#377: Frisch diagnostiziert – was ich heute gern früher gewusst hätte | 17. MS-Kamingespräch

Quadratisches, helles Podcast-Cover in warmen Beige- und Cremetönen. Oben links sitzt eine junge Frau Anfang 20 in einer lichtdurchfluteten Bibliothek oder Lernumgebung vor einem Laptop. Oben rechts sitzt eine etwa 40-jährige Frau eng mit zwei Jugendlichen zusammen, einem Mädchen und einem Jungen. Alle drei lachen und wirken vertraut und fröhlich. Die Bildmitte ist sehr hell und weich gestaltet und verbindet beide Lebenssituationen miteinander. Im Vordergrund befindet sich ein großes weißes Textfeld mit schwarzer Schrift. Darauf steht: „Frisch diagnostiziert mit MS – Was wir gern früher gewusst hätten – 17. MS-Kamingespräch“. Darunter steht „www.ms-perspektive.de“. Das Bild vermittelt Zukunft, Familie, Hoffnung und ein erfülltes Leben trotz MS.

Frisch diagnostiziert mit Multipler Sklerose – und plötzlich scheint das ganze bisherige Leben infrage zu stehen. Was bedeutet die Diagnose für die Zukunft? Werde ich weiter arbeiten können? Kann ich eine Familie haben, reisen, Sport treiben und meine Pläne verwirklichen? Und was passiert, wenn die erste Therapie nicht funktioniert?

In unserem 17. MS-Kamingespräch schauen Nadja Birkenbach und ich zurück auf die Zeit unserer eigenen Diagnosen. Wir erinnern uns an Ängste, Tränen und ziemlich düstere Bilder im Kopf – aber auch daran, wie viele davon nie Realität geworden sind. Heute, viele Jahre später, wissen wir beide: Die Diagnose Multiple Sklerose verändert das Leben, aber sie beendet es nicht.

Wir sprechen darüber, warum niemand mit der Diagnose allein ist, wie sehr sich Forschung und Behandlungsmöglichkeiten weiterentwickelt haben, weshalb eine nicht passende Therapie noch lange kein Grund zur Verzweiflung ist und warum Symptome sich durchaus wieder bessern können. Vor allem aber geht es darum, das eigene Leben nicht ausschließlich nach der MS auszurichten, sondern einen persönlichen Umgang mit ihr zu finden.

Das Gespräch folgt fünf Gedanken, die wir Menschen mit einer frischen MS-Diagnose besonders gern mit auf den Weg geben möchten. 

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Podcast Player. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen '
'

Inhaltsverzeichnis

Einstieg: Wir treffen unser Ich am Tag der Diagnose

Der Moment, in dem alles kippt

Nele von Horsten: Wenn wir heute unser damaliges Ich am Tag der Diagnose treffen könnten: Was ging dir damals durch den Kopf, Nadja?

Nadja Birkenbach: Der erste Tag war einfach furchtbar. Ich hatte diese wahnsinnigen Sehstörungen und meine Freundin Anja hat mich durch den Tag begleitet. In der Notaufnahme wurden verschiedene Untersuchungen gemacht, und ich hatte einfach Angst und habe sehr viel geweint. Am Abend stand die Diagnose eigentlich schon fest.

Einerseits war es gut, überhaupt eine Diagnose zu haben. Ich hatte vorher auch Angst vor einem Hirntumor. Aber vor allem hatte ich Angst davor, dass die Sehstörungen bleiben könnten. Ich hatte Wackelbilder und Doppelbilder. Selbst der Gang zur Toilette war anstrengend. Ich konnte nicht aus dem Fenster schauen und dachte: Wenn das so bleibt, bin ich ja gar nicht mehr allein lebensfähig.

Meine Kinder waren damals elf und dreizehn. Der schlimmste Gedanke war für mich, dass ich sie vielleicht nicht richtig aufwachsen sehen oder sie nicht unterstützen könnte. Gerade meine Tochter kam damals in die Pubertät. Das hat mich enorm belastet. Ich wollte eigentlich nur, dass dieser Zustand wieder aufhört.

