Ich freue mich, in diesem Interview Associate Professor Dr. Abdulkadir Tunç begrüßen zu dürfen, einen Neurologen, der seine Karriere dem Erforschen und Behandeln von Multipler Sklerose (MS), einschließlich spät auftretender Multipler Sklerose (LOMS), gewidmet hat. Dr. Tunç setzt sich intensiv dafür ein, Menschen dabei zu helfen, die Herausforderungen der MS zu meistern und ihre Lebensqualität durch personalisierte Betreuung und innovative Forschung zu verbessern.
Durch seine Weiterbildung, darunter sein Abschluss des renommierten International Charcot MS Master’s Program, hat Dr. Tunç ein tiefes Verständnis für die Komplexität von MS erworben. Er leitet eine neuroimmunologische Klinik an der Sakarya-Universität in der Türkei, wo er und sein Team sich darauf spezialisiert haben, die besten Behandlungen für die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Patienten zu finden.
Heute gibt er Einblicke in die Behandlung von LOMS, zu englisch „late onset MS“, und Tipps, wie Patienten gut mit dieser spät diagnostizierten MS leben können.
Das Interview ist aus dem Englischen übersetzt, wo es im Januar 2025 erschien.
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Einführung – Wer ist Dr. Abdulkadir Tunc?
Dr. Abdulkadir Tunc: Danke, für die Einladung, ich freue mich, hier zu sein. Ich bin Dr. Abdulkadir Tunç, Neurologe mit Schwerpunkt Neuroimmunologie, insbesondere MS und autoimmune neuromuskuläre Erkrankungen. Seit über 10 Jahren arbeite ich eng mit MS-PatientInnen zusammen, versorge sie und trage zur Forschung bei, die darauf abzielt, ihre Lebensqualität zu verbessern. Ich bin stolz darauf, das renommierte internationale Charcot-MS-Masterprogramm absolviert zu haben, das mein Verständnis von MS und deren Behandlung vertieft hat.
Derzeit leite ich Neuroimmunologie-Kliniken an der Sakarya-Universität in der Türkei, wo mein Team und ich uns auf personalisierte Behandlungsansätze konzentrieren. Über meine klinische Arbeit hinaus engagiere ich mich aktiv in unserer nationalen Neurologie-Studiengruppe und nehme regelmäßig an internationalen Kongressen teil, um über die neuesten Innovationen auf diesem Gebiet auf dem Laufenden zu bleiben. Privat bin ich verheiratet und Vater von zwei wunderbaren Kindern. Wenn ich nicht arbeite, spiele ich gerne Tennis und gehe regelmäßig schwimmen – Aktivitäten, die mir helfen, neue Energie zu tanken und mein Leben im Gleichgewicht zu halten. Ich glaube, dass es für ein erfülltes Leben wichtig ist, sowohl beruflich als auch privat aktiv und neugierig zu bleiben.
Warum hast du dich für diesen Beruf entschieden?
Dr. Abdulkadir Tunc: Meine Motivation, eine Karriere in der Neurologie, vor allem im Bereich der Neuroimmunologie, zu verfolgen, kommt von meiner großen Neugierde für die Komplexität des menschlichen Gehirns und Nervensystems. Schon früh in meiner medizinischen Ausbildung hat mich fasziniert, wie neurologische Erkrankungen das Leben eines Menschen und das seiner Angehörigen tiefgreifend beeinflussen können. Das hat mich dazu inspiriert, mich auf Erkrankungen wie Multiple Sklerose zu konzentrieren, bei denen ich das Gefühl hatte, konkret etwas bewirken zu können. Was mein Engagement gefestigt hat, war die Begegnung mit MS-PatientInnen und das Erleben sowohl der Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen, als auch ihrer unglaublichen Widerstandsfähigkeit.
