Warum unabhängige MS-Forschung so wichtig ist, wird oft erst dann deutlich, wenn man versteht, wie Forschung tatsächlich entsteht – und wo ihre Grenzen liegen. Fortschritte bei der Multiplen Sklerose sind kein Zufall. Sie sind das Ergebnis jahrzehntelanger wissenschaftlicher Arbeit, gezielter Förderung und Menschen, die bereit sind, unbequeme Fragen zu stellen.
In dieser Podcastfolge spricht Prof. Dr. Ralf Gold, Neurologe und einer der erfahrensten MS-Forscher in Deutschland, über fast 40 Jahre MS-Forschung: über eine Zeit, in der MS noch als kaum behandelbar galt, über den Wandel der Therapien – und über die entscheidende Rolle unabhängiger Forschung jenseits industrieller Interessen. Er erklärt, warum Förderprogramme der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) so wichtig sind, wie Forschungsthemen ausgewählt werden und was Spenden konkret bewirken können.
Dabei geht es nicht nur um Medikamente, sondern auch um Lebensqualität, Versorgung, Prävention und Zukunftsperspektiven – gerade für Menschen mit schleichenden MS-Verläufen. Ein Gespräch über Verantwortung, Hoffnung und die Frage, wie wir Forschung so gestalten, dass sie den Menschen wirklich dient.
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Einstieg & persönliche Motivation
Herr Prof. Gold, stellen Sie sich unseren Hörer:innen bitte kurz vor – was hat Sie zur MS-Forschung gebracht?
Prof. Dr. Ralf Gold: Wenn ich heute auf 38 Jahre MS-Forschung zurückblicke, wird mir noch klarer, warum mich dieses Thema nie losgelassen hat. In den späten 1980er-Jahren war Multiple Sklerose eine Erkrankung, für die es praktisch keine wirksamen Therapien gab. Schübe konnten manchmal abgeschwächt werden, aber ein langfristiger Einfluss auf den Krankheitsverlauf war kaum möglich.
In Würzburg, wo ich meine neurologische Laufbahn begann, gab es damals eine von der Max-Planck-Gesellschaft geförderte Sonderforschungsgruppe. Dort wurde MS gleichzeitig aus zwei Perspektiven erforscht: klinisch in einer großen MS-Ambulanz und experimentell in der Grundlagenforschung. Genau diese Verbindung hat mich fasziniert – zu verstehen, warum Entzündung im Gehirn entsteht und wie man sie beeinflussen könnte.
Ich erinnere mich gut daran, dass mir damals geraten wurde, mich nicht auf MS zu konzentrieren. Man sagte mir sinngemäß: Das ist eine unbehandelbare Erkrankung, daran werden Sie nicht glücklich. Rückblickend war es genau diese Herausforderung, die mich motiviert hat. Zu sehen, dass sich das Schicksal vieler Patientinnen und Patienten heute deutlich verändert hat, bestätigt mich bis heute.
Ein Beispiel: In den 1980er-Jahren sah man in MS-Ambulanzen kaum Menschen über 50. Entweder waren sie bereits schwerst betroffen oder früh verstorben – MS verkürzte damals die Lebenserwartung deutlich. Heute ist ein Drittel unserer rund 2.000 betreuten Patient:innen über 55 Jahre alt. Das zeigt, wie grundlegend sich die Situation verändert hat.
Warum unabhängige MS-Forschung so wichtig ist
Was war 2016 der Auslöser für die gezielte Förderung durch die DMSG?
Prof. Dr. Ralf Gold: Forschung braucht Geld – und sie braucht Freiheit. In Deutschland gibt es mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft zwar sehr leistungsfähige Förderinstrumente, doch diese sind extrem kompetitiv und oft stark thematisch eingegrenzt. Gleichzeitig sehen wir in Ländern wie den USA, dass MS-Gesellschaften gezielt große, patientennahe Forschungsprogramme fördern.
Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) hat erkannt, dass sie hier ebenfalls Verantwortung übernehmen muss. Unabhängige Forschung ermöglicht es, Fragestellungen zu bearbeiten, die nicht primär industriegetrieben sind. Als Förderer kann man gezielt Themen setzen: Wo gibt es Lücken? Was hilft Patient:innen im Alltag? Welche Aspekte werden sonst übersehen?
Gerade diese Ergänzung zur industrienahen Forschung ist entscheidend. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein bewusstes Nebeneinander.
Förderung und Auswahl der Projekte
Wie läuft das Förderprogramm konkret ab?
Prof. Dr. Ralf Gold: Einmal im Jahr gibt es eine öffentliche Ausschreibung, meist im Herbst. Gemeinsam mit dem Bundesverband der MS-Erkrankten und dem Ärztlichen Beirat werden Themen definiert, bei denen ein besonderer Bedarf besteht. Wichtig ist dabei, dass diese Themen anderswo nicht ausreichend gefördert werden.
Die eingereichten Anträge werden anschließend von unabhängigen internationalen Gutachter:innen bewertet. Am Ende werden in der Regel zwei Projekte ausgewählt, die über zwei Jahre mit bis zu 200.000 Euro gefördert werden. Das reicht typischerweise für eine Postdoc-Stelle plus Sachmittel – vergleichbar mit sehr guten DFG-Projekten.
Welche Kriterien sind besonders wichtig?
Prof. Dr. Ralf Gold: Entscheidend ist zunächst die wissenschaftliche Qualität. Gleichzeitig fragen wir: Was bringt dieses Projekt konkret für Menschen mit MS?
Beispiele für relevante Themen sind:
hormonelle Einflüsse auf MS (warum sind heute deutlich mehr Frauen betroffen?),
Infektanfälligkeit bei schwerer Behinderung,
Mechanismen chronischer Entzündung im Gehirn.
