#342: Verhaltensänderung bei MS: Warum sie so schwer ist – und wie sie gelingen kann mit Marco Stahn

Eine Frau geht mit einem Gehstock auf einem Naturweg durch eine grüne Umgebung. Über dem Bild steht der Text „Verhaltensänderung bei MS – Warum sie so schwer ist und wie sie gelingen kann“ sowie die Website ms-perspektive.de.

Verhaltensänderung bei MS ist ein zentrales Thema – und gleichzeitig eines der schwierigsten. Viele Menschen wissen genau, was ihnen guttun würde: mehr Bewegung, weniger Stress, bessere Regeneration. Und trotzdem bleibt es im Alltag oft beim guten Vorsatz. In diesem Interview spreche ich mit Marco Stahn darüber, warum Verhaltensänderung gerade bei Multipler Sklerose so herausfordernd ist, welche zusätzlichen Hürden es gibt und wie Veränderung dennoch gelingen kann – Schritt für Schritt, individuell und mit Unterstützung.

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Inhaltsverzeichnis

Vorstellung von Marco Stahn?

Nele von Horsten: Stell dich bitte kurz vor: Wer bist du, was ist dein Hintergrund – und wie kamst du zur Marianne‑Strauß‑Klinik?

Marco Stahn, Therapeutischer Leiter der Marianne-Strauß-Klinik, Physiotherapeut MSc. & Dozent: Ich bin therapeutischer Leiter in der Marianne-Strauß-Klinik am Starnberger See. Zu meinen Verantwortungsbereichen gehören Physiotherapie, Ergotherapie, physikalische Therapie, medizinische Trainingstherapie, Logopädie sowie organisatorische Themen wie die zentrale Terminierung. Ursprünglich komme ich aus der Physiotherapie, habe mich akademisch weiterqualifiziert mit Bachelor- und Masterabschluss und bin zusätzlich als Dozent an Hochschulen tätig. In meiner Arbeit bewege ich mich zwischen Praxis, Lehre und der Weiterentwicklung therapeutischer Konzepte.

Porträt eines Mannes mit kurzen hellbraunen Haaren und Bart, der ein hellgrünes Poloshirt trägt und frontal in die Kamera blickt. Er lächelt die Betrachtenden an.

Warum ist Verhaltensänderung bei MS so schwer – und so wichtig?

Nele von Horsten: Warum fällt es vielen Menschen schwer, ihr Verhalten zu ändern – selbst wenn sie wissen, dass es ihnen guttun würde?

Marco Stahn: Verhaltensänderung ist für alle Menschen schwierig – unabhängig von MS. Wissen allein reicht nicht aus. Unser Alltag ist komplex, wir leben in festen Strukturen, in Familien, in beruflichen Anforderungen, in Routinen, die sich über Jahre bewährt haben. Veränderung bedeutet Aufwand. Sie kostet Energie, Kraft und Zeit. Und genau da beginnt das Problem: Viele Menschen fragen sich zuerst, ob sie diese Energie überhaupt noch aufbringen können.

Wir sind von Natur aus eher bequem. Das Sofa ist angenehm, die Schokolade kurzfristig tröstlich, die Zigarette beruhigend. Veränderung heißt, diese Komfortzone zu verlassen. Erst wenn sich das bisherige Verhalten nicht mehr gut anfühlt – wenn ein Kipppunkt erreicht ist – beginnen wir überhaupt darüber nachzudenken, etwas zu ändern.

Gerade bei MS kommt hinzu: Die Erkrankung verbraucht Ressourcen. Fatigue, Schmerzen, Unsicherheit über den Krankheitsverlauf – all das reduziert die Energie, die eigentlich für Veränderung nötig wäre.

Typische Hürden bei MS-Patient:innen im Alltag

Nele von Horsten: Welche typischen Hürden begegnen dir bei MS-Patient:innen, wenn es um Veränderungen im Alltag geht? Und was braucht es deiner Meinung nach, damit aus einem guten Vorsatz auch eine echte Veränderung wird?