Die Reise jedes Patienten ist einzigartig, und es erfüllt mich mit großer Zufriedenheit, ihnen bei der Bewältigung dieser Herausforderungen zu helfen und gleichzeitig an der Weiterentwicklung von Behandlungen zu arbeiten, um ihre Ergebnisse zu verbessern. Auf persönlicher Ebene hat mich schon immer die Idee inspiriert, dass Wissenschaft und Empathie Hand in Hand gehen. Durch den Aufbau starker Beziehungen zu meinen PatientInnen werde ich täglich daran erinnert, warum ich diesen Weg eingeschlagen habe – nicht nur, um die Krankheit zu behandeln, sondern auch, um den Menschen dahinter zu verstehen. Diese Kombination aus Wissenschaft, Innovation und Menschlichkeit motiviert mich jeden Tag aufs Neue.
Definition und Unterschiede bei spät auftretender MS (LOMS)
Was ist spät auftretende Multiple Sklerose (LOMS) und wie wird sie in Bezug auf das Alter bei der Diagnose definiert?
Dr. Abdulkadir Tunc: LOMS ist Multiple Sklerose, die bei Leuten über 50 diagnostiziert wird. Obwohl MS normalerweise als eine Krankheit für junge Erwachsene gilt, zeigt LOMS, dass diese Krankheit nicht nur bei bestimmten Altersgruppen auftritt. Tatsächlich haben ein wachsendes Bewusstsein und bessere Diagnosemethoden dazu geführt, dass LOMS öfter erkannt wird. Diese altersspezifische Einteilung betont die besonderen Herausforderungen und Erfahrungen von älteren Erwachsenen, bei denen MS diagnostiziert wurde.
Wie unterscheidet sich LOMS von früh einsetzender MS in Bezug auf Symptome, Verlauf und allgemeine Auswirkungen auf den Alltag?
Dr. Abdulkadir Tunc: Bei LOMS sind oft motorische Symptome wie Schwäche oder Probleme beim Gehen das erste Anzeichen, während jüngere Leute vielleicht zuerst Veränderungen beim Sehen oder bei der Wahrnehmung bemerken. LOMS entwickelt sich meistens schneller und hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem fortschreitenden Krankheitsverlauf kommt, wie bei der primär progredienten MS (PPMS) oder der sekundär progredienten MS (SPMS).
Das liegt wahrscheinlich an Faktoren wie Alterung und Veränderungen des Immunsystems, die die Fähigkeit des Körpers zur Reparatur von Nervenschäden beeinträchtigen. Im Alltag können ältere Erwachsene aufgrund von Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes mit größeren Herausforderungen bei der Behandlung von MS konfrontiert sein. Diese können die Behandlung erschweren und zu Verzögerungen bei der Diagnose führen. Darüber hinaus schreitet die körperliche Behinderung, gemessen anhand der Expanded Disability Status Scale (EDSS), bei LOMS-PatientInnen tendenziell schneller voran und beeinträchtigt die Mobilität und Unabhängigkeit.
Gibt es bestimmte Faktoren, die dazu führen, dass MS später auftritt, oder geht es meistens nur um eine verspätete Diagnose?
Dr. Abdulkadir Tunc: Es gibt ein paar Gründe, warum MS manchmal erst später auftritt. Alterungsbedingte Veränderungen im Immunsystem, die man als Immunoseneszenz bezeichnet, können eine Rolle dabei spielen, dass die Krankheit erst später im Leben losgeht. Auch andere Krankheiten, wie Gefäß- oder Stoffwechselprobleme, können das Risiko erhöhen. Allerdings kommt es oft zu einer verspäteten Diagnose, weil die Symptome mit denen anderer altersbedingter Erkrankungen wie Schlaganfall oder Arthritis übereinstimmen, was die Erkennung von MS anfangs erschwert. Außerdem nehmen ältere PatientInnen seltener an klinischen Studien teil, was die Unsicherheit bei der Erkennung und wirksamen Behandlung von LOMS erhöht. Trotz dieser Herausforderungen sind eine rechtzeitige Diagnose und eine angemessene Behandlung nach wie vor entscheidend für die Verbesserung der Ergebnisse bei LOMS-PatientInnen.
