#369: MS ganzheitlich begleiten. Bewegung erleben und sicherer werden mit Dr. Melanie Weiß

Das Bild zeigt einen Stapel aus flachen, grauen Steinen, die ruhig und ausbalanciert aufeinanderliegen. Der Hintergrund ist unscharf und wirkt wie glitzerndes Wasser oder Lichtreflexe in hellen Blau-, Grau- und Silbertönen. In der Mitte liegt eine weiße Textbox mit der Aufschrift: „MS ganzheitlich begleiten mit Dr. Melanie Weiß“ sowie darunter „www.ms-perspektive.de“. Die Gesamtwirkung ist ruhig, klar und symbolisiert Balance, Stabilität und innere Ruhe.

MS ganzheitlich begleiten bedeutet, nicht nur auf Medikamente zu schauen, sondern auf den ganzen Menschen: Symptome, Alltag, Bewegung, Psyche, soziale Fragen und persönliche Ziele. Diesmal spreche ich mit Dr. Melanie Weiß, Fachärztin für Neurologie aus Wülfrath, über moderne MS-Versorgung, Bewegung als Therapie und ein medizinisch begleitetes Bewegungswochenende für Menschen mit Multipler Sklerose.

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Inhaltsverzeichnis

Kurzbiografie

Dr. med. Melanie Weiß ist Fachärztin für Neurologie in Wülfrath. Ihre Praxis ist ein zertifiziertes MS-Zentrum der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, kurz DMSG. Die DMSG bietet unabhängige Informationen, Beratung und Unterstützung für Menschen mit MS und ihre Angehörigen.

Melanie Weiß hat außerdem einen Masterabschluss in Multiple-Sklerose-Management, ist zertifizierte Ärztin für das Coimbra-Protokoll und begleitet in ihrer Praxis viele Menschen mit Multipler Sklerose über Jahre hinweg.

Einstieg & Vorstellung

Melanie, wie sah dein Weg in die Neurologie aus und warum liegt dir besonders die Betreuung von Menschen mit MS am Herzen?

Dr. Melanie Weiß: Ich habe in Bochum und Bern studiert und mich schon im Studium sehr für Neurologie interessiert. In meinem praktischen Jahr war ich unter anderem in der neurologischen Rehabilitation in der Schweiz. Dort und später in einer MS-orientierten Klinik habe ich sehr viel Kontakt zu Menschen mit Multipler Sklerose gehabt.

Diese Arbeit hat mich geprägt. Ich habe erlebt, wie unterschiedlich MS verlaufen kann und wie wichtig eine gute, persönliche Begleitung ist. Deshalb liegt mir die Betreuung von Menschen mit MS besonders am Herzen.

Auf dem Bild ist eine lächelnde blonde Frau in einer hellen Praxisumgebung zu sehen. Sie steht leicht seitlich zur Kamera, trägt ein graues Langarmshirt und hält ein Stethoskop locker mit beiden Händen vor der Brust. An ihrem Handgelenk trägt sie eine dunkle Smartwatch. Im Hintergrund sind helle Wände und ein gerahmtes Bild zu erkennen. Die Atmosphäre wirkt freundlich, professionell und ruhig.

Spezialisierung in Multiple-Sklerose-Management

Du hast einen Abschluss in Multiple-Sklerose-Management. Was bedeutet diese Spezialisierung für deine Arbeit mit MS-Patient:innen?

Dr. Melanie Weiß: Durch das Studium habe ich noch einmal einen viel besseren Einblick in alle Belange bekommen, die sich um MS drehen. Es geht nicht nur um Medikamente, Behandlung und Therapie. Es geht auch darum, die Situation der Patient:innen umfassend zu verstehen.

Besonders wertvoll war der Austausch mit Kolleg:innen. Man lernt, MS aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und die Betreuung dadurch noch strukturierter und individueller zu gestalten.

DMSG-MS-Schwerpunktpraxis

Deine Praxis ist eine zertifizierte DMSG-MS-Schwerpunktpraxis. Was können Menschen mit MS bei euch erwarten?

Dr. Melanie Weiß: Menschen mit MS treffen bei uns auf ein Team, das täglich mit MS zu tun hat. Wir haben viel Erfahrung in Diagnostik, Therapie und Monitoring, also der regelmäßigen Verlaufskontrolle. Dazu gehören auch Laboruntersuchungen, MRT-Kontrollen und die Begleitung bei Fragen zu Symptomen und Therapien.

