Hast du dich schon mal gefragt, wie epigenetische Vorgänge den Verlauf der Multiplen Sklerose (MS) beeinflussen und warum sich die Krankheit bei manchen Menschen schnell verschlimmert, während andere einen milderen Verlauf haben? Könnte es neben der Genetik noch verborgene biologische Schalter geben, die die MS beeinflussen? In diesem ausführlichen Beitrag tauche ich gemeinsam mit Dr. Majid Pahlevan Kakhki in die faszinierende Welt der Epigenetik ein und decke auf, wie Faktoren wie die DNA-Methylierung den Verlauf der MS und die Behandlungsergebnisse beeinflussen.
Begleite mich, wenn wir bahnbrechende Forschungsergebnisse zum Einfluss von Lebensstil, Umwelt und molekularen Veränderungen auf MS diskutieren. Könnten epigenetische Therapien der Schlüssel sein, um das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen oder sogar umzukehren? Lies weiter und erfahre, wie diese Spitzenforschung den Weg für personalisiertere und effektivere MS-Behandlungen ebnet.
Das Interview ist eine Übersetzung und wurde ursprünglich im März 2025 auf dem englischen MS-Perspektive Podcast geführt.
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Einleitung – Wer ist Dr. Majid Pahlevan Kakhki?
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
Mein Name ist Majid Pahlevan Kakhki, und ich komme ursprünglich aus dem Iran, genauer gesagt aus der Provinz Khorasan im Nordosten des Landes. Meine Kindheit war eng mit der Landwirtschaft verbunden, da ich viel Zeit damit verbrachte, gemeinsam mit meinen Eltern auf den Safranfeldern zu arbeiten. Als ich älter wurde, wollte ich meine Ausbildung finanzieren und unabhängig werden, also lernte ich das Schneiderhandwerk und wurde darin ziemlich geschickt. So konnte ich mein Studium finanzieren und gleichzeitig selbstständig bleiben. Ich promovierte im Iran in Molekulargenetik und ging nach meiner Promotion als Postdoktorand an das Karolinska Institutet nach Schweden. Seitdem arbeite ich dort und konzentriere mich auf Spitzenforschung in meinem Fachgebiet.
Dr. Majid Pahlevan Kakhki: Was hat dich persönlich zu deiner Berufswahl bewegt?
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
Das ist eine interessante Frage. Ich war schon immer wissbegierig und von neuen, innovativen Ideen fasziniert. Wenn ich zurückblicke, wird mir klar, wie sehr diese Neugier jeden Schritt meines Weges geprägt hat. Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Schneider, als ich bei der Arbeit ständig Radio hörte. Eines Tages stieß ich auf eine Sendung, in der eine faszinierende Studie zur Hirnforschung bei Tieren diskutiert wurde. Schon beim Zuhören spürte ich sofort eine Verbindung – ich wusste, dass ich Forscher werden und die Geheimnisse des Gehirns erforschen wollte. Darüber hinaus spielte meine Mutter eine wichtige Rolle dabei, mich zu ermutigen, eine Ausbildung zu absolvieren. Sie wollte immer, dass ich mir eine bessere Zukunft aufbaue, da sie aus eigener Erfahrung wusste, wie hart das Leben in der Landwirtschaft sein kann. Ein entscheidender Moment kam in der Sekundarschule, als mein Lehrer ein einfaches Experiment vorführte – die Gewinnung von DNA aus einer Zwiebel. Dieser Moment weckte meine Liebe zur Genetik, und von da an war ich entschlossen, diesen Weg einzuschlagen. Ich habe hart gearbeitet, mein Studium mit Leidenschaft verfolgt und meine Reise in der Wissenschaft bis heute fortgesetzt.
Einführung in die Epigenetik und MS
Kannst du erklären, was Epigenetik ist und wie sie sich in Bezug auf Multiple Sklerose von der Genetik unterscheidet?
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
Genetik bezieht sich auf die DNA-Sequenz, die wir von unseren Eltern erben – im Wesentlichen die „fest verdrahteten“ Anweisungen, die bestimmen, wie sich unser Körper entwickelt und funktioniert. Diese genetischen Codes bleiben unser ganzes Leben lang weitgehend unverändert.
