Herzgesundheit bei MS verdient Aufmerksamkeit: Kardiologe Dr. med. Christopher Schneeweis erklärt, welche Risiken wir kennen sollten, wie Arteriosklerose entsteht und was wir selbst für unser Herz tun können. Er ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, arbeitet unter anderem mit kardiovaskulärer MRT und spricht im Podcast Herzcheck über Prävention und Herzerkrankungen. Im Interview mit Nele von Horsten geht es auch darum, was hilft, wenn MS die Bewegung erschwert.
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Einstieg
Herr Dr. Schneeweis, stellen Sie sich bitte kurz vor: Was ist Ihr Schwerpunkt als Kardiologe?
Dr. med. Christopher Schneeweis, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie: Ganz lieben Dank für die Einladung. Ich bin Kardiologe und kein MS-Spezialist. Ich befasse mich mit Erkrankungen des Herzens und des Herz-Kreislauf-Systems – und im besten Fall schon mit der Prävention, damit es möglicherweise gar nicht erst zu Herzinfarkt, Schlaganfall oder Ähnlichem kommt.
Warum lohnt es sich auch für Menschen mit MS, die eigene Herz-Kreislauf-Gesundheit im Blick zu behalten?
Dr. Christopher Schneeweis: Es lohnt sich für alle, die Herz-Kreislauf-Gesundheit im Blick zu behalten. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind eine der häufigsten Todesursachen. Bei Autoimmunerkrankungen kann das Risiko für Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall zusätzlich erhöht sein.
Arteriosklerose verstehen
Was passiert bei einer Arteriosklerose eigentlich in unseren Blutgefäßen?
Dr. Christopher Schneeweis: Im Blut schwimmen LDL-Cholesterinpartikel, die ApoB als Transportprotein tragen. Diese Partikel können in die Gefäßwand gelangen und auch wieder heraus. Bleiben sie dort hängen, versucht der Körper, sie zu beseitigen: Makrophagen, also Fresszellen, nehmen sie auf. Daraus kann sich eine entzündliche Reaktion entwickeln. Zunächst entstehen kleine Fettstreifen in der Gefäßwand, später Ablagerungen, die wir Plaques nennen. Arteriosklerose ist ein chronisch entzündlicher Prozess.
LDL beschreibt die Menge des Cholesterins; ApoB kann zusätzlich anzeigen, wie viele der entsprechenden Partikel im Blut unterwegs sind. Beide Werte helfen uns, das Risiko einzuordnen.
Welche Risikofaktoren treiben Arteriosklerose besonders stark voran?
Dr. Christopher Schneeweis: Hohes LDL-Cholesterin und ApoB sind wichtig. Dazu kommt Lipoprotein(a), ein weitgehend genetisch bestimmter Risikomarker, den man mindestens einmal im Leben bestimmen sollte. Außerdem zählen Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes, Stress und psychische Belastung. Ich frage auch nach der Familie: Gab es frühe Herzinfarkte oder Schlaganfälle, etwa bei Frauen vor dem 65. und Männern vor dem 55. Lebensjahr? Vieles lässt sich durch Laborwerte, Blutdruckmessungen und die Familiengeschichte schon gut erfassen.
Warum kann die Erkrankung viele Jahre unbemerkt bleiben?
Dr. Christopher Schneeweis: Die Ablagerungen tun zunächst nicht weh. Arteriosklerose kann früh beginnen und lange ohne Beschwerden bleiben. Plaques können wachsen und den Blutfluss behindern. Sie können aber auch instabil werden und aufreißen. Dann kann plötzlich ein akutes Ereignis wie ein Herzinfarkt entstehen, obwohl vorher keine deutliche Verengung und keine Beschwerden bestanden. Deshalb ist es so wichtig, Risikofaktoren rechtzeitig zu kennen.
MS und kardiovaskuläre Risiken
Welche Herz-Kreislauf-Risikofaktoren sollte man bei einer chronischen Erkrankung wie MS besonders ernst nehmen?
Dr. Christopher Schneeweis: Gerade wenn aufgrund einer Grunderkrankung bereits ein erhöhtes Risiko bestehen kann, sollte man die bekannten Risikofaktoren umso ernster nehmen und möglichst gut einstellen: Blutdruck, Blutfette, Blutzucker, Rauchen und Bewegungsmangel. Bei MS kann zudem das autonome Nervensystem betroffen sein, das unter anderem Puls und Blutdruck mitreguliert.
Wie problematisch ist wenig Bewegung, wenn MS-Symptome körperliche Aktivität erschweren?
Dr. Christopher Schneeweis: Bewegung kann das Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse deutlich senken. Dafür braucht es keinen Leistungssport. Als Orientierung nenne ich 150 Minuten moderate Aktivität pro Woche, soweit das individuell möglich ist, und Krafttraining. Der Muskel fragt nicht, ob der Widerstand aus dem Fitnessstudio kommt, vom eigenen Körpergewicht oder von einem Theraband. Entscheidend ist ein passender Reiz. Auch leichte Bänder oder Gewichte können funktionieren.
