Boxtraining bei Multipler Sklerose – was zunächst wie ein Widerspruch klingt, ist für viele Menschen mit MS in Hamburg bereits Realität. In dieser Podcastfolge spreche ich mit Dilar Kisikyol, ehemalige Weltmeisterin im Leichtgewicht, über ihr MS-Boxangebot und darüber, wie Bewegung, Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit neue Perspektiven eröffnen können.
Das Interview zeigt: Ein erfülltes Leben mit Multipler Sklerose ist möglich – manchmal auf ganz neuen Wegen.
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Vorstellung Dilar Kisikyol
Dilar Kisikyol, ehemalige Boxweltmeisterin im Leichtgewicht: Mein Name ist Dilar Kisikyol. Ich bin 34 Jahre jung, als Drilling geboren. Mit 16 habe ich mit dem Boxsport begonnen, war jahrelang Amateurboxerin, habe 2019 mein Profidebüt gegeben und wurde 2022 Weltmeisterin im Leichtgewicht. Seitdem mache ich verschiedene Projekte – unter anderem Boxangebote für Menschen mit Parkinson und Multiple Sklerose.
Vom Weltmeistertitel zum MS-Boxprojekt
Wie kam es zu diesem Wandel – und wie ist daraus das MS-Boxangebot in Hamburg entstanden?
Dilar Kisikyol: Ich habe eine Ausbildung zur Gymnastiklehrerin gemacht und Soziale Arbeit studiert. Währenddessen war ich viel in Reha-Einrichtungen tätig.
2021 wurde ich Frauen- und Inklusionsbeauftragte im Boxverband. Kurz darauf meldeten sich Frauen mit Parkinson bei mir, die von Boxtraining gehört hatten. Wir starteten ein Projekt – und es wuchs schnell.
Später entstand gemeinsam mit der Hertie-Stiftung die Idee, ein ähnliches Angebot auch für Menschen mit MS aufzubauen. So ist das MS-Boxtraining in Hamburg entstanden.
Warum Boxen bei MS hilfreich sein kann
Warum kann Boxtraining bei MS hilfreich sein?
Boxen gilt als Hochleistungssport. Doch therapeutisch genutzt, spricht es viele für MS relevante Bereiche an: Koordination, Reaktionsfähigkeit, Gleichgewicht, Konzentration – und das Zusammenspiel von Gehirn und Körper.
Dilar Kisikyol: Boxen ist ein Ganzkörpertraining. Es fördert Reaktion, Koordination, Gleichgewicht und Konzentration.
Das Besondere: Gehirn und Körper arbeiten gleichzeitig. Genau diese Verbindung ist bei neurologischen Erkrankungen wertvoll.
Und ganz wichtig – es macht Spaß. Viele sagen, es fühlt sich nicht wie klassische Therapie an. Diese Freude verändert viel, auch emotional.
Parkinson- und MS-Boxen im Vergleich
Was unterscheidet MS-Boxen vom Parkinson-Boxen?
Dilar Kisikyol: Bei Parkinson ähneln sich die Symptome häufig stärker. Bei MS ist alles viel individueller.
Manche trainieren im Stehen, andere im Sitzen. Manche haben starkes Gleichgewichtsproblem, andere kaum Einschränkungen. Das Training muss komplett angepasst werden.
Für mich ist das eine spannende Herausforderung – ich lerne unglaublich viel dazu.
So läuft das Training ab
Wie sieht eine typische Einheit aus? Und ist das kontaktfrei?
Dilar Kisikyol: Ja. Es geht nicht um Wettkampf. Niemand bekommt Schläge auf den Kopf.
Wir starten mit einem Ritual und einer 15-minütigen Erwärmung. Dann folgen spielerische Übungen, Partnerübungen, Schattenboxen vor dem Spiegel.
In der Hauptphase kommen Boxhandschuhe zum Einsatz – aber ohne Kopftreffer. Wir arbeiten mit Pratzen (Schlagpolstern), am Boxsack und mit Koordinationsübungen. Es ist anstrengend, aber sicher.“
Ein Beispiel: Auf das Kommando „Hock“ wird die Führhand geschlagen. Solche Reaktionsspiele trainieren Aufmerksamkeit, Schnelligkeit und Bewegungskoordination.
Anpassung an unterschiedliche Voraussetzungen
Wie gehst du mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen um?
Dilar Kisikyol: Wir haben Teilnehmende im Rollstuhl und andere, denen man nichts ansieht. Die Kunst ist, individuell zu schauen: Was ist umsetzbar?
Boxen lässt sich extrem anpassen – im Sitzen, im Stehen, mit kleinen Bewegungen. Ich wünsche mir langfristig, auch Therapeuten auszubilden, damit sie Boxelemente in ihre Arbeit integrieren können.
Wirkung & Grenzen
Was können Teilnehmende realistisch erwarten?
Dilar Kisikyol: Viele berichten, dass sie stabiler stehen oder sich im Alltag sicherer fühlen. Reaktion, Konzentration und Koordination verbessern sich.
Aber es ist kein Ersatz für medizinische Therapie. Es ist eine Ergänzung – mit großem Einfluss auf Lebensqualität.
Du hast ja auch schon in anderen Podcastfolgen über Gleichgewichtstraining und hochintensives Intervalltraining bei MS gesprochen – viele dieser Elemente fließen hier spielerisch ein.
Selbstbewusstsein & Gemeinschaft
Welche Rolle spielt das Gruppenerlebnis?
Dilar Kisikyol: Wenn jemand merkt: Ich kann noch boxen. Ich kann meine Führhand schlagen. Dann macht das etwas mit dem Selbstbild.
Die Gruppe ist enorm wichtig. Alle sind betroffen, aber niemand definiert sich nur über die Erkrankung. Viele sagen mir: ‚Das ist mein Highlight der Woche.‘“
Selbstwirksamkeit – also die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können – ist gerade bei chronischen Erkrankungen ein zentraler Faktor für psychische Stabilität.
Sicherheit & Abgrenzung
Wo liegt die Grenze zum klassischen Boxsport?
Dilar Kisikyol: Kein Wettkampf, kein Sparring, keine Kopftreffer.
Wir nutzen Elemente aus dem Boxsport – aber therapeutisch, spielerisch und angepasst. Das ist ein großer Unterschied.
Einstieg & Trainingshäufigkeit
Wie oft sollte man trainieren?
Dilar Kisikyol: Aktuell einmal pro Woche im Kurs. Ich empfehle zusätzlich kleine Übungen zu Hause, zum Beispiel Schattenboxen.
Regelmäßigkeit ist entscheidend – wie bei jeder Form von Bewegung.
Engagement & Motivation
Warum ist dir dieses Projekt persönlich so wichtig?
Dilar Kisikyol: Der Boxsport hat mir unglaublich viel gegeben. Ich möchte etwas zurückgeben.
Ich will Vorurteile abbauen – gegenüber dem Boxen und gegenüber neurologischen Erkrankungen.
Und ich wünsche mir, dass niemand sich aufgibt.
Blick nach vorn
Was wünschst du dir für die Zukunft des MS-Boxens?
Dilar Kisikyol: Dass es sich weiter verbreitet. Und dass Menschen mit MS den Mut haben, Neues auszuprobieren – ob Boxen, Tanzen oder Tischtennis.
Wichtig ist, etwas zu finden, das Kraft gibt und Hoffnung schenkt.
Kontakt
Weitere Informationen gibt es auf:
www.dilarkisikyol.de
(Die Website wird aktuell (Februar 2026) überarbeitet.)
Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit dem HSV e.V. und der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung.
Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele
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