In einer lebendigen Demokratie ist es wichtig, dass alle Menschen – auch diejenigen mit chronischen Erkrankungen – die Möglichkeit zur vollen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben haben. Wie das gelingen kann, welche Rolle politische Bildung dabei spielt und warum beim Engagement jede Stimme zählt, darüber spricht Julia Karnahl im folgenden Gespräch. Sie gibt Einblicke in ihre Arbeit, teilt persönliche Erfahrungen und zeigt Wege auf, wie wir gemeinsam unsere Demokratie stärken können.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Podcast Player. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Weitere Informationen 'Inhaltsverzeichnis
Vorstellung – Wer ist Julia Karnahl?
Ich arbeite seit November 2024 im Demokratie-Bereich der Hertie-Stiftung. Die Stiftung hat verschiedene Demokratie-Projekte, die sich an unterschiedliche Zielgruppen wenden. Es gibt zum Beispiel den Debattierwettbewerb „Jugend debattiert“ für Schülerinnen und Schüler. Es gibt das Projekt „Jugend entscheidet“, das Kommunen dabei unterstützt, Jugendbeteiligungsprojekte umzusetzen. Es gibt den „Business Council for Democracy“, der Unternehmen vernetzt, die sich demokratisch engagieren. Ich arbeite im Projekt „Beruf:Politik“, das jungen Menschen Wege in die Politik aufzeigt. Außerdem beschäftige ich mich mit Fragen der strategischen Weiterentwicklung für den gesamten Demokratie-Bereich.
Bevor ich zur Hertie-Stiftung kam, habe ich lange für eine Agentur für Kinder- und Jugendkommunikation gearbeitet und war dort für den Bereich politische Bildung zuständig. Ich habe z.B. den Deutschen Bundestag in der Kinder- und Jugendkommunikation und die Berliner Landeszentrale für politische Bildung bei der Social-Media-Kommunikation unterstützt.
Im Prinzip beschäftige ich mich also schon mein ganzes berufliches Leben damit, wie man Menschen für Politik und Demokratie begeistern kann. Ich habe auch gerade ein Buch veröffentlicht: „Politik verstehen und mitgestalten“. Darin erkläre ich einfach und verständlich, wie politische Entscheidungen entstehen und wie man sich daran beteiligen kann.
Was motiviert dich persönlich, dich für Demokratie und politische Bildung einzusetzen?
Demokratie ist die Basis unseres Zusammenlebens. Und ganz einfach gesagt: Ich möchte in keiner undemokratischen Gesellschaft leben. Mir sind zentrale demokratische Werte absolut wichtig: Gerechtigkeit, Gleichbehandlung, Menschenwürde, Freiheit.
Deshalb macht es mir große Sorge, dass die Demokratie als Staatsform an Zuspruch verliert, dass viele Menschen demokratischen Institutionen nicht mehr vertrauen und dass populistische und extremistische Kräfte an Macht gewinnen.
Dem möchte ich etwas entgegensetzen: Mit Aufklärung und Information, damit Menschen sich fundierte Meinungen bilden können. Mit Möglichkeitsräumen für Austausch und Beteiligung, damit möglichst viele Menschen sich einbringen können mit ihren Perspektiven, Sorgen, Wünschen und Ideen. Und mit positiven Visionen davon, wie ein demokratisches, gutes Zusammenleben aussehen kann.
Was bedeutet Demokratie – und warum ist sie wichtig?
Wie würdest du Demokratie in einfachen Worten definieren?
Demokratie bedeutet im Prinzip: Eine Gruppe von Menschen gibt sich selbst die Regeln, nach denen sie leben möchte.
In anderen Worten: Die Macht, Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen, geht vom Volk aus. Politiker und alle staatlichen Institutionen dürfen das nur im Auftrag der Menschen tun, sie müssen dazu legitimiert sein.
Gefährlich ist, dass es immer häufiger Gruppen gibt, die den Begriff Demokratie für sich beanspruchen, ihn aber falsch verwenden. Demokratie bedeutet nämlich nicht: Die Mehrheit entscheidet. Demokratie bedeutet viel mehr.
Was macht eine funktionierende Demokratie aus – und woran kann man sie erkennen?
Es gibt ein paar ganz wichtige Erkennungsmerkmale von modernen Demokratien:
Ein wichtiger Kern ist Partizipation, also die Möglichkeit für möglichst alle Menschen, sich gesellschaftlich und politisch einzubringen.
