#371: Jung mit MS in Österreich: Wie Coaching, Austausch und ein neues Netzwerk Betroffene stärken

Zu sehen ist eine weitläufige, leicht neblige Hügellandschaft im warmen Morgen- oder Abendlicht. Im Vordergrund stehen dicht bewaldete Hügel, dahinter öffnet sich der Blick über eine sanfte Landschaft bis zum Horizont. In der Bildmitte liegt ein weißes Textfeld mit der Aufschrift „Selbstfürsorge bei MS – Katharina Thorn macht Mut“ sowie der Webadresse „www.ms-perspektive.de“. Das Bild wirkt ruhig, hoffnungsvoll und naturverbunden.

Selbstfürsorge bei MS bedeutet nicht, die Erkrankung kontrollieren zu können. Es bedeutet, den eigenen Handlungsspielraum zu erkennen und den Alltag so zu gestalten, dass Stabilität, Lebensqualität und Lebensfreude bestmöglich unterstützt werden.

Katharina Thorn lebt seit vielen Jahren mit Multipler Sklerose. Mit 19 Jahren hatte sie ihre erste Sehnerventzündung. Heute arbeitet sie als Trainerin für Selbstführung und nachhaltige Leistungsfähigkeit. Im österreichischen Burgenland hat sie außerdem die Initiative „MS – Miteinander Stark“ gegründet.

Im Interview sprechen wir darüber, wie Menschen mit MS ihre körperlichen, mentalen und emotionalen Signale früher wahrnehmen können, warum Selbstführung trainierbar ist und weshalb Austausch eine wichtige Quelle für Mut und Orientierung sein kann.

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Inhaltsverzeichnis

Vorstellung von Katharina Thorn

Wer bist du, was machst du beruflich und wie geht es dir heute mit MS?

Katharina Thorn, Trainerin für Selbstführung und Initiatorin von „MS – Miteinander Stark“: Ich bin 37 Jahre alt, komme ursprünglich aus Norddeutschland und lebe seit mehr als drei Jahren im Burgenland in Österreich.

Beruflich komme ich aus dem Finanzbereich. Heute begleite ich Menschen als Trainerin dabei, langfristig stabil, leistungsfähig und mit mehr Lebensfreude durchs Leben zu gehen.

Die MS begleitet mich mittlerweile seit etwa der Hälfte meines Lebens. Mit 19 Jahren hatte ich meine erste Sehnerventzündung.

Vor rund sieben Jahren kam ein persönlicher Tiefpunkt. Berufliche und private Belastungen trafen zusammen. Ich hatte lange funktioniert, viel geleistet und meine Grenzen immer wieder überschritten. Gleichzeitig bekam ich einen erneuten starken Schub.

Das war für mich ein Weckruf. Ich begann mich zu fragen: Wie möchte ich leben? Was ist mir wirklich wichtig? Wofür möchte ich meine Zeit und Energie einsetzen?

Heute geht es mir sehr gut. Gleichzeitig tue ich täglich etwas dafür. Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse lautet: Ich kann selbst viel dazu beitragen, wie es mir geht.

Zu sehen ist Katharina Thorn in einem hellen, modernen Studio. Sie sitzt entspannt auf einem runden, gepolsterten Sitzkissen, trägt ein dunkelblaues T-Shirt, eine weite graue Hose und helle Sneaker. Ihr langes braunes Haar ist seitlich gebunden. Sie lächelt freundlich in die Kamera und stützt den Kopf locker mit einer Hand ab. Die Haltung und der helle Hintergrund vermitteln Offenheit, Nahbarkeit und Gelassenheit.

Seit unserem letzten Gespräch bist du nach Österreich gezogen. Was hat dieser Schritt für dich bedeutet?

Katharina Thorn: Der Umzug war eine bewusste Entscheidung. Ich bin meinem Herzen, der Liebe und meiner Intuition gefolgt.

Der Wechsel von Hamburg ins Burgenland war ein großer Kontrast. Heute erlebe ich mehr Natur, Ruhe und Verbundenheit. Gleichzeitig musste ich mir beruflich und privat ein neues Netzwerk aufbauen.

Ich hatte mich gerade selbstständig gemacht und praktisch noch einmal bei null angefangen. Das war herausfordernd, hat mir aber auch neue Möglichkeiten eröffnet.

Heute arbeite ich hybrid, also online und vor Ort. Das gibt mir Freiheit und Flexibilität. Gerade mit MS ist es für mich wertvoll, meinen Alltag stärker an meinem eigenen Rhythmus auszurichten.

Früher wollte ich vieles planen und kontrollieren. Heute weiß ich: Ich muss nicht den gesamten Weg kennen. Es reicht, den nächsten Schritt zu gehen.