Immuntherapien und Behandlungsentscheidungen
Sind bestimmte Immuntherapien für LOMS-PatientInnen wegen ihres alternden Immunsystems und dem Risiko von Nebenwirkungen eher besser oder weniger gut geeignet?
Dr. Abdulkadir Tunc: Auf jeden Fall. Die Behandlung von LOMS braucht einen individuellen Ansatz, der die besonderen Herausforderungen des alternden Immunsystems sowie den allgemeinen Gesundheitszustand des Patienten, Begleiterkrankungen und die Merkmale seiner MS berücksichtigt. Obwohl injizierbare Therapien wie Interferone oder Glatirameracetat in der Vergangenheit als sicher galten, werden sie aufgrund von beispielsweise Verträglichkeitsproblemen nicht häufig als Erstbehandlung für LOMS eingesetzt.
Stattdessen werden in letzter Zeit eher orale Therapien wie Dimethylfumarat und Teriflunomid als erste Behandlungsoption bevorzugt. Diese Medikamente sind im Allgemeinen gut verträglich und für die PatientInnen bequem, sodass sie in vielen Fällen ein geeigneter Ausgangspunkt sind. Bei PatientInnen mit aggressiver Erkrankung oder Anzeichen einer Progression sind Anti-CD20-Wirkstoffe wie Ocrelizumab und Ofatumumab die bevorzugte Option geworden. Ihre Wirksamkeit bei der Kontrolle von Schüben und der fortschreitenden Behinderung macht sie zu einer wertvollen Wahl, insbesondere in Fällen mit schlechten Prognosemarkern wie mehreren Rückenmarksläsionen, hoher Läsionslast oder Anzeichen einer Hirn- oder Rückenmarksatrophie.
Weitere Faktoren, die die Wahl der Therapie beeinflussen, sind Geschlecht, Raucherstatus, positive OKB-Werte, erhöhter IgG-Index und Erholung nach einer initialen Pulstherapie mit Steroiden. Therapien wie Alemtuzumab und Natalizumab sind zwar wirksam, erfordern jedoch ein sorgfältiges Management der Risiken, einschließlich Infektionen und anderer immunbedingter Nebenwirkungen. Diese Behandlungen können dennoch für ausgewählte PatientInnen in Betracht gezogen werden, bei denen der potenzielle Nutzen die Risiken überwiegt, erfordern jedoch eine sorgfältige Überwachung. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Wahl der Immuntherapie bei LOMS sehr individuell ist und das klinische Profil, die Krankheitsaktivität und die Lebensgewohnheiten des Patienten berücksichtigt werden müssen, um sowohl Sicherheit als auch Wirksamkeit zu gewährleisten.
Reparatur- und Wiederherstellungsmechanismen
Wie unterscheiden sich die natürlichen Reparaturmechanismen des Körpers, wie zum Beispiel die Remyelinisierung, bei älteren MS-PatientInnen von denen bei jüngeren Menschen?
Dr. Abdulkadir Tunc: Die Fähigkeit des Körpers, Myelin, die Schutzschicht um die bei MS beschädigten Nervenfasern, zu reparieren, nimmt mit zunehmendem Alter ab. Bei jüngeren Menschen sind die sogenannten Oligodendrozyten aktiver und effizienter bei der Produktion von neuem Myelin, einem Prozess, der als Remyelinisierung bezeichnet wird. Dies hilft, Schäden zu begrenzen und die Nervenfunktion auch nach MS-bedingten Schüben aufrechtzuerhalten.
Bei älteren PatientInnen wird dieser natürliche Reparaturprozess aber weniger effektiv. Dazu tragen mehrere Faktoren bei, darunter die Alterung der Oligodendrozyten-Vorläuferzellen (OPCs), die für die Bildung von neuem Myelin verantwortlich sind, aber mit zunehmendem Alter weniger reaktionsfähig und effizient bei der Reparatur von Schäden werden. Chronische Entzündungen bei MS können auch ein Umfeld schaffen, das die Remyelinisierung behindert, ein Problem, das bei älteren Menschen aufgrund eines unausgeglichenen Immunsystems, einem als Immunoseneszenz bekannten Prozess, stärker ausgeprägt ist.
