MS-Biomarker im Verlauf können dabei unterstützen,, Krankheitsaktivität sichtbar zu machen – auch dann, wenn die Multiple Sklerose nach außen scheinbar ruhig verläuft und keine Schübe auftreten. Denn Schübe sind oft nur die Spitze des Eisbergs.
In dieser Podcastfolge spreche ich mit Prof. Dr. Katja Akgün darüber, welche Biomarker heute zur Verlaufskontrolle eingesetzt werden, warum regelmäßige und standardisierte Messungen so entscheidend sind und wie Ärzt:innen und Patient:innen gemeinsam auch schleichende Veränderungen frühzeitig erkennen können.
Die Folge wurde durch die freundliche Unterstützung der Novartis Pharma GmbH ermöglicht.
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Gesprächspartnerin
Prof. Dr. Katja Akgün ist Neurologin und Multiple-Sklerose-Expertin. Sie arbeitet klinisch und wissenschaftlich zu Biomarkern, Bildgebung und Verlaufsbeurteilung bei MS. Sie war bereits zum Thema „Welche Verbesserungen bietet die Neuroimmunologie für die Behandlung von MS-Patienten“ im Podcast zu Gast.
1. Einstieg – Warum Biomarker?
Was versteht man unter Biomarkern, warum sind sie für die MS-Verlaufskontrolle wichtig – auch wenn die Krankheit „still“ verläuft?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Biomarker sind messbare Marker, die einen bestimmten Zustand im Körper präzise widerspiegeln. Wichtig ist, dass sie objektiv, wiederholt messbar und zuverlässig sind. In der Medizin nutzen wir solche Marker ständig – ein klassisches Beispiel ist der Blutdruck.
Gerade in der Neurologie und besonders bei der Multiplen Sklerose sind Biomarker extrem wichtig, weil die Erkrankung im Inneren abläuft, im zentralen Nervensystem. Im Gegensatz zu Hauterkrankungen sehen wir diese Prozesse nicht direkt. Biomarker helfen uns, die Erkrankung sichtbar zu machen und ihren Verlauf besser zu beurteilen.
Warum ist es entscheidend, dass Verlaufsmessungen regelmäßig und möglichst immer nach dem gleichen Standard erfolgen?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Wir wollen wissen, ob die Erkrankung aktiv ist oder nicht. Schübe sind oft nur die Spitze des Eisbergs – darunter kann die MS weiter aktiv sein. Unser Ziel ist es, Nervenzellschäden zu verhindern.
Dafür reicht es nicht, einmal zu messen. Wir brauchen wiederholte Messungen, um Veränderungen im Verlauf zu erkennen. Nur so bekommen wir ein verlässliches Bild darüber, ob die Erkrankung stabil ist oder ob sich etwas verändert.
Manche Patient:innen empfinden bestimmte Verlaufskontrollen auch als belastend. Wie gehen Sie mit solchen Sorgen um?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Das ist absolut nachvollziehbar. Wichtig ist, gemeinsam einen Plan zu machen und zu erklären, warum wir diese Untersuchungen durchführen. Die Häufigkeit kann variieren: Am Anfang der Erkrankung messen wir oft häufiger, später bei stabiler Situation meist einmal jährlich.
Das MRT ist trotz allem aktuell noch unser bester Marker bei MS. Es erlaubt uns, direkt ins Gehirn zu schauen. Gleichzeitig wird intensiv daran geforscht, Verlaufskontrollen einfacher und alltagstauglicher zu machen – zum Beispiel über Blutbiomarker.
2. MRT-Diagnostik
Welchen Beitrag leistet das MRT zur Verlaufskontrolle, und warum ist Standardisierung, z. B. immer derselbe Scanner, so wichtig?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Auch Geräte desselben Herstellers können unterschiedliche Ergebnisse liefern, etwa durch unterschiedliche Kalibrierung oder Umgebungsbedingungen. Zusätzlich nutzen Kliniken unterschiedliche Sequenzen und Auswertungsstrategien.
