#331: Diagnose von Multipler Sklerose: Wie die 2024 McDonald-Kriterien Ärzten helfen, MS früher zu erkennen

Der Weg bis zur Diagnose Multiple Sklerose (MS) kann lang und verwirrend sein. Die Symptome kommen und gehen, die Testergebnisse sind manchmal unklar, und viele Menschen warten Monate oder sogar Jahre auf Gewissheit.

Umso besser, dass ein internationales Expertengremium 2024 die offiziellen McDonald-Kriterien überarbeitet hat. Die Regeln, nach denen Ärzte MS diagnostizieren. Diese aktualisierten Kriterien ermöglichen es, MS früher und mit größerer Sicherheit zu bestätigen, sodass die Behandlung früher beginnen kann. Ein Schritt, der den langfristigen Verlauf der Krankheit positiv beeinflussen kann.

Die neuen Empfehlungen wurden vom International Panel on the Diagnosis of Multiple Sclerosis entwickelt, einer Gruppe von NeurologInnen, RadiologInnen und anderen SpezialistInnen aus der ganzen Welt. Ihre Arbeit wurde im Oktober 2025 in The Lancet Neurology veröffentlicht.

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Inhaltsverzeichnis

Warum sich die Kriterien regelmäßig ändern

Die Medizin entwickelt sich weiter, ebenso wie unser Verständnis von MS. Seit der Einführung der ersten Version der McDonald-Kriterien im Jahr 2001 haben Forscher immer mehr darüber gelernt, wie MS entsteht, wie sie sich in MRT-Aufnahmen darstellt und welche biologischen Marker zur Bestätigung beitragen.

Jede Überarbeitung – 2005, 2010, 2017 und nun 2024 – hatte dasselbe Ziel:

👉 die Diagnose schneller, genauer und weniger abhängig vom Auftreten mehrerer Schübe zu machen.

Die Aktualisierung von 2024 ist die bisher patientenorientierteste. Sie integriert neue wissenschaftliche Erkenntnisse, verbesserte MRT-Technologie und klare Regeln für seltene Fälle. Sie berücksichtigt auch, dass MS manchmal sogar vor dem Auftreten eines zweiten klinischen Schubs erkannt werden kann – wenn andere starke Indikatoren vorliegen.

So diagnostizieren Ärzte MS – Schritt für Schritt

Obwohl jede Patientengeschichte einzigartig ist, erfolgt die Diagnose der MS in der Regel in mehreren Schritten. Gehen wir diese Schritt für Schritt durch – und zwar leicht verständlich.

1. Klinische Symptome

Alles beginnt mit neurologischen Symptomen, die auf eine Entzündung im Zentralnervensystem hindeuten – zum Beispiel Sehstörungen, Taubheitsgefühl, Schwäche, Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen.

ÄrztInnen bezeichnen das erste Auftreten neurologischer Symptome, die länger als 24 Stunden andauern, als klinisch isoliertes Syndrom (KIS).

2. MRT-Befund

Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist der Grundpfeiler der MS-Diagnose. Sie hilft dabei, Läsionen – kleine Entzündungsherde und Gewebeschäden im Gehirn oder Rückenmark – sichtbar zu machen.

Um MS zu bestätigen, suchen Ärztinnen und Ärzte nach Anzeichen für:

  • Dissemination in Space (DIS): Schädigungen an verschiedenen Stellen des zentralen Nervensystems (z. B. Gehirn und Rückenmark).
  • Dissemination in Time (DIT): Läsionen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgetreten sind, was auf eine anhaltende Aktivität hindeutet.

3. Analyse der Rückenmarksflüssigkeit

Eine Lumbalpunktion (Spinalpunktion) kann oligoklonale Banden (OKBs) nachweisen – spezifische Antikörper, die auf eine Immunaktivität im Zentralnervensystem hinweisen. Ihr Vorhandensein stützt die MS-Diagnose, selbst wenn die MRT-Befunde grenzwertig sind.

