#368: Meine Highlights vom Hertie Summit 2026. Workshops, Wissenschaft und neue Impulse für Demokratie und Zusammenhalt

Rotes quadratisches Cover zum Hertie Summit 2026. Oben links steht das weiße Hertie-Summit-Logo. In der Mitte befindet sich ein weißes Textfeld mit der Aufschrift „Hertie Summit 2026 – MS, Demokratie & Forschung“ sowie „www.ms-perspektive.de“. Unten links steht: „Perspektiven wechseln. Lösungen entwickeln. Fellows & Friends im Dialog.“ Unten rechts steht groß die Jahreszahl „2026“ und darüber „19.–20. Juni | Berlin“.

Der Hertie Summit 2026 hat mir wieder gezeigt, wie wichtig Demokratie, Zusammenhalt, Forschung und starke Initiativen auch für uns Menschen mit Multipler Sklerose sind.

Schön, dass du wieder da bist. In dieser Folge nehme ich dich mit zu meinen persönlichen Highlights vom Hertie Summit 2026. Es ging um Workshops, Wissenschaft, Demokratie und neue Impulse für Zusammenhalt.

Vielleicht erst einmal ganz kurz vorab: Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung ist eine der größten privaten Stiftungen Deutschlands. Sie hat zwei wesentliche Säulen. Eine davon ist, Demokratie zu stärken. Die andere beschäftigt sich klassischerweise mit Gehirn erforschen und dabei mit MS und anderen neurologischen Fragestellungen.

Multiple Sklerose spielt bei Hertie eine besondere Rolle, weil zwei Menschen aus der Gründerfamilie selbst an MS erkrankt waren. Inzwischen wird aber breiter auf neurologische Erkrankungen geschaut. Also nicht nur auf MS, sondern zum Beispiel auch auf Parkinson oder Alzheimer. Und ich finde es sehr spannend, was daraus vielleicht auch für uns MSler entstehen kann.

Der Hertie Summit ist ein Sommertreffen. Es bringt Fellows, Friends, Initiativen und interessierte Menschen zusammen. Es gibt Vorträge, Workshops und sehr viel Austausch. Und genau davon möchte ich dir hier meine wichtigsten Eindrücke mitgeben.

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Inhaltsverzeichnis

Was ist der Hertie Summit?

Der Hertie Summit findet immer im Sommer statt, von Freitag bis Samstag. Eingeladen sind verschiedene Initiativen, Fellows und Friends der Hertie-Stiftung. Also Menschen, die schon einmal gefördert wurden, gerade gefördert werden oder sich für die Themen der Stiftung interessieren.

Und es dürfen auch interessierte Menschen kommen. Falls du also bisher noch keine Ahnung hattest und irgendwie dachtest: „Da würde ich vielleicht auch mal dabei sein wollen“, dann schau dir das gerne an. Es gibt viele spannende Veranstaltungen.

Für mich ist der Summit immer eine schöne Mischung aus Lernen, Vernetzen und Weiterdenken. Es geht um gesellschaftliche Themen, aber auch um ganz konkrete Projekte. Und dieses Jahr war für mich besonders spannend, wie stark die Themen Demokratie, MS-Initiativen und Gehirnforschung miteinander verbunden waren.

Kurz vorab: Sommerhitze und MS

Bevor ich richtig einsteige, noch ein kurzer Hinweis: Es ist gerade knalleheiß. Bei uns waren es zum Zeitpunkt der Aufnahme schon 29 Grad, und die nächsten Tage sollten noch deutlich heißer werden.

Ich habe in Folge 149 schon einmal über das Uhthoff-Phänomen gesprochen. Damit ist gemeint, dass sich MS-Symptome durch Wärme vorübergehend verschlechtern können. Also zum Beispiel bei Hitze, Fieber oder körperlicher Überlastung.

Im Blogbeitrag dazu bin ich auch darauf eingegangen, was man machen kann. Zum Beispiel kühlende Kleidung nutzen, viel trinken, Schatten suchen und Pausen einplanen.

Hier gehe ich nicht noch einmal ausführlich darauf ein. Aber der Hinweis war mir wichtig.

We Need to Talk About Democracy

Ich bin am Freitag angereist. Und schon am späten Nachmittag gab es eine sehr spannende Veranstaltung im Allianzforum am Brandenburger Tor.

Sie hieß: „We Need to Talk About Democracy“. Also: Wir müssen über Demokratie reden.

Annette Schavan hat ein Vorwort gesprochen. Sie ist Schirmherrin der Hertie-Stiftung und ehemalige Ministerin. Danach hat Joschka Fischer gesprochen, unser ehemaliger Außenminister.