Welche Rolle spielen Blutdruck, Cholesterin, Rauchen, Gewicht und Diabetes für das persönliche Risiko?
Dr. Christopher Schneeweis: Hoher Blutdruck bleibt oft unbemerkt und kann langfristig großen Schaden anrichten. Cholesterinwerte, besonders LDL und gegebenenfalls ApoB, Blutzucker beziehungsweise Diabetes und Rauchen gehören ebenfalls in die Betrachtung. Beim Gewicht ist nicht allein der BMI entscheidend: Ein trainierter Mensch kann wegen seiner Muskelmasse einen höheren BMI haben. Mich interessiert besonders das Fettgewebe im Bauchraum um die Organe, das entzündliche Botenstoffe freisetzen kann. Ein Maßband und der Blick auf den Bauchumfang können dafür hilfreicher sein als eine einzelne Zahl auf der Waage.
Gibt es aus kardiologischer Sicht einen Punkt, an dem Menschen mit MS früher untersucht werden sollten?
Dr. Christopher Schneeweis: Ich bin für frühe Prävention. Eine MS-Diagnose kann ein zusätzlicher Anlass sein, die übrigen Risikofaktoren anzuschauen. Wenn ohnehin Blut abgenommen wird, kann man gemeinsam besprechen, welche Werte für das Herz-Kreislauf-Risiko sinnvoll sind. Je früher wir die individuelle Ausgangslage kennen, desto eher können wir handeln.
Erkennen statt warten
Welche Untersuchungen reichen meist aus, um das persönliche Herz-Kreislauf-Risiko einzuschätzen?
Dr. Christopher Schneeweis: Zunächst können wir viel mit der Familienanamnese, wiederholten Blutdruckmessungen und Laborwerten einschätzen: etwa LDL-Cholesterin, Blutzucker oder Langzeitzucker und, je nach Situation, ApoB und Lipoprotein(a). Wenn LDL und ApoB gut zusammenpassen, muss ApoB nicht zwingend bei jeder Kontrolle erneut bestimmt werden. Ein Ultraschall der Gefäße kann Ablagerungen sichtbar machen; die Untersuchung tut nicht weh und ist in erfahrenen Händen rasch durchgeführt. Welche Untersuchungen im Einzelfall sinnvoll sind, sollte man gemeinsam entscheiden.
Wann braucht man weiterführende Bildgebung – und wann ist eine Herz-MRT sinnvoll?
Dr. Christopher Schneeweis: Eine Herz-MRT kann sinnvoll sein, wenn wir eine Durchblutungsstörung des Herzens, eine Herzmuskel- oder Herzbeutelentzündung oder eine Erkrankung des Herzmuskels vermuten. Wir können damit in einer Untersuchung mehrere Fragen beantworten: Wie wird das Herz durchblutet? Gibt es Entzündung oder narbige Veränderungen? Das ist keine Untersuchung, die jede Person vorsorglich braucht, sondern eine gezielte Entscheidung bei einem entsprechenden Verdacht.
Was kann eine Herz-MRT zeigen, das Ultraschall oder andere Untersuchungen nicht zeigen?
Dr. Christopher Schneeweis: Im Herzultraschall sehe ich zum Beispiel die Pumpfunktion, die Herzklappen und ob der Herzmuskel verdickt oder das Herz vergrößert ist. Narben und manche entzündlichen Veränderungen kann ich damit nicht so beurteilen wie mit einer Herz-MRT. Auch bei Verdacht auf Herzmuskelentzündung kann der Ultraschall zunächst ein grobes Bild der Pumpfunktion geben, während für die genauere Abklärung eine MRT nötig sein kann.
Vorbeugen und behandeln
Wie viel lässt sich durch Bewegung, Ernährung und Rauchstopp tatsächlich am Risiko verändern?
Dr. Christopher Schneeweis: Ein Rauchstopp lohnt sich immer. Auch Bewegung, eine passende Ernährung, Gewichtsregulation und die Behandlung von Bluthochdruck können viel bewirken. Das individuelle Risiko werden wir nie auf null bringen, aber wir können es senken. Bei der Ernährung sprechen die Daten besonders für eine mediterran geprägte Kost: überwiegend pflanzliche Lebensmittel, viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Ballaststoffe, Nüsse und ungesättigte Fette wie Olivenöl. Die sogenannte Portfolio-Ernährung setzt ebenfalls stark auf pflanzliche Eiweißquellen und kann LDL-Cholesterin beeinflussen.
Können sich Gefäßveränderungen durch eine gute Behandlung auch wieder stabilisieren oder zurückbilden?
