Leben mit Multipler Sklerose bedeutet für Lina Zeides, den eigenen Körper immer wieder neu kennenzulernen, Grenzen zu akzeptieren und dennoch Farbe, Kreativität und Lebensfreude zu bewahren. Im Interview erzählt sie offen von ihrer MS-Diagnose, einer zusätzlichen funktionellen neurologischen Störung, chronischen Schmerzen und ihrem Weg zu mehr Selbstbestimmung.
Lina ist auf Instagram als „Lina – mein Leben mit MS“ bekannt. Dort gewährt sie ehrliche Einblicke in ihren Alltag. Sie spricht über Belastungen, Therapie und Unsicherheiten, zeigt aber auch, wie viel Lebendigkeit und Kreativität trotz chronischer Erkrankungen möglich sind.
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Lina kennenlernen
Lina, bitte stell dich kurz vor: Wer bist du – ganz unabhängig von MS?
Lina Zeides, MS-Influencerin:
Ich bin Lina, 28 Jahre alt und lebe wieder dort, wo ich geboren wurde: im Bayerischen Wald. Eine längere Zeit habe ich in München gewohnt. Mein großer Traum war es immer, Hotelmanagerin zu werden. Ich bin gelernte Hotelfachfrau und habe in der Gastronomie gearbeitet.
Kurz vor meiner Diagnose wollte ich eigentlich nach Ibiza auswandern. Doch dann kam der stärkste Schub meines Lebens und alles veränderte sich.
Heute kennen mich viele über Instagram. Dabei war es nie mein ursprüngliches Ziel, öffentlich über Multiple Sklerose zu sprechen. Ich war zunächst einfach eine junge, verzweifelte Betroffene, die kaum andere Menschen mit MS in ihrem Alter kannte.
Aber ich bin natürlich viel mehr als meine Erkrankungen. Ich bin ein lebensbejahender und lebensfroher Mensch. Ich liebe Tiere, Deutschrap, Tanzen, verrückte Kleidung, wechselnde Haarfarben und alles, was Farbe ins Leben bringt. Ich habe gelernt, dass das Leben manchmal sehr schwarz-weiß sein kann. Dann muss man versuchen, sich ein wenig Farbe zurückzuholen.
Auf deinem Instagram-Kanal sprichst du über Multiple Sklerose und Konversionsstörung. Was war dir wichtig, als du begonnen hast, öffentlich darüber zu sprechen?
Lina Zeides:
Als ich 2019 die MS-Diagnose bekam, gab es in meinem Umfeld kaum Menschen mit Multipler Sklerose. Erst recht kannte ich kaum jemanden in meinem Alter.
Ich begann deshalb, über meine Gefühle und meine Situation zu schreiben. Daraus entwickelte sich mit der Zeit mein heutiger Kanal.
Die Diagnose Konversionsstörung erhielt ich erst 2023, obwohl ich schon viele Jahre zuvor entsprechende Beschwerden hatte. Heute wird häufig auch der Begriff funktionelle neurologische Störung, kurz FNS, verwendet. Dabei treten neurologisch wirkende körperliche Symptome auf, obwohl sie nicht durch eine klassische strukturelle Schädigung des Nervensystems erklärt werden können.
Bei mir äußert sich die Erkrankung in Attacken. Sie beginnen unter anderem mit starkem Herzrasen. Meine Bewegungen werden langsam und steif, und auch das Sprechen fällt mir schwer. Hinzu kommen starke Übelkeit und anhaltendes Erbrechen.
Früher dauerten diese Attacken teilweise bis zu 16 Stunden. Durch lange Klinikaufenthalte, medikamentöse Behandlung und regelmäßige Psychotherapie konnten wir sie auf etwa drei bis vier Stunden verkürzen.
Mir ist wichtig, offen darüber zu sprechen, weil die Erkrankung kaum bekannt ist und viele Betroffene lange nach einer Diagnose oder passender Unterstützung suchen. Gleichzeitig möchte ich Menschen ermutigen, sich nach einer MS-Diagnose auch psychologische oder psychosomatische Begleitung zu holen. Nicht, weil psychische Belastungen automatisch die Ursache körperlicher Symptome sind, sondern weil eine chronische Erkrankung Ängste, Sorgen und große Veränderungen mit sich bringen kann.
