Die Multiple Sklerose ambulant behandeln – das bedeutet heute weit mehr als nur regelmäßige Kontrolltermine in der neurologischen Praxis. Moderne MS-Versorgung umfasst ein Netzwerk aus Fachärzt:innen, Hausärzt:innen, Radiologie, digitalen Tools und langfristiger Begleitung.
In dieser Podcastfolge spreche ich mit Dr. Oliver Fasold aus Berlin darüber, wie ambulante MS-Behandlung heute funktioniert, warum viele Betroffene nach der Diagnose zunächst orientierungslos sind und welche Chancen digitale Medizin künftig bieten kann.
Dabei geht es nicht nur um Videosprechstunden oder MRT-Kontrollen, sondern auch um ganz praktische Fragen:
- Was macht eigentlich eine MS-Schwerpunktpraxis?
- Warum sind standardisierte MRTs so wichtig?
- Welche Rolle spielen Hausärzt*innen?
- Und wie digital kann eine neurologische Praxis überhaupt werden?
Dr. Oliver Fasold gibt ehrliche Einblicke in den Praxisalltag und erklärt, wie moderne ambulante Betreuung Menschen mit MS langfristig unterstützen kann.
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Vorstellung von Dr. Oliver Fasold
Dr. Oliver Fasold ist Facharzt für Neurologie und Praxisgesellschafter im Neurozentrum Tempelhof in Berlin. Sein Schwerpunkt liegt auf der ambulanten Betreuung von Menschen mit Multipler Sklerose. Darüber hinaus engagiert er sich in der digitalen Neurologie, im Berliner MS-Arbeitskreis und in Forschungsprojekten rund um moderne Biomarker und digitale Versorgungskonzepte.
Seine Arbeit verbindet praktische Patientenversorgung mit einem großen Interesse an digitalen Lösungen, die den Alltag von Menschen mit MS erleichtern können.
Wie bist du zur Arbeit mit Menschen mit MS gekommen?
Dr. Oliver Fasold: Ich bin Facharzt für Neurologie in eigener Praxis in Berlin-Tempelhof und beschäftige mich seit vielen Jahren schwerpunktmäßig mit Multipler Sklerose. Zur MS gekommen bin ich eher über Umwege. Nach meiner Zeit an der Charité arbeitete ich zunächst in der Psychiatrie des Jüdischen Krankenhauses in Berlin. Dort sprach mich Prof. Judith Haas an, ob ich in ihrer MS-Ambulanz arbeiten möchte. Ehrlich gesagt hatte ich zunächst großen Respekt vor dem Thema, weil die MS so komplex ist. Aber genau diese Komplexität hat mich später auch fasziniert.
Er beschreibt die damalige Zeit als besonders spannend, weil gerade viele neue Therapien entwickelt wurden – darunter Fingolimod, Fumarate und Teriflunomid. Dadurch erlebte er hautnah mit, wie sich die MS-Therapie grundlegend veränderte.
Welche Rolle spielte deine Forschung an der Charité?
Dr. Oliver Fasold: Ich habe mich damals mit Schwindel und funktioneller Kernspintomographie beschäftigt. Das Spannende am Gleichgewichtssinn ist, dass er nicht nur aus einem einzelnen Zentrum im Gehirn entsteht. Viele Sinnesinformationen arbeiten zusammen – Augen, Innenohr, Muskeln und Kleinhirn.
Diese Erfahrung prägt ihn bis heute im Praxisalltag. Besonders bei unspezifischen Symptomen wie Schwindel oder Fatigue schaut er genauer hin.
Wenn jemand sagt: ‚Mir ist schwindelig‘, frage ich immer genauer nach. Dreht sich die Umgebung? Wird ihnen schwarz vor Augen? Oder fühlt sich alles einfach unsicher an? Gerade bei MS können viele unterschiedliche Ursachen dahinterstecken.
Das zeigt auch, wie wichtig präzise Kommunikation zwischen Ärzt:innen und Patient:innen ist.
Was bedeutet es für dich, ein „Praktiker“ zu sein?
Dr. Oliver Fasold: Für mich steht das Management der Erkrankung im Alltag im Vordergrund. Natürlich verfolge ich die Forschung, aber mein Schwerpunkt liegt darauf, Menschen konkret im Alltag zu begleiten – von Krankschreibungen über MRT-Kontrollen bis hin zu Reha-Anträgen.
Gerade diese praktische Begleitung empfindet er als besonders wichtig.
Was reizt dich an der ambulanten Betreuung von Menschen mit MS?
Dr. Oliver Fasold: MS begleitet viele Menschen über Jahrzehnte. Man erlebt den Einstieg ins Berufsleben, Familienplanung, Reisen, Therapieentscheidungen und manchmal auch schwierige Phasen. Daraus entsteht oft ein langfristiges Vertrauensverhältnis.
