Im heutigen Interview geht es um die chronisch schwelenden Entzündungsprozesse bei MS – ein Thema, das viele Menschen mit Multipler Sklerose betrifft, oft aber lange unbemerkt bleibt. In Folge 338 des MS-Perspektive-Podcasts spreche ich mit Dr. Boris Kallmann darüber, wie sich diese schleichenden Veränderungen zeigen, wie man sie erkennt und welche therapeutischen Möglichkeiten es heute – und in naher Zukunft – gibt.
Die Folge wurde von der Sanofi-Aventis Deutschland GmbH unterstützt.
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Einstieg & persönliche Vorstellung
Stell Dich bitte kurz vor: Wer bist Du und wie bist Du zur Arbeit mit MS-Patient:innen und klinischer Forschung gekommen?
Dr. Boris Kallmann:
Mein Name ist Boris Kallmann. Ich komme ursprünglich aus dem Norden, aus der Nähe von Göttingen, und bin dann beruflich in den Süden gegangen – nach Franken, genauer gesagt nach Bamberg. Seit 2007 bin ich dort niedergelassen und habe eine eigene Praxis aufgebaut, inklusive eines MS-Zentrums.
Schon während meiner Zeit an der Universität Würzburg habe ich mich intensiv mit der Multiplen Sklerose beschäftigt – sowohl wissenschaftlich als auch klinisch. Mich haben besonders Fragen rund um die Blut-Hirn-Schranke und das Immunsystem interessiert: Wie verändert sich das Immunsystem bei MS? Welche Rolle spielt es bei Entzündung und Krankheitsverlauf?
Was mich letztlich bei diesem Thema gehalten hat, ist die Vielschichtigkeit der Erkrankung. Man kann MS im Labor erforschen, auf zellulärer Ebene – aber man kann und muss sich auch intensiv um die Menschen kümmern, die mit dieser Erkrankung leben. Genau dieser ganzheitliche Blick hat mich motiviert, über viele Jahre hinweg MS-Patientinnen und -Patienten zu begleiten, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und immer wieder zu überlegen: Was können wir heute besser machen – und was vielleicht morgen?
Hinweis:
Wer das erste Gespräch mit Dr. Boris Kallmann noch nicht kennt: In der Podcastfolge
#241: Vorgehen beim Therapiewechsel und Neues aus der ambulanten Versorgung bei MS
haben wir bereits ausführlich über Therapieentscheidungen und die Versorgung von Menschen mit MS gesprochen.
Der Blick aus der Praxis
Du begleitest viele MS-Betroffene über Jahre. Was fällt Dir bei Menschen auf, deren MS sich langsam verschlechtert – ohne dass sie Schübe haben?
Dr. Boris Kallmann:
Das ist im Moment ein sehr präsentes Thema – fast schon eine Welle, die durch die MS-Welt geht. Wenn ich ehrlich bin, ist es aber eigentlich nichts Neues. Seit ich mich mit MS beschäftige – und das tue ich seit Mitte der 1990er-Jahre – wissen wir, dass es neben den akuten Schüben auch langsame, schleichende Veränderungen gibt.
Lange Zeit lag unser Fokus stark auf den Schüben, also auf den akuten Entzündungsereignissen. Das war auch richtig, denn wir haben hier enorme Fortschritte gemacht und heute sehr wirksame Therapien. Gleichzeitig haben wir dabei vielleicht etwas aus dem Blick verloren, dass sich die Erkrankung bei manchen Menschen auch unabhängig von Schüben langsam verschlechtern kann.
Früher hat man gesagt: Erst kommt eine schubförmige Phase, und nach zehn bis fünfzehn Jahren geht das Ganze in eine sekundär progrediente MS über. Heute sehen wir, dass das viel individueller ist. Dank moderner Therapien können wir diese Entwicklung oft deutlich hinauszögern – aber nicht immer vollständig verhindern. Es gibt Menschen, die keine Schübe mehr haben und bei denen sich trotzdem langsam etwas verändert.