Darüber hinaus können alternde Gewebe, einschließlich des Gehirns und des Rückenmarks, weniger Wachstumsfaktoren oder unterstützende Strukturen aufweisen, die für die Reparatur erforderlich sind, und die Ansammlung von oxidativen Schäden im Laufe der Zeit beeinträchtigt die Selbstheilungsfähigkeit des Körpers zusätzlich. Deshalb sind ältere MS-PatientInnen eher von fortschreitenden Formen der Krankheit betroffen, bei denen sich die Behinderung mit der Zeit auch ohne häufige Schübe verschlimmert. Das zeigt, wie wichtig eine frühzeitige und wirksame Behandlung ist, um das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen und die Nervenfasern zu schützen, bevor irreparable Schäden entstehen.
Symptomatische Behandlung und Lebensqualität
Wie wichtig ist die Behandlung der Symptome bei LOMS und welche Symptome muss man besonders im Auge behalten?
Dr. Abdulkadir Tunc: Die symptomatische Behandlung ist für die Therapie von LOMS äußerst wichtig. Während Immuntherapien den Krankheitsverlauf beeinflussen, konzentrieren sich symptomatische Behandlungen darauf, die Lebensqualität der PatientInnen zu verbessern, indem sie die durch die Krankheit verursachten alltäglichen Herausforderungen angehen.
Bei LOMS können die Symptome sehr unterschiedlich sein, umfassen jedoch häufig Mobilitätsprobleme wie Muskelsteifheit, Schwäche oder Spastik, die die Mobilität erheblich einschränken können und durch Physiotherapie, Dehnungsübungen und Medikamente wie Baclofen oder Tizanidin gelindert werden können. Fatigue, eines der häufigsten und schwächendsten Symptome, kann durch Strategien zur Energieeinsparung, Bewegung und Medikamente wie Amantadin oder Modafinil behandelt werden. Neuropathische Schmerzen, einschließlich Brennen oder Kribbeln, sind ebenfalls weit verbreitet und können mit Medikamenten wie Gabapentin, Pregabalin oder Antidepressiva wie Amitriptylin behandelt werden.
Blasen- und Darmprobleme wie häufiges Wasserlassen oder Verstopfung können das tägliche Leben beeinträchtigen und erfordern möglicherweise Ernährungsumstellungen, Beckenbodentherapie oder bestimmte Medikamente. Kognitive Beeinträchtigungen, darunter Gedächtnis- oder Konzentrationsprobleme, können durch kognitives Training oder Anpassungen der täglichen Routinen behandelt werden, während Stimmungsschwankungen wie Depressionen und Angstzustände von Beratung, Selbsthilfegruppen oder Antidepressiva-Behandlungen profitieren. Für LOMS-PatientInnen ist auch die Behandlung von Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck wichtig, da diese die MS-Symptome verschlimmern können.
Maßgeschneiderte Reha-Programme, die Physiotherapie, Ergotherapie und Sprachtherapie kombinieren, verbessern die allgemeine Funktion und Unabhängigkeit noch mehr. Zusammengefasst sind symptomatische Behandlungen nicht nur ein Zusatz, sondern ein wichtiger Teil der LOMS-Behandlung, damit PatientInnen ihre Unabhängigkeit behalten und ihre Lebensqualität verbessern können.
Welche Rolle spielen körperliche Reha, kognitive Therapie oder andere nicht-medikamentöse Behandlungen bei der Behandlung von LOMS?
Dr. Abdulkadir Tunc: Nicht-medikamentöse Behandlungen sind ein wichtiger Bestandteil der LOMS-Therapie und helfen, das körperliche und geistige Wohlbefinden zu verbessern. Diese Therapien gehen auf die besonderen Herausforderungen ein, denen ältere MS-PatientInnen gegenüberstehen, und sind wichtig, um die Lebensqualität zu verbessern. Körperliche Rehabilitation ist wichtig, um Mobilität, Kraft und Gleichgewicht zu erhalten, vor allem bei LOMS, wo altersbedingte Muskelschwäche oder Steifheit die Mobilität beeinträchtigen können.