Bei der Epigenetik hingegen geht es darum, wie Gene reguliert und ausgeprägt werden, ohne die eigentliche DNA-Sequenz zu verändern. Dabei geht es um biochemische Veränderungen wie DNA-Methylierung und Histonmodifikationen, die Gene als Reaktion auf Umweltfaktoren, den Lebensstil und sogar Krankheitsprozesse an- oder ausschalten können.
Im Zusammenhang mit Multipler Sklerose (MS) hat die traditionelle Genetik bestimmte Genvarianten identifiziert, die die Anfälligkeit einer Person für die Krankheit erhöhen. Die Genetik allein erklärt jedoch nicht vollständig, warum manche Menschen MS entwickeln, andere hingegen nicht, oder warum Symptome und Krankheitsverlauf von Person zu Person so stark variieren.
Hier spielt die Epigenetik eine entscheidende Rolle. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Umweltfaktoren – wie Infektionen, Rauchen, Ernährung und Stress – die epigenetische Landschaft von Immun- und Gehirnzellen beeinflussen und so möglicherweise MS auslösen oder verschlimmern können. Durch die Untersuchung epigenetischer Veränderungen können wir die Krankheitsmechanismen besser verstehen und neue therapeutische Ansatzpunkte identifizieren, um das Fortschreiten der MS zu verlangsamen oder sogar zu verhindern.
Was ist DNA-Methylierung und welche Rolle spielt sie bei der Regulierung von Genen, die den Verlauf der MS beeinflussen können?
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
Die DNA-Methylierung ist einer der wichtigsten epigenetischen Mechanismen, die die Genaktivität regulieren, ohne die DNA-Sequenz selbst zu verändern. Dabei wird eine Methylgruppe (-CH₃) an bestimmte Stellen der DNA angefügt, meist an Cytosin-Basen in CpG-Stellen. Diese Modifikation kann wie ein Schalter wirken und Gene je nach Kontext ein- oder ausschalten.
Wir glauben, dass bei Multipler Sklerose (MS) die DNA-Methylierung eine entscheidende Rolle bei der Beeinflussung des Krankheitsverlaufs spielt. MS ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die schützende Myelinscheide um die Nervenzellen angreift. Veränderungen der DNA-Methylierung können die Aktivität von Genen beeinflussen, die an Immunreaktionen, Entzündungen und der Reparatur von Nervenzellen beteiligt sind.
Zum Beispiel können abnormale Methylierungsmuster in Immunzellen zu einer überaktiven Immunreaktion führen, was Entzündungen verstärkt und zu Nervenschäden beiträgt. Ebenso könnten Veränderungen in Nervenzellen deren Fähigkeit zur Myelinreparatur beeinträchtigen und so den Krankheitsverlauf beeinflussen.
Durch die Untersuchung der DNA-Methylierung bei MS-Patient:innen wollen Forscher:inn Biomarker für den Krankheitsverlauf und potenzielle therapeutische Ansatzpunkte aufdecken. Das Spannende daran ist, dass epigenetische Modifikationen wie die DNA-Methylierung im Gegensatz zu genetischen Mutationen potenziell reversibel sind, was Möglichkeiten für neue Behandlungen eröffnet, die darauf abzielen, die Genaktivität zu verändern, um das Fortschreiten der MS zu verlangsamen oder sogar zu stoppen.
Einer der faszinierendsten Aspekte der DNA-Methylierung ist ihre dynamische Natur, die sie für Gesundheit und Krankheit hochrelevant macht. Sie weist drei wichtige Merkmale auf:
- Sensitivität – Die DNA-Methylierung verändert sich schnell als Reaktion auf Umweltfaktoren wie Ernährung, Stress, Rauchen und Infektionen. Dies ermöglicht es den Zellen, sich an unterschiedliche Bedingungen anzupassen.
- Reversibilität – Im Gegensatz zu genetischen Mutationen können Methylierungsmuster verändert und sogar wieder in den Normalzustand zurückversetzt werden, was sie zu einem potenziellen Ziel für therapeutische Eingriffe macht.
- Stabilität – Einmal etabliert, bleiben DNA-Methylierungsmarker über lange Zeiträume nachweisbar, was sie als Biomarker für die Untersuchung früherer Expositionen oder die Vorhersage des Krankheitsrisikos nützlich macht.
Genetische Faktoren und der Verlauf der MS
Wie wirken sich genetische Variationen am Locus 1q21.1 auf das Risiko und den Verlauf der primär progredienten MS (PPMS) aus?