Erkennen schleichender Verläufe
Woran erkennst Du solche schleichenden Verläufe in der Praxis – und wie oft kommen sie vor?
Dr. Boris Kallmann:
Da verlasse ich mich zunächst tatsächlich auf mein Bauchgefühl – und auf das genaue Zuhören. MS ist keine Erkrankung mit tausend Gesichtern, wie man oft sagt, sondern eine Erkrankung mit großen Schwankungen. Betroffene erleben gute und schlechte Tage, das kennt jeder Mensch, aber bei MS ist das deutlich ausgeprägter.
Die große Herausforderung ist, zu unterscheiden: Handelt es sich um normale Schwankungen oder um eine echte, langfristige Verschlechterung? Ein klassisches Beispiel ist das Gehen. Viele Menschen mit MS berichten, dass das Laufen schwieriger wird – die Beine werden schwächer, steifer oder unkoordinierter. Dann frage ich ganz konkret nach: Was genau hat sich verändert? Über welchen Zeitraum? Was war vor sechs Monaten noch möglich, was heute nicht mehr?
Das Gleiche gilt für andere Symptome wie Fatigue, Konzentrationsprobleme oder Sensibilitätsstörungen. Entscheidend ist der Zeitfaktor. Deshalb ist es mir wichtig, gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten herauszuarbeiten, ob sich Beschwerden über Monate hinweg langsam verstärken.
Meine klare Bitte ist: Macht euch Notizen. Führt ein Tagebuch, egal ob auf Papier oder digital. Diese Informationen sind enorm hilfreich, um Entwicklungen einzuordnen.
Nutzung von Technologien zur Verlaufskontrolle
Dr. Boris Kallmann:
Fast jeder hat heute ein Smartphone, und die meisten Geräte erfassen im Hintergrund bereits Gesundheitsdaten – zum Beispiel Schrittzahlen, Gehstrecken oder sogar Sturzrisiken. Dafür braucht es nicht zwingend eine Smartwatch. Wichtig ist, diese Daten auch zu nutzen.
Mich interessiert nicht der perfekte Tag, sondern der Durchschnitt: der Mittelwert eines Monats. Wenn ich sehe, dass sich dieser über mehrere Monate verändert, kann ich Entwicklungen erkennen. Natürlich muss man äußere Faktoren berücksichtigen – Wetter, Infekte, Stress – aber grundsätzlich liefern diese Daten wertvolle Hinweise.
Außerdem können solche Tools motivieren. Viele Menschen entwickeln einen sportlichen Ehrgeiz, setzen sich kleine Ziele und bleiben dadurch aktiver. Das ist für mich bereits ein Teil der Therapie.
Therapieziele bei schwelender Entzündung
Welche therapeutischen Möglichkeiten hattest Du bisher bei schleichender Verschlechterung – und welches Ziel konntest Du damit realistisch verfolgen?
Dr. Boris Kallmann:
Wir haben mehr Möglichkeiten, als viele denken. Der erste Schritt ist immer die eigene Haltung: Was kann ich selbst tun? Bewegung ist zentral – unabhängig davon, ob jemand laufen kann oder im Rollstuhl sitzt. Training ist nicht nur Quantität, sondern vor allem Qualität.
Die zweite Säule ist die symptomatische Therapie. Schmerzen, Spastik oder andere Beschwerden können Bewegung verhindern – also müssen wir sie gezielt behandeln. Hier gibt es viele Optionen: klassische Medikamente, Antispastika, aber auch Cannabis, wenn es sinnvoll eingesetzt wird.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Physiotherapie. Und zwar nicht als Massage, sondern als aktive Arbeit. Ziel ist, dass Betroffene auch zu Hause weitertrainieren.
Dann kommen die immunmodulatorischen Therapien ins Spiel. Wenn wir sehen, dass es weiterhin Entzündungsaktivität gibt – etwa neue Läsionen im MRT –, sollten wir über einen Therapiewechsel nachdenken. Gute Daten zeigen, dass das sinnvoll sein kann.
