Heute spreche ich mit Dr. Emine Rabia Koç über das wichtige Zusammenspiel zwischen psychischer Gesundheit und der Versorgung von Patient:innen mit Multipler Sklerose, ein wichtiges Thema da Depression gehäuft auftritt. Als assoziierte Professorin an der medizinischen Fakultät der Uludağ Universität und engagierte Neurologin bringt Dr. Koç umfassendes Fachwissen und große Empathie in die MS-Community ein.
In diesem Interview spricht Dr. Koç über die tiefgreifenden Auswirkungen psychischer Belastungen wie Depressionen und Angststörungen auf die MS-Therapie und das Wohlbefinden der Patient:innen. Von ihrem persönlichen Werdegang im Bereich der Neuroimmunologie bis hin zu praxisnahen Tipps für Patient:innen und Angehörige gibt Dr. Koç wertvolle Einblicke in die Bedeutung einer umfassenden Versorgung, die körperliche und seelische Aspekte gleichermaßen einbezieht.
Das originale Interview wurde im September 2024 für den englischsprachigen MS-Perspektive Podcast „MS-Perspektive“ aufgenommen. In der Podcast-Folge spreche ich beide Parts selbst, basierend auf dem Transkript des Interviews.
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Einleitung – Wer ist Emine Rabia Koç?
Vielen Dank für die Einladung. Ich bin Emine Rabia Koç, assoziierte Professorin an der Uludağ Universität, Fakultät für Medizin, Abteilung für Neurologie. Die Arbeit im Bereich der Neurologie ist eine Leidenschaft für mich. Bereits während meiner Facharztausbildung haben mich Neuroimmunologie und Autoimmunerkrankungen des Nervensystems besonders interessiert. Nach Abschluss meiner Ausbildung habe ich begonnen, in diesem Bereich zu arbeiten und zu forschen. Je mehr ich lernte, desto größer wurde meine Begeisterung. Deshalb habe ich mich entschieden, meine Fortbildung auf diesem Gebiet fortzusetzen. Seit 2022 bin ich Teilnehmerin des MS-Masterprogramms, das in Partnerschaft mit der Universität Dresden und der European Charcot MS Foundation organisiert wird.
Außerdem bin ich Botschafterin der Sumaira Foundation, die sich weltweit für Menschen mit NMOSD und MOGAD einsetzt.
Ich versuche, mein Leben in einem guten Gleichgewicht zu halten. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Die Zeit mit ihnen ist für mich besonders wertvoll. In meiner Freizeit gehe ich gerne in der Natur spazieren, schwimme, fahre Fahrrad, lese Bücher und entdecke neue Orte und Kulturen.
Persönliche Motivation für die Berufswahl
Das klingt vielleicht traditionell, aber ich wollte schon als Kind Ärztin werden. Wie du weißt, betrifft MS vor allem junge Erwachsene. Sobald die Diagnose gestellt ist, wird man ein Teil des Lebens dieser Menschen. Man teilt ihre Freuden und Sorgen, erlebt mit ihnen besondere Momente wie Hochzeiten, Geburten und das Aufwachsen ihrer Kinder. Mit jeder neuen Patientin, jedem neuen Patienten beginnt eine neue Geschichte, die man gemeinsam schreibt.
Die komplexe, aber faszinierende Welt der Neurologie, die sich mit dem Gehirn und Nervensystem beschäftigt, bietet die Möglichkeit, das Leben von Menschen mit Erkrankungen wie MS positiv zu beeinflussen. Ich möchte mit meiner Arbeit nicht nur zur Forschung beitragen, sondern auch die Lebensqualität meiner Patient:innen verbessern – und im besten Fall mit ihnen gemeinsam Geschichten mit Happy End schreiben.
Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und Unterstützung für zukünftige Herausforderungen
Wie hat sich der Lockdown während der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit von MS-Patient:innen ausgewirkt, insbesondere in Bezug auf Angst, Depression und soziale Isolation?
Der Lockdown hatte erhebliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Menschen mit MS. Studien zeigen, dass viele Patient:innen in dieser Zeit verstärkten Stress, Angstzustände und depressive Symptome erlebt haben. Besonders betroffen waren jüngere Menschen, Patient:innen mit einem progredienten Verlauf sowie jene mit bereits bestehenden psychischen Erkrankungen.
