbar wird und die Diagnose quasi keinen Einfluss mehr auf das Leben der Patienten hat, weil Einschränkungen und Schübe vermieden werden können und somit gar kein Übergang in den chronisch-progredienten Verlauf mehr stattfindet.

Möchten Sie den Hörerinnen und Hörern noch etwas mit auf dem Weg geben?

Es gibt nicht den einen entscheidenden Faktor für die MS und deren Verlauf. Die Krankheit ist vielfältig. Vielmehr sollte man mit allen verfügbaren Mitteln das beste daraus machen – eine verlaufsmodifizierende Therapie gehört da genauso dazu, wie die genannten Lifestylefaktoren und ein gesundes und glückliches Leben zu führen.

Wie erreicht man sie und ihr Team vom Juliusspital erreichen?

Vor Ort auf der neurologischen Station am Juliusspital, aber auch im Rahmen der Amsel e.V. oder anderen Veranstaltungen zum Thema MS.

Service-Telefon der Neurologischen Klinik für stationäre Anmeldung, Rückfragen, Information
Mo-Do: 8:00 – 16:00 Uhr
Fr: 8:00 – 14:00 Uhr
Telefon 0931/393-394

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Vielen Dank für das geführte Interview an Prof. Dr. Mathias Mäurer!

Bestmögliche Gesundheit wünscht dir,
Nele

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Hier findest du eine Übersicht zu allen bisher veröffentlichten Podcastfolgen.

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