Wenn Menschen dich nur über deine Erkrankung kennenlernen: Was sehen sie vielleicht nicht sofort an dir?
Lina Zeides:
Sie sehen vieles nicht. Das gilt sowohl für meine Persönlichkeit als auch für meine Erkrankungen.
Viele Symptome der MS sind unsichtbar. Wenn ich geschminkt und gestylt bin und lächle, sehen Menschen häufig nicht, wie es mir körperlich tatsächlich geht. Ich mache mich aber gern fertig, weil ich mich oft schon schlecht genug fühle. Ich möchte mich dann nicht zusätzlich schlechter fühlen, wenn ich in den Spiegel schaue.
Gleichzeitig bin ich nicht nur die Person mit MS. Ich bin Partnerin, Tochter, Schwester und Freundin. In meinem Leben gibt es viele Beziehungen, Erlebnisse und Themen, die nichts mit der MS zu tun haben. Das ist sehr wichtig.
Die MS nimmt einen großen Raum ein. Aber sie darf nicht das gesamte Leben bestimmen.
Diagnose und Verlauf
Deine MS-Diagnose kam 2019. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Lina Zeides:
Die Zeit war sehr verwirrend. Ich lebte damals in München und arbeitete abends und nachts in der Gastronomie. Eines Tages wachte ich auf und sah plötzlich stark verschwommen. Als ich aufstehen wollte, fühlte es sich an, als würde ich auf einem schwankenden Boot stehen.
Die Beschwerden wurden innerhalb kurzer Zeit immer stärker. Zunächst diagnostizierte ein Arzt eine Angina und schickte mich mit pflanzlichen Mitteln nach Hause. Ich vertraute darauf und ging sogar zur Arbeit.
Dort lief ich bereits Schlangenlinien. Ein Stammgast, der mich gut kannte, merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Er brachte mich zu einer anderen Ärztin. Sie reagierte sehr schnell und schickte mich schließlich ins Krankenhaus.
Im Krankenhaus konnte ein Gehirntumor ausgeschlossen werden. Gleichzeitig entstand der Verdacht auf Multiple Sklerose. Innerhalb weniger Stunden verlor ich fast vollständig mein Gleichgewicht und konnte nicht mehr allein laufen. Auch meine Augen konnte ich kaum noch bewegen.
Bei den Untersuchungen wurden mehrere Läsionen im Gehirn gefunden. Eine größere Läsion betraf Bereiche, die für Sehen und Gleichgewicht wichtig sind. Das erklärte die starken Beschwerden.
Ich erhielt eine hoch dosierte Kortisontherapie. Mein Augenlicht konnte dadurch vollständig wiederhergestellt werden. Zurückgeblieben sind unter anderem chronische neuropathische Schmerzen in den Beinen.
Neuropathische Schmerzen entstehen durch eine Schädigung oder Fehlfunktion von Nerven. Sie können sich beispielsweise brennend, stechend, elektrisierend oder dauerhaft unangenehm anfühlen. Mehr Infos zur ganzheitlichen Schmerztherapie.
Was hat sich seit der Diagnose am stärksten verändert?
Lina Zeides:
Mein Verhältnis zum Leben hat sich verändert. Ich empfinde mehr Dankbarkeit und habe eine größere psychische Widerstandskraft entwickelt.
Ich bin nicht dankbar dafür, MS oder die funktionelle neurologische Störung zu haben. Ich würde beide Erkrankungen gern abgeben. Trotzdem habe ich durch sie viel gelernt.
Wenn man erlebt, dass Sehen, Gehen oder Sprechen plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind, verändert sich der Blick auf den Alltag. Viele Menschen wünschen sich eine größere Wohnung, ein größeres Auto oder einen besseren Urlaub. Dabei sind die wertvollsten Dinge oft, laufen, sehen, sprechen und hören zu können.
Diese Körperfunktionen erscheinen selbstverständlich, solange sie da sind. Häufig wird uns ihr Wert erst bewusst, wenn wir sie vorübergehend oder dauerhaft verlieren.
Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: „Ich muss neu lernen, mit meinem Körper umzugehen“?
Lina Zeides:
Es gab nicht nur einen Moment. Es passiert immer wieder.