Wie gut jemand mit der Situation zurechtkam, hing stark von den individuellen Bewältigungsstrategien ab. Wer aktiv mit Problemen umging und Lösungen suchte, kam emotional meist besser durch die Zeit. Wer hingegen wenig Ressourcen oder Strategien hatte, fühlte sich besonders belastet.
Ein großer Faktor war die soziale Isolation: Das Gefühl der Einsamkeit nahm zu, was depressive Verstimmungen und Ängste verschärfen konnte. Der fehlende direkte Kontakt zu Familie und Freund:innen hat die Situation für viele zusätzlich erschwert. Auch wenn einige Patient:innen anfangs gut zurechtkamen, besteht die Sorge, dass länger anhaltende Isolation langfristig zu einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit führen kann.
Kurz gesagt: Der Lockdown hat viele MS-Betroffene psychisch stark belastet – mit besonders hohem Risiko für bestimmte Gruppen. Umso wichtiger ist eine kontinuierliche psychologische Begleitung.
Welche Unterstützung sollte bereitstehen, falls es erneut zu einer ähnlichen Situation wie dem Lockdown kommt?
Für den Fall einer erneuten Krise sollten unbedingt alternative Angebote etabliert werden:
Telemedizinische Versorgungsmodelle,
virtuelle Selbsthilfegruppen,
niederschwellige psychologische Unterstützung,
digitale Plattformen für soziale Begegnung und Austausch.
Wichtig ist außerdem, das Bewusstsein für psychische Gesundheit zu stärken und langfristige Strukturen zu schaffen, die auch außerhalb von Krisenzeiten tragfähig sind.
Welche Lehren können wir aus der Pandemie für die Zukunft ziehen?
Für mich ist eine der wichtigsten Erkenntnisse: Die Pandemie hat uns deutlich vor Augen geführt, dass psychische Gesundheit genauso wichtig ist wie körperliche. Die Wirksamkeit von Online-Therapien und virtuellen Gruppenangeboten wurde klar sichtbar. In Zukunft sollten solche flexiblen und niedrigschwelligen Angebote fester Bestandteil der Versorgung werden.
Psychische Belastungen bei MS verstehen
Wie häufig sind Depressionen, Angststörungen oder bipolare Störungen bei Menschen mit MS?
Psychische Erkrankungen sind unter MS-Betroffenen weit verbreitet und beeinflussen sowohl den Krankheitsverlauf als auch die Lebensqualität erheblich.
Schätzungsweise 30 bis 50 Prozent aller MS-Patient:innen erleben im Verlauf ihrer Erkrankung eine schwere depressive Episode. Diese hohe Rate ist einerseits auf die Herausforderungen des Lebens mit einer chronischen Krankheit zurückzuführen, andererseits auf die biologischen Auswirkungen der MS selbst, die auch das emotionale Erleben beeinflussen können.
Auch Angststörungen treten bei MS häufig auf. Einige Expert:innen gehen davon aus, dass Angst genauso häufig ist wie Depression. Die Unvorhersehbarkeit der Symptome kann zu ständiger Anspannung und Unsicherheit führen.
Bipolare Störungen kommen bei MS-Patient:innen zwar seltener vor, treten jedoch ebenfalls häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung und können die Behandlung deutlich erschweren.
Wir wissen, dass psychische Belastungen mit geringerer Lebensqualität, stärkerer Fatigue und schlechterer Therapietreue verbunden sind. Werden diese Aspekte nicht erkannt und behandelt, können sich die gesundheitlichen Ergebnisse deutlich verschlechtern.
Warum sind Menschen mit MS besonders anfällig für psychische Erkrankungen?
Die hohe Anfälligkeit für psychische Erkrankungen bei MS hat biologische, psychologische und soziale Ursachen:
MS verursacht Entzündungen und Schäden im Gehirn, auch in Regionen, die für die Gefühlsverarbeitung zuständig sind. Das kann direkt zu Stimmungsschwankungen, depressiven Symptomen oder ängstlicher Unruhe führen.
Die chronische Entzündung beeinflusst auch die Botenstoffe im Gehirn, die für ein stabiles Gefühlsleben entscheidend sind.
Psychisch belastend ist auch die Diagnose selbst: Viele erleben Trauer, Angst vor Kontrollverlust oder Unsicherheit bezüglich ihrer Zukunft.
Hinzu kommen körperliche Einschränkungen und Veränderungen im Alltag, die Gefühle von Isolation und Hilflosigkeit verstärken können.