Das fand ich wirklich spannend. Er ist darauf eingegangen, dass wir gerade vielleicht alle so ein bisschen das Gefühl haben: Oh Gott, es sind besonders schwierige Zeiten. Es war nie so furchtbar.

Er selbst ist Jahrgang 1948, also direkte Nachkriegsgeneration. Seine Eltern und Vorfahren haben lange in Ungarn gelebt und mussten nach dem Krieg fliehen beziehungsweise wurden vertrieben. Damals wurden sehr viele Deutsche aus ihren bisherigen Heimatregionen vertrieben. Das war mir in der Dimension auch nicht mehr so bewusst.

Und trotzdem hat diese Generation es geschafft, aus einer schwierigen Ausgangslage eine stabile Demokratie aufzubauen.

Das fand ich einen sehr wichtigen Gedanken. Ja, es ist jetzt schwierig. Unsere Demokratie ist stark unter Beschuss. Es gibt große Herausforderungen wie den Klimawandel, internationale Konflikte und gesellschaftliche Spaltung. Aber jede Generation hat ihre Herausforderungen.

Und ich denke auch: Wir werden Lösungen finden können. Wir dürfen bloß nicht den Kopf in den Sand stecken. Der klare Aufruf von Frau Schavan. Nicht nur verwalten was ist, sondern aktiv weitergestalten.

Warum Demokratie auch für Menschen mit MS wichtig ist

Vielleicht fragst du dich: Was hat Demokratie jetzt mit Multipler Sklerose zu tun?

Aus meiner Sicht eine ganze Menge.

Denn Demokratie bedeutet auch, dass Minderheiten mitgedacht werden. Und wir gehören als Menschen mit MS, Angehörige oder Menschen mit chronischen Erkrankungen durchaus zu Gruppen, deren Bedürfnisse nicht automatisch überall im Mittelpunkt stehen.

Es ist vielleicht nicht immer spannend, wie demokratische Prozesse passieren. Manchmal dauert es lange. Manchmal wird viel diskutiert. Manchmal muss man Kompromisse finden. Aber genau das ist wichtig.

Denn wenn gute demokratische Prozesse funktionieren, dann werden eben nicht nur die Lautesten gehört. Dann geht es auch darum, andere Perspektiven mitzudenken.

Und Perspektive ist mir natürlich wichtig. Deshalb heißt der Podcast ja auch so.

Europa, Kompromisse und Gewaltenteilung

Joschka Fischer hat auch stark über Europa gesprochen. Und da gehe ich vollkommen mit.

Wir als Deutschland sind natürlich ein tolles Land. Aber allein spielen wir keine bedeutende Rolle, wenn es darum geht, mit großen Machtblöcken wie den USA, China, Russland oder Indien auf Augenhöhe zu sprechen.

Als Europa können wir ein viel wichtigerer Player sein. Wir können stärker mitbestimmen und Dinge für uns definieren. Europa ist eine großartige Idee. Und es hat uns sehr viel Gutes gebracht.

Natürlich gehört zur Demokratie auch, dass man länger diskutiert. Dass man sich vielleicht manchmal zäh zu Kompromissen durchringt. Aber das ist nicht automatisch schlecht. Denn dadurch werden verschiedene Interessen sichtbar.

Ein anderes wichtiges Thema war die Gewaltenteilung. Damit ist gemeint, dass die Macht im Staat auf verschiedene Bereiche verteilt ist, zum Beispiel Regierung, Parlament und Gerichte. Das soll verhindern, dass eine einzelne Person oder Gruppe zu viel Macht bekommt.

Wenn diese Gewaltenteilung angegriffen oder ausgehebelt wird, wird es gefährlich. Dann kann Demokratie in Richtung Autokratie kippen, also in ein System, in dem Macht sehr stark zentralisiert ist.

Deshalb fand ich den Appell wichtig: aufmerksam bleiben, sich einbringen und nicht alles nur laufen lassen.

Junge Stimmen im Dialog

Nach der Rede von Joschka Fischer gab es noch einen Austausch mit jüngeren Menschen. Emily Vontz, jüngste Bundestagsabgeordnete und aktuell wieder Studierende diskutierte erst mit Joschka Fischer und eröffnete dann die Fragerunde für alle Anwesenden.

Mich hat beeindruckt, wie klug und direkt viele Fragen waren. Einige kamen von jungen Menschen mit Migrationsgeschichte. Unter anderem erzählte ein junger Mann, dass er aktuell 18 Jahre alt, vor 10 Jahren nach Deutschland gekommen war. Er sprach perfektes Deutsch, war sehr kultiviert und fragte, wann Deutschland bereit sei, jemanden wie ihn als Außenminister zu haben.

Das fand ich eine starke Frage.

