Die Medizin befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Wandel. Digitale Technologien, Künstliche Intelligenz (KI) und neue Kommunikationsformen verändern nicht nur Diagnostik und Therapie, sondern auch das Verhältnis zwischen Ärztinnen und Patientinnen.
Über diese Entwicklung, die Chancen und Herausforderungen von Shared Decision Making (gemeinsamer Entscheidungsfindung) und die Bedeutung von Menschlichkeit im digitalen Zeitalter spreche ich in dieser Folge mit Dr. Alexandra Widmer – Fachärztin für Neurologie und Psychotherapie, Gründerin von docsdigital connect und Host des Podcasts DocsDigital.
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Über Alexandra Widmer und ihren Weg in die digitale Medizin
Alexandra, viele kennen dich vielleicht noch nicht. Magst du dich einmal kurz vorstellen und erzählen, wie du zur digitalen Medizin gekommen bist?
Dr. Alexandra Widmer: Sehr gern. Ich bin seit über 20 Jahren Ärztin, Neurologin und Psychotherapeutin – eine Kombination, die mich bis heute fasziniert. Schon früh habe ich gemerkt, dass neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose nicht nur das Nervensystem betreffen, sondern das ganze Leben und die Psyche.
Mich hat immer interessiert, wie mentale Prozesse und körperliche Symptome zusammenspielen – und wie man beides besser verbinden kann.
Parallel habe ich 2007 begonnen, mich mit digitaler Kommunikation zu beschäftigen. Ich war damals selbst alleinerziehend und habe einen Blog für Alleinerziehende aufgebaut – mit über einer Million Aufrufen. Dort habe ich medizinisch-therapeutische Themen erklärt, Podcasts produziert und gemerkt, wie stark digitale Formate Menschen erreichen können, die sonst keine Zeit oder keinen Zugang zu Therapie haben. Das war mein Einstieg in die Welt der digitalen Medizin.
Vom Blog zur digitalen Versorgung
Du warst also eine echte Pionierin?
Dr. Alexandra Widmer: (lacht) Vielleicht ein bisschen. Ich habe damals noch in einem großen internationalen Digital-Health-Unternehmen gearbeitet und ein Ärztinnen- und Therapeutinnenteam geleitet. Wir haben über 10.000 Patientinnen mit neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen digital begleitet – lange bevor es „Apps auf Rezept“ oder DiGA (digitale Gesundheitsanwendungen) offiziell gab.
Damals war ich noch kritisch, ob digitale Tools wirklich etwas bringen. Aber inzwischen sehe ich, dass Blended Care, also die Kombination aus persönlicher Betreuung und digitalen Angeboten, die Versorgung verbessert. Man kann Patientinnen engmaschiger begleiten, sie werden aktiver und selbstbewusster im Umgang mit ihrer Krankheit
Kommunikation und Aufklärung als Schlüssel
Du verbindest Medizin, Psychotherapie und Kommunikation. Das ist eher ungewöhnlich.
Dr. Alexandra Widmer: Ja, ich habe lange gedacht, ich müsse mich entscheiden – entweder Ärztin oder Therapeutin oder Kommunikatorin. Heute weiß ich, dass gerade diese Kombination meine Stärke ist. Ich liebe Aufklärung, ich liebe Gespräche auf Augenhöhe.
Und ich finde es wichtig, dass wir als Ärztinnen nicht nur Medikamente verschreiben, sondern auch erklären, was im Körper passiert – und zuhören, was Patientinnen wirklich brauchen.
KI in der Arzt-Patienten-Beziehung – vom Zweier- zum Dreiergespräch
Wir haben uns ja kennengelernt, als wir am Whitepaper zu Künstlicher Intelligenz in der gemeinsamen Entscheidungsfindung gearbeitet haben. Wie siehst du die Rolle von KI in der Arzt-Patienten-Beziehung?