Dieser Prozess kann sich wie ein Hamsterrad anfühlen. Man muss wiederholt akzeptieren, dass bestimmte Dinge nicht mehr oder nur noch anders möglich sind. Spontanität und Flexibilität fehlen häufig. Dafür wird mehr Planung nötig.
Mit der Zeit wird einiges leichter, weil man Erfahrungen sammelt und den eigenen Körper besser kennenlernt. Man lernt, Symptome einzuordnen und Situationen anzupassen.
Früher löste jedes Kribbeln in meinem Bein sofort große Angst aus. Heute kenne ich meinen Körper besser und weiß, wann ich beobachten kann und wann ich meine behandelnde Klinik kontaktieren sollte.
Wichtig ist, solche Regeln immer individuell mit dem Behandlungsteam abzustimmen. Neue oder deutlich verstärkte neurologische Symptome sollten medizinisch abgeklärt werden.
Die größte Kunst besteht für mich darin, anpassungsfähig zu bleiben: Was muss ich verändern, damit mein Leben stabiler wird? Was darf ich loslassen? Und welche neuen Wege kann ich stattdessen gehen?
Alltag, Symptome und Herausforderungen
Welches „Gesicht“ deiner MS ist im Alltag besonders präsent?
Lina Zeides:
Am präsentesten sind meine chronischen neuropathischen Schmerzen in den Beinen. Sie sind jeden Tag da, auch wenn es bessere und schlechtere Tage gibt.
Besonders schwierig sind Treppen, Steigungen und unebene Flächen. Andere Menschen laufen über eine Wiese oder einen Hügel hinunter, ohne darüber nachzudenken. Ich muss dagegen darauf achten, ob irgendwo ein Loch oder eine Unebenheit sein könnte.
Mein Gleichgewicht ist eingeschränkt. Im rechten Bein habe ich weniger Kraft, während das linke Bein versucht, vieles auszugleichen. Manchmal beginnen die Beine zu zittern oder es kommt zu Spastik.
Spastik bezeichnet eine krankhaft erhöhte Muskelspannung. Sie kann Bewegungen erschweren und mit Steifigkeit, Krämpfen oder Schmerzen verbunden sein. Mehr zum Symptom und möglichen Behandlungen von Spastik.
An Tagen ohne starke Schmerzen fühle ich mich dagegen fast wie „Speedy Gonzales“. Diese Tage feiere ich ganz bewusst.
Wie gehst du mit Phasen um, in denen Symptome oder Einschränkungen stärker werden?
Lina Zeides:
Ich habe sehr vieles ausprobiert. Bei starken Schmerzen helfen mir manchmal Kältereize, beispielsweise vorsichtig eingesetzte Tauchbäder, Eisabreibungen, Kühlhandtücher oder kühlende Gele.
Dabei muss man sehr vorsichtig sein. Nicht jeder Mensch mit MS verträgt Kälte. Anderen hilft eher Wärme, und manche vertragen weder starke Hitze noch starke Kälte. Solche Anwendungen sollten deshalb immer an die persönliche Situation angepasst und im Zweifel medizinisch oder physiotherapeutisch abgeklärt werden.
Manchmal helfen auch Schmerzmedikamente. Es gibt aber ebenso Situationen, in denen ich auf der Couch liege und darauf warte, dass die Medikamente wirken.
Neben den konkreten Maßnahmen hilft mir Wissen. Information kann einen Teil der Angst ersetzen. Je besser ich meine Erkrankungen und meinen Körper verstehe, desto besser kann ich manche Symptome einordnen.
Auch Grenzen sind wichtig. Ich darf Nein sagen, wenn ich keine Kraft habe. Ich darf eine Verabredung absagen, wenn die Fatigue zu stark ist.
Fatigue ist eine ausgeprägte körperliche und geistige Erschöpfung, die durch gewöhnliche Erholung oder Schlaf oft nicht ausreichend besser wird. Mehr Infos zur Fatigue und dem Umgang damit.
Ich darf mich außerdem von Menschen distanzieren, die mich dauerhaft belasten, meine Grenzen nicht respektieren oder meine Situation nicht verstehen wollen. Ein kleineres, vertrauensvolles Umfeld ist für mich wertvoller als viele Kontakte, bei denen ich mich ständig erklären muss.
Gibt es Situationen, in denen du dich durch die MS abhängig fühlst?
Lina Zeides:
Ja. Hilfe anzunehmen ist für mich bis heute sehr schwer.