Marco Stahn: Was mir bei MS-Patientinnen besonders aufgefallen ist: Die Erkrankung trifft oft Menschen mitten im Leben. Karrierepläne, Familienverantwortung, Pflege von Angehörigen – all das läuft parallel zur MS.

Ich erinnere mich an Patientinnen, die beruflich voll durchstarten wollten und gleichzeitig spürten, dass die MS sie ausbremst. Andere standen unter enormem familiären Druck, etwa durch Pflegeverantwortung. Sie wollten alles gleichzeitig schaffen: Job, Familie, Therapie, Bewegung, Selbstfürsorge.

Das führt zu einem permanenten Spannungsfeld. Viele sagen mir: „Ich habe mein Yoga nicht geschafft“ oder „Ich war wieder nicht spazieren“. Und man sieht förmlich, wie erschöpft sie sind. In solchen Situationen wird Verhaltensänderung nicht zur Ressource, sondern zu einer zusätzlichen Belastung.

MS ist dabei immer ein individueller Faktor. Die Erkrankung verläuft bei jedem Menschen anders. Deshalb müssen wir zuerst verstehen: Wo stehst du gerade? Was sind deine größten Herausforderungen? Ohne diese individuelle Betrachtung ist Veränderung kaum möglich.

Was bedeutet „gesund leben“ mit MS konkret?

Nele von Horsten: Was gehört für dich zu einem gesunden Lebensstil mit MS – welche Bausteine sind besonders wichtig?

Marco Stahn: Ein gesunder Lebensstil bei MS besteht aus mehreren Bausteinen:

  • Regeneration: Dazu gehören Schlaf und Pausen – auch wenn Schlaf bei MS oft gestört ist. Pausen müssen individuell sinnvoll gestaltet werden.

  • Ernährung: Grundlegende, ausgewogene Ernährungsempfehlungen gelten auch für Menschen mit MS.

  • Bewegung: Etwa 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche – angepasst an die individuellen Möglichkeiten, auch mit Hilfsmitteln.

  • Stressreduktion: Chronischer Stress wirkt sich negativ auf Entzündungsprozesse aus. Das eigene Umfeld spielt dabei eine große Rolle.

Manchmal bedeutet das auch, sich ehrlich zu fragen, ob das eigene Umfeld langfristig gesund ist – und ob Veränderung dort möglich oder nötig ist.

Vier Säulen der Therapie: Training, Physio, Ergo & physikalische Therapie

Nele von Horsten: Eure Therapie stützt sich auf vier Säulen – Training, Physio, Ergo und physikalische Therapie. Wie greifen diese in der Praxis ineinander?

Marco Stahn: Unsere Therapie basiert auf vier Säulen: medizinische Trainingstherapie, Physiotherapie, Ergotherapie und physikalische Therapie. Entscheidend ist das Zusammenspiel.

Wir arbeiten interdisziplinär: In Teamsitzungen tauschen sich Therapeut:innen, Ärzt:innen, Psycholog:innen und Sozialdienst aus. Zusätzlich stimmen wir uns im Alltag eng ab – telefonisch, per E-Mail oder direkt persönlich.

Besonders wichtig ist der Trainingsraum als Schnittstelle. Dort erleben wir Patient:innen in einem anderen Kontext und können Therapieziele gemeinsam weiterentwickeln.

Unterstützung durch das Team – wer hilft wie?

Nele von Horsten: Wie können Therapeut:innen, Ärzt:innen und Pflegekräfte gemeinsam Patient:innen zu mehr Veränderung motivieren?

Marco Stahn: Lebensstilthemen wie Bewegung oder Rauchen dürfen nicht isoliert betrachtet werden. Wenn Rauchen den Therapieerfolg behindert, ist es unsere Aufgabe, das anzusprechen – respektvoll, aber klar.

Alle Berufsgruppen können Impulse setzen. Wenn Patient:innen dieselbe Botschaft aus verschiedenen Richtungen hören, entsteht irgendwann ein Nachdenkprozess.