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
Eines der Hauptziele der Genforschung bei Multipler Sklerose (MS) ist es, spezifische genetische Unterschiede zwischen Menschen mit MS und solchen ohne die Krankheit zu identifizieren. Auf diese Weise können wir genetische Variationen ausmachen, die möglicherweise zur Entstehung von MS beitragen.
In unserer Studie haben wir einen etwas anderen Ansatz gewählt, indem wir uns auf epigenetische Faktoren, insbesondere die DNA-Methylierung, konzentriert und diese bei MS-Patient:innen und gesunden Personen verglichen haben. Wir haben festgestellt, dass bei Patient:innen mit primär progredienter MS (PPMS) deutliche Unterschiede in den DNA-Methylierungsgraden bestanden, was auf einen epigenetischen Einfluss auf den Krankheitsverlauf hindeutet.
Durch umfangreiche Analysen haben wir einen Zusammenhang zwischen genetischen und epigenetischen Mechanismen am Locus 1q21.1 auf Chromosom 1 entdeckt. Konkret haben wir festgestellt, dass bestimmte genetische Variationen, die bei PPMS-Patient:innen gehäuft auftreten, epigenetische Faktoren beeinflussen, die wiederum die Genexpression regulieren. Diese Veränderungen wirken sich letztlich auf die neuronale Funktion aus und können zum Krankheitsverlauf beitragen.
Dieser Befund unterstreicht das komplexe Zusammenspiel zwischen Genetik und Epigenetik bei MS und macht deutlich, dass weitere Forschung nötig ist, um zu untersuchen, wie diese Mechanismen für potenzielle Therapien genutzt werden können.
Wie beeinflussen bestimmte Gene wie CHD1L und PRKAB2 den Verlauf der MS?
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
Unser Genom enthält über 20.000 Gene, von denen jedes eine andere Rolle spielt, aber wir müssen noch viel darüber lernen, wie sie zusammenwirken, um bestimmte biologische Funktionen zu regulieren. Im Fall der Multiplen Sklerose (MS) wurden bestimmte Gene als Schlüsselakteure für den Krankheitsverlauf identifiziert.
Unsere Forschung hat gezeigt, dass CHD1L an der neuronalen Funktion beteiligt ist. Wir haben nachgewiesen, dass CHD1L durch DNA-Methylierung reguliert wird, einen epigenetischen Mechanismus, der seine Aktivität beeinflussen kann. Wir fanden heraus, dass veränderte Methylierungsmuster an diesem Gen die neuronale Funktion beeinträchtigen und möglicherweise zum Fortschreiten der MS beitragen können.
Um seine Rolle besser zu verstehen, haben wir CHD1L in Neuronen getestet, die im Labor aus Stammzellen gewonnen wurden, sowie in Zebrafischmodellen, was weitere Hinweise auf seine Beteiligung an der Neuroentwicklung und an Reparaturmechanismen lieferte. Interessanterweise wurde dieselbe Genomregion, in der wir CHD1L identifiziert haben, auch mit anderen Hirnerkrankungen in Verbindung gebracht, darunter Autismus und Schizophrenie, was auf eine breitere neurologische Bedeutung hindeutet.
Diese Erkenntnisse zeigen, wie genetische und epigenetische Faktoren zusammenwirken, um das Fortschreiten der MS zu beeinflussen, und bieten neue potenzielle Ansatzpunkte für zukünftige Therapien.
Inwiefern könnten diese Erkenntnisse zur DNA-Methylierung und Genexpression möglicherweise zu einem besseren Verständnis oder zu neuen Behandlungsmöglichkeiten bei MS führen?
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
Zwar verfügen wir mittlerweile über mehrere wirksame Behandlungsmöglichkeiten für die schubförmig remittierende MS (RRMS), doch gibt es nach wie vor nur sehr wenige Optionen zur Behandlung der progredienten MS. Einer der Hauptgründe dafür ist unser begrenztes Verständnis der Mechanismen, die das Fortschreiten der MS vorantreiben, insbesondere im Gehirn. Das Gehirn ist ein stark geschütztes und komplexes Organ, was eine detaillierte Untersuchung erschwert.
