Multiple Sklerose (MS) ist eine Erkrankung, die oft mit unsichtbaren Einschränkungen einhergeht. Anky Kauderer erzählt im Interview von ihrem persönlichen Weg: von der Diagnose 2011, über den Schritt in die Frührente, bis hin zu ihrem Engagement als Mutmacherin und Kinderbuchautorin. Ein Gespräch, das zeigt, wie man trotz Rückschlägen Hoffnung und Lebensfreude bewahren kann.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Podcast Player. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Weitere Informationen 'Inhaltsverzeichnis
Vorstellung & Diagnose
Magst du dich unseren Hörer:innen kurz vorstellen – wer bist du, wie lebst du, und wie hat MS deinen Alltag geprägt?
Anky: Ich bin Ann-Kathrin, aber die meisten nennen mich einfach Anky. Ich bin 37 Jahre alt, lebe in Baden-Württemberg, bin verheiratet und Hundemama. Von Freunden werde ich oft als lebensfroh und humorvoll beschrieben. MS begleitet mich inzwischen seit vielen Jahren und hat meinen Alltag natürlich geprägt – mal mehr, mal weniger sichtbar.
Wann und wie hast du die Diagnose Multiple Sklerose erhalten, und wie hast du diese Zeit erlebt?
Anky: Meine Diagnose kam kurz vor Weihnachten 2011 – quasi als „Weihnachtsgeschenk“. Zuerst hatte ich eine taube Gesichtshälfte, dann eine taube Hand. Mein Hausarzt hat schnell reagiert, ich kam ins MRT und direkt in die Klinik – mit Verdacht auf Hirntumor oder Krebs. Nach ein paar Tagen stand fest: es ist MS. Das war einerseits ein Schock, andererseits eine Erleichterung, weil es eben kein Tumor war.
Hattest du schon vorher Symptome, die rückblickend zur MS gehörten?
Anky: Nein, überhaupt nicht. Ich hatte nie merkliche Ausfälle, auch rückblickend nicht. Im MRT sah man allerdings alte Läsionen, das heißt, es gab schon länger Veränderungen im Gehirn – nur eben unbemerkt.
Was hat dir in den ersten Monaten oder Jahren nach der Diagnose geholfen, deinen Weg zu finden?
Anky: Ehrlich gesagt habe ich die MS lange verdrängt. Erst 2016 wurde mir so richtig bewusst, dass ich chronisch krank bin. Mir hat Psychotherapie sehr geholfen, weil ich niemanden in meinem Alter im Umfeld hatte, der betroffen war. Social Media war damals noch nicht so präsent, Selbsthilfegruppen waren oft viel älter. Umso wichtiger war die Unterstützung meiner Familie und Freunde, die mich ohne Wenn und Aber akzeptiert haben.
Krankheitsverlauf & Therapieentscheidungen
Wurden dir zu Beginn verlaufsmodifizierende Therapien empfohlen, und wie hast du dich entschieden?
Anky: Ja, gleich in der Klinik wurde das angesprochen. Für mich war klar: ich möchte etwas tun. Da schon alte Herde da waren, habe ich Anfang 2012 mit Medikamenten gestartet.
Hast du bereits Therapiewechsel hinter dir?
Anky: Mehrere. Manche Präparate haben nicht gewirkt, andere hatten starke Nebenwirkungen – von Depressionen bis hin zu Leberproblemen. Ich musste immer wieder wechseln. Seit 2021 habe ich endlich ein Medikament, das wirkt und das ich gut vertrage.
Nutzt du symptomatische Therapien?
Anky: Ja, regelmäßig. Ich habe durch einen Schub eine leichte Halbseitenlähmung behalten und gehe deshalb wöchentlich zu Physio- und Ergotherapie. Außerdem mache ich Psychotherapie und ergänzend einen Sportkurs für Gleichgewicht und Kräftigung. Das hilft mir sehr.