Wir achten bewusst auf eine Balance zwischen Grundlagenforschung und klinisch-praktischen Fragestellungen.
Gibt es besonders herausragende Projekte?
Prof. Dr. Ralf Gold: Besonders beeindruckend waren Projekte zu hormonellen Veränderungen bei MS sowie zur Infektprävention bei schwer betroffenen Patient:innen. Auch bildgebende Forschung, etwa neue MRT-Ansätze zur Erkennung struktureller Veränderungen, war sehr wertvoll.
Diese Projekte zeigen, dass auch mit begrenzten Mitteln relevante Fortschritte möglich sind.
Wirkung und Bedeutung der Förderung
Was passiert, wenn es solche Förderprogramme nicht gibt?
Prof. Dr. Ralf Gold: Dann bleiben viele wichtige Fragen unbeantwortet. Unser Gesundheitssystem ist gut, aber stark auf Versorgung ausgerichtet. Für gezielte Forschung zu Alltagsproblemen – etwa Bewegung, Infekte, Blasenstörungen oder Atemprobleme bei schwerer MS – fehlen oft Ressourcen.
MS war immer ein Puzzle aus vielen Bausteinen: klinischer Verlauf, MRT, Nervenwasser, Ausschluss anderer Erkrankungen. Genauso komplex ist die Versorgung. Ohne Forschung lassen sich Erfahrungen nicht systematisch auswerten und weiterentwickeln.
Welche Rolle spielt die Förderung für den wissenschaftlichen Nachwuchs?
Prof. Dr. Ralf Gold: Eine sehr große. Kreativität und Innovationskraft sind besonders zwischen 25 und 35 Jahren hoch. Förderprogramme ermöglichen jungen Forschenden, sich gezielt zu qualifizieren und eigene Ideen zu entwickeln.
Gleichzeitig haben sich die Rahmenbedingungen verändert: Arbeitszeitgesetze, Work-Life-Balance, andere Erwartungen an den Beruf. Umso wichtiger ist es, attraktive und verlässliche Forschungsstellen zu schaffen.
Unterschied zwischen unabhängiger und industriefinanzierter Forschung?
Prof. Dr. Ralf Gold: Industrieforschung ist unverzichtbar für die Entwicklung neuer Medikamente – insbesondere für progressive MS-Formen. Unabhängige Forschung hingegen hilft uns zu verstehen, für wen welche Therapie am besten geeignet ist, welche Mechanismen dahinterstehen und wie Behandlungen im Alltag wirken.
Am Ende ist es ein Zusammenspiel: Industrie und akademische Forschung brauchen einander.
Themenvielfalt der geförderten Forschung
Prof. Dr. Ralf Gold: Wir fördern bewusst eine Mischung: von hochkomplexer Grundlagenforschung zu Entzündungsmechanismen bis hin zu sehr praktischen Fragen wie Mobilität, Ernährung oder Infektvermeidung. Gerade diese Verbindung macht Forschung patientennah und wirksam.
Finanzierung & Beteiligung
Wie wird die unabhängige Forschung finanziert?
Prof. Dr. Ralf Gold: Der Spendenanteil liegt meist zwischen einem Viertel und einem Drittel. Der größere Teil stammt aus industriellen Drittmitteln und Stiftungen (Gemeinnützige Hertie-Stiftung, Else-Kröner-Fresenius-Stiftung).
Zweckgebundene Spenden sind grundsätzlich möglich und lassen sich gut in bestehende Projekte integrieren.
Warum wünschen Sie sich mehr Spendenbereitschaft in Deutschland?
Prof. Dr. Ralf Gold: Mehr Spenden würden ermöglichen, breiter und tiefer zu forschen. Statt nur ein oder zwei Ansätze zu verfolgen, könnten mehrere parallel untersucht werden. Forschung ist nicht planbar – oft kommen Durchbrüche aus Richtungen, die zunächst unscheinbar wirken.
Internationale Perspektive & Aktionen
- The May 50K
Diese Aktion stärkt Bewusstsein, bricht mit alten MS-Bildern und bringt zusätzliche Mittel für Forschung. - National MS Society (USA)
- MS Society Canada
- CogEx-Studie (Kanada)
Blick nach vorn
Themenschwerpunkt 2025: Tertiärprävention – was bedeutet das?
Prof. Dr. Ralf Gold: Tertiärprävention richtet sich an Menschen mit schwerer MS. Ziel ist es, Folgekomplikationen wie Blaseninfekte, Lungenentzündungen oder Immobilität systematisch zu verhindern und Lebensqualität zu erhalten. Gerade hier gibt es großen Forschungsbedarf.
Wunsch für die nächsten fünf Jahre
Prof. Dr. Ralf Gold: Ich wünsche mir wirksamere Therapien für sekundär und primär progrediente MS. Erste Medikamente sind in der Zulassung – das erinnert mich an die Aufbruchsstimmung Mitte der 1990er-Jahre. Wenn sich diese Effekte im Alltag bestätigen, wäre das ein enormer Fortschritt.
Was braucht es, um unabhängige Forschung zu stärken?
Prof. Dr. Ralf Gold: Stabile öffentliche Förderung, Mut zur Grundlagenforschung und die Bereitschaft, auch langfristig zu investieren.
Abschluss
Ihre Botschaft an die Hörer:innen?
Prof. Dr. Ralf Gold: Geben Sie nicht auf. Die meisten neu diagnostizierten MS-Formen sind heute gut behandelbar. Bleiben Sie in einem stabilen Behandlungsteam, suchen Sie Hilfe – auch psychologische – und lassen Sie sich nicht entmutigen. Fortschritt passiert Schritt für Schritt.
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Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele
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