Gezielte Übungen verbessern die Flexibilität, reduzieren Spastizität, stärken die Muskeln für alltägliche Aktivitäten und verbessern das Gleichgewicht, um Sturzrisiken zu minimieren, während Hilfsmittel wie Gehstöcke oder Schienen die Sicherheit und Unabhängigkeit verbessern können. Die kognitive Therapie geht Herausforderungen wie Gedächtnisverlust oder Konzentrationsschwierigkeiten mit Strategien wie Gedächtnisstützen, Übungen zur Verbesserung der Aufmerksamkeit und Entscheidungsfindung sowie dem Aufbau von Resilienz zur Verringerung der Angst vor kognitivem Verfall an. Regelmäßige geistige Stimulation durch Aktivitäten wie Rätsel, Lesen oder das Erlernen neuer Fähigkeiten sind ebenfalls von Vorteil.
Die Ergotherapie konzentriert sich auf die Anpassung der Umgebung und der Routinen der PatientInnen, indem sie die Raumaufteilung zu Hause barrierefrei gestaltet, Hilfsmittel wie Haltegriffe oder ergonomische Utensilien vorschlägt und Techniken zur Energieeinsparung vermittelt, um mit Müdigkeit umzugehen. Mind-Body-Therapien wie Yoga, Tai Chi und Achtsamkeitsmeditation helfen, Stress abzubauen, die Flexibilität zu verbessern und das Wohlbefinden zu steigern, insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit Müdigkeit und Stimmungsschwankungen. Soziale und emotionale Unterstützung ist wichtig, um der Isolation entgegenzuwirken, unter der ältere MS-PatientInnen oft leiden.
Selbsthilfegruppen, Beratung und die Einbeziehung der Familie tragen dazu bei, Einsamkeit, Depressionen und Ängste zu lindern, während Hobbys oder gemeinschaftliche Aktivitäten soziale Kontakte fördern. Ernährungsberatung unterstützt die allgemeine Gesundheit zusätzlich, indem sie eine ausgewogene Ernährung mit entzündungshemmenden Lebensmitteln fördert und unter Anleitung eines Ernährungsberaters spezifische Probleme wie Gewichtsmanagement oder Vitaminmangel angeht. Zusammen bilden diese Therapien einen ganzheitlichen Behandlungsplan, der sowohl die körperlichen als auch die emotionalen Aspekte des Lebens mit LOMS berücksichtigt und die PatientInnen in die Lage versetzt, sich aktiv an ihrer Versorgung zu beteiligen und ihre Lebensqualität zu verbessern.
Prognose und Verlauf von LOMS
Wie sieht die typische Prognose für PatientInnen mit LOMS im Vergleich zu jünger diagnostizierten PatientInnen aus?
Dr. Abdulkadir Tunc: Die Prognose für Menschen mit LOMS ist oft anders als bei denen, bei denen die Diagnose in jüngeren Jahren gestellt wurde. Im Allgemeinen haben LOMS-PatientInnen eher eine schnellere Zunahme der Behinderung und eine höhere Wahrscheinlichkeit für fortschreitende Krankheitsformen wie primär progrediente MS (PPMS) oder sekundär progrediente MS (SPMS).
Das liegt zum Teil an altersbedingten Faktoren wie einer verminderten Fähigkeit zur Remyelinisierung und anderen Reparaturmechanismen sowie an Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes, die die Symptome verschlimmern und die Behandlung erschweren können. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass viele LOMS-PatientInnen mit einer angemessenen und rechtzeitigen Behandlung ihre Symptome gut kontrollieren und eine hohe Lebensqualität aufrechterhalten können. Eine frühzeitige Diagnose und wirksame Therapien spielen eine entscheidende Rolle bei der Verlangsamung des Krankheitsverlaufs und der Erhaltung der Funktionen.