Mir wurde beispielsweise angeboten, Unterstützung beim Einkaufen zu erhalten. Ich wohne ohne Aufzug und muss die Einkäufe die Treppen hinauftragen, wenn mein Partner nicht da ist. Trotzdem konnte ich diese Hilfe bisher nicht annehmen.
In meinem Kopf entsteht dann sofort der Gedanke: Ich bin 28 Jahre alt. Was ist, wenn eine Person, die deutlich älter ist als ich, für mich einkaufen geht?
Ich weiß, dass Unterstützung sinnvoll und berechtigt sein kann. Trotzdem bleibt die emotionale Hürde groß.
Auch Anträge fielen mir lange schwer. Der Antrag auf einen Schwerbehindertenausweis war für mich ein sehr belastender Schritt. Solche Entscheidungen sind Prozesse. Nur weil ich öffentlich Aufklärungsarbeit leiste, bedeutet das nicht, dass mir Akzeptanz im eigenen Leben immer leichtfällt.
Auch ich lerne noch, Hilfe nicht als persönliches Versagen zu betrachten.
Was wünschst du dir von deinem Umfeld, wenn es dir körperlich oder mental nicht gut geht?
Lina Zeides:
Ich habe großes Glück mit meiner Familie, meinem Partner und meinen Freunden. Viele Menschen in meinem Umfeld verfolgen auch meine Inhalte. Dadurch verstehen sie oft besser, wie es mir geht, ohne dass ich alles wiederholt erklären muss.
Was wirklich hilft, ist ein ehrliches Gespräch in einem ruhigen Moment: „Wie geht es dir wirklich?“ oder „Kann ich etwas für dich tun?“
Ein ernst gemeintes Gespräch ist häufig hilfreicher als die tägliche schnelle Frage nach Symptomen oder Medikamenten.
Nach meiner Diagnose fragten meine Angehörigen sehr oft, ob ich meine Medikamente genommen hätte oder wie sich einzelne Beschwerden entwickelt hätten. Das war liebevoll gemeint, aber für mich auf Dauer anstrengend.
Irgendwann sagte ich meiner Mutter, dass ich Verantwortung für meine Medikamente übernehmen kann und mich melden werde, wenn ich Unterstützung brauche. Das half auch ihr. Sie konnte wieder etwas mehr Vertrauen entwickeln und musste nicht jeden Tag kontrollieren, ob alles in Ordnung ist.
Wenig hilfreich sind ungefragte Ratschläge. Sätze wie „Du musst mehr Sport machen“, „Du musst öfter rausgehen“ oder „Du siehst doch gar nicht krank aus“ erzeugen häufig zusätzlichen Druck.
Die meisten Betroffenen versuchen bereits sehr viel, um ihren Zustand zu verbessern. Hilfreicher ist es, offen zu fragen, was die Person gerade braucht.
Bewältigung, Mindset und Kreativität
Was hilft dir, deine lebensbejahende Haltung an schwierigen Tagen nicht ganz zu verlieren?
Lina Zeides:
Ich glaube, ein Teil davon ist meine Persönlichkeit. Ich war schon immer lebensfroh und positiv. Dafür bin ich sehr dankbar.
Aber auch meine Erfahrungen haben meinen Blick verändert. Ich weiß, dass sehr schwere Stunden wieder vorbeigehen können.
Meine Attacken der funktionellen neurologischen Störung kommen ausschließlich am Abend. In diesen Phasen habe ich starke körperliche Beschwerden und große Angst. Gleichzeitig weiß ich inzwischen: Wenn es wieder hell wird und ich aufstehe, bin ich für einige Stunden wieder mehr die Lina, die ich kenne.
Dieser Gedanke hält mich.
Meine positive Haltung bedeutet nicht, dass ich jederzeit glücklich oder stark bin. Ich bin nicht zu 100 Prozent der Zeit motiviert. Es gibt Verzweiflung, Schmerz und Erschöpfung.
Lebensbejahend zu sein heißt für mich nicht, das Schwere zu leugnen. Es bedeutet, neben dem Schweren weiterhin nach Farbe, Verbindung und Sinn zu suchen.
Was gibt dir das Drehen und Teilen deiner kreativen Inhalte zurück?
