#324: ECTRIMS 2025: Erste Einblicke für MS-Patient:innen

Das European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis (ECTRIMS) ist der weltweit größte Fachkongress, der sich ausschließlich mit Multipler Sklerose (MS) beschäftigt. Jedes Jahr treffen sich hier tausende Forschende, Ärztinnen und Ärzte sowie Patientenvertreter:innen, um die neuesten Erkenntnisse zu präsentieren und zu diskutieren. 2025 findet der Kongress in Barcelona statt – mit über 9.000 Teilnehmenden aus mehr als 100 Ländern. Für Patientinnen und Patienten ist ECTRIMS eine wichtige Quelle der Hoffnung: Hier zeigt sich, wohin die Forschung geht und welche Durchbrüche die Versorgung künftig prägen könnten.

Im offiziellen Presskit heißt es: „ECTRIMS ist das weltweit größte Treffen, das sich auf MS-Forschung und klinische Versorgung konzentriert und Fachleute aus aller Welt anzieht.“ Genau deshalb lohnt sich ein Blick auf die vorgestellten Studien und ihre Bedeutung für den Alltag mit MS.

Mehr Infos auf der ECTRIMS 2025 Webseite.

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Inhaltsverzeichnis

1. PIRA Biomarkers: Frühe Anzeichen für Krankheitsaktivität

Eine der wichtigsten Erkenntnisse vom ECTRIMS 2025 betrifft die Behinderungszunahme unabhängig von Schüben (engl. PIRA). Damit ist das versteckte Fortschreiten der Behinderung bei MS gemeint – auch ohne akute Schübe. Forschende präsentierten erstmals Belege, dass bestimmte Proteine in der Rückenmarksflüssigkeit frühe Hinweise auf PIRA liefern können.

Warum das wichtig ist: Eine frühere Erkennung könnte helfen, Therapien gezielter einzusetzen und neue Wirkstoffe gegen dieses „stille“ Fortschreiten zu entwickeln. Noch handelt es sich um frühe Forschungsergebnisse, aber die Daten sind vielversprechend. Weitere Studien müssen folgen, bevor diese Marker in der Praxis genutzt werden können.

Bedeutung für Patient:innen: PIRA ist real und relevant – und die Forschung arbeitet daran, es früher zu erkennen. Das könnte eines Tages helfen, Behandlungen rechtzeitig anzupassen.

Quelle: Landwehr A., et al. Proteomic Signatures of PIRA: Distinct proteins in cerebrospinal fluid are associated with progression independent of relapse activity in multiple sclerosis. Presented at ECTRIMS 2025, Barcelona, Spain

2. Menopause und MS: Hormone und Gesundheitsrisiken

Ein weiteres Thema betrifft viele Frauen mit MS: die Menopause. Die präsentierte Studie zeigte Unterschiede bei Symptomen und Begleiterkrankungen zwischen prä- und postmenopausalen Frauen. Hormonelle Veränderungen scheinen zu beeinflussen, ob der Sehnerv oder das Rückenmark zuerst betroffen ist. Auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen könnte sich verändern.

Die Forschenden betonen jedoch: Dies ist ein junges Forschungsfeld, es braucht deutlich mehr Daten. Trotzdem ist es ein wichtiger Schritt in Richtung einer individuelleren Versorgung von Frauen mit MS.

Bedeutung für Patientinnen: Die Menopause könnte einen Einfluss auf die Krankheitsausprägung haben, die Belege sind aber noch nicht ausreichend. Sprich mit Deinem Behandlungsteam über Symptome und allgemeine Gesundheit in dieser Phase.

Quelle: Şimşek SY. Impact of Menopause on Initial Clinical Presentation and Comorbidities in Women with Multiple Sclerosis: A Comparative Study with Age-Matched Men. Presented at ECTRIMS 2025, Barcelona, Spain

3. Hochverarbeitete Lebensmittel: Zusammenhang mit Krankheitsaktivität

Viele Betroffene fragen: Was kann ich selbst tun? Eine vorgestellte Studie zeigte, dass ein höherer Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel mit mehr Schüben und mehr MRT-Läsionen bei Menschen mit früher MS verbunden war. Hochverarbeitete Lebensmittel sind industriell hergestellte Produkte mit viel Zucker, Fett, Salz und Zusatzstoffen – etwa Snacks, Softdrinks oder Fertiggerichte.

Wichtig: Die Studie zeigt nur einen Zusammenhang, keinen eindeutigen Beweis für Ursache und Wirkung. Menschen, die viele Fertigprodukte essen, haben oft auch andere Risikofaktoren. Dennoch passt das Ergebnis zu unserem Wissen über Entzündung und allgemeine Gesundheit.