Wir arbeiten in einem Netzwerk mit Fachärzt:innen, Therapeut:innen, Physiotherapie, Ergotherapie, Psychotherapie und weiteren Anlaufstellen. Uns ist wichtig, den Menschen gut abzuholen: Wo steht er gerade? Was sind seine Ziele? Welche Beschwerden belasten? Und welche Unterstützung wird gebraucht?

Ganzheitliche MS-Begleitung im Alltag

Viele Menschen wünschen sich bei MS mehr als reine Medikamentenberatung. Wie sieht euer Komplettangebot in der Praxis aus?

Dr. med. Melanie Weiß: Wenn jemand mit MS zu uns kommt, schauen wir zunächst auf die medizinische Situation. Wie fühlt sich die MS an? Wie hat sie angefangen? Wie ist die Aktivität im Moment? Was ist mit Medikamenten oder Therapien?

Aber das ist nur ein Teil. Wir fragen auch nach Alltag, persönlichen Zielen, Wünschen, sozialen Strukturen, Bewegungsgewohnheiten und Lebensqualität. In der Praxis arbeiten wir interdisziplinär, unter anderem mit einem Sozialarbeiter. Außerdem haben wir viel MS-Erfahrung im Team, sodass wir sehr individuell unterstützen können.

Psychosoziale Unterstützung

Du hast auch einen Sozialarbeiter im Praxisteam. Bei welchen Fragen oder Alltagsthemen unterstützt er die Patient:innen?

Dr. med. Melanie Weiß: Psychosoziale Beratung ist ein großes Thema. Es geht zum Beispiel um die Frage: Wie kann ich mit der Diagnose im Alltag leben? Wie kann ich trotz MS ein möglichst normales Leben führen? Wie gestalte ich mein Leben mit der Erkrankung?

Der Sozialarbeiter unterstützt auch bei sozialrechtlichen Themen wie Wiedereingliederung, Reha, Schwerbehindertenrecht, Pflegegrad oder Krankengeld. Oft wissen Menschen gar nicht, welche Unterstützung möglich ist. Dann kann es sehr entlastend sein, jemanden an der Seite zu haben, der sich auskennt.

Coimbra-Protokoll

Du bist außerdem im Coimbra-Protokoll ausgebildet. Welche Rolle spielt dieser Ansatz in deiner Beratung?

Dr. med. Melanie Weiß: Mittlerweile spielt das Coimbra-Protokoll in meiner Beratung eine größere Rolle, weil Menschen mit MS aktiv danach fragen. Dabei geht es um einen Ansatz mit hochdosiertem Vitamin D, der ursprünglich von Professor Cicero Coimbra aus Brasilien entwickelt wurde. In Deutschland ist das Coimbra-Protokoll seit einigen Jahren bekannter geworden. Es ist aber wichtig zu sagen: Es ist kein Bestandteil der offiziellen Leitlinie zur MS-Behandlung.

Wenn Patient:innen sich dafür interessieren, ist Aufklärung deshalb besonders wichtig. Beim Coimbra-Protokoll wird hochdosiertes Vitamin D eingesetzt. Gleichzeitig muss man wissen, dass Vitamin D den Kalziumstoffwechsel beeinflusst. Das bedeutet: Es kann zu viel Kalzium im Blut entstehen, eine sogenannte Hyperkalzämie. Diese kann die Nieren belasten und im schlimmsten Fall zu Nierenschäden führen.

Darum gehört zum Coimbra-Protokoll deutlich mehr als nur die Einnahme von Vitamin D. Es braucht regelmäßige Laborkontrollen, eine angepasste Ernährung und eine gute Trinkmenge. Auch der Knochenschutz spielt eine wichtige Rolle. Denn wenn weniger Kalzium aufgenommen wird, muss darauf geachtet werden, dass die Knochen stabil bleiben. Deshalb gehört aus meiner Sicht auch ein Sport- oder Bewegungsprogramm dazu, das die Knochen stärkt.

Ebenso wichtig ist Stressregulation. Stress kann für Menschen mit MS ein relevanter Faktor sein. Deshalb schaue ich in der Beratung nicht nur auf Vitamin D, sondern auch auf Lebensstil, Bewegung, Ernährung, Belastung und die Frage, was im Alltag realistisch umsetzbar ist.