Anmerkung von Nele:
Wer hier tiefer einsteigen möchte: In einer eigenen Podcastfolge habe ich mit Jens Bansi darüber gesprochen, wie gezieltes Training – unter anderem High Intensive Intervall Training (HIIT) – auch bei MS positive Effekte haben kann. Besonders spannend ist dabei, dass selbst Menschen mit Einschränkungen durch gezielte Aktivität Verbesserungen erzielen können.
Neue Therapieansätze & Studienerfahrungen
In Deiner Praxis bist Du auch in Studien aktiv. Was hat sich zuletzt in der Forschung zur schleichenden MS getan?
Dr. Boris Kallmann:
Wir verstehen immer besser, dass ein großer Teil der schleichenden Verschlechterung direkt im Gehirn und Rückenmark stattfindet. Dort sitzen Entzündungszellen, an die viele unserer bisherigen Medikamente kaum herankommen.
Genau hier setzen neue Wirkstoffgruppen an, die derzeit intensiv erforscht werden. Besonders spannend ist, dass mehrere Studien – auch Phase-3-Studien – bereits positive Effekte zeigen. Das macht Hoffnung, dass wir künftig gezielter auch diese Prozesse beeinflussen können.
Anmerkung von Nele:
Da das Thema Rauchen immer wieder unterschätzt wird, möchte ich hier noch auf ein konkretes Angebot hinweisen: Die UKE Hamburg bietet ein strukturiertes Rauchentwöhnungsprogramm an, an dem man auch online teilnehmen kann. Das Programm startet regelmäßig und ist speziell darauf ausgerichtet, langfristig rauchfrei zu bleiben.
BTK-Inhibitoren und ihre Anwendung
BTK-Inhibitoren machen vielen Hoffnung. Wie wirken sie – und was unterscheidet sie von bisherigen Therapien?
Dr. Boris Kallmann:
BTK-Inhibitoren, ausgeschrieben Bruton-Tyrosin-Kinase-Inhibitoren, greifen an zwei Stellen an. Zum einen wirken sie auf B-Zellen im Blut, ähnlich wie bekannte Anti-CD20-Therapien. Zum anderen können sie die Blut-Hirn-Schranke überwinden und direkt im Gehirn auf ortsständige Entzündungszellen wie Mikroglia wirken.
Ein Punkt ist mir dabei besonders wichtig, weil er häufig missverstanden wird: In den Studien wurde gezeigt, dass BTK-Inhibitoren der Vergleichstherapie nicht unterlegen sind. Das heißt, sie wirken gegen die klassische Entzündungsaktivität – also Schübe und neue Läsionen – mindestens genauso gut wie etablierte Medikamente.
In einer Studie wurden sie beispielsweise mit Teriflunomid verglichen. Dabei zeigte sich eine vergleichbare anti-entzündliche Wirkung – zusätzlich zu dem Effekt auf die Reduktion der Krankheitsprogression. Genau das macht diese Wirkstoffklasse so interessant.
Das ist das Besondere: Diese Medikamente erreichen Bereiche, die wir bisher kaum beeinflussen konnten. Studien zeigen, dass sie nicht nur die Progression verlangsamen, sondern auch eine anti-entzündliche Wirkung haben, die vergleichbar mit etablierten Therapien ist.
Mehr zum Therapiekonzept der BTK-Inhibitoren findest Du hier:
Dr. Boris Kallmann:
Bei aller berechtigten Hoffnung möchte ich aber auch klar sagen: Es gibt kein Medikament ohne mögliche Nebenwirkungen. In den Studien zu den BTK-Inhibitoren wurden unter anderem Veränderungen der Leberwerte beobachtet.
Das bedeutet, dass man gerade zu Beginn sehr vorsichtig sein muss. Wahrscheinlich wird es engmaschige Kontrollen geben, insbesondere in der Anfangsphase. Und natürlich wird man genau prüfen müssen, für welche Patientinnen und Patienten diese Therapie geeignet ist – vor allem bei bereits vorbelasteter Leber.