Lina Zeides:
Sehr viel. Ohne die Menschen, die mich bei den Produktionen unterstützen, könnte ich viele meiner Videos allerdings nicht in dieser Qualität umsetzen.
Meine Belastbarkeit ist begrenzt. Ein Dreh muss genau geplant werden. Ich kann häufig nur etwa zweieinhalb Stunden vor Ort sein. Am Abend geht es nur mit einem Notfallplan, kurzen Zeitfenstern und möglichst wenig zusätzlicher Belastung.
Deshalb bin ich meinem Kameramann Julian und seinem Team sehr dankbar. Sie übernehmen viel Organisation und ermöglichen mir, meine Ideen mit möglichst wenig körperlicher Belastung umzusetzen.
Meine Inhalte sind kreativ, weil ich Krankheit anders ausdrücken möchte. Ich will nichts Starres oder rein Konservatives machen, sondern etwas Junges, Buntes, Lebensbejahendes und gleichzeitig Ehrliches.
Viele Menschen sagen mir, dass ich ihnen mit meiner Arbeit helfe. Ich denke oft, dass eigentlich die Community mir hilft.
Ich musste in den vergangenen Jahren viele Träume und Möglichkeiten aufgeben. Durch meine Arbeit bekomme ich das Gefühl, dass diese Erfahrungen nicht vollkommen sinnlos waren. Wenn ich einem Menschen auch nur zehn Prozent seines Weges erleichtern kann, ist das für mich ein Erfolg.
Vielleicht hat meine direkte und ungefilterte Art hier einen guten Platz gefunden.
Wo liegt für dich die Grenze zwischen ehrlichem Teilen und Privatsphäre?
Lina Zeides:
Diese Grenze musste ich über viele Jahre lernen.
Social Media hat viele positive Seiten, vor allem den Austausch und das Gefühl, nicht allein zu sein. Es gibt aber auch negative und gefährliche Seiten.
Mit wachsender Reichweite habe ich erlebt, dass Menschen Grenzen überschreiten, Vertrauen ausnutzen oder nicht ehrlich mit mir umgehen. Deshalb achte ich sehr genau darauf, wem ich mich öffne.
Nicht jeder Mensch, der freundlich Kontakt aufnimmt, meint es auch gut.
Es gibt Dinge, die ich nicht zeige. Meine genaue Adresse gehört beispielsweise nicht ins Internet. Für meine Arbeit brauche ich Absicherung, eine geschützte Geschäftsadresse, Versicherungen und rechtliche Vorsorge.
Mir ist außerdem wichtig, die Privatsphäre anderer Menschen zu respektieren. Nur weil ich selbst sehr offen bin, darf ich nicht davon ausgehen, dass alle Personen in meinem Umfeld ebenfalls gefilmt oder öffentlich gezeigt werden möchten. Deshalb frage ich vor Veröffentlichungen nach ihrem Einverständnis.
Alles, was online erscheint, kann langfristig auffindbar bleiben. Diese Konsequenz sollte man sich vor dem Posten bewusst machen.
Auch der wirtschaftliche Teil von Social Media wird häufig unterschätzt. Produkte, Kooperationen und zugesandte Waren können steuerliche und rechtliche Folgen haben. Es ist deshalb wichtig, sich professionell beraten zu lassen und nicht davon auszugehen, dass im Influencer-Alltag alles kostenlos oder unkompliziert ist.
Unterstützung und Leben über die MS hinaus
Was hat dir auf deinem Weg besonders geholfen?
Lina Zeides:
Besonders wichtig waren für mich medizinische Behandlung, lange psychosomatische Klinikaufenthalte, regelmäßige Psychotherapie und Menschen, die mich ernst nehmen.
Ein Arzt in der Klinik hat mir sehr geholfen. Durch die Behandlung konnte ich wieder lernen, regelmäßiger zu essen und zu schlafen. Auch die Dauer meiner Attacken hat sich deutlich verkürzt.
Im Alltag helfen mir Information, Erfahrung und ein verlässliches Umfeld. Je mehr ich über meine Erkrankungen gelernt habe, desto weniger ausgeliefert fühlte ich mich.
Es hilft außerdem, das eigene Leben anzupassen. Dazu gehört, Pausen einzuplanen, Grenzen zu setzen und Menschen auszuwählen, bei denen ich mich sicher fühle.