Repräsentation bedeutet, dass gewählte Politiker Entscheidungen treffen. Man nennt sie auch Volksvertreter, weil sie für begrenzte Zeit gewählt werden, um im Interesse der Menschen zu regieren. Diese Wahlen müssen frei sein, auch das ist entscheidend.
Dass die Menschen wirklich eine Wahl haben, bedeutet, dass es verschiedene Wahlmöglichkeiten geben muss, also verschiedene politische Ideen, verschiedene Parteien, die miteinander in einem fairen Wettbewerb stehen. Das nennt man Pluralismus.
Die staatliche Macht liegt in einer Demokratie nicht bei einer Institution allein, wie etwa der Regierung, sondern ist auch verschiedene Institutionen aufgeteilt, die sich gegenseitig kontrollieren. Das ist die Gewaltenteilung – sie verhindert Machtmissbrauch.
Absolut zentral für Demokratien ist natürlich auch, dass sie gewisse Grundrechte garantieren, die für alle Menschen gleich gelten.
Auch Rechtsstaatlichkeit ist ein wichtiges Prinzip. Das bedeutet, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, sich also an die bestehenden Gesetze halten müssen.
Und schließlich sind die meisten modernen Demokratien Sozialstaaten. Solidarität ist also ein wichtiges Prinzip: Wer nicht für sich selbst sorgen kann, für den sorgt die Gesellschaft.
Ich habe es vorher schon gesagt: Der Begriff Demokratie wird auch gerne von politischen Strömungen oder Machthabern benutzt, die ihn eigentlich missbrauchen. Es gibt Scheindemokratien, die auf dem Papier demokratisch aufgebaut sind, in der Realität aber diese demokratischen Prinzipien untergraben. Deshalb muss man tatsächlich genau schauen, ob die genannten demokratischen Grundsätze wirklich geachtet werden.
Warum profitieren besonders Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen von demokratischen Systemen?
Ich denke, Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen sind in gewisser Weise stärker abhängig von dem System, in dem sie leben, als andere.
Ob sie ein selbstbestimmtes Leben führen können, ob sie an gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen teilhaben können, hängt mitunter davon ab, ob es ihnen ermöglicht wird, ob sie dafür aktive Unterstützung bekommen. Da sind wir wieder beim Solidaritätsprinzip.
Ein ganz wichtiges Demokratie-Merkmal, das ich noch nicht genannt habe, ist der Minderheitenschutz. Viele Entscheidungen fallen in einer Demokratie ja nach dem Mehrheitsprinzip. Aber dabei müssen eben immer auch die Rechte von Minderheiten aktiv geschützt werden.
Menschen, die einer Minderheit angehören, haben oft schlechtere Voraussetzungen, gehört zu werden und ihre Interessen zu vertreten, deshalb ist es wichtig, dass sie vor Ausgrenzung geschützt werden und dass Staat und Gesellschaft sich Mühe geben, die Nachteile auszugleichen und für Chancengerechtigkeit zu sorgen.
Aktuelle Herausforderungen für unsere Demokratie
Was sind aus deiner Sicht die größten Gefahren oder Herausforderungen für die Demokratie heute – gerade in Deutschland oder Europa?
Erstens Populismus: Populisten stellen sich selbst als die einzig wahre Stimme des Volkes dar. Sie bieten einfache Antworten an, indem sie die Welt in Gut und Böse einteilen. Gerade in Krisensituationen, in denen Menschen verunsichert sind und Angst haben, bieten sie scheinbar Orientierung und Halt. Das Problem ist, dass das nur funktioniert, indem sie bestimmte Gruppen ausgrenzen, verächtlich machen und gegen sie hetzen.
Zweitens Falschinformationen: Davon gibt es leider immer mehr, besonders im digitalen Raum und ganz besonders auf Social-Media-Plattformen. Dort werden ganz gezielt Unwahrheiten verbreitet, um Menschen zu manipulieren, um Verwirrung zu stiften und Angst zu schüren.
Das alles führt zu einem Vertrauensverlust in das demokratische System: Alarmierend viele Menschen sind unzufrieden damit, wie die Demokratie umgesetzt wird. Manche sprechen Deutschland sogar ab, eine Demokratie zu sein und behaupten, die Politik setze sich über den Willen der Menschen hinweg. Das ist brandgefährlich, weil dem demokratischen System so seine Legitimierung genommen wird und manche Menschen das Gefühl bekommen, sich nicht mehr an seine Regeln halten zu müssen.