Am einfachsten und sichersten ist es, wenn Verlaufsmessungen immer am gleichen Gerät mit den gleichen Protokollen erfolgen. So lassen sich echte Veränderungen besser von Artefakten unterscheiden.
Woran erkennen Sie im MRT versteckte Krankheitsaktivität – und welche Rolle spielen neue Marker wie Iron Rim Lesions oder Hirnatrophie?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Klassisch schauen wir nach neuen oder vergrößerten T2-Läsionen. Auch das zeigt stille Krankheitsaktivität. Ein weiterer etablierter Marker ist die Hirnatrophie, also der Verlust von Hirnvolumen, den wir heute mit sehr guter Software messen können – ebenfalls nur sinnvoll bei standardisierten Untersuchungen.
Dazu kommen neue Marker wie sogenannte Iron Rim Lesions. Diese zeigen chronisch-aktive, schwelende Entzündungen an und treten vermutlich häufiger in progredienten Phasen auf. Sie sind diagnostisch anspruchsvoller und noch nicht überall verfügbar, gewinnen aber zunehmend an Bedeutung und werden auch in Leitlinien stärker berücksichtigt.
3. Klinische Verlaufsmarker – Schübe & Alltag
Wie unterscheiden Sie einen echten Schub von einer vorübergehenden Verschlechterung?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Früher haben wir dafür oft das MRT genutzt. Heute ziehen wir zusätzlich Blutbiomarker wie Neurofilamente heran. Diese zeigen an, ob aktuell Nervenzellschäden stattfinden.
Steigt der Wert deutlich an und passt das zu den Symptomen, spricht das für einen echten Schub. Trotzdem braucht es oft eine gemeinsame, pragmatische Entscheidung mit den Patient:innen – gerade bei Symptomen, die immer wieder auftreten.
Welche Alltagsveränderungen sehen Sie als Warnsignal dafür, dass die MS im Hintergrund weiter voranschreitet?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Warnsignale sind oft die Feinheiten. Wenn Patient:innen ihre Leistungsfähigkeit nicht mehr abrufen können – zum Beispiel im Beruf oder beim Sport – ist das ernst zu nehmen.
Ein Beispiel: Jemand konnte früher problemlos zehn Kilometer joggen und schafft plötzlich nur noch fünf. Das mag objektiv wenig erscheinen, ist für diese Person aber eine relevante Veränderung. Solche Hinweise sollten immer genauer überprüft werden.
Ab wann ist für Sie klar: Hier besteht Handlungsbedarf?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Wenn sich Alltagsveränderungen häufen oder die Leistungsfähigkeit deutlich abnimmt, müssen wir genauer hinschauen. Dann reicht es nicht mehr, sich nur auf die klassische neurologische Untersuchung zu verlassen.
4. Laborbiomarker – sNfL, GFAP & Liquor
Was genau misst man bei sNfL und GFAP – und was sagen sie über den Krankheitsverlauf aus?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Serum-Neurofilament-Leichtketten (sNfL) sind Marker für akute entzündliche Aktivität und Nervenzellschäden. Sie steigen bei Schüben an.
GFAP ist ein Marker für Astrozyten und wird mit schleichender Krankheitsprogression in Verbindung gebracht. Er ist noch nicht so etabliert wie sNfL, zeigt aber in Studien großes Potenzial für die Zukunft.
Werden diese Werte schon routinemäßig erhoben, und können Patient:innen danach fragen?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Neurofilamente werden bereits routinemäßig gemessen und können von Patient:innen aktiv angesprochen werden. Wichtig ist, immer dieselbe Messmethode zu nutzen, da Referenzwerte variieren.
GFAP wird aktuell meist als individuelle Gesundheitsleistung gemessen. Ziel ist es, diesen Marker künftig ebenfalls in die Routine zu integrieren.
Welche Rolle spielt der Liquor bei der Diagnose – und im weiteren Verlauf?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Bei der Erstdiagnose spielt der Liquor eine wichtige Rolle, vor allem um sicher zu unterscheiden, ob es sich um eine Multiple Sklerose oder eine andere Erkrankung handelt und wie aktiv die Erkrankung zu diesem Zeitpunkt ist.