Verläuft LOMS schneller oder langsamer als früh auftretende MS, und gibt's irgendwelche Anzeichen dafür, wie die Krankheit in dieser Altersgruppe weitergeht?
Dr. Abdulkadir Tunc: LOMS entwickelt sich normalerweise schneller als früh auftretende MS und hat eine größere Wahrscheinlichkeit, in einen progredienten Verlauf überzugehen. Diese schnellere Entwicklung bei LOMS kann auf die geringere Reparaturfähigkeit des alternden Nervensystems zurückgeführt werden, das Schäden durch MS weniger gut reparieren kann, sowie auf die Immunalterung oder Immunoseneszenz, bei der ältere PatientInnen oft eine aggressivere Entzündungsreaktion zeigen, die zu einem schnelleren Fortschreiten beiträgt.
Mehrere Faktoren lassen ein schnelleres Fortschreiten der Krankheit bei LOMS erwarten. PatientInnen mit erheblichen Rückenmarksläsionen haben ein höheres Risiko für eine rasche Zunahme der Behinderung. Eine schlechte Erholung nach dem ersten Schub deutet oft auf einen aggressiveren Krankheitsverlauf hin. Biomarker wie positive Oligoklonalen Banden (OKB) und ein hoher IgG-Index im Nervenwasser weisen auf eine verstärkte Immunaktivität und eine höhere Krankheitsaktivität hin.
Auch das Alter bei der Diagnose spielt eine entscheidende Rolle, wobei ein höheres Alter mit einem schnelleren Fortschreiten der Krankheit einhergeht und Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Rauchen die Symptome weiter verschlimmern und das Risiko einer Behinderung erhöhen. Trotz dieser Herausforderungen haben Fortschritte bei den Immuntherapien die Ergebnisse für LOMS-PatientInnen deutlich verbessert. Medikamente wie Ocrelizumab und Cladribin sind besonders wirksam bei der Verlangsamung des Krankheitsverlaufs, vor allem in Fällen mit aggressiver Krankheitsaktivität.
Neue Entwicklungen: BTK-Inhibitoren
Denkst du, dass BTK-Inhibitoren eine gute Wahl für die Immuntherapie bei LOMS sein könnten?
Dr. Abdulkadir Tunc: BTK-Inhibitoren (Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren) sind eine vielversprechende neue Klasse von Immuntherapien für Multiple Sklerose, einschließlich LOMS. Diese Medikamente wirken, indem sie spezifisch auf B-Zellen abzielen, die eine wichtige Rolle bei den Entzündungsprozessen von MS spielen. BTK-Inhibitoren haben mehrere Vorteile, die sie zu einer attraktiven Option für LOMS-PatientInnen machen. Ein wichtiger Vorteil ist, dass sie oral eingenommen werden können, wodurch Injektionen oder Infusionen überflüssig werden, was mehr Komfort bietet und die Therapietreue verbessert – was besonders für ältere PatientInnen wichtig ist.
Außerdem haben BTK-Inhibitoren einen gezielten Wirkmechanismus, der Immunwege selektiv moduliert, um Entzündungen zu reduzieren, ohne das Immunsystem umfassend zu unterdrücken, was dazu beitragen kann, das Risiko schwerer Infektionen zu senken – ein wichtiges Anliegen für alternde PatientInnen mit Immunoseneszenz. Neuere Forschungsergebnisse zeigen auch ihre potenziellen neuroprotektiven Effekte auf, was darauf hindeutet, dass sie das Fortschreiten der Neurodegeneration verlangsamen könnten, eine häufige Herausforderung bei LOMS. Obwohl sie noch untersucht werden, könnten BTK-Inhibitoren eine bevorzugte Option für LOMS-PatientInnen werden, vor allem für diejenigen mit aktiver Erkrankung oder diejenigen, die andere Behandlungen aufgrund von Nebenwirkungen oder Begleiterkrankungen nicht vertragen.
Wie schaffen BTK-Hemmer den Spagat zwischen Wirksamkeit und Verträglichkeit für ältere PatientInnen?