Nele von Horsten: Bei mir war es ein bisschen zweigeteilt. Am Anfang stand die Sehnerventzündung. Ich wollte einen Freund und meine Schwester besuchen und hatte schon gemerkt, dass mit meinem Sehen etwas nicht stimmte. Auf der Fahrt fiel mir auf, dass ich mit einem Auge Farben deutlich blasser wahrnahm und unscharf sah. Da bekam ich Angst.

In der Uniklinik wurden Untersuchungen gemacht, und beim Gesichtsfeldtest wurde mir klar: Da stimmt etwas nicht. Ich sah über längere Zeit auf einem Auge keine Lichtpunkte mehr und fing an zu weinen. Als feststand, dass ich im Krankenhaus bleiben und intravenös Kortison bekommen musste, wollte ich per Zug zurück nach Hause. Doch auch bei mir stand die Option Hirntumor im Raum.

Unter dem Kortison wurde das Sehen zum Glück schnell wieder besser. Deshalb konnte ich das Thema schnell erfolgreich verdrängen. Nach den damaligen Diagnosekriterien war es zunächst ein klinisch isoliertes Syndrom. Ich wollte vor allem verstehen: Ich habe keine MS und diese Diagnose ist für immer ausgeschlossen.

Ein Jahr später kam dann der zweite Schock. Bei einer MRT-Kontrolle zeigte sich eine neue Läsion, und der Radiologe, ein Freund meiner Familie, sagte mir, dass ich MS habe und mit einer Therapie beginnen sollte. Da war ich baff und habe mein gesamtes Leben in Frage gestellt.

Angst vor Sehverlust, Rollstuhl und Zukunft

Nele von Horsten: Damals hatte ich noch keine Kinder und war in keiner guten Partnerschaft. Sofort kamen all die Horrorszenarien: Muss ich mein Studium abbrechen? Kann ich jemals Kinder haben? Werde ich einen Partner finden, der mich liebt? Kann ich arbeiten? Sitze ich bald im Rollstuhl?

Nadja Birkenbach: Das Bild vom Rollstuhl hatte ich ebenfalls sofort. Die einzige Person mit MS, die ich damals kannte, war die Sekretärin unseres Tennisclubs – und sie saß im Rollstuhl. Das war mein Bild von MS.

Was mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist, war ein Satz meines Professors: „Frau Birkenbach, wir machen jetzt erst einmal, dass Sie wieder sehen können.“ Das war in diesem Moment das Wichtigste überhaupt.

Einige Wochen später saß ich bei uns im Park auf einer Bank und konnte wieder die Blätter an den Bäumen erkennen. Da habe ich geweint, weil ich dachte: Ich sehe wieder. Trotzdem bin ich monatelang morgens mit Angst aufgewacht. Für einen kurzen Moment dachte ich jedes Mal: Ich sehe nichts. Erst wenn ich die Augen geöffnet hatte, kam die Erleichterung.

Nele von Horsten: Auch für mich war die Vorstellung, nicht mehr richtig sehen zu können, besonders schlimm.

Was sich später nicht bewahrheitet hat

Nele von Horsten: Wenn wir heute zurückblicken, ist das vielleicht eines der wichtigsten Dinge, die wir unserem damaligen Ich sagen könnten: Viele der Katastrophenszenarien in unseren Köpfen sind nicht eingetreten.

Ich bin heute glücklich verheiratet, habe zwei wundervolle Kinder, hatte lange einen spannenden Beruf mit vielen Reisen und arbeite mittlerweile selbstständig. Ich kann Sport treiben, habe meine guten Freunde noch und führe ein erfülltes Leben.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Hilfsmittel etwas Schlechtes wären. Wenn jemand einen Rollstuhl oder andere Hilfsmittel braucht, ist es großartig, dass es sie gibt. Aber die Diagnose MS bedeutet eben nicht automatisch, dass jeder Mensch irgendwann im Rollstuhl sitzt.