Wie hast du deinen Lebensstil angepasst?
Anky: Ich habe gelernt, Pausen einzuplanen und Prioritäten zu setzen. Früher hatte ich FOMO – Fear of Missing Out, die Angst, etwas zu verpassen. Heute sage ich mir: Qualität statt Quantität. Ich gehe bewusst zu den Dingen, die mir wichtig sind, und lasse anderes weg. Ernährung spielt auch eine Rolle – ich vermeide Lebensmittel, die mir nicht guttun.
Wie geht es dir aktuell mit deiner MS – und was war mit deiner geplanten Zugspitz-Besteigung?
Anky: Im Moment geht es mir recht gut, auch wenn Symptome bleiben. Die Zugspitze konnten wir wetterbedingt nicht schaffen, aber wir haben stattdessen einen anderen Gipfel bestiegen. Hoch ging es noch – aber runter war extrem anstrengend, ohne Seilbahn. Trotzdem war es ein tolles Erlebnis.
Leben mit MS & Frührente
Wie kam es dazu, dass du den Schritt in die Frührente gegangen bist?
Anky: 2019 habe ich freiwillig reduziert, weil Vollzeit nicht mehr ging. In Reha wurde mir dann geraten, einen Rentenantrag zu stellen. Nach weiteren Tests wurde klar: auch leichte Arbeit geht nur noch zwei bis drei Stunden täglich. Heute bin ich froh über die Frührente, weil ich meine Gesundheit in den Fokus stellen kann – auch wenn es ein harter Prozess war.
Was waren die größten Herausforderungen?
Anky: Vor allem das Rechtfertigen. Viele verstehen nicht, dass man trotz Rente noch spazieren gehen oder Freunde treffen kann, aber keine vier Stunden am Stück arbeiten. Diese ständigen Kommentare waren belastend. Und natürlich die Unsicherheit, weil die Rente immer nur befristet ist.
Wie hast du deinen Alltag neu gestaltet?
Anky: Struktur ist wichtig. Ich stehe jeden Morgen auf, gehe mit dem Hund raus, habe feste Therapietermine und plane mir auch feste Tage für Haushalt oder Social Media ein. Das gibt meinem Alltag Halt. Gleichzeitig nehme ich mir die Freiheit, auch mal nichts zu schaffen, wenn es nicht geht.
Welche Tipps gibst du anderen Betroffenen?
Anky: Traut euch, ehrlich zu sein und eure Grenzen zu akzeptieren. Lasst euch in Reha prüfen, was wirklich noch geht – das ist sehr hilfreich. Und denkt daran: weder Arbeitgeber noch ihr selbst habt etwas davon, wenn ihr euch überlastet.
Kreativität & Inklusion: Kinderbuch „Freundschaften mit Handicap“
Was hat dich inspiriert, ein Kinderbuch zu schreiben?
Anky: Die Idee kam von meiner besten Freundin, die auch MS hat. Ihre Kinder stellten viele Fragen, und wir wollten kindgerecht erklären, warum Mama manchmal nicht alles kann. So entstand die Idee eines Buchs mit Tieren, die verschiedene Einschränkungen haben.
Welche Botschaft steckt dahinter?
Anky: Freundschaft ist stärker als jede Einschränkung. Wenn jemand etwas nicht kann, findet man gemeinsam Alternativen. Es geht um Zusammenhalt und darum, Lösungen zu suchen.
Wie war der Entstehungsprozess?
Anky: Wir haben die Figuren entworfen, ich schrieb die Texte, meine Freundin illustrierte. Mit einem Crowdfunding konnten wir einen Großteil der Kosten decken und das Buch selbst verlegen. Heute kann man es über unsere Website oder Social Media bestellen – mit Widmung.
Gab es Reaktionen, die dich berührt haben?
