Schleichende Verschlechterung bei MS erkennen – lange wurde dieses Thema unterschätzt, obwohl viele Betroffene davon berichten. Selbst wenn keine Schübe auftreten und das MRT ruhig wirkt, kann sich die Erkrankung leise weiterentwickeln. Genau darüber spreche ich in dieser Podcastfolge mit Prof. Dr. Heinz Wiendl, einem der führenden Expert:innen für Neuroimmunologie.
Er erklärt, warum diese stille Form der Progression in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus gerückt ist, welche biologischen Prozesse dahinterstehen und wie sowohl Ärzt:innen als auch Patient:innen feine Veränderungen früher wahrnehmen können. Wir sprechen über unsichtbare Symptome, Grenzen klassischer Messmethoden, neue Forschungsansätze und warum die kommenden Jahre große Hoffnung für die MS-Behandlung bieten.
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Einstieg & persönliche Vorstellung
Herr Professor Wiendl, würden Sie sich bitte kurz vorstellen? Wer sind Sie und wie sind Sie zur Erforschung der Multiplen Sklerose gekommen?
Prof. Dr. Heinz Wiendl: Gerne. Mein Name ist Heinz Wiendl, ich bin Professor für Neurologie und mein Spezialgebiet ist die Neuroimmunologie, insbesondere die Multiple Sklerose. Ich habe berufliche Stationen in Würzburg, Münster und bin seit einem Jahr Ärztlicher Direktor der Neurologie am Universitätsklinikum Freiburg.
Ich setze mich stark dafür ein, Erkenntnisse aus der Forschung in die Versorgung zu übertragen – unter anderem im krankheitsbezogenen Kompetenznetzwerk MS (KKNMS), dessen Sprecher ich bin. Dort arbeiten wir an Qualitätssicherung und daran, wissenschaftliche Erkenntnisse in die klinische Versorgung einfließen zu lassen.
Was bedeutet „schleichende Verschlechterung“?
Lange galt: Wer keine Schübe hat und keine neuen Läsionen, dessen MS ist unter Kontrolle. Was hat dieses Bild ins Wanken gebracht?
Prof. Dr. Heinz Wiendl: Tatsächlich hat man viele Jahre gedacht, Schübe seien der wesentliche Treiber der Erkrankung. Mit sehr wirksamen Therapien gelingt es uns inzwischen, Schübe komplett zu stoppen. Und trotzdem sehen wir Patientinnen und Patienten, die sich langsam weiter verschlechtern.
Drei Entwicklungen haben dieses Bild verändert:
Klinische Beobachtung: Auch ohne Schübe schreitet die Behinderung bei manchen weiter voran – wir nennen das „Progression unabhängig von Schubaktivität“.
Pathologie: Unter dem Mikroskop erkennt man Läsionen, die dauerhaft aktiv bleiben – sogenannte schwelende Läsionen.
Bildgebung: Es gibt diffuse Veränderungen im Gehirn, die nichts mit klassischen, scharf begrenzten Herden zu tun haben.
Diese drei Erkenntnisse zeigen: Schübe sind nur ein Teil der Erkrankung.
Wie oft tritt diese Form auf – und betrifft sie alle oder nur bestimmte Patient:innen?
Prof. Dr. Heinz Wiendl: Es betrifft nicht alle. Die Diskussion erweckt manchmal den Eindruck, aber tatsächlich sind es ungefähr 20–30 %, die trotz guter Schubkontrolle eine schleichende Verschlechterung zeigen.
Sie kann:
früh auftreten,
erst spät, wenn die Regenerationsfähigkeit abnimmt,
oder als Mischbild zusammen mit Schüben.
Die Kunst ist, früh zu erkennen, wen es betrifft. Viele Patient:innen sind unter Therapie stabil und haben keine dieser Prozesse.
Endophänotypen – was steckt dahinter?
Sie haben zu Endophänotypen geforscht. Wie helfen sie, schleichende Verschlechterungen besser zu verstehen – und was sind Endophänotypen überhaupt?
Prof. Dr. Heinz Wiendl: Endophänotypen sind immunologische Muster im Blut, die früh nach der Diagnose messbar sind.
Wir konnten drei Typen identifizieren:
stärker entzündlich geprägt,
weniger entzündlich, dafür mit geringerer Erholungstendenz,
ein Zwischen-Typ.
Wir wissen noch nicht sicher, ob ein bestimmter Typ stärker mit schleichender Verschlechterung zusammenhängt – das wird gerade erforscht. Aber Endophänotypen können helfen, Therapieansprechen und Prognose besser einzuordnen.
Möglichkeiten der Erkennung
Warum bleibt schleichende Verschlechterung oft lange unbemerkt?