Nadja Birkenbach: Bei mir ist es genauso. Meine große Angst war das Sehen, und ich kann heute wieder sehr gut sehen. Ich konnte meine Kinder begleiten, unterstützen und aufwachsen sehen. Sie sind inzwischen erwachsen.

Auch mein berufliches Leben hat sich komplett verändert. Ich habe das Patenprogramm initiiert und engagiere mich als MS-Botschafterin. Hätte mir das jemand vor zehn Jahren erzählt, hätte ich wahrscheinlich gesagt: Du spinnst.

Natürlich habe ich auch schlechte Tage. Manchmal sitzen bei mir wieder „Herr Angst“ und „Herr Schwindel“ mit am Tisch. Aber am nächsten Morgen kann ich wieder mit Nele hier sitzen, albern sein und denken: Das Licht ist schön.

Kernbotschaft: Die Diagnose ist ein Schock. Aber sie ist nicht das Ende deiner Geschichte.

Du bist mit der Diagnose nicht allein

Vom Gefühl, plötzlich allein zu sein

Nele von Horsten: Gerade am Anfang hatte ich das Gefühl, völlig allein mit dieser Erkrankung zu sein. Ich kannte persönlich niemanden mit MS.

Heute wissen wir, dass weltweit Millionen Menschen mit MS leben. Gleichzeitig gibt es noch viele Menschen, die gar keine Diagnose erhalten, beispielsweise weil in ihrem Land Spezialistinnen und Spezialisten fehlen oder der Weg zu medizinischer Versorgung sehr weit ist.

Forschung und Versorgung haben sich verändert

Nele von Horsten: Was mir Hoffnung macht: Es arbeiten unglaublich viele motivierte und kluge Menschen daran, die Forschung weiterzubringen. Allein in der Zeit, in der ich MS habe, ist enorm viel passiert. Wir verstehen immer besser, wie wir Krankheitsaktivität vorbeugen und Symptome behandeln können.

Auch die Rolle von Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Psychotherapie wird viel stärker berücksichtigt. Und es gibt immer mehr Initiativen, Patientenorganisationen und Angebote zum Austausch. Nadja hat beispielsweise ihr Patenprogramm. Dazu kommen die DMSG und andere nationale und internationale MS-Gesellschaften und Initiativen.

Austausch mit anderen Betroffenen

Nele von Horsten: Menschen, die uns nahestehen, versuchen uns natürlich zu verstehen. Aber jemand, der selbst MS hat, versteht manches einfach noch einmal anders. Gerade weil so viele Symptome unsichtbar sind.

Nadja Birkenbach: Genau. MS ist für Außenstehende oft schwerer zu verstehen als beispielsweise ein gebrochenes Bein. Dazu kommen immer noch alte Bilder von MS.

Was ich in den vergangenen zehn Jahren sehr positiv beobachtet habe: Immer mehr Menschen mit MS zeigen sich. Über Social Media sind viele Betroffene aktiv geworden. Gleichzeitig ist es leichter geworden, an Informationen zu kommen.

Natürlich gibt es im Internet weiterhin unseriöse Informationen. Aber es gibt auch sehr viele gute Angebote. Selbst Pharmaunternehmen stellen inzwischen teilweise allgemeine Informationen zur Verfügung, die nicht nur auf ein bestimmtes Medikament ausgerichtet sind.

Auch in Kliniken erlebe ich stärker, dass der Patient oder die Patientin in den Mittelpunkt rückt. Früher gab es teilweise Geschichten, bei denen Ärztinnen oder Ärzte nicht einmal klar ausgesprochen haben, dass jemand Multiple Sklerose hat. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen.

Es hat ein Umdenken stattgefunden. Und ich glaube, das trägt dazu bei, dass man mit der Diagnose ein anderes Gefühl bekommen kann: Ich bin Teil einer großen Community. Die Diagnose wird dadurch nicht verschwinden, aber ich kann mich informieren, Unterstützung bekommen und lernen, meinen eigenen Weg mit der MS zu gestalten.