Dr. Alexandra Widmer: Ich finde, wir erleben gerade den Beginn eines echten Paradigmenwechsels. Früher saßen Arzt und Patient zu zweit im Raum. Heute sitzt da oft noch jemand Drittes mit: die KI.
Patient*innen informieren sich im Vorfeld, stellen Fragen an Chatbots, laden Befunde hoch oder vergleichen Medikamente. Ich hatte kürzlich einen Patienten, der seine gesamten Unterlagen in einen personalisierten GPT hochgeladen hatte. Er kam mit einer fertigen Entscheidung zu mir – die KI hatte ihm Diagnosen und Therapievorschläge geliefert. Das war für mich ein Schlüsselmoment.
Ich habe dann mit ihm über Datenschutz, Datenflüsse und Grenzen solcher Systeme gesprochen. Aber gleichzeitig habe ich gemerkt: Diese Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Die Frage ist nicht ob, sondern wie wir KI sinnvoll integrieren, ohne die Menschlichkeit zu verlieren.
Die Rolle der Ärztin neu denken
Das ist sicher herausfordernd für viele Ärzt*innen.
Dr. Alexandra Widmer: Absolut. Wir müssen unsere Rolle neu definieren. Früher waren Ärztinnen die alleinigen Wissenshüterinnen. Heute ist Wissen überall verfügbar. Unsere Aufgabe ist es, Informationen einzuordnen, Risiken zu erklären und den Menschen emotional zu begleiten.
Ich frage inzwischen jeden neuen Patient*in, wie sie sich informieren – hören Sie Podcasts, lesen Sie Fachbücher, nutzen Sie KI? Nur wenn ich das weiß, kann ich sinnvoll beraten.
Und ich sehe es positiv: KI demokratisiert die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Es gibt weniger Hierarchie, mehr Miteinander.
Wie Patient*innen heute informiert sind
Das passt zu meinem Eindruck. Patient*innen kommen heute viel informierter in die Praxis.
Dr. Alexandra Widmer: Ja, und das ist eine große Chance. Wer versteht, was im eigenen Körper passiert, kann besser mitentscheiden und Verantwortung übernehmen.
Aber wir müssen auch vermitteln, dass es Unterschiede gibt: Eine frei verfügbare KI ist kein Medizinprodukt. Medizinische Apps – wie zertifizierte DiGAs – sind geprüft, datensicher und wissenschaftlich fundiert. Das wissen viele nicht, und hier liegt eine neue Aufgabe für uns Ärzt*innen.
Digitalisierung als Chance für chronisch Erkrankte
Welche Auswirkungen haben diese Entwicklungen speziell auf Menschen mit chronischen Erkrankungen wie MS?
Dr. Alexandra Widmer: Ich sehe vor allem eine enorme Stärkung der Selbstwirksamkeit. Menschen können sich Informationen in verständlicher Sprache holen, Symptome besser beobachten, ihren Alltag dokumentieren.
Das führt zu mehr Autonomie und weniger Ohnmacht. Gleichzeitig ermöglicht die Technik, früher einzugreifen – Stichwort Sekundärprävention.
Früher wurden MS-Patient*innen nach der Diagnose oft allein gelassen. Heute gibt es Podcasts wie deinen, Online-Communities, digitale Begleitprogramme. Das verändert alles.
Empowerment durch Technologie
Ich versuche im Podcast ja auch, Menschen zu ermutigen, aktiv zu werden. Raus aus der Opferrolle, rein ins Handeln.
Dr. Alexandra Widmer: Genau das ist der Punkt. Diese Haltung macht den Unterschied. KI kann hier unterstützen, etwa durch Informationen, Erinnerungen oder Reflexionsfragen. Aber sie ersetzt keine Therapie und kein echtes Gespräch.
Die besten Ergebnisse entstehen, wenn Technik und Mensch zusammenarbeiten – also Shared Decision Making wirklich gelebt wird: Der Mensch bleibt der Entscheidungsträger, die KI liefert nur Daten und Struktur.