Eigene Geschichte & wichtigste Erkenntnisse

Du sprichst oft über Selbstführung und Eigenverantwortung. Was steckt dahinter?

Katharina Thorn: Viele Menschen wissen grundsätzlich, was ihnen guttut. Sie wissen, dass Bewegung, Pausen, Schlaf und Erholung wichtig sind. Die eigentliche Herausforderung ist jedoch die Umsetzung im Alltag.

Für mich beginnt Selbstführung mit einer einfachen Frage:

Wie geht es mir gerade und was brauche ich?

Es geht darum, sich selbst besser lesen zu lernen. Körperliche, mentale und emotionale Signale sollten möglichst früh wahrgenommen werden.

Hunger oder Kälte erkennen wir meist sofort. Erschöpfung, innere Unruhe oder Gereiztheit sind oft leiser. Deshalb werden sie leichter übergangen.

Selbstführung bedeutet, nicht erst zu reagieren, wenn gar nichts mehr geht. Wir können lernen, früher gegenzusteuern.

Diese Fähigkeit lässt sich trainieren wie ein Muskel. Je besser ich mich selbst wahrnehme, desto besser kann ich Entscheidungen treffen, die langfristig Stabilität und Lebensqualität unterstützen.

Dauerhaft stark ist nicht, wer am meisten leistet. Dauerhaft stark ist, wer lernt, sich rechtzeitig zu steuern.

Welche Rolle spielt dieser Gedanke speziell für Menschen mit MS?

Katharina Thorn: Durch die MS wurde diese Frage für mich besonders wichtig: Was kann ich zwischen meinen Arztterminen selbst tun?

Die Schulmedizin und regelmäßige neurologische Kontrollen sind enorm wichtig. Gleichzeitig findet das Leben zwischen den Arztterminen statt.

In diesem Alltag können wir jeden Tag Entscheidungen treffen. Dazu gehören zum Beispiel Ernährung, Bewegung, Schlaf, Regeneration, Stressmanagement und der Umgang mit unseren Ressourcen.

Ich spreche gern von einem Selbstfürsorgekonto. Jede kleine Entscheidung für das eigene Wohlbefinden kann eine Einzahlung sein.

Das kann eine Pause sein, ausreichend Schlaf, Bewegung im passenden Maß, Zeit in der Natur, eine klare Grenze oder eine Tätigkeit, die Freude schenkt.

Damit lässt sich MS nicht heilen. Auch Schübe oder eine Verschlechterung können nicht sicher verhindert werden. Aber wir können die Rahmenbedingungen unseres Alltags aktiv mitgestalten.

Eigenverantwortung ist für mich deshalb keine zusätzliche Belastung, sondern eine Chance.

Wie fließt deine eigene MS-Erfahrung in deine Arbeit ein, ohne dass es nur um dich geht?

Katharina Thorn: Meine Geschichte ist der Ausgangspunkt, aber nicht der Mittelpunkt meiner Arbeit.

Ich habe mich viele Jahre stark über Leistung definiert und meine eigenen Bedürfnisse hinten angestellt. Außerdem habe ich lange eine Art Doppelleben geführt und nur wenigen Menschen von meiner MS erzählt.

Diese Erfahrungen helfen mir, andere Menschen besser zu verstehen. Sie schaffen Vertrauen und Glaubwürdigkeit.

Trotzdem möchte ich niemandem meinen Weg vorgeben. Jeder Mensch hat andere Voraussetzungen und Bedürfnisse.

Ich verstehe mich als Trainerin, Impulsgeberin und Brückenbauerin zwischen Wissen und Umsetzung. Ich gebe Impulse, höre zu und unterstütze Menschen dabei, ihren eigenen Weg zu finden.

Denn Veränderung entsteht letztlich durch das eigene Tun.

MS – Miteinander Stark

Du hast „MS – Miteinander Stark“ gegründet. Was steckt hinter der Initiative?

Katharina Thorn: „MS – Miteinander Stark“ ist mein Herzensprojekt.

Nach meinem Umzug habe ich mir angesehen, welche Angebote es für Menschen mit MS in Österreich gibt. Dabei fand ich engagierte Initiativen, aber nur wenige moderne Formate, die besonders jüngere Betroffene ansprechen.

Mir fehlten persönliche Begegnungen, zeitgemäße Kommunikation und moderne Bilder von MS.

Deshalb habe ich begonnen, selbst etwas aufzubauen. Die Initiative soll Austausch auf Augenhöhe ermöglichen, Lebensfreude sichtbar machen und zeigen, dass eine MS-Diagnose nicht das Ende von Zukunft und Träumen bedeutet.

Instagram „MS – Miteinander Stark“ / @ms_miteinanderstark

Wofür steht „MS – Miteinander Stark“?