Warum glaubst du, dass gerade radikale Parteien wieder Zulauf haben?
Wir leben in einer globalisierten, vernetzen, stark beschleunigten und unfassbar komplexen Welt. Es ist unglaublich schwer, wenn nicht sogar unmöglich, den Überblick über alle Themen und Konflikte zu behalten, alle Zusammenhänge zu kennen, zu verstehen und richtig einzuordnen, zumal sich alles so schnell verändert.
Das ist eine riesige Überforderung, die vielen Menschen Angst macht – was auch absolut verständlich ist.
Und ich glaube, daher rührt im Kern das Bedürfnis vieler Menschen nach Orientierung, nach Ordnung, nach jemandem, der sagt: ‚Ich weiß, was richtig und was falsch ist, du musst mir nur folgen.‘ Aber so gibt man natürlich die Verantwortung ab und seine Selbstbestimmung auf.
Was macht einfache, markige Botschaften so anziehend – und warum greifen sie oft zu kurz?
Es ist anstrengend, Widersprüchlichkeiten auszuhalten, auf wichtige Fragen keine klare Antwort zu haben. Wenn wir auf die großen gesellschaftlichen Konflikte schauen – das Thema Migration zum Beispiel, die Situation im Nahen Osten, der Klimawandel: Das sind wahnsinnig komplexe Konflikte, in denen es ganz viele verschiedene Interessen gibt. Die alle zu verstehen und abzuwägen, zwischen ihnen zu vermitteln, das ist anstrengen.
Es wäre natürlich schön, einfache Lösungen zu haben. Man muss nur dies oder das tun, dann ist der Konflikt gelöst. Aber so einfach ist es eben leider nicht. In Konflikten gibt es immer verschiedene Perspektiven und was der eine sich wünscht, tut dem anderen weh.
Demokratie bedeutet ein ständiges Aushandeln und Neubewerten, die Suche nach Kompromisse. Und Kompromisse sind eben nicht die perfekte Lösung, sondern sie bedeuten für alle Seiten auch Abstriche. Demokratie ist anstrengend.
Deshalb glaube ich, das wichtigste Mittel, um gegen die Versuchung des Populismus anzukämpfen, ist, demokratische Kompetenzen zu vermitteln: Kritisch denken, Dinge hinterfragen, Widersprüche aushalten, Verantwortung übernehmen, konstruktiv und kooperativ denken und handeln, empathisch bleiben mit Umgang mit anderen, andere Perspektiven nachvollziehen, … – Diese Fähigkeiten brauchen wir, um die Demokratie zu erhalten.
Menschen mit Einschränkungen und radikale politische Kräfte
Welche Haltung haben radikale oder populistische Parteien gegenüber Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen?
Populistische und extremistische Kräfte leben davon, dass sie ein ‚Wir‘ definieren, also eine Gruppe, die als die Norm, als das Gute und Richtige empfunden wird. Das heißt aber auch: Wer dieser Norm nicht entspricht – zum Beispiel aufgrund seiner Religion, seiner sexuellen Orientierung oder eben einer chronischen Erkrankung oder Behinderung –, der wird als weniger wert empfunden. Und dementsprechend werden solche Menschen auch nicht geschützt, unterstützt und gefördert. Sie werden ausgegrenzt.
Welche krasses Auswirkungen das haben kann, hat man im Nationalsozialismus gesehen, als dieser völkisch-nationalistische Gedanken des ‚unwerten Lebens‘ dazu geführt hat, dass Menschen mit Krankheiten und Behinderungen für schreckliche medizinische Experimente freigegeben waren und systematisch weggesperrt oder sogar auf staatlichen Befehlt hin ermordet wurden.
Deswegen steht heute als erster Satz in unserem Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Nun fordert heute natürlich keine Partei in Deutschland, Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen umzubringen.
Aber wenn man sich die politischen Vorhaben von populistischen Parteien anschaut, kann man zum Beispiel beobachten, dass sie Antidiskriminierungsgesetze in der Regel ablehnen, dass sie sich also explizit nicht für den Schutz von Menschen einsetzen, die von anderen ausgegrenzt und benachteiligt werden.