Was Patient*innen realistischerweise erwarten dürfen
Viele fragen sich: Was darf ich heute eigentlich von einer guten ärztlichen Begleitung erwarten?
Dr. Alexandra Widmer: Zunächst einmal Ehrlichkeit und Respekt. Kein Arzt, keine Ärztin kann alles wissen. Aber man sollte bereit sein, zuzuhören, gemeinsam nachzudenken und transparent zu sein.
Gleichzeitig müssen Patientinnen auch verstehen, dass Ärztinnen unter großem Druck stehen. Empathie ist keine Einbahnstraße – sie funktioniert in beide Richtungen.
Und: Es lohnt sich, den passenden Arzt oder die passende Ärztin zu suchen. Das ist wie ein „Match“. Wenn Vertrauen und Kommunikation stimmen, kann man vieles besser bewältigen – gerade bei chronischen Erkrankungen.
KI als Unterstützung im Alltag
Wie kann KI konkret im Alltag unterstützen?
Dr. Alexandra Widmer: Viele Patient*innen nutzen KI inzwischen, um Arztgespräche vorzubereiten – das ist super. Man kann sich Symptome strukturieren lassen, Fragen formulieren oder Befunde in einfacher Sprache zusammenfassen.
Auch zur Nachbereitung ist KI hilfreich: Man kann ein Gespräch kurz zusammenfassen oder sich Notizen diktieren.
Aber wichtig ist: KI ist kein Diagnoseinstrument. Sie kann Orientierung geben, aber keine individuelle medizinische Einschätzung ersetzen. Das muss immer im Austausch mit Fachpersonal geschehen.
Vertrauen, Transparenz und Menschlichkeit
Das bringt uns zu einem zentralen Punkt: Vertrauen. Wie verändert sich das Verhältnis zwischen Arzt und Patient durch digitale Tools?
Dr. Alexandra Widmer: Vertrauen entsteht durch Transparenz. Ich finde, wir müssen offenlegen, wo wir als Ärztinnen KI einsetzen – etwa bei der Auswertung von Untersuchungen oder in Dokumentationen.
Und genauso offen sollten Patientinnen sagen dürfen, wenn sie KI genutzt haben, um sich vorzubereiten. Nur dann entsteht eine ehrliche, gleichberechtigte Kommunikation.
KI darf niemals Empathie ersetzen. Sie kann unterstützen, aber das Zuhören, das Mitfühlen, das gemeinsame Nachdenken – das bleibt zutiefst menschlich.
Ein Blick in die Zukunft
Wie siehst du die Zukunft der Medizin in den nächsten fünf Jahren?
Dr. Alexandra Widmer: Ich hoffe, dass wir einen guten Mittelweg finden: Technologie nutzen, aber Menschlichkeit bewahren.
Ich wünsche mir personalisierte KI-Lösungen, die in zertifizierte Gesundheitsanwendungen integriert sind – sicher, reguliert und wirklich hilfreich.
Und ich wünsche mir, dass Mediziner*innen künftig stärker als Digitallotsen auftreten: Wir begleiten, erklären, ordnen ein.
Das Wissen ist überall verfügbar – entscheidend wird, wie wir es gemeinsam nutzen.
Abschließende Gedanken
Was möchtest du unseren Hörer*innen noch mitgeben?
Dr. Alexandra Widmer: Seid neugierig, aber kritisch. Probiert digitale Tools aus, aber bleibt euch selbst treu.
Und vor allem: Seht Technologie als Chance zur Selbstermächtigung – nicht als Bedrohung.
Denn der Wandel in der Medizin kann nur gelingen, wenn wir ihn gemeinsam gestalten.
Wo findet man dich online?
Und hier geht’s zum Whitepaper inklusive praktischen Leitpfaden. Dort lernst du, wie du mithilfe von KI auf Augenhöhe mit deinem Ärzt:innenteam gemeinsam Entscheidungen treffen kannst.
Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele
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