Wichtig ist auch, sich Unterstützung zu erlauben. Das gelingt mir noch nicht in allen Bereichen. Aber ich weiß inzwischen, dass Akzeptanz kein einzelner Moment ist. Sie entwickelt sich Schritt für Schritt.
Was macht dein Leben gerade schön?
Lina Zeides:
Mein Partner, meine Familie, meine Freunde, Tiere, Musik, Mode, Farben und Kreativität.
Ich liebe es, an guten Tagen zu tanzen. Ich liebe verrückte Kleidung, unterschiedliche Haarfarben und alles, was Lebendigkeit ausdrückt.
Auch die Community macht mein Leben schön. Die Menschen, die mir schreiben, sich austauschen und mir erzählen, dass ein Beitrag ihnen geholfen hat, geben meiner Arbeit Sinn.
Die MS und die funktionelle neurologische Störung sind Teil meines Lebens. Aber sie sind nicht mein ganzes Leben.
Es gibt weiterhin Beziehungen, Ideen, Projekte und schöne Momente, die nichts mit Krankheit zu tun haben. Dieser Raum ist wichtig und muss geschützt werden.
Ausblick und Abschluss
Welche Entwicklung im Bereich der MS wünschst du dir in den kommenden fünf Jahren?
Lina Zeides:
Ich bin von den wissenschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre positiv überrascht.
Es gibt immer mehr Erkenntnisse zu möglichen Einflussfaktoren und Zusammenhängen, beispielsweise zum Epstein-Barr-Virus, zum Darmmikrobiom und zu immunologischen Prozessen.
Ich sehe diese Erkenntnisse wie kleine Puzzleteile. Ich wünsche mir, dass dieses Puzzle in den kommenden Jahren immer vollständiger wird und dadurch mehr Menschen geholfen werden kann.
Ich glaube nicht unbedingt, dass in fünf Jahren alle Fragen beantwortet sind. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir in den nächsten 15 Jahren deutlich mehr wissen werden.
Gleichzeitig bin ich dankbar, dass im Bereich der Multiplen Sklerose intensiv geforscht wird und immer wieder neue Behandlungsmöglichkeiten entstehen. Bei anderen schweren Erkrankungen, beispielsweise ME/CFS, kämpfen Betroffene noch immer um ausreichende Aufmerksamkeit, Forschung und Versorgung.
Wo findet man dich online?
Lina Zeides:
Am aktivsten bin ich auf Instagram. Dort findet man mich unter „Lina – mein Leben mit MS“, mit Punkten zwischen den einzelnen Wörtern.
Mir ist der direkte Austausch mit der Community sehr wichtig. Man kann mir gern schreiben. Manchmal dauert die Antwort etwas, aber ich versuche, jede Nachricht zu beantworten.
Auf YouTube erscheinen gelegentlich größere Projekte. TikTok nutze ich nicht mehr aktiv, weil mir dort die enge Verbindung und der persönliche Austausch mit der Community fehlen.
Was möchtest du den Hörerinnen und Hörern noch mitgeben?
Lina Zeides:
Nach einer MS-Diagnose fühlt es sich anfangs häufig so an, als würde die Erkrankung jedes Gespräch, jede Beziehung und jeden Gedanken bestimmen.
Aber es kann wieder anders werden.
Die MS bleibt präsent. Es ist wichtig, sich zu informieren, den eigenen Körper kennenzulernen und Verantwortung für die Behandlung zu übernehmen. Trotzdem wird der Moment kommen, in dem nicht mehr jeden Tag ausschließlich über MS gesprochen wird.
Angehörige können wieder etwas mehr durchatmen. Betroffene entwickeln Erfahrung und lernen, Symptome besser einzuordnen. Das Leben bekommt wieder mehr Themen.
Nehmt die MS ernst, aber lasst sie nicht das gesamte Leben kontrollieren.
Schafft schöne Erinnerungen. Geht gemeinsam auf ein Konzert, kocht etwas, macht einen Ausflug oder verbringt Zeit mit Menschen, die euch guttun.
Setzt Grenzen. Sagt Nein, wenn die Kraft fehlt. Und sucht euch Unterstützung, bevor alles zu viel wird.
Ein erfülltes Leben mit Multipler Sklerose sieht vielleicht anders aus als ursprünglich geplant. Aber anders bedeutet nicht automatisch weniger wertvoll.
Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele
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