Ein anderer ganz wichtiger Punkt ist das Thema Inklusion. Inklusion bedeutet ja, dass es jedem Menschen ermöglicht werden soll, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und es mitzugestalten. Das ist ein Grundrecht und in verschiedenen Gesetzen verankert.
Ich will zwei ganz konkrete Beispiele nennen, die sich auf die AfD beziehen und die deutlich zeigen, dass diese Partei nicht viel von Inklusion hält.
Im ersten Beispiel geht es um die Inklusion an Schulen. Deutschland hat 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention bestätigt und sich damit für die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung ausgesprochen. Björn Höcke, einer der bekanntesten AfD-Politiker, bezeichnete Inklusion in einem Interview mit der ARD als „Irrweg“ und „Belastungsfaktor“ für den Bildungsbereich. Die AfD spricht sich auch in ihrem Grundsatzprogramm gegen Inklusion an Schulen aus.
Das zweite Beispiel dreht sich um Barrierefreiheit. Sie soll unter anderem dafür sorgen, dass auch Menschen mit Beeinträchtigungen Zugang zu wichtigen Informationen haben. Deshalb bietet zum Beispiel die Tagesschau Nachrichten in Einfacher Sprache an. Diese bezeichnete Maximilian Krah, bei der letzten Europawahl Spitzenkandidat der AfD, als „Nachrichten für Idioten“. Das zeugt von einer bemerkenswerten Abwertung von Menschen mit Behinderung.
Deshalb kritisierten viele Organisationen, unter anderem auch der Bundesverband der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, diese Aussage auch in sehr klaren Statements.
Warum kann das für Betroffene gefährlich werden – auch wenn sie sich selbst nicht politisch engagieren?
Politische Rahmenbedingungen sind wichtig dafür, dass Betroffene selbstbestimmt leben können. Dass sie eben zum Beispiel Zugang zu Bildung haben. Dass sie natürlich auch Zugang zu medizinischer Versorgung und zu Assistenzen haben, damit sie sich selbstständig bewegen können. Dass in Forschung investiert wird, die Krankheiten besser erforschen.
Und natürlich wirken politische Entscheidungen beziehungsweise auch schon politische Forderungen sich auch auf das gesellschaftliche Klima aus. Es ist kein Zufall, dass es in Gesellschaften, in denen populistische und extremistische Kräfte großen Zuspruch bekommen, mehr Anfeindungen und Übergriffe auf Menschen gibt, die nicht der Norm entsprechen.
Demokratie braucht Beteiligung – aber wie?
Warum ist es wichtig, dass auch Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen ihre Stimme erheben und sich einbringen?
Einschränkungen, die man selbst nicht erlebt, hat man natürlich erst mal weniger auf dem Schirm. Deshalb ist es so wichtig, dass Betroffene ihre Perspektive einbringen und sich politisch Gehör verschaffen, damit anderen Menschen überhaupt klar wird, was die jeweiligen gesundheitlichen Einschränkungen bedeuten und welche Unterstützungen nötig sind. Das ist die Grundlage dafür, dass entsprechende politische Entscheidungen getroffen werden.
Und auch gesellschaftlich ist es natürlich wichtig, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen sichtbar sind, dass sie als Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden – und als Menschen, die nicht nur für ihre Rechte einstehen, sondern die auch einen wertvollen Beitrag leisten zu einer vielfältigen Gesellschaft.
Welche Möglichkeiten gibt es – jenseits von Parteien – politisch aktiv zu sein oder Einfluss zu nehmen?
Die offensichtlichste Möglichkeit ist wahrscheinlich: wählen gehen. Klingt simpel, aber tatsächlich gehen ja sehr viele Menschen nicht zur Wahl, aus verschiedenen Gründen: Enttäuschung, Unentschlossenheit, dem Gefühl, nichts bewirken zu können. Sich vor einer Wahl gut zu informieren und dann der Partei seine Stimme zu geben, von der man denkt, dass sie die eigenen Interessen am besten vertritt, ist aber wirklich ein sehr wichtiger demokratischer Akt.
Es ist aber natürlich absolut nicht die einzige Möglichkeit.