Anky: Ja, besonders bei Lesungen, wo Kinder und Erwachsene unseren Symptom-Parcours ausprobieren konnten – zum Beispiel Brillen für Sehstörungen oder Übungen, die Fatigue simulieren. Viele sagten: „Jetzt verstehe ich besser, wie sich das anfühlt.“ Das war unglaublich wertvoll.
Engagement bei aMStart
Wie bist du zu aMStart gekommen, und was machst du dort?
Anky: Über Jasmin, die das Projekt gestartet hat. Bei aMStart spreche ich mit neu diagnostizierten MS-Betroffenen – aber auch mit länger Erkrankten. Es ist ein Austausch, der beiden Seiten guttut.
Welche Fragen begegnen dir häufig?
Anky: Viele wollen wissen: „Muss ich mein ganzes Leben ändern?“ oder „Wie sieht es in fünf Jahren aus?“. Ich kann dann zeigen, dass trotz Einschränkungen viel möglich bleibt.
Was bedeutet dir dieses Engagement?
Anky: Sehr viel. Ich hätte mir so etwas zu Beginn meiner MS gewünscht. Heute kann ich anderen Mut machen und gleichzeitig selbst viel aus den Gesprächen mitnehmen.
Tipp: Hier geht es zum Interview mit aMStart Gründerin Jasmin Mir.
Wünsche & persönliche Ziele
Hast du einen großen Wunsch?
Anky: Es sind viele kleine Wünsche. Ein großer Traum ist eine Reise nach Neuseeland. Außerdem möchte ich noch einige Gipfel besteigen – und hoffe, dass meine Gesundheit stabil bleibt.
Tipp: Vielleicht interessiert dich das übersetze Interview mit Lori Schneider, die den jeweils höchsten Gipfel aller Kontinente bestiegen hat oder das Original in Englisch.
Welche Entwicklung wünschst du dir in der MS-Forschung?
Anky: Mehr Fortschritte bei progredienter MS. Schübe kann man mittlerweile gut behandeln, aber die stille Verschlechterung ist noch ein großes Thema. Auch Ursachenforschung wäre wichtig.
Blitzlicht-Runde
Was war der beste Ratschlag, den du jemals erhalten hast?
Anky: „Stell dir vor, dein Kredit ist keine Schuld, sondern wie Miete an die Bank.“ – das hat mir viel Druck genommen.
Mit welcher Person würdest du gern einmal ein Kamingespräch führen und zu welchem Thema?
Anky: Mit meinen Großeltern, um mehr über ihr Leben zu erfahren.
Vervollständige den Satz: „Für mich ist die Multiple Sklerose…“
Anky: …ein Teil von mir, der mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin.
Welches Buch oder Hörbuch, dass du kürzlich gelesen hast, kannst du uns empfehlen und worum geht es darin?
Die Krimis von Jussi Adler-Olsen – spannend und überraschend bis zum Schluss.
Verabschiedung
Welchen Tipp würdest du deinem jüngeren Ich geben?
Anky: Du musst nicht immer stark sein. Nimm dir Zeit, um die Diagnose zu verarbeiten.
Was möchtest du den Hörer:innen noch mitgeben?
Anky: Glaubt der Diagnose, aber nicht der Prognose. Jeder hat Einfluss darauf, wie er mit MS lebt.
Wo findet man dich im Internet?
Anky: Unter „Anky and MS“ bin ich auf verschiedenen Plattformen aktiv. Du findest mich hier:
Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele
Mehr Informationen und positive Gedanken erhältst Du in meinem kostenlosen Newsletter.
Hier findest Du eine Übersicht zu allen bisherigen Podcastfolgen.
* Dieser Text enthält Affiliatelinks. Das bedeutet, dass ich eine kleine Vergütung bekomme, wenn du das von mir empfohlene Produkt über den Link erwirbst. Für dich ändert sich dadurch nichts am Kaufpreis. Und mir hilft es dabei, die Kosten für den Blog zu tragen und neue Beiträge zu schreiben.