Prof. Dr. Heinz Wiendl: Zum einen, weil die etablierten Skalen wie die EDSS hauptsächlich die Gehfunktion erfassen.
Zum anderen, weil unsichtbare Symptome wie:
Gedächtnis und Konzentration,
Fatigue,
Blasenfunktion,
Spastik
oft nicht ausreichend berücksichtigt werden.
Jede Veränderung in einer dieser Dimensionen kann ein Zeichen für schleichende Verschlechterung sein. Mir ist wichtig: Es geht nicht nur um Motorik – MS ist eine Ganzhirnerkrankung.
Welche Rolle spielt das MRT – und wo sind seine Grenzen?
Prof. Dr. Heinz Wiendl: Das MRT zeigt wichtige Signale wie:
zunehmende Hirnatrophie,
Hinweise auf schwelende Läsionen.
Aber:
Es reicht nicht, nur auf neue Läsionen zu schauen.
Das MRT bildet nicht alles ab, was klinisch relevant ist. Deshalb müssen wir mehrere Ebenen kombinieren – Symptome, Selbstauskunft, neurologische Untersuchung und Bildgebung.
Digitale Tools kommen dazu, aber es gibt noch keinen Standard, auf den sich alle verlassen könnten.
Was können Patient:innen selbst tun?
Prof. Dr. Heinz Wiendl: Patientinnen und Patienten können viel beitragen:
standardisierte Selbstbeobachtung nutzen,
regelmäßig Veränderungen dokumentieren,
nicht nur auf den jährlichen Arzttermin warten.
Wichtig ist aber auch: MS ist nicht tagesformabhängig. Ein permanentes 24h-Monitoring ist nicht sinnvoll.
Wesentlich ist die langfristige Entwicklung über Monate.
Zusammenarbeit von Forschung & Praxis
Welche Erkenntnisse zur stillen Entzündung fließen in die Versorgung ein?
Prof. Dr. Heinz Wiendl: Zunächst: Die schleichende Verschlechterung ist real – das zeigen pathologische, bildgebende und immunologische Studien eindeutig.
Was fehlt, sind klare Biomarker. Wir hätten gern einfache Blut- oder Liquorwerte wie bei Diabetes. Die gibt es noch nicht.
Die Forschung versucht aktuell:
Mechanismen zu verstehen,
diese Mechanismen im lebenden Menschen messbar zu machen,
und die Messung mit klinisch relevanten Veränderungen zu verknüpfen.
Es dauert, weil diese drei Ebenen – Biologie, Messbarkeit und klinische Wirkung – oft schwer miteinander in Einklang zu bringen sind.
Wo sehen Sie Lücken in der Diagnostik?
Prof. Dr. Heinz Wiendl: Die größte Lücke ist das Fehlen eindeutiger Marker.
Wir hätten gern einen Test, der uns sagt: „Das ist eine schleichende Verschlechterung.“
Den gibt es nicht.
Aber wir werden besser – ich bin sicher, dass wir in zwei bis drei Jahren wesentlich genauer wissen werden, was biologisch passiert und wie wir es messen können.
BTK-Inhibitoren – was macht diesen Ansatz besonders?
Die BTK-Inhibitoren stehen kurz vor der Zulassung. Was zeichnet diesen Ansatz aus – und für welche Patient:innengruppen könnte er besonders interessant sein?
Prof. Dr. Heinz Wiendl: Die BTK-Inhibitoren sorgen gerade für sehr viel Furore, weil sie eine Wirkstoffgruppe darstellen, die etwas tut, was wir bisher therapeutisch nicht adressieren konnten. Sie hemmen ein spezielles Enzym – die Bruton-Tyrosinkinase (BTK) – das sowohl B-Zellen als auch Mikroglia benötigen.
B-Zellen kennen wir gut aus der MS-Therapie, sie spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung der Erkrankung. Aber Mikroglia, die Immunzellen im zentralen Nervensystem, rücken zunehmend in den Fokus, wenn wir über die schleichende Verschlechterung sprechen.
Bisher hatten wir keine Therapie, die Mikroglia gezielt beeinflusst. BTK-Inhibitoren könnten das verändern.
Ein weiterer Punkt ist, dass es sich um kleine Moleküle handelt, die ins zentrale Nervensystem eindringen. Genau dort entstehen die Prozesse, die vermutlich zur schleichenden Verschlechterung beitragen. Dass die Substanzen also „dorthin kommen, wo sie hingehören“, ist ein ganz entscheidender Unterschied zu bisherigen Therapien.
Und: Es sind Tabletten, also oral einnehmbar.