Bewegung als Therapie bei MS

Viele Menschen mit MS sind unsicher, wie viel Bewegung ihnen guttut. Was empfiehlst du ihnen grundsätzlich?

Dr. Melanie Weiß: Erst einmal: Jeder Schritt ist wertvoll. Jede Muskelkontraktion, also jede Aktivierung der Muskulatur, ist gut. Bewegung kann auf viele Bereiche wirken: auf Muskelaktivität, Spastik, Mobilität, Fatigue, Stimmung und Wohlbefinden.

Sport kann ein wichtiger Therapiebaustein sein. Das bestätigt auch die DMSG: Gezieltes Training von Ausdauer, Kraft, Koordination und Gleichgewicht kann Menschen mit MS helfen, Symptome wie Fatigue, Spastik, Schwächen oder Koordinationsprobleme besser zu bewältigen.

Wichtig ist, individuell zu schauen: Was ist möglich? Was tut gut? Was ist realistisch? Und wie kann Bewegung regelmäßig in den Alltag passen?

Fatigue und Aktivität

Gerade bei Fatigue, also starker Erschöpfung, kann Bewegung schwierig wirken. Wie können Betroffene trotzdem aktiv bleiben, ohne sich zu überfordern?

Dr. Melanie Weiß: Auch bei Fatigue muss man sehr individuell schauen. Nicht alles ist für jeden gut. Es gibt Hinweise darauf, dass hochintensives Intervalltraining bei Fatigue positive Effekte haben kann. Aber das bedeutet nicht, dass jede Person sofort intensiv trainieren sollte.

Ein niedrigschwelliger Einstieg kann zum Beispiel die Tabata-Methode sein. Dabei wechseln sich kurze Belastungs- und Pausenphasen ab: 20 Sekunden Aktivität, 10 Sekunden Pause. Acht Wiederholungen dauern nur vier Minuten. Diese vier Minuten hat man meistens irgendwo im Alltag übrig. Nach einigen Tagen Training sollte man bereits einen Fortschritt spüren. Welche Muskelgruppen man nutzt, hängt davon ab, was möglich ist.

Man sollte auf den eigenen Körper achten und prüfen: Wie fühlt sich das an? Was passiert mit meiner Erschöpfung? Für manche Menschen kann so ein kurzer Impuls einen positiven Effekt auf Fatigue haben. Wichtig ist, klein anzufangen, individuell zu schauen und sich nicht zu überfordern.

Sicherheit durch Training

Viele verlieren durch MS Vertrauen in den eigenen Körper. Wie kann Bewegung helfen, wieder mehr Sicherheit zu gewinnen?

Dr. Melanie Weiß: Bewegung kann helfen, wieder mehr Vertrauen in den eigenen Körper zu bekommen. Wenn man Bewegungen regelmäßig ausführt und auch Muskeltraining macht, kommt man wieder besser mit dem eigenen Körper in Kontakt. Man spürt: Was kann ich? Was ist vielleicht schwieriger geworden? Und was kann ich trotzdem üben?

MS kann neue Gegebenheiten schaffen. Vielleicht ist das Gleichgewicht anders. Vielleicht ist die Kraft anders. Vielleicht fühlt sich der Körper nicht mehr so selbstverständlich an wie früher. Durch Bewegung kann man lernen, sich an diese neuen Gegebenheiten anzupassen.

Das bedeutet nicht, dass alles wieder genauso wird wie vorher. Aber es bedeutet, dass man herausfinden kann: Wie kann ich mich jetzt sicher bewegen? Wie kann ich gehen? Was ist realistisch? Was kann ich tun, damit ich im Alltag besser zurechtkomme?

Durch Übung bekommt man mehr Kontrolle und mehr Sicherheit. Man entwickelt ein besseres Gefühl für den eigenen Körper und lernt, sich selbst wieder mehr zuzutrauen. Genau dadurch kann Bewegung helfen, nicht nur körperlich stärker zu werden, sondern auch mental sicherer.

Das Bewegungswochenende

Ihr bietet ein medizinisch begleitetes Bewegungswochenende für Menschen mit MS an. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Dr. Melanie Weiß: Bewegung tut so gut. Das habe ich selbst immer wieder erlebt. Und ich werde oft gefragt: Was kann ich selbst tun? Gerade nach der Diagnose kommt häufig die Frage, was man neben der medikamentösen Therapie beeinflussen kann.