Unsere Forschung konzentriert sich darauf, verborgene Aspekte des Genoms aufzudecken, insbesondere durch die Epigenetik, die über die reine Genetik hinaus eine weitere Informationsebene hinzufügt. Durch die Untersuchung der DNA-Methylierung und der Genexpression können wir Erkenntnisse darüber gewinnen, wie Umwelt- und molekulare Faktoren zur MS-Anfälligkeit und zum Krankheitsverlauf beitragen.
Durch die Integration genetischer, epigenetischer und molekularer Daten kommen wir der Identifizierung wichtiger Regulationswege, die bei MS eine Rolle spielen, einen Schritt näher. Dieses Wissen könnte zu Folgendem führen:
- Biomarker für den Krankheitsverlauf – Identifizierung von Methylierungsmustern, die den Schweregrad und den Verlauf der Erkrankung vorhersagen.
- Personalisierte Behandlungsansätze – Entwicklung von Therapien, die auf bestimmte epigenetische Veränderungen abzielen und potenziell schädliche Veränderungen rückgängig machen.
- Neue Wirkstoffziele – Verständnis dafür, wie die Genregulation das Überleben von Nervenzellen und die Immunfunktion beeinflusst, was zur Entwicklung wirksamerer Behandlungen für progrediente MS beiträgt.
Indem wir Licht auf diese bisher unerforschten Regulationsmechanismen werfen, hoffen wir, den Weg für neue therapeutische Strategien zu ebnen, die das Fortschreiten der MS in Zukunft verlangsamen oder sogar stoppen könnten.
Klinische Auswirkungen für MS-Patient:innen
Könnten diese genetischen und epigenetischen Marker in Zukunft zu individuelleren Behandlungsplänen für MS-Patient:innen führen? Und wie weit oder nah ist diese praktische Anwendung noch entfernt?
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
Auf jeden Fall. Genetische und epigenetische Marker haben das Potenzial, die MS-Behandlung zu revolutionieren, indem sie eine personalisierte Medizin ermöglichen, bei der Therapien auf das einzigartige genetische und molekulare Profil jedes Einzelnen zugeschnitten sind. Derzeit folgen die meisten MS-Behandlungen einem Einheitsansatz, aber wir wissen, dass nicht alle Patient:innen gleich auf dieselben Behandlungen ansprechen. Durch die Identifizierung spezifischer genetischer Variationen und epigenetischer Modifikationen könnten wir besser vorhersagen:
- Wer ein höheres Risiko hat, an MS zu erkranken
- Wie aggressiv die Krankheit möglicherweise fortschreitet
- Welche Behandlungen bei einem bestimmten Patienten am ehesten wirksam sind
Wenn ein Patient beispielsweise bestimmte DNA-Methylierungsmuster aufweist, die mit einem schwereren MS-Verlauf verbunden sind, könnten Ärzt:innen ihre Behandlungsstrategie früher anpassen, um die Krankheit zu verlangsamen. Ebenso könnte das Verständnis, wie epigenetische Regulation die Immun- und Nervenzellfunktion beeinflusst, zu neuen Wirkstoffzielen führen, die die Genaktivität verändern, um MS besser zu kontrollieren.
Was die Frage angeht, wie nah wir an der klinischen Anwendung sind: Wir befinden uns noch in den frühen Phasen der Umsetzung dieser Erkenntnisse in praktische Behandlungen. Während die Entdeckung von Biomarkern rasch voranschreitet, erfordert die Umsetzung personalisierter Behandlungspläne auf Basis dieser Marker groß angelegte klinische Studien und weitere Validierung. Realistisch gesehen könnten wir innerhalb der nächsten 5–10 Jahre biomarkerbasierte Diagnostik- und Risikobewertungstools sehen, aber vollständig personalisierte Behandlungsstrategien könnten länger dauern – vielleicht 10–20 Jahre, bis sie in der klinischen Praxis zur Routine werden.
Die Fortschritte bei der KI-gestützten Datenanalyse, der Genomsequenzierung und epigenetischen Therapien beschleunigen diesen Prozess jedoch. Mit kontinuierlicher Forschung und Investitionen bewegen wir uns auf eine Zukunft zu, in der MS-Behandlungen nicht nur reaktiv, sondern proaktiv und auf jeden Patienten zugeschnitten sind.