Nele von Horsten: Ich stelle mir die Forschung gern wie ein Puzzle vor. Früher lagen einige große Puzzlestücke auf dem Tisch. Heute kommen immer mehr und immer feinere Stücke hinzu. Das Bild wird dadurch Schritt für Schritt vollständiger.

Kernbotschaft: Es gibt unglaublich viele Menschen, die daran arbeiten, dass dein Leben mit MS besser wird.

Die Therapie ist kein Glücksspiel

Warum Therapie vorbeugend wirkt

Nele von Horsten: Ein wichtiger Punkt, den ich selbst erst lernen musste: Eine Immuntherapie bei MS wirkt in erster Linie vorbeugend. Sie soll neue Krankheitsaktivität verhindern oder reduzieren.

Ich habe am Anfang immer wieder gedacht: Mir geht es doch gut. Warum soll ich dann diese Therapie nehmen? Mein Neurologe hat mir mit viel Geduld erklärt, dass gerade das der Sinn der Behandlung ist.

Wenn es einem unter Therapie gut geht, ist das deshalb nicht automatisch ein Grund, die Therapie abzusetzen. Im Gegenteil: Es kann ein Zeichen dafür sein, dass die Strategie funktioniert.

Wenn die erste Therapie nicht passt

Nele von Horsten: Gleichzeitig kann es passieren, dass eine Therapie nicht ausreichend wirkt oder die Nebenwirkungen nicht akzeptabel sind. Das bedeutet nicht, dass alles verloren ist.

Heute gibt es unterschiedliche Wirkstoffklassen und verschiedene Medikamente mit unterschiedlichen Wirk- und Nebenwirkungsprofilen. Therapiewechsel gehören deshalb ganz normal zur MS-Behandlung.

Nadja Birkenbach: Bei mir waren gerade die ersten Jahre schwierig, weil die passende Therapie nicht sofort gefunden wurde.

Mein erstes Medikament habe ich ein ganzes Jahr genommen, obwohl ich starke Probleme damit hatte. Damals dachte ich: Ich darf nicht aufgeben. Ich muss kämpfen. Heute würde ich nicht mehr ein Jahr lang etwas durchziehen, wenn es überhaupt nicht zu mir passt.

Dann kam ein zweites Medikament, mit dem es noch schwieriger wurde. Ein weiteres konnte ich nur wenige Wochen nehmen. Irgendwann wollte ich am liebsten gar nichts mehr nehmen, weil ich solche Angst vor Nebenwirkungen hatte.

Nach einer Therapiepause kam aber nach acht Monaten wieder ein Schub. Seitdem nehme ich meine jetzige Therapie seit vielen Jahren und komme damit sehr gut zurecht.

Mit meinem heutigen Wissen glaube ich, dass mir die ersten Jahre viel leichter gefallen wären, wenn wir früher eine passende Therapie gefunden hätten. Am Anfang ist man einfach wahnsinnig schnell überfordert – mit Pens, Kühlung, Nebenwirkungen, Entscheidungen und all den Informationen. Das hat nichts damit zu tun, ob jemand intelligent ist oder nicht.

Angst vor Nebenwirkungen

Nadja Birkenbach: Heute würde ich immer dazu raten, sich sehr ernsthaft mit einer Therapie auseinanderzusetzen. Ich bin selbst ein großer Angsthase, wenn es um Nebenwirkungen geht. Trotzdem sehe ich, welche Möglichkeiten wir heute haben.

Vor 20 oder 30 Jahren hätten viele Menschen mit MS alles dafür gegeben, Zugang zu den heutigen Medikamenten zu haben. Und in vielen Ländern gibt es diesen Zugang bis heute nicht.

Gemeinsam mit dem Neurologen entscheiden

Nadja Birkenbach: Wichtig ist für mich aber auch: Man braucht eine Neurologin oder einen Neurologen, der oder dem man wirklich vertraut. Wenn die Therapie nicht passt oder man sich mit einer Entscheidung unwohl fühlt, darf man eine zweite oder auch dritte Meinung einholen. Es geht um die eigene Gesundheit und um eine chronische Erkrankung.