Und ich dachte: Ja, go for it. Wenn du spannend bist, wenn du etwas bewegen willst, dann braucht die Politik genau solche Menschen. Menschen, die für etwas stehen. Menschen, die gesellschaftliche Themen wieder mit Leben füllen.

Natürlich müssen Parteien gute Programme haben. Natürlich sollte man nicht nur wählen, damit eine andere Partei nicht gewählt wird. Man sollte Parteien wählen, weil man Inhalte gut findet. Aber dafür braucht es Menschen, die diese Inhalte glaubwürdig vertreten.

Auch das Thema Integration kam zur Sprache. Und ich finde, da steckt viel Wahres drin: Wenn Menschen hierherkommen, dann sollte man sie nicht dauerhaft als Gäste behandeln. Sie kommen mit Familien. Kinder wachsen hier auf. Sie werden Teil der Gesellschaft.

Dafür braucht es Sprache, Bildung und das Gefühl, wirklich dazuzugehören. Nicht irgendwann vielleicht, sondern von Anfang an.

Workshops für MS-Initiativen

Am Samstag ging es dann im Harnackhaus weiter. Dort fanden verschiedene Workshops statt.

Einen Doppelworkshop haben Nadja und ich geleitet bei dem existierende innovative MS-Initiativen eingeladen waren. Wir wollten schauen: Wo stehen wir? Welche Themenfelder bedienen wir? Wie können wir uns gegenseitig unterstützen? Und wie können wir mehr Sichtbarkeit erreichen?

Mit dabei waren unter anderem Nadja mit ihrem MS-Patentenprogramm an zwei Münchner Kliniken, Prof. Tjalf Ziemssen vom MS-Zentrum Dresden, die digitale Betroffenenberatung von aMStart, Karin Schallert und Rebecca Gerwert Vaz de Carvalho von Mission:Success, Paula Epping von Team Reine Nervensache, Reiner Lehmann von Don’t Be Patient und Katharina Thorn aus Österreich mit ihrer Initiative MS Miteinander Stark.

Alle machen unterschiedliche Dinge. Und genau das ist das Schöne.

Einige unterstützen frisch Diagnostizierte. Andere arbeiten an digitaler Beratung. Wieder andere setzen sich für Patientenzentrierung ein, für Forschung, Social Media, Beruf und MS oder Aufklärung über neurologische Themen.

Mehr Sichtbarkeit für MS-Angebote

Für uns war ein wichtiger Punkt: Menschen mit MS sollen leichter passende Angebote finden.

Denn nicht jede Initiative muss alles machen. Und niemand muss alles allein wissen.

Wenn jemand an einer Stelle aufschlägt, wäre es schön, wenn diese Person auch von anderen Angeboten erfährt. Vielleicht sucht sie am Anfang medizinische Orientierung. Später geht es um Beruf und MS. Dann vielleicht um Austausch, mentale Gesundheit, Social Media oder Forschung.

Deshalb ist Vernetzung so wertvoll.

Ich habe mich auch sehr über das Thema Beruf und MS gefreut. Denn das ist ein riesiges Feld. Viele Menschen mit MS wollen arbeiten, erfolgreich sein und ihren Weg gehen. Aber oft ist es eben sehr viel schwerer. Man muss strategisch schauen: Was geht? Was brauche ich? Wie kommuniziere ich? Wie bleibe ich gesund und leistungsfähig, ohne mich zu überfordern?

Ich glaube, dass wir da gemeinsam viel bewegen können.

Und ich freue mich, dass demnächst einige der Menschen aus diesen Initiativen auch im Podcast zu Gast sein werden. So kannst du sie und ihre Arbeit noch besser kennenlernen.

Zukunftslabor Gehirnforschung

Nach den Workshops gab es noch weitere Vorträge. Einen davon möchte ich besonders herausgreifen: „Brains, Bytes and the Unknown“.

Darin ging es um Gehirnzellen auf Chips.

Das klingt erstmal nach Science-Fiction, ist aber echte Forschung. Vereinfacht gesagt: Man nimmt zum Beispiel Hautzellen, programmiert sie zurück zu Stammzellen und entwickelt daraus neuronale Zellen. Stammzellen sind Zellen, aus denen sich verschiedene Zelltypen entwickeln können. Neuronale Zellen sind Zellen, die Nervenzellen ähneln oder sich in diese Richtung entwickeln.

Diese Zellen bringt man dann auf Elektroden. Und dann kann man schauen, wie sie Netzwerke bilden, wie sie miteinander kommunizieren und wie sie auf bestimmte Einflüsse reagieren.

Das ist noch ganz frühe Forschung. Aber es hat unglaubliches Potenzial.

Gehirnzellen auf Chips

Ich fand besonders spannend, dass solche Modelle vielleicht irgendwann helfen könnten, Medikamente besser zu testen oder Prozesse bei neurologischen Erkrankungen besser zu verstehen.