Ein Beispiel für einen dieser Wirkstoffe ist Tolebrutinib. Er wird aktuell in einem sehr großen Studienprogramm untersucht –
bei schubförmiger MS,
bei nicht-schubförmiger, sekundär progredienter MS,
und zusätzlich in einem Programm zur primär progredienten MS, dessen Daten noch ausstehen.
Warum gelten die Ergebnisse als so bedeutsam?
Prof. Dr. Heinz Wiendl: Weil sie zum ersten Mal zeigen, dass ein Medikament die Behinderungsprogression beeinflussen kann – und zwar nicht als Folge der Entzündungshemmung, sondern darüber hinaus.
Das heißt: Wir erreichen etwas, was frühere Medikamente nicht geschafft haben. Für Menschen, die keine Schübe mehr haben, aber sich trotzdem verschlechtern, könnte das ein echter Fortschritt sein.
Und wie geht es perspektivisch weiter?
Prof. Dr. Heinz Wiendl: Hier kommt der Aspekt ins Spiel, den ich besonders wichtig finde:
Wenn ein Wirkstoff wie Tolebrutinib in dieser Hinsicht erstmals Wirksamkeit zeigt, dann ist das nicht nur ein Erfolg für genau dieses Medikament, sondern ein Türöffner für das gesamte Feld.
Wir haben das in anderen Bereichen der MS-Therapie schon gesehen:
Sobald ein Wirkprinzip nachweislich funktioniert,
steigt das wissenschaftliche Interesse,
weitere Substanzen werden entwickelt,
und es kommt Bewegung in das gesamte therapeutische Konzept.
Deshalb hoffe ich, dass BTK-Inhibitoren langfristig nicht nur als Einzelprodukt, sondern als Therapieklasse an Bedeutung gewinnen – mit mehreren weiterentwickelten Medikamenten, die vielleicht noch wirksamer, sicherer oder spezifischer sind.
Damit würden wir eine Patientengruppe erreichen können, für die wir bisher kaum Optionen hatten: Menschen, deren Erkrankung schleichend fortschreitet, obwohl sie keine klassische Krankheitsaktivität mehr zeigen.
Mehr zum Therapiekonzept der BTK-Inhibitoren findest Du hier:
Blick nach vorn
Mit all diesen neuen Erkenntnissen – was würden Sie sich für eine Entwicklung im Bereich der MS in den kommenden fünf Jahren wünschen?
Prof. Dr. Heinz Wiendl: Das Erste, was ich mir wünsche, ist, dass sich wirklich konsequent die Erkenntnis durchsetzt, dass die MS am besten zu behandeln ist, wenn man die Diagnose so früh wie möglich stellt und dann auch so früh wie möglich mit einer sehr wirksamen Therapie beginnt. Frühe und bestmögliche Krankheitskontrolle – das sollte der neue Standard sein.
Der zweite Punkt ist, dass wir in den nächsten Jahren Therapien bekommen, die die schleichende Verschlechterung besser beeinflussen können. Die aktuellen Entwicklungen machen mir Hoffnung, dass wir in diesem Bereich deutliche Fortschritte sehen werden.
Und drittens wünsche ich mir, dass wir viel präziser beschreiben können, in welchem Stadium sich eine Patientin oder ein Patient befindet.
Nicht nur Schübe zählen, nicht nur mit dem Reflexhammer prüfen, sondern wirklich verstehen:
Ist die Erkrankung aktiv?
Liegt eine schleichende Verschlechterung vor?
Oder ist ein Stadium der Stabilität erreicht?
Dafür brauchen wir biologische und datenbasierte Marker, die uns zeigen, wie es um die Integrität des Gehirns steht und welche Prozesse im Hintergrund ablaufen.
Verabschiedung
Möchten sie den Hörerinnen und Hörern noch etwas mit auf dem Weg geben?
Prof. Dr. Heinz Wiendl: Ich glaube, meine wichtigste Botschaft ist: Wir können hoffnungsvoll sein.
Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass wir längst nicht am Ende des Weges sind. Im Gegenteil – wir haben gelernt, dass es immer weitergeht, dass neue Therapien entstehen und unser Verständnis der Erkrankung wächst.
Gleichzeitig gibt es aber nach wie vor Fälle, die frustrierend sind, weil Patientinnen und Patienten nicht optimal früh und wirksam behandelt werden oder weil der Verlauf besonders schwierig ist.
Genau deshalb müssen wir weiter forschen, weiter verbessern, weiter präzisieren.
Mein Wunsch ist, dass wir in fünf Jahren sagen können: Jetzt profitieren wirklich alle von diesen Fortschritten.
Und ich hoffe, dass das ein positives Signal ist – für Mut und Zukunftsoptimismus.
Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele
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