Darum entstand die Idee, Menschen mit MS an einem Wochenende Bewegung erlebbar zu machen. Nicht nur theoretisch, sondern praktisch. Es geht darum, gemeinsam auszuprobieren, was möglich ist, und wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu gewinnen.

Was erwartet die Teilnehmer:innen an diesem Wochenende konkret?

Dr. Melanie Weiß: Das Wochenende beginnt mit einem Vorgespräch. Wir schauen: Was ist möglich? Was sollte beachtet werden? Vor Ort gibt es praktische Übungen, sporttherapeutische Einheiten, Austausch, Vorträge und Raum für Fragen.

Das Wochenende findet in Hachen statt. Dort gibt es eine Einrichtung des Deutschen Sportbundes. Das Team begleitet die Teilnehmenden medizinisch, sporttherapeutisch und psychosozial. Nach dem Wochenende ist außerdem ein Online-Nachtreffen geplant, um zu besprechen: Was hat funktioniert? Was ist drangeblieben?

Für wen eignet sich das Wochenende besonders?

Dr. Melanie Weiß: Es eignet sich für Menschen mit MS, die aktiver werden möchten, aber unsicher sind, was ihrem Körper guttut. Es ist auch für Menschen gedacht, die körperlich stärker eingeschränkt sind. Dann wird individuell geschaut, welche Übungen passend sind.

Was sollen die Teilnehmer:innen nach dem Wochenende idealerweise mit nach Hause nehmen?

Dr. Melanie Weiß: Das Ziel ist, dass die Teilnehmenden am Sonntag nach Hause fahren und ihrem Körper mehr zutrauen als am Freitag. Sie sollen ein Programm oder Impulse mitnehmen, die sie regelmäßig in ihren Alltag integrieren können.

Was kostet das Wochenende und was muss man bei der Organisation noch beachten?

Dr. Melanie Weiß: Die Anreise nach Hachen erfolgt individuell.

Das komplette Wochenende kostet 890 Euro. Darin enthalten sind die Übernachtung, die Vollpension und die Begleitung vor Ort. Dazu gehören die medizinische Betreuung durch mich als Neurologin, sporttherapeutische Einheiten, psychosoziale Unterstützung, Vorträge, praktische Übungen und Raum für individuelle Fragen.

Das Ziel ist nicht nur, ein paar Übungen zu zeigen, sondern die Teilnehmenden wirklich über das Wochenende zu begleiten. Sie sollen ausprobieren können, was ihnen guttut, und anschließend konkrete Impulse mit nach Hause nehmen.

Der erste Termin ist für den 15. September geplant. Wenn das Wochenende gut angenommen wird, sollen weitere Termine folgen, auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten – zum Beispiel für Menschen mit stärkeren Einschränkungen oder anderen individuellen Bedürfnissen.

Ausblick auf die MS-Versorgung

Welche Entwicklung im Bereich der MS wünschst du dir in den kommenden 5 Jahren?

Dr. Melanie Weiß: Ich wünsche mir, dass wir für jede Form der MS eine Therapie haben. Gerade für progrediente Verläufe, also schleichend zunehmende Formen der MS, brauchen wir mehr Möglichkeiten.

Außerdem wünsche ich mir, dass das Coimbra-Protokoll mehr Anerkennung findet, wenn es gut untersucht ist. Und ich wünsche mir eine Versorgung, die Menschen mit MS nicht nur als Patient:innen betrachtet, sondern als Menschen mit Zielen, Träumen, Familien, Beruf und Leben.

Bewegung, Lebensstil, psychosoziale Unterstützung und Eigenwirksamkeit sollten selbstverständlich zur MS-Behandlung dazugehören.

Mutmachende Abschlussbotschaft

Was möchtest du den Hörer:innen noch mitgeben?

Dr. Melanie Weiß: Die MS-Diagnose kann vieles verändern. Aber sie nimmt nicht die Möglichkeit, ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Vielleicht sieht der Weg anders aus als geplant. Vielleicht beginnt ein neuer Weg. Aber dieser Weg kann schön sein.

Lasst euch unterstützen. Sucht euch Begleitung. Und bleibt nicht allein mit euren Fragen.

Kontakt zur Praxis

Dr. med. Melanie Weiß | Neurologie im Denkmal
Wilhelmstr. 173 (Fußgängerzone)
42489 Wülfrath
Telefon: 0 20 58 – 89 77 130
E-Mail: info@neurologie-wuelfrath.de

Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele

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Nele von Horsten

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