Nele von Horsten: Genau das meint Shared Decision Making, also die gemeinsame Entscheidungsfindung. Wenn du mit einer Therapie nicht zurechtkommst oder Angst vor etwas hast, sprich es offen an.

Bitte Medikamente aber nicht eigenmächtig absetzen. Bei manchen Wirkstoffen kann ein plötzliches Absetzen problematisch sein und zu einer starken Rückkehr der Krankheitsaktivität führen. Solche Entscheidungen gehören deshalb immer gemeinsam mit dem behandelnden Team getroffen.

Mein Wunsch für die Zukunft wäre, dass wir irgendwann nicht nur schnell diagnostizieren können, sondern mit Tests noch genauer vorhersagen können, welches Medikament bei welchem Menschen besonders gut passt. Forschung in diese Richtung gibt es bereits.

Nadja Birkenbach: Und ich hoffe einfach, dass es für jeden immer noch eine weitere Möglichkeit gibt – selbst wenn man schon mehrere Therapien ausprobiert hat.

Kernbotschaft: Eine nicht passende Therapie bedeutet nicht, dass es keine gute Therapie für dich gibt.

Symptome können sich bessern – trotzdem die MS ernst nehmen

Was sich bei uns zurückgebildet hat

Nele von Horsten: Eine meiner größten Ängste war damals, nie wieder richtig sehen zu können. Bei mir hat sich das Sehen zum Glück sehr gut erholt. Ich habe heute 100 Prozent Sehkraft.

Auch eine Empfindungsstörung am rechten Arm und am Oberkörper hat mich lange begleitet. Gerade bei Kälte habe ich sie noch über Jahre gespürt. Mit der Zeit hat sich aber auch das weitgehend zurückgebildet.

Natürlich bedeutet das nicht, dass der ursprüngliche Schaden vollständig verschwunden ist. Untersuchungen können beispielsweise am Sehnerv noch Veränderungen zeigen. Trotzdem kann der Körper erstaunlich viel kompensieren.

Neuroplastizität: Das Nervensystem kann neue Wege finden

Nele von Horsten: Gerade jüngere Menschen haben eine hohe Neuroplastizität. Das bedeutet vereinfacht gesagt, dass das Nervensystem neue Verbindungen und alternative Wege nutzen kann.

Nadja Birkenbach: Bei mir haben sich die Probleme mit den Augen ebenfalls sehr gut zurückgebildet. Mein Bein merke ich manchmal noch ein bisschen, aber insgesamt hat sich vieles verbessert.

Das „neue Normal“

Nadja Birkenbach: Trotzdem fühlt sich mein Körper nicht mehr genauso an wie früher. Ich nenne das mein „neues Normal“.

Und ich beobachte meinen Körper seit der Diagnose natürlich anders. Sobald mit meinen Augen etwas komisch ist, werde ich sofort nervös. Selbst wenn es wahrscheinlich nur eine altersbedingte Veränderung ist, kommt zuerst der Gedanke: Ist das jetzt wieder die MS?

Mit der Zeit lernt man auch damit umzugehen.

„Mir geht es gut“ heißt nicht, dass die MS pausiert

Nele von Horsten: Genau. Gleichzeitig ist wichtig zu verstehen: Nur weil gerade kein Schub da ist oder Symptome wieder verschwunden sind, heißt das nicht automatisch, dass die MS nichts mehr macht.

Krankheitsaktivität kann auch im Hintergrund stattfinden. Deshalb gehören für mich Hoffnung und Konsequenz zusammen: eine passende Therapie, ein gesunder Lebensstil und der bewusste Umgang mit der Erkrankung.

Kernbotschaft: Hoffnung und Konsequenz schließen sich nicht aus.

Du bist mehr als deine MS

Die Diagnose ist nicht deine Identität

Nele von Horsten: Gerade wenn man die Diagnose frisch bekommt, fühlt sie sich manchmal an, als würde sie plötzlich die komplette eigene Identität übernehmen.

Aber du bist nicht nur diese MS. Du hast Freunde, Familie, Interessen, einen Beruf, Wünsche, Talente und Eigenschaften, die dich ausmachen.