Bedeutung für Patient:innen: Nicht alle Risiken sind beeinflussbar – Ernährung aber schon. Weniger Fertigprodukte und mehr frische Lebensmittel sind wahrscheinlich ein Plus für Gesundheit und Wohlbefinden.

Quelle: Dalla Costa G. Association of Ultra-Processed Food Intake with Increased MS Disease Activity: Findings from the BENEFIT Trial. Presented at ECTRIMS 2025, Barcelona, Spain

4. Ozon-Belastung im Kindes- und Jugendalter: Umweltrisiken

MS betrifft nicht nur die, die bereits erkrankt sind – viele denken auch an das Risiko für ihre Kinder. Ich gehöre dazu und möchte so gut es geht vermeiden, dass meine Kinder eines Tages an MS erkranken. Kinder von Menschen mit MS haben ein leicht erhöhtes Erkrankungsrisiko. Neue Daten zeigen, dass eine hohe Ozon-Belastung vor Krankheitsbeginn dieses Risiko zusätzlich erhöhen kann. Laut Studie steigt das Risiko pro Expositionseinheit um etwa 10 %.

Das ist der erste konsistente Nachweis eines Zusammenhangs zwischen Ozon und pädiatrischer MS. Familien können Luftqualität zwar nicht direkt steuern, doch Bewusstsein für solche Faktoren stärkt die öffentliche Gesundheitsvorsorge.

Bedeutung für Patient:innen: Das absolute Risiko bleibt niedrig. Saubere Luft und Umwelt sind jedoch wichtig – für alle.

Quelle: Pugliatti M., Bergamaschi R., Pilotto A., Ghezzi A., et al. Exposure to ozone is associated with an increased risk of pediatric multiple sclerosis (pedMS): the PEDIGREE study. Abstract IMS25-LBA-176. Presented at ECTRIMS 2025, Barcelona, Spain

5.Ocrelizumab: Wirksam, aber mit Grenzen

Auch Ocrelizumab, eine weit verbreitete Therapie, stand im Fokus. In Praxisdaten zeigte es eine stärkere Kontrolle von Schüben im Vergleich zu Fingolimod, Natalizumab und Alemtuzumab. Die Unterschiede waren moderat, aber relevant. Allerdings konnte Ocrelizumab das stille Fortschreiten (PIRA) nicht verhindern.

Das zeigt: Aktuelle Therapien wirken sehr gut gegen Schübe, bremsen aber das unsichtbare Fortschreiten nicht. Hier sind neue Behandlungsansätze dringend notwendig.

Bedeutung für Patient:innen: Ocrelizumab ist eine der wirksamsten Therapien zur Schubreduktion. Doch Forschung bleibt entscheidend, um das stille Fortschreiten besser zu stoppen.

Quelle: Roos I. Real-world effectiveness of ocrelizumab in multiple sclerosis: a multi-registry observational cohort study. Presented at ECTRIMS 2025, Barcelona, Spain

6. Evidenz verstehen: Statistische vs. klinische Signifikanz

Studienergebnisse sind nicht immer leicht einzuordnen. Zwei Begriffe helfen:

  • Statistische Signifikanz: Ein Ergebnis ist wahrscheinlich nicht durch Zufall entstanden.

  • Klinische Signifikanz: Das Ergebnis ist groß genug, um den Alltag spürbar zu beeinflussen.

Außerdem wichtig: relative vs. absolute Zahlen. Ein „50 % Risikoreduktion“ klingt viel – aber wenn das Ausgangsrisiko 2 von 100 beträgt, sinkt es auf 1 von 100. Beide Sichtweisen sind wertvoll, absolute Zahlen zeigen oft den praktischen Nutzen besser.

Fazit und Ausblick

ECTRIMS 2025 bringt spannende und ermutigende Einblicke – von Biomarkern für das stille Fortschreiten über Ernährung und Umwelteinflüsse bis hin zu Frauen- und Therapiethemen. Für Patientinnen und Patienten heißt das: Die Forschung entwickelt sich stetig weiter. Nicht jede Erkenntnis verändert sofort die Versorgung, doch jeder Schritt baut die Grundlage für bessere, individuellere Behandlungen.

Weitere Einblicke vom ECTRIMS 2025 folgen in den kommenden Tagen hier bei MS-Perspektive.

Hinweis: Diese Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung. Besprich Deine individuellen Therapieentscheidungen und Lebensstilfragen immer mit Deinem Behandlungsteam.

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