Es gibt Interessensvertretungen, bei denen man sich engagieren kann, um die eigenen Vorstellungen laut zu vertreten und auch mit der Politik oder mit Medienvertretern direkt ins Gespräch zu kommen. Das können zum Beispiel Verbände sein oder auch Institutionen wie etwa das Behindertenparlament in Berlin, das Forderungen erarbeitet und dann dem Abgeordnetenhaus übergibt.
Man kann auch als Einzelperson mit Politikern ins Gespräch gehen, um die eigenen Positionen zu erklären, zum Beispiel in Bürgersprechstunden, Bürgerdialogen oder über Einwohneranfragen.
Es gibt Vereine und NGOs, in denen man sich für ein Thema engagieren und damit dazu beitragen kann, dass es gesellschaftlich wahrgenommen und diskutiert wird.
Wenn man konkrete Anliegen hat, kann man sich mit Gleichgesinnten zusammentun und Initiativen gründen oder Petitionen schreiben. Petitionen, die man an den Bundestag schickt, müssen übrigens dort vom zuständigen Ausschuss behandelt und auch beantwortet werden.
Natürlich ist auch Protest ein legitimes Mittel, die eigene Meinung kundzutun. Wenn man etwa mit einer politischen Entscheidung unzufrieden ist, kann man dagegen protestieren, ob auf einer Demonstration, per Unterschriftensammlung oder auf anderem Wege.
Und auch wenn du nach Möglichkeiten „jenseits von Parteien“ gefragt hast, möchte ich zuletzt noch mal den Weg über Parteien betonen. Denn das Engagement innerhalb einer Partei hat natürlich den ganz großen Vorteil, dass man eine große Organisation im Rücken hat, mit Strukturen, die die Arbeit erleichtern, und vor allem mit Menschen, die sich für ähnliche Dinge einsetzen. Dass Menschen mit einer Behinderung an hohe politische Ämter gelangen wie
Heike Heubach, die erste gehörlose Bundestagsabgeordnete, ist zwar nicht die Regel, aber natürlich möglich. Und es gibt in Parteien natürlich viele weniger sichtbare, aber dennoch wichtige und einflussreiche Positionen.
Was wünschst du dir von der Politik, damit die Belange chronisch kranker Menschen besser vertreten werden?
Ich wünsche mir, dass Politiker die Interessen und Bedürfnisse von chronisch kranken Menschen ernst nehmen. Dass sie aktiv diese Perspektiven suchen, anhören und einbeziehen – und auch dazu beitragen, dass dieser Diskurs öffentlich geführt wird.
Und ich wünsche mir natürlich, dass Betroffene die nötige Unterstützung bekommen, dass in Forschung investiert wird und dass das Thema Inklusion auf allen Ebenen ernsthaft vorangetrieben wird.
Komplexität & Kommunikation
Politik wirkt auf viele Menschen unübersichtlich und weit weg – wie kann man erklären, dass demokratische Entscheidungsprozesse oft Zeit brauchen?
Im Prinzip ist es völlig logisch, dass demokratische Entscheidungen Zeit brauchen. Denn bei jeder Entscheidung gibt es verschiedene Interessen, die gehört und abgewogen werden müssen. Man muss nach Kompromissen suchen, sie aushandeln. Und dann muss man auch prüfen, ob sie rechtlich zulässig sind.
Wenn man sich zum Beispiel den Weg eines Gesetzes im Bundestag anschaut: Da wird ein Vorschlag eingebracht, in der Regel von der Regierung oder von einer Fraktion. Dieser Vorschlag wird dann im Plenum öffentlich diskutiert, das heißt, jede Fraktion darf ihre Meinung dazu erläutern. Dann beschäftigen sich die zuständigen Fachpolitiker in den Ausschüssen damit. Sie hören meistens Experten und Betroffene an und bearbeiten daraufhin dann den Entwurf. Danach wird er wieder debattiert und erst dann wird darüber abgestimmt.
Das dauert natürlich, aber es ist eben auch ein gründlicher und gewissenhafter Prozess.
Das heißt natürlich nicht, dass es nicht politische Prozesse gibt, die man auch effizienter und schlanker gestalten könnte. Natürlich wäre eine modernere Bürokratie, die agiler auf drängende Themen reagieren kann wünschenswert. Aber der Prozess der politischen Meinungsbildung und Entscheidung braucht Zeit.
Was könnte Politik tun, um Menschen besser mitzunehmen und wieder stärker für demokratische Werte zu begeistern?