Diese kontinuierliche Begleitung unterscheidet die MS-Versorgung von vielen anderen medizinischen Bereichen.
Orientierung nach der Diagnose
Warum fühlen sich viele Menschen nach der Klinik zunächst orientierungslos?
Dr. Oliver Fasold: Viele Betroffene haben in dem Alter vorher kaum Kontakt zum Gesundheitssystem gehabt. Dann kommt plötzlich eine komplexe chronische Erkrankung dazu – mit Hausarzt, Überweisungen, MRT-Terminen und Impfungen.
Gerade junge Erwachsene stehen oft zum ersten Mal vor organisatorischen Fragen:
- Wie funktioniert eine Überweisung?
- Welche Ärzt*innen brauche ich?
- Wie oft brauche ich ein MRT?
- Welche Impfungen sind wichtig?
Zusätzlich müssen viele Menschen erst lernen, wie das deutsche Gesundheitssystem funktioniert.
Warum ist ein Hausarzt trotz MS-Schwerpunktpraxis wichtig?
Dr. Oliver Fasold: Hausärzt*innen bleiben extrem wichtig – zum Beispiel für Impfungen, Infekte oder allgemeine medizinische Fragen. Die neurologische Praxis ist zwar oft die zentrale Anlaufstelle, aber gute Versorgung funktioniert nur als Netzwerk.
Gerade bei immunsuppressiven Therapien spielt der Impfstatus eine wichtige Rolle.
Unterschiede zwischen MS-Schwerpunktpraxis und allgemeiner Neurologie
Was macht eine MS-Schwerpunktpraxis besonders?
Dr. Oliver Fasold: Eine Schwerpunktpraxis braucht spezielle Infrastruktur und Routine. Dazu gehören Lumbarpunktionen, Infusionstherapien, Erfahrung mit modernen MS-Medikamenten und eingespielte Abläufe im gesamten Team.
Auch die Medizinischen Fachangestellten (MFA) kennen typische Situationen:
- Verdacht auf Schub
- MRT-Organisation
- Laborüberwachung
- Therapiekoordination
Diese Erfahrung erleichtert die Versorgung erheblich.
Warum ist Routine für Menschen mit MS so wichtig?
Dr. Oliver Fasold: „Die ersten ein bis zwei Jahre nach der Diagnose sind oft die schwierigsten. Irgendwann entsteht Routine – regelmäßige Blutentnahmen, MRTs und Kontrolltermine werden Teil des Alltags.“
Diese Routine kann Sicherheit geben und hilft vielen Menschen, die Erkrankung besser in ihr Leben zu integrieren.
Organisatorische Herausforderungen nach der Klinik
Welche organisatorischen Themen tauchen häufig auf?
Nach der Diagnose entstehen oft viele praktische Fragen:
- Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung
- Reha-Anträge
- Physiotherapie-Verordnungen
- Schwerbehindertenausweis
- Medikamentenversorgung
- MRT-Termine
- Impfungen
Dr. Oliver Fasold: Im internationalen Vergleich sind wir in Deutschland eigentlich sehr gut aufgestellt. Viele Therapien können unkompliziert verordnet werden, ohne langwierige Genehmigungen.
Besonders spannend ist sein Vergleich mit anderen Ländern wie Großbritannien oder Schweden, wo Wartezeiten teilweise deutlich länger sind.
Warum sind standardisierte MRTs so wichtig?
Dr. Oliver Fasold: MRT-Kontrollen sollten möglichst immer in derselben radiologischen Praxis erfolgen – idealerweise mit neuroradiologischer Erfahrung.
Nur so lassen sich Veränderungen zuverlässig vergleichen.
Das gilt übrigens auch für Biomarker wie Serum-Neurofilament-Leichtketten (NFL), die möglichst im gleichen Labor analysiert werden sollten.
Zusammenarbeit & Netzwerke in der MS-Versorgung
Was ist der Berliner MS-Arbeitskreis?
Dr. Oliver Fasold: Das ist ein Zusammenschluss von Schwerpunktpraxen in Berlin. Wir treffen uns regelmäßig zu Fortbildungen und Austauschformaten.
Geschätzt betreuen diese Praxen gemeinsam zwischen 5.000 und 10.000 Menschen mit MS.
Der Austausch zwischen niedergelassenen Ärzt*innen und Forschungseinrichtungen hilft dabei, neue Entwicklungen schneller in die Versorgung zu bringen.
Wie sieht die Zusammenarbeit mit der Industrie aus?
Dr. Oliver Fasold: Anfangs war ich dem sehr kritisch gegenüber eingestellt. Inzwischen sehe ich aber auch den Nutzen. Viele Fortschritte in der MS-Therapie wären ohne pharmazeutische Forschung nicht möglich gewesen.