Epigenetische Therapien und Zukunftsaussichten
Wie könnten Techniken wie CRISPR oder andere Werkzeuge zur Epigenom-Bearbeitung eingesetzt werden, um schädliche epigenetische Veränderungen bei MS-Patient:innen zu korrigieren?
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
CRISPR und andere Werkzeuge zur Gen- und Epigenom-Editierung entwickeln sich rasant weiter, und wir verstehen sie mittlerweile viel besser als früher. Auch wenn diese Technologien noch nicht für den routinemäßigen klinischen Einsatz bei der MS-Behandlung bereit sind, glauben wir, dass sie in naher Zukunft zu leistungsstarken therapeutischen Optionen werden könnten.
Natürlich hat die Sicherheit oberste Priorität. Bevor diese Methoden am Menschen angewendet werden können, müssen wir sicherstellen, dass sie präzise, zuverlässig und frei von unbeabsichtigten Nebenwirkungen sind. Das Potenzial ist jedoch riesig.
In unserem Forschungsteam arbeiten wir aktiv auf dieses Ziel hin. Unser Ansatz sieht Folgendes vor:
- Identifizierung der Schlüsselgene und epigenetischen Marker, die am Fortschreiten der MS beteiligt sind.
- Einsatz von Werkzeugen zur Gen- und Epigenom-Editierung, um schädliche Veränderungen im Labor zu korrigieren.
- Die Auswirkungen dieser Korrekturen in kultivierten Zellen und Tiermodellen zu testen, um zu sehen, ob sie die normale Funktion wiederherstellen.
Eine spannende Methode, die wir entwickeln, ist die Erstellung personalisierter Krankheitsmodelle. Indem wir Zellen von einer Person entnehmen – entweder aus Blut oder Haut –, können wir sie in Neuronen umprogrammieren und ein „Mini-Gehirn“ in einer Petrischale erzeugen. So können wir testen, wie sich Epigenom-Editierungstechniken auf den spezifischen genetischen Hintergrund des Patienten auswirken, bevor wir eine klinische Anwendung in Betracht ziehen.
Auch wenn die klinische Anwendung noch Jahre entfernt ist, könnte die Fähigkeit, epigenetische Veränderungen präzise zu bearbeiten, letztendlich zu hochgradig personalisierten Therapien führen und MS-Patient:innen neue Hoffnung bieten, insbesondere denen mit progredienten Formen der Krankheit.
Die weitreichenden Auswirkungen der epigenetischen Forschung
Könnten die Ergebnisse dieser Studie dazu beitragen zu erklären, warum herkömmliche Immuntherapien bei Patient:innen mit fortschreitenden Formen der MS oft weniger wirksam sind?
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
Ja, auf jeden Fall. Eine bekannte Tatsache in der MS-Forschung ist, dass Entzündungen in den frühen Stadien der Krankheit eine entscheidende Rolle spielen. Zu Beginn der MS kommt es zu einer starken Immunreaktion im Blut, die im Laufe der Jahre umfassend untersucht wurde. Deshalb sind die meisten aktuellen MS-Behandlungen – die auf das Immunsystem abzielen – in diesen frühen schubförmig-remittierenden Stadien wirksam. Da Entzündungen ein häufiges Merkmal vieler Autoimmunerkrankungen sind, profitieren wir oft auch von der Forschung zu anderen Erkrankungen.
Bei der progredienten MS ist das jedoch anders. Bei diesen Formen ist das Hauptproblem nicht eine anhaltende Entzündung im Blut, sondern vielmehr die Neurodegeneration – der allmähliche Verlust von Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark. Das ist eine große Herausforderung, weil:
Das Gehirn ist stark geschützt, was es schwierig macht, es zu untersuchen und direkt anzusprechen.
Aktuelle Immuntherapien wirken, indem sie Entzündungen im Blut unterdrücken, aber sie gehen nicht wirksam auf die Mechanismen des Neuronenverlusts bei fortschreitender MS ein.
In unserer aktuellen Studie haben wir uns auf die Verbindung zwischen dem Immunsystem und dem Gehirn konzentriert. Wir haben epigenetische Marker im Blut identifiziert, die mit Veränderungen im Gehirn korrelieren, die insbesondere die Neuronenfunktion beeinflussen. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Entzündungen zwar im Blut beginnen, aber letztendlich die Neurodegeneration im Gehirn beeinflussen, die zur treibenden Kraft bei fortschreitender MS wird.
