Waldbaden und Immunsystem stärken – genau darum geht es in diesem Interview. Du erfährst, was wissenschaftlich belegt ist, wo Mythen entstehen und wie du den Wald ganz praktisch für dich nutzen kannst – auch mit MS.
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Vorstellung von Tomke de Vries
Tomke de Vries, Försterin & Naturpädagogin:
„Mein Name ist Tomke de Vries. Ich arbeite bei der Waldservice und Energie GmbH, einer Tochter der Landesforst. Ich bin Projektmitarbeiterin, Försterin und Naturpädagogin und beschäftige mich unter anderem mit dem Thema Wald und Gesundheit. Ich habe eine Weiterbildung zur Waldtherapie gemacht.
Für mich persönlich ist der Wald ein Raum, in dem ich mich sehr wohlfühle. Er bietet unglaublich viele Facetten – gerade im Frühling merkt man das besonders.“
Was ist Waldbaden?
Tomke de Vries:
„Waldbaden kommt ursprünglich aus dem Japanischen (Shinrin-Yoku) und bedeutet ‚Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes‘.
In der öffentlichen Diskussion wird es teilweise übertrieben dargestellt. Der Wald kann Prozesse unterstützen und zur Gesundheit beitragen – aber er ist kein Wundermittel. Es wäre schön, wenn man einfach in den Wald gehen könnte und sofort gesund wäre, aber so ist es nicht.
Wichtig ist auch, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und nicht unvorbereitet mit Gruppen zu arbeiten.“
Wald & Immunsystem – Stand der Forschung
Tomke de Vries:
„Es gibt bereits evidenzbasierte Studien, aber noch nicht ausreichend viele.
Ein bekanntes Beispiel ist Professor Kim Lee aus Tokio. Studien zeigen, dass bereits zwei Stunden im Wald das Immunsystem stärken können. Dabei steigt die Anzahl der sogenannten Killerzellen (Teil des Immunsystems).
Außerdem wurde gezeigt, dass Naturkontakt den Stress reduziert. Der Parasympathikus (Teil des Nervensystems für Entspannung) wird aktiviert – und dadurch wird das Immunsystem entlastet.“
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Die Rolle der Terpene
Tomke de Vries:
„Terpene sind Duftstoffe, die Bäume abgeben, unter anderem zur eigenen Abwehr.
Man weiß, dass sie auch positive Effekte auf uns haben können – aber die genaue Wirkungsweise ist noch nicht vollständig geklärt.
Es wäre spannend zu wissen, welche Baumarten welche Stoffe abgeben und wie sie wirken. Hier besteht noch viel Forschungsbedarf.“
Warum Regelmäßigkeit entscheidend ist
Tomke de Vries:
„Ein einzelner Spaziergang ist gut – aber die Regelmäßigkeit macht den Unterschied.
Wenn man zum Beispiel zweimal pro Woche in den Wald geht, verstärken sich die Effekte deutlich.
Das betrifft sowohl die Immunabwehr als auch die Stressreduktion. Cortisol (Stresshormon) sinkt bei regelmäßigen Aufenthalten.“
Unterschiede zwischen Waldluft und Stadtluft
Tomke de Vries:
„Der Wald filtert Schadstoffe aus der Luft. Es gibt weniger Staub, mehr Sauerstoff und eine höhere Luftfeuchtigkeit.
Außerdem schützt der Wald vor Hitze, Kälte und Strahlung.
Im Vergleich zur Stadt ist es ruhiger, kühler und sauberer.“
Wald als Rückzugsort bei Hitze
Tomke de Vries:
„Der Wald ist definitiv ein geeigneter Rückzugsort bei Hitze.
Durch Schatten und höhere Luftfeuchtigkeit wird die Temperatur angenehmer. Besonders Mischwälder oder Laubwälder sind besser geeignet als lichte Kiefernwälder.“
Weitere körperliche Effekte
Tomke de Vries:
„Neben Luft und Temperatur spielen auch Geräusche, Gerüche und Licht eine Rolle.
Vogelstimmen, ätherische Öle, Harze und das Licht im Wald wirken beruhigend.
Auch die Ruhe – je tiefer man im Wald ist – hat einen großen Effekt.“
Wirkung auf das Nervensystem
Tomke de Vries:
„Der Parasympathikus wird aktiviert.
Das bedeutet:
- Herzfrequenz sinkt
- Blutdruck sinkt
- Verdauung wird angeregt
- Regeneration wird gefördert
Das kann man sogar messen – zum Beispiel Puls vor und nach dem Waldspaziergang.“
Waldbaden & Fatigue
Tomke de Vries:
„Es gibt erste Studien, zum Beispiel nach Corona, aber noch keine klaren Ergebnisse speziell zu Fatigue.
Es ist wahrscheinlich unterstützend – aber wissenschaftlich noch nicht ausreichend belegt.“
Achtsamkeit vs. funktionale Bewegung
Tomke de Vries:
„Achtsamkeit ist ein zentraler Bestandteil.
Langsames Gehen, bewusstes Wahrnehmen, Beobachten – das macht einen großen Unterschied.
Wenn man sich auf kleine Details konzentriert, wie eine Ameise oder ein Blatt, werden Gedanken ruhiger und Stress reduziert.“
Emotionale Wirkung der Natur
Tomke de Vries:
„Naturbeobachtungen wirken emotional stark, weil sie oft positiv sind.
Ein Reh mit seinem Nachwuchs zum Beispiel löst Freude aus.
Umgekehrt merkt man auch, wie belastend zerstörte Natur sein kann.“
Wald erleben mit Einschränkungen
Tomke de Vries:
„Es gibt mehr Möglichkeiten als man denkt.
Viele Wälder haben gut ausgebaute Wege. Wichtig ist Vorbereitung:
- Karten nutzen
- Förster kontaktieren
- Sitzmöglichkeiten einplanen
Auch mit Rollstuhl ist vieles möglich.“
Die richtigen Wege wählen
Tomke de Vries:
„Achte auf:
- festen Untergrund
- geringe Steigungen
- wenig Wurzeln
Und plane Pausen ein.“
Kleine Pfade & Naturschutz
Tomke de Vries:
„Kleine Wege sind oft schöner und intensiver.
Wichtig ist, sensible Bereiche zu respektieren und Naturschutzgebiete zu beachten.
Grundsätzlich gilt: Jeder darf den Wald betreten.“
Barrierearme Angebote
Tomke de Vries:
„Kur- und Heilwälder sind besonders geeignet.
Sie sind barrierearm gestaltet und oft an Kliniken angebunden.
In Mecklenburg-Vorpommern gibt es mehrere solcher Angebote.“
Wichtigste Botschaft
Tomke de Vries:
„Gehen Sie in den Wald. Seien Sie mutig und nehmen Sie sich Zeit.“
Naturschutz & Zukunft
Tomke de Vries:
„Wer den Wald liebt, schützt ihn auch.
Wichtig ist:
- darüber sprechen
- Natur erleben
- Bewusstsein schaffen
Das gilt für alle Altersgruppen.“
Abschluss
Waldbaden ist kein Wundermittel – aber ein kraftvoller Unterstützer. Gerade bei MS kann es helfen, Stress zu reduzieren, das Wohlbefinden zu steigern und dem Körper regelmäßig Erholung zu schenken.
Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele
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