Alltagstransfer: Wie Veränderung nachhaltig wird

Nele von Horsten: Wie lassen sich diese Ansätze sinnvoll in den Alltag übertragen – auch außerhalb einer Reha‑Klinik?

Marco Stahn: Eine Reha endet. Deshalb ist der Alltagstransfer entscheidend. Wir fragen: Welche Möglichkeiten gibt es zu Hause? Gibt es Trainingsräume, Physiotherapie, Vereine?

Viele haben schon darüber nachgedacht, etwas weiterzuführen. Dann setzen wir dort an: Wie wahrscheinlich ist es, dass du es wirklich machst? Und was bräuchte es, um diese Wahrscheinlichkeit zu erhöhen?

Selbstwirksamkeit ist hier der Schlüssel. Wenn Menschen spüren, dass ihnen Bewegung guttut, wächst die Motivation von innen heraus.

Bewegung als Schlüssel – auch bei Einschränkungen

Nele von Horsten: Was bewirkt regelmäßige Bewegung bei MS – körperlich, aber auch im Kopf?

Marco Stahn: Bewegung wirkt auf körperlicher und kognitiver Ebene. Viele berichten, dass sie sich nach dem Training klarer, wacher und insgesamt besser fühlen – selbst wenn sie körperlich erschöpft sind.

Gerade bei Fatigue ist das eine wichtige Erfahrung: Auch an schlechten Tagen ist oft mehr möglich als gedacht. Diese positiven Erfahrungen sind der Motor für Veränderung.

Einstieg in Bewegung bei Fatigue und körperlichen Einschränkungen

Nele von Horsten: Welche Formen von Bewegung empfiehlst du besonders – gerade auch bei Fatigue oder körperlichen Einschränkungen?

Marco Stahn: Ausdauer- und Krafttraining sind besonders wirksam. Bei Fatigue empfehle ich Intervalltraining: kurze Belastung, bewusste Pausen. Statt einem Kilometer am Stück lieber fünfmal 200 Meter.

Beim Krafttraining gilt: klein anfangen, beobachten, langsam steigern. Entscheidend ist nicht die Intensität, sondern die Regelmäßigkeit.

Erste Schritte & Dranbleiben

Nele von Horsten: Wenn jemand sagt: „Ich will etwas ändern, weiß aber nicht wie“ – was empfiehlst du als ersten Schritt?

Marco Stahn: Der erste Schritt ist nicht die Lösung, sondern das Verstehen. Wo stehst du gerade? Welche Ressourcen hast du? Welche Hürden?

Gespräche mit Fachpersonen, die sowohl MS als auch Verhaltensänderung verstehen, können dabei enorm helfen. Die Routinen entstehen, wenn positive Effekte spürbar werden. Bewegung sollte fest in den Alltag eingebaut sein – zu Zeiten, an denen Energie vorhanden ist.

Auch an schlechten Tagen gilt: lieber die Hälfte als gar nichts. So bleibt die Routine erhalten.

Ausblick und Abschluss

Nele von Horsten: Welche Entwicklung wünschst du dir für die MS‑Therapie in den nächsten Jahren – besonders im Hinblick auf Lebensstil und Teamarbeit?

Marco Stahn: Ich wünsche mir, dass MS-Therapie in Zukunft noch stärker lebensstilorientiert und interdisziplinär gedacht wird. Veränderung braucht Zeit, Verständnis und Zusammenarbeit – zwischen Fachpersonen und Betroffenen.

Verhaltensänderung ist kein Sprint. Sie ist ein individueller Weg. Aber sie kann gelingen – mit Geduld, Unterstützung und dem Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit.

Kontakt aufnehmen

Webseite der Marianne-Strauss-Klinik: https://www.ms-klinik.de/

Marco Stahn bei LinkedIn: Marco Stahn | LinkedIn

Marco Stahn bei Instagram: https://www.instagram.com/marco_stahn/

Danke an Marco für das Interview und Dir wünsche ich genügend Kraft und Motivation für Deine angestrebte Verhaltensänderung.

Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele

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