Deshalb ist es wichtig, psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen und als festen Bestandteil in die MS-Behandlung zu integrieren. Regelmäßige Screenings und ein interdisziplinärer Ansatz können helfen, diese Herausforderungen wirksam zu bewältigen.
Klinische Relevanz und therapeutische Bedeutung
Warum ist es so wichtig, psychische Belastungen bei der MS-Behandlung mitzudenken?
Die Berücksichtigung psychischer Gesundheit ist entscheidend für eine wirksame, ganzheitliche MS-Therapie. Denn psychische Erkrankungen wie Depression oder Angst haben direkte Auswirkungen auf den Behandlungserfolg.
Ganzheitliche Therapieplanung
Wenn Ärzt:innen psychische Belastungen erkennen, können sie Behandlungspläne entwickeln, die sowohl neurologische als auch psychologische Aspekte berücksichtigen. Die Therapie zielt dann nicht nur auf körperliche Symptome ab, sondern auch auf das seelische Wohlbefinden.
Therapietreue verbessern
Depressionen führen oft zu Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung. Viele Betroffene können dann ihre Therapie nicht wie vorgesehen einhalten. Wird die psychische Belastung frühzeitig erkannt, kann man gezielt unterstützen – etwa mit psychologischer Beratung oder medikamentöser Hilfe. Das verbessert die Therapie-Adhärenz deutlich.
Individuelle Anpassungen
Je nach psychischer Belastung lassen sich Therapiepläne individuell gestalten: Bei depressiven Symptomen kann die Einbindung von Psychotherapie, Antidepressiva oder auch gezielten Verhaltensänderungen hilfreich sein. Bei Angstzuständen können insbesondere Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie (CBT) effektiv dabei helfen, Symptome zu lindern und den Alltag besser zu bewältigen.
Verlaufsbeobachtung und Unterstützung
Patient:innen mit psychischen Belastungen benötigen häufig eine engmaschigere Betreuung. Regelmäßige Gespräche und kontinuierliche Unterstützungsangebote helfen dabei, frühzeitig auf Veränderungen zu reagieren und Stabilität zu fördern.
Lebensqualität verbessern
Die gezielte Behandlung psychischer Belastungen kann die Lebensqualität deutlich steigern: Sie verbessert soziale Beziehungen, stärkt familiäre Bindungen und fördert eine zuversichtlichere Grundhaltung. Wenn neurologische und psychologische Aspekte der MS gemeinsam betrachtet werden, profitieren die Patient:innen nachhaltig – sowohl in Bezug auf ihre Gesundheit als auch auf ihr seelisches Wohlbefinden.
Fazit: Das Verstehen und gezielte Behandeln psychischer Belastungen ist ein zentraler Bestandteil jeder wirksamen MS-Therapie.
Best Practices und Empfehlungen
Welche bewährten Ansätze zur Behandlung psychischer Belastungen bei MS hast du in der klinischen Praxis kennengelernt?
Das Wichtigste ist ein interdisziplinärer Ansatz: Nur durch die Zusammenarbeit von Neurolog:innen, Psycholog:innen, Physiotherapeut:innen und anderen Fachkräften kann eine ganzheitliche Betreuung gelingen.
Zu den wirksamen Strategien zählen:
individuelle Therapiepläne statt Standardlösungen,
gezielter Einsatz von Antidepressiva oder angstlösenden Medikamenten,
emotionale Unterstützung durch Gesprächspartner:innen und psychotherapeutische Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie (CBT),
Austausch in Selbsthilfegruppen, um soziale Isolation zu verringern,
regelmäßige körperliche Aktivität zur Förderung von Endorphinen und Stressabbau,
Entspannungstechniken wie Meditation, Atemübungen und Achtsamkeitstraining.
Welche Ratschläge gibst du MS-Betroffenen und ihren Angehörigen, die mit psychischen Herausforderungen kämpfen?
Ich möchte sowohl Patient:innen als auch Angehörigen einige wichtige Tipps mitgeben. Das Leben mit MS kann herausfordernd sein, aber mit den richtigen Strategien lässt sich vieles erleichtern.
Für MS-Betroffene:
Nicht isolieren: Der Kontakt zu anderen Betroffenen oder Selbsthilfegruppen kann sehr unterstützend wirken.
Gefühle mitteilen: Über Sorgen zu sprechen, entlastet. Ob mit Freund:innen, Familie oder Therapeut:innen – es hilft.