Sie könnte und sollte transparenter sein, nahbarer: Begegnungen und Austausch ermöglichen, mehr zuhören und verständlicher erklären, warum Entscheidungen zum Beispiel komplex sind und Zeit brauchen.
Sie könnte auch offener sein, indem sie zum Beispiel Fehler zugibt. Eine bessere Fehlerkultur in der Politik könnte zu mehr Verständnis, mehr Vertrauen und besseren Erkenntnisprozessen führen.
Auch ganz wichtig: Politik muss positive Zukunftsvisionen entwickeln. Das ist eine große Herausforderung für die Demokratie aktuell: aus der Verteidigung gegen populistische und extremistische Strömungen rauszukommen und wieder mehr eigene, positive, starke Ideen zu entwickeln.
Verabschiedung
Welchen Tipp hast du für Menschen mit MS oder anderen chronischen Erkrankungen, die sich von Politik enttäuscht fühlen?
Mitmachen: Mit Politikern sprechen, die eigene Position erklären, sich organisieren, Verbündete finden, eigene Ideen einbringen – mit all den Möglichkeiten, die die Demokratie für Beteiligung bietet.
Und natürlich: Nicht auf die vermeintlich einfachen Antworten von Populisten hereinfallen, sondern immer versuchen, verschiedene Perspektiven zu sehen und zu verstehen und zu akzeptieren, dass Kompromisse Arbeit sind.
Was gibt dir Hoffnung, dass unsere Demokratie auch in Zukunft stark bleiben kann?
Die jungen Menschen, denen ich im Rahmen meiner Arbeit ständig begegne und die Ideen haben, wie sie gerne leben möchten, was ihnen wichtig ist – und die Lust haben, mitzugestalten.
Und die vielen anderen Akteure – ob es zivilgesellschaftliche Organisationen sind oder Lehrkräfte, Unternehmen, die sich für die Gesellschaft organisieren oder natürlich auch politische Akteure –, die sich für die Demokratie engagieren. Das Problembewusstsein wächst und auch das Verständnis dafür, alle gesellschaftlichen Bereiche etwas dafür tun müssen, die Demokratie zu erhalten und vor allem mit Leben zu füllen.
Wo kann man mehr über deine Arbeit oder die Gemeinnützige Hertie-Stiftung erfahren?
Die Hertie-Stiftung hat natürlich eine Webseite, auf der alle Demokratieprojekte und auch die Aktivitäten im Bereich Gehirn erforschen und MS beschrieben sind: Demokratie stärken, Gehirn erforschen: Gemeinnützige Hertie-Stiftung
Es gibt zudem einen Newsletter, die Hertie Notizen, und einen LinkedIn-Kanal, die über aktuelle Projekte, Erkenntnisse, Veranstaltungen, Kooperationen, etc. informieren.
Hertie-Notizen. Wir melden uns!: Gemeinnützige Hertie-Stiftung
(1) Gemeinnützige Hertie-Stiftung: Beiträge | LinkedIn
Und die einzelnen Projekte haben größtenteils auch eigene Webseiten, Newsletter und Social-Media-Kanäle auf LinkedIn, Instagram und TikTok.
Gemeinnützige Hertie-Stiftung (@doing.politics) • Instagram-Fotos und -Videos
doing.politics (@doing.politics) | TikTok
Die Hertie-Stiftung organisierte regelmäßig öffentliche Veranstaltungen zu Demokratie-Themen, auf denen man nicht nur dazulernen, sondern sich vor allem auch mit interessanten und engagierten Menschen vernetzen kann.
Vielen Dank an Julia Karnahl und die Gemeinnützige Hertie-Gesellschat für die vielen verschiedenen Initiativen, um Demokratie zu stärken und natürlich für all die Arbeit rund um das Thema Gehirn erforschen.
Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele
Mehr Informationen und positive Gedanken erhältst Du in meinem kostenlosen Newsletter.
Hier findest Du eine Übersicht zu allen bisherigen Podcastfolgen.
* Dieser Text enthält Affiliatelinks. Das bedeutet, dass ich eine kleine Vergütung bekomme, wenn du das von mir empfohlene Produkt über den Link erwirbst. Für dich ändert sich dadurch nichts am Kaufpreis. Und mir hilft es dabei, die Kosten für den Blog zu tragen und neue Beiträge zu schreiben.