Versorgung, Spezialisierung und ländlicher Raum
Wie schätzt Du ein: Wird diese neue Wirkstoffklasse breit eingesetzt – oder könnten Patient:innen profitieren, wenn sie sich zusätzlich an spezialisierte Zentren oder Studienpraxen wenden?
Dr. Boris Kallmann:
Ich glaube, dass diese neuen Medikamente zunächst eher vorsichtig eingesetzt werden. Das liegt zum einen an den Vorgaben der Gesundheitsbehörden, die sehr genau festlegen werden, für welche Patientengruppen sie zugelassen sind. Zum anderen liegt es daran, dass viele Kolleginnen und Kollegen verständlicherweise erst Erfahrungen sammeln möchten, bevor sie eine neue Wirkstoffklasse routinemäßig einsetzen.
Gerade zu Beginn wird der Einsatz deshalb wahrscheinlich häufiger in spezialisierten Zentren stattfinden – also dort, wo viel Erfahrung mit MS besteht und wo man engmaschige Kontrollen gut organisieren kann. Das betrifft insbesondere die Anfangsphase, in der regelmäßige Laborkontrollen notwendig sein werden.
Ein weiterer Punkt ist die Versorgungssituation insgesamt. In manchen Regionen gibt es sehr viele Neurologinnen und Neurologen, in anderen – vor allem im ländlichen Raum – deutlich weniger. Dort betreuen Ärztinnen und Ärzte oft viele unterschiedliche neurologische Erkrankungen und haben nur wenige MS-Patient:innen. Das macht es schwieriger, neue Therapiekonzepte sofort umfassend umzusetzen.
Deshalb halte ich eine gute Zusammenarbeit für entscheidend: zwischen Patient:innen, niedergelassenen Neurolog:innen vor Ort und spezialisierten MS-Zentren. Es kann sehr sinnvoll sein, für eine Therapieentscheidung oder Neueinstellung zusätzlich ein spezialisiertes Zentrum einzubeziehen, während die langfristige Betreuung weiterhin wohnortnah erfolgt. Dieses Modell funktioniert aus meiner Sicht gut und wird in Zukunft noch wichtiger werden.
Anmerkung von Nele:
Viele Betroffene berichten mir, dass dieses Modell – spezialisierte Beratung bei wichtigen Therapieentscheidungen und wohnortnahe Betreuung im Alltag – für sie gut funktioniert und Sicherheit gibt.
Blick nach vorn
Welche Entwicklung im Bereich der MS wünschst Du dir in den kommenden 5 Jahren?
Dr. Boris Kallmann:
Mein größter Wunsch ist, dass wir die Progression besser in den Griff bekommen. Wenn wir hier wirksame Behandlungsoptionen etablieren können, wäre das ein großer Schritt. Wir stehen hier noch ganz am Anfang. Es gibt bereits zwei Wirkstoffe – Tolebrutinib und Fenebrutinib –, zu denen wir erste Studiendaten haben. Aber vieles werden wir erst sehen, wenn diese Medikamente im Alltag eingesetzt werden.
Es ist gut möglich, dass sich zeigt, dass sie noch mehr Potenzial haben, als wir im Moment aus den Studien ableiten können. Deshalb ist es so wichtig, künftig systematisch mitzuprotokollieren und Veränderungen genau zu beobachten.
Darüber hinaus hoffe ich langfristig auf Fortschritte in Bereichen wie Remyelinisierung oder sogar Neuroregeneration – auch wenn das vermutlich noch einige Jahre dauern wird.
Verabschiedung
Was möchtest Du den Hörer:innen noch mitgeben?
Dr. Boris Kallmann:
Interessiert bleiben, informiert bleiben und Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen. MS zeigt sich bei jedem Menschen anders – und genauso individuell können auch die Wege sein, mit der Erkrankung umzugehen. Dein Podcast leistet dazu einen wichtigen Beitrag, indem er informiert, motiviert und Mut macht.
Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele
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