Dr. Christopher Schneeweis: Nach einem Herzinfarkt können wir durch konsequente Behandlung der Risikofaktoren weitere Ereignisse verhindern. Dazu gehören Medikamente, aber ebenso Bewegung und Ernährung. Untersuchungen der Herzkranzgefäße zeigen, dass Ablagerungen unter sehr starker Senkung des Cholesterins teilweise etwas zurückgehen können. Das ist ein Grund, die Risikofaktoren ernst zu nehmen. Wie intensiv eine Behandlung sein sollte, besprechen wir individuell.
Ab wann reichen Lebensstiländerungen nicht mehr aus und Medikamente werden wichtig?
Dr. Christopher Schneeweis: Das lässt sich nicht pauschal an einem einzigen Wert festmachen. Alter, Lebensumstände, vorhandene Ablagerungen, das Risiko ohne Behandlung und mögliche Nebenwirkungen spielen zusammen. Wenn bereits Ablagerungen sichtbar sind, halte ich eine medikamentöse Therapie häufig für sinnvoll. Zu hoher Blutdruck muss behandelt werden; manchmal braucht es Medikamente, während eine Änderung von Ernährung, Aktivität oder Gewicht noch Zeit braucht. In anderen Situationen kann man zunächst den Lebensstil verändern und die Werte nach einigen Wochen oder Monaten erneut ansehen. Das Wichtigste ist, dass die Veränderungen auf Dauer passen – man muss nicht alles zu 100 Prozent perfekt machen.
Was würden Sie Menschen raten, die wegen ihrer MS nur eingeschränkt Sport treiben können?
Dr. Christopher Schneeweis: Optimieren Sie zunächst das, was möglich ist: Ernährung, Blutdruck, Blutzucker, Gewicht und Rauchverzicht. Und versuchen Sie, eine Form von Aktivität zu finden, die zu Ihren Möglichkeiten passt. Ich kann nicht selbst nachvollziehen, wie es ist, in der Bewegung eingeschränkt zu sein. Es gibt aber auch Angebote und Hilfsmittel für Aktivität mit dem Oberkörper, etwa ein Handrad. Hier kann eine individuelle Beratung helfen.
Akute Warnzeichen und Abschluss
Bei welchen Symptomen sollte man an Herzinfarkt oder Gefäßverschluss denken und sofort handeln?
Dr. Christopher Schneeweis: Druck oder Enge auf der Brust, Luftnot und Schmerzen, die in Arme oder Hals ausstrahlen, sind deutliche Warnzeichen. Gerade bei Frauen können auch Schmerzen zwischen den Schulterblättern, Beschwerden im Hals, Übelkeit oder Schmerzen im Oberbauch auftreten. Bei solchen akuten Beschwerden muss man sofort handeln und die Ursache abklären lassen – nicht erst am nächsten Tag.
Redaktioneller Notfallhinweis: Bei Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall in Deutschland sofort 112 wählen. Warnzeichen eines Herzinfarkts erklärt die Deutsche Herzstiftung.
Welche Entwicklung im Bereich der Herz-Kreislauf-Prävention wünschen Sie sich in den kommenden 5 Jahren?
Dr. Christopher Schneeweis: Ich wünsche mir, dass Prävention im Gesundheitssystem einen größeren Stellenwert bekommt. Wir brauchen Zeit, um über Schlaf, Stress, Ernährung, Bewegung, Blutdruck und individuelle Entscheidungen zu sprechen. Dazu gehört auch die Frage: Welches Risiko habe ich, wenn ich eine Behandlung nicht nehme, und welche möglichen Nebenwirkungen gibt es? Unsere Akutmedizin funktioniert gut. Ich wünsche mir, dass wir schon vorher besser für Menschen da sein können.
Was möchten Sie Menschen mit MS zum Thema Herzgesundheit noch mitgeben?
Dr. Christopher Schneeweis: Wenn jemand MS hat, sollten wir daran denken, auch die Herz-Kreislauf-Risikofaktoren zu prüfen. Blutdruck kann ich selbst messen, und ich kann mich mit meinen Laborwerten und meiner Familiengeschichte beschäftigen. Das erleichtert ein gutes Arztgespräch. Digitale Hilfen können beim Verstehen unterstützen, aber allgemeine Risikorechner erfassen nicht jede persönliche Besonderheit, etwa eine ausgeprägte familiäre Belastung. Deshalb sollten die Ergebnisse immer auch mit jemandem besprochen werden, der in diesem Bereich Erfahrung hat.
Nele von Horsten: Vielen Dank für das Gespräch. Ich habe einiges dazugelernt.
Dr. Christopher Schneeweis: Ich danke Ihnen auch.
Mehr zu Dr. Schneeweis: Praxis Herz-MRT Rheinland und sein Podcast Herzcheck.
Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele
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