Kleine Ziele setzen: Der Alltag wird überschaubarer, wenn man Etappen statt Erwartungen definiert.
Selbstfürsorge ernst nehmen: Bewegung, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf wirken sich auch auf die Psyche positiv aus.
Mitfühlend mit sich selbst sein: Niemand muss perfekt sein. Freundlichkeit sich selbst gegenüber ist wichtig.
Für Angehörige und Pflegende:
Eigene Bedürfnisse nicht vernachlässigen: Nur wer auf sich selbst achtet, kann langfristig für andere da sein.
Unterstützung suchen: Austausch mit anderen Pflegenden oder professionelle Hilfe kann entlasten.
Zeit für sich selbst einplanen: Hobbys und Ruhezeiten helfen beim Krafttanken.
Offen kommunizieren: Ehrliche Gespräche mit den Betroffenen fördern gegenseitiges Verständnis.
Geduld haben: Wer MS besser versteht, kann empathischer begleiten.
Wenn sich beide Seiten unterstützen, wird der Weg gemeinsam leichter. Es ist eine Reise, die nicht alleine gegangen werden muss.
Screening und Diagnostik
Wer sollte in der MS-Versorgung auf psychische Erkrankungen wie Depression oder bipolare Störungen untersucht werden?
In unserer Klinik arbeiten wir mit einer Neuropsychologin zusammen, die jede neu diagnostizierte MS-Patientin und jeden Patienten bereits zu Beginn auf psychische Belastungen hin untersucht. Diese Screenings wiederholen wir alle sechs Monate. Sobald sich in den Ergebnissen Auffälligkeiten zeigen, erfolgt die gemeinsame Weiterbehandlung mit unseren Psychiater:innen. So stellen wir sicher, dass die psychische Gesundheit integraler Bestandteil der Versorgung ist.
Gibt es kurze Fragebögen oder Tools, mit denen sich psychische Belastungen frühzeitig erkennen lassen?
Ja, es gibt verschiedene Screening-Fragebögen, mit denen man Hinweise auf Depression, Angststörungen oder bipolare Symptome erfassen kann. Wichtig ist jedoch: Diese Tools dienen ausschließlich der Früherkennung und nicht der Diagnose. Bei Auffälligkeiten sollten immer Fachärzt:innen hinzugezogen werden, um eine fundierte Abklärung und geeignete Therapie zu ermöglichen.
Schnellfragen-Runde
Vervollständige den Satz: „Für mich ist Multiple Sklerose …“
… ein Puzzle mit vielen fehlenden Teilen.
Welche Entwicklung wünschst du dir im Bereich MS in den nächsten 5 Jahren?
Ich wünsche mir Fortschritte in der personalisierten Medizin – also individuell zugeschnittene Therapien auf Basis verlässlicher Biomarker, die den Krankheitsverlauf und das Ansprechen auf Behandlungen vorhersagen können. Und ich hoffe auf neue Therapieansätze, die Remyelinisierung fördern und Nervenzellen langfristig schützen. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass weltweit mehr Menschen Zugang zu MS-Therapien und Unterstützung erhalten.
Abschied & Ausblick
Welche ermutigenden Worte möchtest du unseren Hörer:innen mitgeben?
Seid hoffnungsvoll und geduldig.
Allen Menschen mit MS möchte ich sagen: Ihr seid nicht allein. Es gibt eine starke, unterstützende Community – und täglich macht die Forschung neue Fortschritte.
Vertraut auf eure innere Stärke, sucht aktiv nach Verbindungen zu anderen und erinnert euch daran: Jeder kleine Schritt zählt.
Eure Erfahrungen sind wichtig. Gemeinsam können wir für eine bessere Zukunft kämpfen.
Wie und wo kann man deine Arbeit und Forschung weiterverfolgen?
Wer sich für meine Arbeit interessiert, findet Informationen auf der Website meiner Universität sowie auf meinen Social-Media-Kanälen. Ich teile regelmäßig Beiträge und Erkenntnisse auf LinkedIn (Emine Rabia Koç) und Instagram (drkocrabia) und tausche mich dort gerne mit der MS-Community aus.
Bleiben wir in Kontakt – denn nur durch Austausch und Zusammenarbeit kommen wir weiter.
Vielen Dank an Dr. Emine Rabia Koç für die offenen Einblicke in die Verbindung von psychischer Gesundheit und MS – und für ihr Engagement für bessere Versorgung und Lebensqualität für Patient:innen weltweit.
Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele
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