Assoc. Prof. Dr. Abdulkadir Tunc: BTK-Inhibitoren könnten für ältere MS-Patienten, auch für die mit LOMS, eine gute Balance zwischen Wirksamkeit und Verträglichkeit bieten. Diese Therapien reduzieren effektiv die B-Zell-Aktivität und wirken so sowohl auf die entzündlichen als auch auf die neurodegenerativen Aspekte der MS. Weil sie ins zentrale Nervensystem (ZNS) eindringen können, zielen sie direkt auf Entzündungen im Gehirn und Rückenmark ab, was super wichtig ist, um das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen. Was die Verträglichkeit angeht, können BTK-Inhibitoren im Vergleich zu einigen bestehenden Therapien weniger systemische Nebenwirkungen verursachen, da sie die B-Zellen nicht vollständig abbauen.
Als orale Medikamente vermeiden sie außerdem injektionsbedingte Reaktionen oder infusionsassoziierte Nebenwirkungen, was sie für ältere PatientInnen benutzerfreundlicher macht. Außerdem deuten erste Studien darauf hin, dass BTK-Inhibitoren ein überschaubares Sicherheitsprofil haben, selbst bei Personen mit Begleiterkrankungen, obwohl eine sorgfältige Überwachung erforderlich ist, um mögliche Nebenwirkungen wie leichte Magen-Darm-Probleme oder seltene immunbedingte Komplikationen zu erkennen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass BTK-Inhibitoren vielversprechend für die wirksame Behandlung von LOMS sind und gleichzeitig eine verbesserte Verträglichkeit für ältere Menschen bieten. Wenn laufende Studien diese Vorteile bestätigen, könnten sie zu einer wertvollen Option in der Behandlung von LOMS werden.
Blitz-Fragenrunde
Vervollständige den Satz: „Für mich ist Multiple Sklerose ...“
Dr. Abdulkadir Tunc: Für mich ist Multiple Sklerose nicht nur eine Krankheit – es ist ein Rätsel, das wir jeden Tag lösen, um neue Wege zu finden, wie wir PatientInnen stärken und Leben verändern können.
Was würdest du dir in den nächsten 5 Jahren für die Multiple-Sklerose-Forschung wünschen?
Assoc. Prof. Dr. Abdulkadir Tunc: Ich würde mich echt über Durchbrüche in der Präzisionsmedizin für MS freuen – Therapien, die auf die individuellen Profile der PatientInnen zugeschnitten sind, einschließlich fortschrittlicher Biomarker zur Vorhersage der Krankheitsaktivität und des Krankheitsverlaufs. Außerdem hoffe ich auf die breite Einführung neuroprotektiver Behandlungen und Technologien, wie z. B. KI-gestützte Diagnostik, um die Früherkennung und die Langzeitergebnisse zu verbessern.
Verabschiedung
Zum Schluss: Welche Botschaft der Hoffnung oder Ermutigung möchtest du Menschen mit MS mitgeben?
Dr. Abdulkadir Tunc: An alle, die mit MS leben: Denkt daran, dass ihr nicht durch diese Krankheit definiert seid. Jeden Tag machen wir Fortschritte beim Verständnis von MS und bei der Entwicklung neuer Therapien, um das Leben zu verbessern. Bleibt hoffnungsvoll, bleibt aktiv und zögert nicht, euch auf euer Unterstützungsnetzwerk zu verlassen. Gemeinsam sind wir stärker, und gemeinsam werden wir weiter vorankommen.
Wie und wo können Leute, die sich dafür interessieren, deine Forschungsaktivitäten verfolgen?
Dr. Abdulkadir Tunc: Meine Forschungsarbeiten und Neuigkeiten könnt ihr über akademische Plattformen wie ResearchGate oder LinkedIn verfolgen, wo ich meine neuesten Veröffentlichungen und Projekte teile. Ich arbeite auch mit dem MSBase Registry zusammen und nehme an internationalen Veranstaltungen zum Thema MS teil. Also bleibt auch über diese Communities auf dem Laufenden.
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Nele
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