4. Ausschluss anderer Ursachen

MS ist eine Ausschlussdiagnose – ÄrztInnen müssen andere Ursachen wie Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD), MOG-Antikörper-Erkrankungen oder bestimmte Infektionen ausschließen.

Was ist neu in den 2024 McDonald-Kriterien?

Die Überarbeitung von 2024 enthält mehrere wichtige Änderungen, die darauf abzielen, MS früher, aber dennoch sicher zu erkennen. Hier sind die wichtigsten Neuerungen:

1. Stärkere Rolle der Liquorbefunde

Wenn eine Person nur ein klinisches Ereignis hat, aber die MRT typische MS-Läsionen zeigt, kann das Vorhandensein von oligoklonalen Banden im Nervenwasser nun ausreichen, um die Diagnose zu bestätigen – ohne auf einen weiteren Schub zu warten.

Dies ist ein großer Fortschritt, da es eine frühere Behandlung ermöglicht, wenn die biologischen Anzeichen bereits eindeutig sind.

2. Radiologisch isoliertes Syndrom (RIS)

Dies ist eine der am meisten diskutierten Änderungen.

RIS bedeutet, dass jemand für MS typische MRT-Läsionen aufweist, aber noch keine klinischen Symptome hat.

In früheren Versionen der Kriterien wurde RIS nicht als MS angesehen – Ärzte mussten warten, bis Symptome auftraten.

Nach den Kriterien von 2024 kann nun bei einer Untergruppe von RIS-Patienten die Diagnose MS gestellt werden, wenn zusätzliche Hinweise dafür vorliegen, zum Beispiel

  • Läsionen an mehreren typischen Stellen (periventrikulär, juxtakortikal, infratentoriell oder im Rückenmark),
  • das Vorhandensein von oligoklonalen Banden im Liquor und
  • spezifische MRT-Merkmale, die eine Verschlechterung vorhersagen.

Diese Änderung bestätigt, was Forscher seit Jahren beobachten: Einige Menschen mit RIS weisen bereits eine stille Entzündungsaktivität auf, die mit ziemlicher Sicherheit zu MS führen wird.

3. Bessere Integration der Befunde zum Sehnerv und Rückenmark

Die neuen Kriterien erkennen ausdrücklich an, dass Schädigungen des Sehnervs und des Rückenmarks als Hinweis auf eine räumliche Ausbreitung gelten.

Dies ist hilfreich in Fällen, in denen optische oder spinale Symptome zuvor „nicht ausreichten”, um MS zu bestätigen.

4. Klarere Definitionen und standardisierte Bildgebung

Das Gremium führte klarere MRT-Protokolle, Mindestanzahlen von Läsionen für die Interpretation und bessere Definitionen dessen ein, was als „typische MS-Läsion” gilt.

Dadurch sollte die Konsistenz zwischen Krankenhäusern und RadiologInnen weltweit verbessert werden.

Was ist gleich geblieben?

Die Grundlage bleibt unverändert:

  • Objektive Nachweise durch MRT oder Nervenwasser sind erforderlich,
  • alternative Erklärungen müssen ausgeschlossen werden,
  • klinisches Urteilsvermögen bleibt unverzichtbar – kein Algorithmus kann Erfahrung ersetzen.

Insgesamt hat sich das Gleichgewicht jedoch leicht in Richtung früherer Erkennung verschoben, anstatt lange Wartezeiten in Kauf zu nehmen.

Warum eine frühzeitige Diagnose entscheidend ist

Je früher MS diagnostiziert wird, desto eher kann mit der Behandlung begonnen werden – und das kann für die langfristigen Ergebnisse entscheidend sein.

Immuntherapien reduzieren nicht nur Schübe, sondern können auch die zunehmende Behinderung verlangsamen oder sogar verhindern. Studien haben gezeigt, dass Menschen, die kurz nach ihrem ersten Schub mit der Behandlung beginnen, oft viel länger aktiv, mobil und unabhängig bleiben.