Ich finde es deshalb wichtig, die wesentlichen Wünsche des eigenen Lebens nicht vorschnell aufzugeben.

Träume nicht vorschnell aufgeben

Nele von Horsten: Ein gutes Beispiel ist der Kinderwunsch. Natürlich muss niemand Kinder haben wollen. Aber wenn es ein echter Lebenswunsch ist, sollte man ihn nicht allein wegen der MS aufgeben. Heute gibt es viele Möglichkeiten, Therapie, Schwangerschaft und Familienplanung individuell aufeinander abzustimmen.

Ähnlich ist es bei Reisen oder anderen Zielen. Ich wollte beispielsweise unbedingt nach Afrika, komme aber mit Hitze nicht besonders gut zurecht und musste damals meine Medikamente kühlen.

Also haben wir einen Reiseveranstalter gesucht, bei dem die Kühlung während der Reise sichergestellt werden konnte. Und ich habe eben nicht jeden Ausflug mitgemacht. Wenn andere nachmittags noch etwas besichtigt haben, sind mein Mann und ich auch einmal an den Pool gegangen.

Ziele anpassen statt streichen

Nele von Horsten: Das Ziel blieb dasselbe. Nur der Weg dorthin war ein bisschen anders.

Genau dieses Denken hilft mir bis heute: Ziele nicht sofort streichen, sondern überlegen, wie sie unter den eigenen Bedingungen erreichbar bleiben.

Das gilt für Beruf, Familie, Reisen, Sport, Ehrenamt, Selbstständigkeit und Hobbys.

Was durch die MS neu entstanden ist

Nadja Birkenbach: Bei mir hat die MS mein berufliches Leben sogar in eine Richtung gebracht, die ich vorher überhaupt nicht erwartet hätte.

Ich begleite heute andere Menschen mit MS, habe das Patenprogramm initiiert und engagiere mich als MS-Botschafterin. Natürlich hätte ich mir die Erkrankung niemals ausgesucht. Aber aus etwas, das zunächst nur negativ war, sind auch Aufgaben und Begegnungen entstanden, die heute sehr wichtig für mich sind.

Und ja, das Leben fühlt sich anders an als vorher. Es gibt dieses neue Normal. Aber anders bedeutet nicht automatisch schlechter.

Das eigene Leben bewusst gestalten

Nele von Horsten: Für mich war die Diagnose irgendwann auch ein Anlass, bewusster darüber nachzudenken, wie ich mein Leben eigentlich gestalten möchte.

Man könnte es ein bisschen salopp mit YOLO beschreiben: Wir haben dieses eine Leben. Ich möchte meine Entscheidungen deshalb nicht ausschließlich danach treffen, was die MS vielleicht irgendwann machen könnte.

Natürlich muss ich sie berücksichtigen. Aber sie soll nicht alles bestimmen.

Kernbotschaft: Richte dein Leben nicht nach der MS aus – sondern integriere die MS in dein Leben.

Die Balance finden

Informieren, ohne nur noch MS zu konsumieren

Der fünfte Themenblock ist im roten Faden ausdrücklich als Balance zwischen Information und Leben angelegt: sich informieren, aber nicht rund um die Uhr MS-Inhalte konsumieren und auch nicht das Gefühl haben, jede neue Studie lesen zu müssen.

Gerade nach der Diagnose ist der Wunsch verständlich, möglichst schnell möglichst viel über Multiple Sklerose zu erfahren. Gute Informationen können Orientierung geben, Ängste einordnen und dabei helfen, Gespräche mit dem Behandlungsteam besser vorzubereiten.

Gleichzeitig darf MS-Information auch irgendwann wieder ausgeschaltet werden.

Nicht ständig vergleichen

Ein weiterer Punkt aus unserem roten Faden ist das Vergleichen. MS verläuft sehr unterschiedlich. Deshalb hilft es nicht immer, sich permanent daran zu messen, was andere Menschen mit ihrer Erkrankung erleben, welche Symptome sie haben oder welche Therapie sie bekommen.