Seine Praxis nimmt an Phase-4-Studien teil – also Studien nach Zulassung von Medikamenten.
Dabei spielen neue Biomarker eine immer größere Rolle.
Welche Hoffnung gibt es bei Biomarkern?
Ein besonders spannendes Thema sind digitale und biologische Marker:
- Serum-Neurofilament-Leichtketten
- GFAP (Glial Fibrillary Acidic Protein)
- digitale Bewegungsdaten
- Fatigue-Tracking
- Patient Reported Outcomes
Dr. Oliver Fasold: Vielleicht brauchen wir in Zukunft seltener MRTs, weil wir Veränderungen früher im Blut oder über digitale Marker erkennen können.
Das könnte die Versorgung deutlich vereinfachen.
Digitale Medizin: Wie digital kann eine MS-Praxis werden?
Was verstehst du unter einer digitalen MS-Praxis?
Dr. Oliver Fasold: Digitale Medizin bedeutet für mich, technische Möglichkeiten sinnvoll einzusetzen – nicht als Selbstzweck, sondern um Versorgung effizienter und patientenfreundlicher zu machen.
Dabei geht es nicht darum, persönliche Medizin komplett zu ersetzen.
Vielmehr könnten stabile Patient*innen teilweise digital begleitet werden.
Welche Vorteile bieten Videosprechstunden?
Dr. Oliver Fasold: Wenn jemand stabil ist und keine akuten Probleme hat, kann eine Videosprechstunde völlig ausreichend sein.
Vorteile:
- weniger Anfahrtswege
- flexiblere Termine
- Entlastung für Patient*innen
- Entlastung für Praxisteams
- bessere Betreuung trotz Fachkräftemangel
Gerade für Berufstätige oder Menschen mit langen Anfahrtswegen kann das eine große Erleichterung sein.
Welche Rolle spielen digitale Daten?
Ein besonders spannender Ansatz sind sogenannte digitale Biomarker.
Dazu gehören beispielsweise:
- Schrittzahlen
- Bewegungsmuster
- Gangstabilität
- Schlafdaten
- Fatigue-Fragebögen
- Konzentrationsveränderungen
Dr. Oliver Fasold: Viele Menschen merken zuerst selbst, dass sie schlechter laufen oder schneller erschöpft sind – noch bevor man Veränderungen im MRT sieht.
Digitale Daten könnten helfen, solche Entwicklungen früher zu erkennen.
Grenzen digitaler Versorgung
Was kann eine Videosprechstunde nicht ersetzen?
Dr. Oliver Fasold: Eine neurologische Untersuchung bleibt unverzichtbar, wenn neue Symptome auftreten oder sich etwas verändert.
Grenzen bestehen insbesondere bei:
- Blutentnahmen
- neurologischen Untersuchungen
- akuten Schüben
- Infusionstherapien
- körperlicher Untersuchung
Die Zukunft sieht er deshalb in einem hybriden Modell.
Wie würde deine ideale Versorgung aussehen?
Dr. Oliver Fasold: Für viele stabile Patientinnen und Patienten könnte ich mir eine 50-50-Mischung aus Präsenz- und Videosprechstunden vorstellen.
Damit bliebe persönliche Betreuung erhalten – kombiniert mit mehr Flexibilität.
Blick nach vorn: Wünsche für die Zukunft der MS-Versorgung
Welche Entwicklungen wünschst du dir?
Dr. Oliver Fasold: Wir brauchen bessere Therapieoptionen für Menschen mit progredienter MS oder schleichender Verschlechterung.
Besonders spannend findet er neue Entwicklungen rund um BTK-Inhibitoren.
Außerdem hofft er, dass ambulante Schwerpunktpraxen langfristig erhalten bleiben.
Was müsste sich verändern, um Ärzt:innen und Patient:innen zu entlasten?
Dr. Oliver Fasold: Bürokratie ist für alle belastend – sowohl für Praxen als auch für Patientinnen und Patienten.
Besonders schwierig seien langwierige Genehmigungsverfahren:
- Hilfsmittel
- Reha-Anträge
- Krankenkassenanfragen
- medizinischer Dienst
- Schwerbehindertenausweise
Hier wünscht er sich schnellere und unkompliziertere Lösungen.
Was möchtest du den Hörer:innen mitgeben?
Dr. Oliver Fasold: Lasst euch dort behandeln, wo ihr euch wohlfühlt und wo eure Bedürfnisse ernst genommen werden.
Ein gutes Versorgungsnetzwerk kann helfen, Sicherheit im Alltag mit MS zu gewinnen.
Und genau darum geht es letztlich: nicht nur medizinisch gut versorgt zu sein, sondern sich langfristig verstanden und begleitet zu fühlen.
Wo findet man dich online und vor Ort?
Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele
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