Für die Verlaufsbeurteilung sind dagegen vor allem Biomarker geeignet, die sich einfacher und wiederholt messen lassen, zum Beispiel Blutmarker. Die MS ist eine sehr vielfältige Erkrankung, und um Veränderungen im Verlauf zu erkennen, braucht man Marker, die man über die Zeit vergleichen kann.
5. Neurofunktion & Verlaufsmarker – OCT, Kognition, digitale Daten
Was kann die Netzhautuntersuchung mit dem OCT zeigen – und wann ist sie besonders relevant?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Das OCT misst die Dicke und Vitalität der Netzhautzellen, die Teil des Nervensystems sind. Veränderungen sehen wir bei MS häufig – auch ohne vorausgegangene Sehnerventzündung.
Welche kognitiven Tests helfen, schleichende Verschlechterungen zu erkennen?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Screening-Tests wie SDMT oder BICAMS sind alltagstauglich und gut wiederholbar. Bei Auffälligkeiten folgen ausführliche neuropsychologische Testungen, die deutlich zeitintensiver sind.
Kurz erklärt:
SDMT ist ein kurzer Test zur Messung der Verarbeitungsgeschwindigkeit.
BICAMS ist eine standardisierte Testbatterie für Menschen mit MS, die zusätzlich Gedächtnis und Lernfähigkeit erfasst.
Beide Tests eignen sich gut für wiederholte Verlaufskontrollen im Alltag.
Wie verlässlich sind digitale Daten wie Schrittzahl oder Gangtempo?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Digitale Messungen über Smartphone oder Wearables korrelieren gut mit klinischen Tests. Einzelwerte sind weniger aussagekräftig, Trends über mehrere Messungen hinweg dagegen sehr wertvoll. KI-gestützte Auswertungen können helfen, echtes Fortschreiten vom Alltagsrauschen zu unterscheiden.
6. Elektrophysiologie – VEP, MEP, SSEP
Was messen evozierte Potenziale – und wann setzen Sie sie ein?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Sie messen die Leitfähigkeit sensibler, motorischer und visueller Nervenbahnen. Besonders hilfreich sind sie bei der Erstdiagnose oder zur Einschätzung stiller Veränderungen.
Für die engmaschige Verlaufskontrolle nutze ich sie seltener, da sie gröbere Veränderungen abbilden als MRT oder Blutbiomarker.
7. Patient-Reported Outcomes (PROMS)
Welche Selbsteinschätzungen nutzen Sie – und wann ist Fatigue ein Warnzeichen?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Wir nutzen Fatigue-, Depressions- und Lebensqualitätsfragebögen gezielt. Wichtig ist vor allem das ärztliche Gespräch. PROMS werden noch nicht flächendeckend eingesetzt, sind aber essenziell, um die individuelle Krankheitswahrnehmung abzubilden.
Warum ist es hilfreich, Symptome regelmäßig zu dokumentieren?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Weil wir Patient:innen oft nur punktuell sehen. Die regelmäßige Dokumentation macht aus Momentaufnahmen ein „Video des Alltags“.
👉 Passend dazu: der MS-Symptom-Kompass, der bei der systematischen Beobachtung und Dokumentation von Symptomen unterstützt.
8. Abschlussfrage
Wie viel lässt sich heute schon messen, was früher unbemerkt geblieben wäre?
Prof. Dr. Katja Akgün:
Entzündliche Aktivität erfassen wir heute sehr gut – auch stille Schübe. Schwieriger bleibt die schleichende Progression. Hier haben wir bereits Fortschritte gemacht, brauchen aber noch bessere Marker und Messmethoden.
In Folge #354 begrüße ich Prof. Dr. Katja Akgün erneut zu Gast. Dann zum Thema „MS-Biomarker verstehen & nutzen: Was tun bei Auffälligkeiten?“.
Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele
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