Das könnte erklären, warum Immuntherapien, die in der frühen Entzündungsphase der MS wirksam sind, das Fortschreiten der Krankheit nicht aufhalten oder verlangsamen können. Um bessere Behandlungen für die progrediente MS zu entwickeln, müssen wir über immuntherapeutische Ansätze hinausgehen und uns stärker darauf konzentrieren, die Neuronen zu verstehen und zu schützen.
Welche Rolle spielen Umweltfaktoren (z. B. Rauchen, Ernährung, Stress) bei der Beeinflussung epigenetischer Veränderungen?
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
Umweltfaktoren spielen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung unserer epigenetischen Landschaft, einschließlich der DNA-Methylierungsmuster, die die Genexpression und den Krankheitsverlauf beeinflussen können. Im Gegensatz zu genetischen Mutationen, die feststehen, sind epigenetische Veränderungen dynamisch und umkehrbar, was bedeutet, dass sie sich im Laufe der Zeit als Reaktion auf den Lebensstil und Umwelteinflüsse verändern können.
Mehrere wichtige Umweltfaktoren wurden mit epigenetischen Veränderungen in Verbindung gebracht, die für MS relevant sind:
- Rauchen
- Ernährung
- Stress
- Körperliche Aktivität
Können Änderungen des Lebensstils die medizinische Behandlung ergänzen?
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
Auf jeden Fall. Während sich die derzeitigen MS-Behandlungen hauptsächlich auf das Immunsystem konzentrieren, könnte die Einbeziehung von Änderungen des Lebensstils dazu beitragen, die langfristigen Ergebnisse zu verbessern, indem sie die epigenetische Regulation beeinflussen. Zum Beispiel:
- Mit dem Rauchen aufhören
- Eine ausgewogene Ernährung
- Techniken zum Stressmanagement
können schädlichen epigenetischen Veränderungen entgegenwirken, die zur Neurodegeneration beitragen.
Diese Anpassungen des Lebensstils ersetzen zwar keine medizinischen Behandlungen, können aber ergänzend dazu einen ganzheitlicheren Ansatz zur Behandlung von MS bieten. Da epigenetische Veränderungen reversibel sind, könnte ihre gezielte Beeinflussung durch Therapie und Änderungen des Lebensstils neue Möglichkeiten eröffnen, das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen und sogar die normale Genfunktion wiederherzustellen.
Schnell-Frage-Runde
Vervollständige den Satz: „Für mich ist Multiple Sklerose …“
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
Für mich ist Multiple Sklerose eine Erkrankung, die zwar nach wie vor eine Herausforderung darstellt, aber nicht mehr so schwerwiegend ist wie früher. Angesichts der rasanten Fortschritte in der Forschung und der neuen Behandlungsstrategien glaube ich, dass wir in naher Zukunft sehr gute Nachrichten hören werden.
Welche Entwicklungen würdest du dir in den nächsten 5 Jahren auf dem Gebiet der Multiplen Sklerose wünschen?
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
Jegliche Medikamente, die das Fortschreiten der MS eindämmen können.
Verabschiedung
Zum Schluss: Welche Botschaft der Hoffnung oder Ermutigung möchtest du den Zuhörer:innen mit auf den Weg geben?
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
Gib nicht auf. Ich weiß, dass manche Tage schwer sein können, aber bitte denk daran, dass Forscher:innen auf der ganzen Welt, mich eingeschlossen, hart daran arbeiten, bessere Behandlungsmethoden und Lösungen für dich zu finden. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir eines Tages die Nachricht hören werden, dass MS geheilt ist, und wir unsere Forschung dann darauf konzentrieren können, andere Krankheiten zu heilen.
Wie und wo können Interessierte deine Forschungsaktivitäten verfolgen?
Dr. Majid Pahlevan Kakhki:
Ich habe ein LinkedIn-Profil (https://www.linkedin.com/in/majid-pahlevan-kakhki) und außerdem die Webseite des Karolinska-Instituts (https://ki.se/en/people/majid-pahlevan-kakhki), auf der über unsere Forschung berichtet wird.
Vielen Dank an Majid und seine Kolleg:innen für ihre wertvolle Forschungsarbeit und die Einblicke, die er uns heute gewährt hat.
Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele
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