Katharina Thorn: MS steht natürlich für Multiple Sklerose, aber auch für Miteinander Stark.

Niemand sollte die Erkrankung allein tragen müssen. Gemeinschaft kann Hoffnung, Orientierung und Kraft geben.

Menschen mit MS können voneinander lernen, sich gegenseitig stärken und einander auf Augenhöhe begegnen.

Mir ist außerdem wichtig, modernere Bilder der Erkrankung zu zeigen. MS ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Rollstuhl.

Die Verläufe sind sehr unterschiedlich. Deshalb gehören Lebensfreude, Zukunftspläne und Träume genauso zu einem realistischen Bild von MS wie Herausforderungen und Einschränkungen.

Unterstützung, Netzwerk & Orientierung

Was möchtest du mit deinem Netzwerk anbieten?

Katharina Thorn: Im Mittelpunkt stehen persönliche Treffen, echte Begegnungen und Austausch auf Augenhöhe.

Das Netzwerk soll Raum für Fragen, Sorgen, Erfahrungen und gegenseitige Unterstützung bieten. Menschen sollen spüren: Ich bin nicht allein.

Besonders nach einer Diagnose oder einem Schub kann der Austausch mit anderen Betroffenen Orientierung geben. Ein Netzwerk ersetzt keine medizinische Beratung, kann aber Verständnis, Hoffnung und neue Perspektiven vermitteln.

Die Diagnose bedeutet nicht, dass das eigene Leben vorbei ist. Zukunft, Lebensfreude und Träume bleiben möglich.

Was ist beim Aufbau der Community aktuell die größte Herausforderung?

Katharina Thorn: Gerade in kleineren oder ländlichen Regionen sprechen viele Menschen noch nicht offen über ihre Erkrankung.

Oft steht die Sorge im Raum: Was denken die anderen? Wie werde ich danach gesehen?

Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Viele Jahre habe ich meine MS weitgehend für mich behalten. Rückblickend hat mich das Verstecken zusätzlich belastet und viel Energie gekostet.

Heute würde ich anders damit umgehen. Als ich begann, offen über meine MS zu sprechen, habe ich viel Verständnis und Unterstützung erlebt.

Natürlich muss niemand seine Diagnose überall öffentlich machen. Offenheit ist eine persönliche Entscheidung. Aber es kann entlasten, sich zumindest ausgewählten Menschen anzuvertrauen.

Gemeinsam trägt sich vieles leichter als allein.

Ausblick

Welche Entwicklung wünschst du dir für die MS-Welt?

Katharina Thorn: Ich wünsche mir eine zeitgemäßere Aufklärung und Kommunikation.

Wir brauchen modernere und vielfältigere Bilder von MS sowie mehr Sichtbarkeit für jüngere Betroffene und unterschiedliche Lebensrealitäten.

Außerdem sollte stärker darüber gesprochen werden, was Menschen selbst für ihr Wohlbefinden tun können. Die medizinische Behandlung bleibt dabei unverzichtbar.

Selbstfürsorge ist kein Ersatz für eine Therapie. Und niemand trägt die Schuld, wenn die Erkrankung trotz eines gesundheitsbewussten Lebensstils aktiv ist oder fortschreitet.

Ich wünsche mir weniger Angstbilder, mehr Mutmachgeschichten und mehr Austausch zwischen Betroffenen.

Abschluss

Wie können Menschen dich finden?

Katharina Thorn: Am einfachsten findet man mich über meinen Namen Katharina Thorn.

Auf meiner Website gibt es Informationen zu meiner Arbeit und eine Selbstfürsorgeanalyse. Sie ist als persönlicher Check-in gedacht: Wie gut sorge ich gerade für mich und wo könnte ich genauer hinsehen?

Außerdem bin ich auf LinkedIn und Instagram aktiv.

Was möchtest du den Hörerinnen und Hörern mitgeben?

Katharina Thorn: Nicht alles liegt in unserer Hand. Aber wir haben oft mehr Einfluss, als wir glauben.

Fragt euch regelmäßig:

Wie geht es mir gerade und was brauche ich?

Es müssen keine großen Veränderungen sein. Kleine Entscheidungen im Alltag können langfristig viel bewirken.

Jede Entscheidung für dich selbst ist eine Einzahlung auf dein Selbstfürsorgekonto.

Und genauso wichtig: Gehe deinen Weg nicht allein. Unterstützung anzunehmen ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.

Miteinander sind wir oft stärker, als wir denken.

Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele

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Nele von Horsten

Blogger & Patient Advocate

Ich zeige Dir, wie Du das beste aus Deinem Leben mit MS machen kannst von Familie über Beruf bis Hobbys. Denn dank Wissenschaft und Forschung ist das heutzutage möglich.

Nele von Horsten

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