Natürlich passiert das erst einmal in der Petrischale. Das ist kein Mensch. Und es ist noch ein langer Weg, bis daraus konkrete Anwendungen für Patientinnen und Patienten entstehen.

Aber trotzdem: Wenn man irgendwann Zellen von Menschen nutzen kann, um besser zu verstehen, wie bestimmte Prozesse ablaufen, dann kann das auch für Erkrankungen wie MS, Parkinson oder Alzheimer spannend werden.

Gleichzeitig braucht solche Forschung gute Rahmenbedingungen. Sie braucht Finanzierung, rechtliche Klarheit, ethische Standards und politische Unterstützung.

Auch deshalb passt das Thema wieder zum Hertie Summit 2026. Forschung, Demokratie und Gesellschaft hängen stärker zusammen, als man manchmal denkt.

Konkrete Impulse aus der Joint Session

Neben den großen Vorträgen und den Workshops gab es auch eine Joint Session, aus der ich mir mehrere sehr konkrete Hinweise mitgenommen habe. Und genau solche Impulse finde ich immer besonders wertvoll, weil sie nicht abstrakt bleiben, sondern direkt zeigen: Was kann ich ausprobieren? Worüber kann ich nachdenken? Was hilft vielleicht im Alltag oder im Umgang miteinander?

Karins Stärken-Spiel: den Blick auf Ressourcen lenken

Ein schöner Impuls kam von Karin Schallert mit ihrem Stärken-Spiel. Dabei geht es darum, nicht immer zuerst auf Defizite, Einschränkungen oder Probleme zu schauen, sondern auf das, was da ist.

Welche Stärken bringe ich mit?
Was kann ich gut?
Was trägt mich auch in schwierigen Phasen?

Gerade mit MS ist das wichtig. Denn natürlich gibt es Symptome, Unsicherheiten und manchmal auch Verluste. Aber es gibt eben auch Fähigkeiten, Erfahrungen, Werte und Ressourcen. Und die bewusst zu sehen, kann helfen, wieder mehr Handlungsspielraum zu spüren.

Ich finde diesen Perspektivwechsel sehr wertvoll. Nicht im Sinne von „alles ist positiv“, sondern eher: Ich bin mehr als meine Erkrankung. Und ich darf auch auf das schauen, was mich stärkt.

Arndt: Nachbarschaft über Grenzen hinweg

Von Dr. Arndt Emmerich kam der Impuls zur Nachbarschaft über Grenzen hinweg. Das fand ich sehr passend zum gesamten Hertie Summit 2026, weil es wieder um Verbindung, Zusammenhalt und gegenseitiges Verstehen ging.

Nachbarschaft muss nicht an einer Landesgrenze, einer Sprache oder einer Zugehörigkeit enden. Sie kann größer gedacht werden. Gerade in Europa, aber auch ganz konkret im Alltag.

Für mich steckt darin auch eine wichtige Botschaft für die MS-Community. Wir müssen nicht alle dasselbe machen. Wir müssen nicht alle denselben Weg gehen. Aber wir können voneinander wissen, uns gegenseitig unterstützen und Brücken bauen.

Das gilt zwischen Ländern.
Das gilt zwischen Initiativen.
Und das gilt auch zwischen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen mit MS.

Niels: Schlafmangel als stille Epidemie

Ein weiterer konkreter Hinweis kam von Dr. Niels Niethard zum Thema Schlafmangel. Und ich finde, das ist ein Thema, das man gar nicht oft genug ansprechen kann.

Schlafmangel wird häufig unterschätzt. Dabei beeinflusst schlechter oder zu kurzer Schlaf so vieles: Konzentration, Stimmung, Belastbarkeit, Immunsystem und natürlich auch den Umgang mit chronischen Erkrankungen.

Bei MS kann Schlaf ohnehin ein großes Thema sein. Fatigue, Schmerzen, Blasenprobleme, Grübeln oder Stress können die Nächte schwieriger machen. Umso wichtiger ist es, Schlaf nicht als Luxus zu betrachten, sondern als Grundlage für Gesundheit und Lebensqualität.

Für mich war das noch einmal eine gute Erinnerung: Wir dürfen Schlaf ernst nehmen. Nicht erst, wenn gar nichts mehr geht, sondern frühzeitig. Manchmal helfen schon kleine Routinen, weniger Bildschirmzeit am Abend, ein ruhigerer Übergang in die Nacht oder das Gespräch mit Ärztinnen und Ärzten, wenn Schlaf dauerhaft schlecht ist.

Falls du schauen möchtest, was noch so gab, besuche am Besten die Seite vom Hertie Summit 2026.

Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,

Nele

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