Der Austausch mit anderen kann unglaublich wertvoll sein. Er sollte aber unterstützen und nicht zusätzlich unter Druck setzen.

Platz für das normale Leben lassen

Neben all den Informationen, Arztterminen und Entscheidungen braucht es auch Zeiten, in denen MS keine Hauptrolle spielt: Familie, Freunde, Arbeit, Hobbys, Reisen, Sport oder einfach ein schöner Morgen.

Das passt zu einem Gedanken, der sich durch unser gesamtes Gespräch zieht: Die MS ernst nehmen, ohne ihr das gesamte Leben zu überlassen.

Kernbotschaft: Informiert bleiben – aber nicht von der MS leben lassen.

Die 5 Kernbotschaften der Folge

  1. Die Diagnose verändert dein Leben – aber sie beendet es nicht.
  2. Die MS-Forschung macht seit Jahrzehnten kontinuierlich Fortschritte. Heute gibt es deutlich mehr Wissen, Behandlungsmöglichkeiten und Unterstützung als noch vor 20 oder 30 Jahren.
  3. Es gibt heute viele wirksame Therapien und Alternativen. Wenn die erste Behandlung nicht passt, bedeutet das nicht, dass es keine passende Option gibt.
  4. Symptome können sich bessern – trotzdem solltest du die Erkrankung ernst nehmen. Dass es dir wieder gut geht, bedeutet nicht automatisch, dass vorbeugende Behandlung unnötig geworden ist.
  5. Verfolge deine persönlichen und beruflichen Ziele weiter. Vielleicht braucht es Anpassungen oder einen anderen Weg. Aber die MS muss nicht entscheiden, welche Wünsche du dir erlauben darfst.

Vielleicht ist genau das etwas, was wir unseren damaligen Ichs am Tag der Diagnose gern gesagt hätten: Du musst heute noch nicht wissen, wie dein ganzes weiteres Leben mit MS aussehen wird. Geh Schritt für Schritt. Such dir Menschen, denen du vertraust. Informiere dich aus guten Quellen. Nimm die Erkrankung ernst – und vergiss darüber nicht, dein Leben zu leben.

Bisherige MS-Kamingespräche

Mehr zu Nadja Birkenbach

Wenn Du mehr über Nadja Birkenbach erfahren möchtest, dann empfehle ich Dir die Folge zum Interview mit ihr: #205: MS-Patenprogramm in München. Interview mit der Initiatorin Nadja Birkenbach

Wenn Du Fragen, Kommentare oder Anregungen hast, schreib uns gerne, dann nehmen wir das in eins der kommenden MS-Kamingespräche auf.

Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele

Mehr Informationen und positive Gedanken erhältst Du in meinem kostenlosen Newsletter.

Hier findest Du eine Übersicht zu allen bisherigen Podcastfolgen.

* Dieser Text enthält Affiliatelinks. Das bedeutet, dass ich eine kleine Vergütung bekomme, wenn du das von mir empfohlene Produkt über den Link erwirbst. Für dich ändert sich dadurch nichts am Kaufpreis. Und mir hilft es dabei, die Kosten für den Blog zu tragen und neue Beiträge zu schreiben.

Teile diesen Beitrag

Ähnliche Beiträge

Portraitbild Nele Handwerker

Nele von Horsten

Blogger & Patient Advocate

Ich zeige Dir, wie Du das beste aus Deinem Leben mit MS machen kannst von Familie über Beruf bis Hobbys. Denn dank Wissenschaft und Forschung ist das heutzutage möglich.

Nele von Horsten

Newsletter

Willst Du die MS besser verstehen?

Dann sichere Dir 11 Impulse für einen positiven Verlauf als Geschenk und erhalte wichtige Information über die Erkrankung.

Meine Favoriten
Explore

Melde Dich jetzt für den Newsletter an und sichere dir 11 Tipps, wie Du Deinen Verlauf positiv beeinflussen kannst.

Warte noch kurz!

Melde Dich jetzt für den Newsletter an und sichere dir 11 Tipps, wie Du Deinen Verlauf positiv beeinflussen kannst.