Ebenso wichtig ist, dass eine frühzeitige und sichere Diagnose Klarheit und emotionale Erleichterung bringt. Sie beendet die Unsicherheit, die viele Menschen empfinden, während sie „auf den zweiten Schub warten”.

Was ist mit Menschen mit KIS oder RIS?

Wenn Dir in der Vergangenheit mitgeteilt wurde, dass Du ein klinisch isoliertes Syndrom (KIS) oder ein radiologisch isoliertes Syndrom (RIS) hast, könnte es sich lohnen, Deine Diagnose erneut zu überprüfen.

Die neuen Kriterien für 2024 können bedeuten, dass einige dieser Fälle nun die Definition von MS erfüllen.

Das bedeutet nicht automatisch, dass eine Behandlung erforderlich ist – aber es bedeutet, dass es sich lohnt, dies erneut mit einem Neurologen zu besprechen, insbesondere wenn neue MRT-Befunde vorliegen oder die letzte Untersuchung bereits mehrere Jahre zurückliegt.

Neue Biomarker und Bildgebungsmerkmale

Über die offiziellen Aktualisierungen hinaus erforschen WissenschaftlerInnen neue Marker, die die MS-Diagnose in naher Zukunft weiter verbessern könnten.

Zwei der vielversprechendsten sind Eisenrandläsionen (IRLs) und Kappa-freie Leichtketten (κ-FLCs).

Eisenrandläsionen sind dunkel umrandete Flecken auf fortgeschrittenen MRT-Scans, die auf eine anhaltende Entzündung in älteren MS-Plaques hinweisen. Sie sind hochspezifisch für MS, aber noch nicht Teil der Diagnosekriterien, da sie ein Hochfeld-MRT und standardisierte Bildgebungsprotokolle erfordern.

Bei der Untersuchung des Liquors könnten κ-FLCs bald oligoklonale Banden als schnelleren, standardisierteren Marker für die Immunaktivität ergänzen oder sogar ersetzen.

Derzeit gelten beide als neue Instrumente, die wahrscheinlich Einfluss auf die nächste Generation von Diagnosekriterien haben werden.

Andere MRT-Marker – wie das zentrale Venenzeichen, die leptomeningeale Kontrastmittelanreicherung und kortikale Läsionen – werden ebenfalls auf ihr Potenzial hin untersucht, die Diagnosegenauigkeit zu verbessern und MS-spezifische Entzündungsmuster zu identifizieren.

Fazit

  • Die McDonald-Kriterien von 2024 ermöglichen eine frühere und präzisere Diagnose von MS.
  • Liquorbefunde spielen nun eine noch wichtigere Rolle.
  • Einige Menschen mit RIS könnten bereits die Definition von MS erfüllen.
  • Frühe Diagnose = frühere Behandlung = bessere Langzeitergebnisse.

MS bleibt eine komplexe Erkrankung, aber diese Neuerungen sind ein wichtiger Schritt in Richtung einer zeitnahen Versorgung und einer verbesserten Lebensqualität.

Schlusswort

Wissen stärkt PatientInnen. Wenn du oder jemand, den du kennst, mit KIS, RIS oder frühen Anzeichen von MS lebt, solltest du mit deinem Neurologen oder deiner Neurologin über die neuen Diagnoserichtlinien sprechen.

Die Medizin entwickelt sich ständig weiter – und dank der fortlaufenden internationalen Zusammenarbeit haben Menschen mit MS heute bessere Chancen denn je, die richtige Diagnose frühzeitig zu erhalten und eine Behandlung zu beginnen, die die Prognose positiv beeinflusst.

Quelle

The Lancet Neurology (October 2025) — Diagnosis of multiple sclerosis: 2024 revisions of the McDonald criteria by the International Panel on the Diagnosis of Multiple Sclerosis.

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