Blasen- und Darmstörungen bei MS – Hol Dir Deine Lebensqualität zurück | Podcast #118

Cover zu Blasen- und Darmstörungen bei MS | Podcast #118, Photo by Tetiana SHYSHKINA on Unsplash

In Folge #118 geht es um Blasen- und Darmstörungen verursacht durch die Multiple Sklerose. Rund zwei Drittel aller Menschen mit MS haben mindestens Episoden mit einer gestörten Blasen- und Darmfunktion. Auslöser sind Entzündungen, die die Reizweiterleitung vom Gehirn über das Rückenmark zu Blase und Darm behindern.

Leider ist es ein klassisches Tabuthema, dabei betrifft es längst nicht nur MS-Patienten. Frauen nach der Entbindung, aber auch viele Männer haben solche Probleme. Es spricht nur fast niemand darüber.

Denn dank einer Vielzahl an Hilfsangeboten brauchst Du Dich nicht einzuschränken.

Wann treten Blasen- und Darmstörungen bei Multipler Sklerose auf?

Probleme mit der Blase gehören wie Sehstörungen zu den ersten Symptomen bei Multipler Sklerose. In wenigen Fällen sind sie alleiniges Erstsymptom. Bei ungefähr zehn Prozent aller MS-Betroffenen ist die Blasenstörung ein wesentlicher Teil der Symptome, die zur Diagnose führen.

Bisher galt, dass nach einem Jahrzehnt Erkrankungsdauer rund zwei Drittel unter Blasenfunktionsstörungen leiden und sich davon in ihrem Alltag einschränken lassen.

Von Darmfunktionsstörungen sind geschätzt 40-70 Prozent aller Menschen mit MS im Laufe der Erkrankung betroffen. Die Zahlen sind hier ungenauer, weil das Thema mit großer Scham besetzt ist.

Bei beiden Störungen gilt, je eher das Problem angesprochen wird, umso eher kann es behandelt und kleingehalten werden.

Welche Arten von Blasen- und Darmstörungen gibt es bei MS?

Bei der Blase kommt es mit abnehmender Häufigkeit zu einer überaktiven Blase, einem geringen Harndrang oder einer inaktiven Blase.

Die überaktive Blase kann den Urin nur schlecht halten, da der Blasenmuskel krampft. Die Folge sind häufige Toilettenbesuche bis hin zum Einnässen. Dieses Symptom tritt am meisten auf.

Wenn der Harndrang nur gering ist, funktioniert die Entleerung der Blase nicht richtig. Der Urinstrahl beginnt langsam und stoppt vorzeitig. Die weiterhin recht volle Blase kann zu einer Beckenbodenspastik führen.

Eine inaktive Blase tritt am seltensten auf. Hier fehlt der Harndrang gänzlich, da der Blasenmuskel schlaff ist und nicht mehr funktioniert. Viel zu selten wird die Toilette aufgesucht. Die Blase ist übervoll und bei Husten, Niesen, Lachen oder anderweitigem Druck läuft die Blase über.

Im Rahmen der Darmstörungen steht die Verstopfung ganz klar an erster Stelle.

Deutlich seltener kommt es zu einem unkontrollierten Stuhlverlust, einer Darminkontinenz. Prinzipiell ist es auch möglich beide Probleme im Wechsel zu haben. Das ist aber eher der Fall, wenn die Symptome lange nicht behandelt wurden und über die Zeit schlimmer geworden sind. Daher bitte immer zügig beim Neurologen ansprechen. Oftmals funktioniert der Transport nicht mehr gut, in deutlich weniger Fällen ist ein spastischer Schließmuskel für die Probleme verantwortlich.

Was kannst Du selbst bei Funktionsstörungen von Blase und Darm tun?

Du kannst mit Deinem Verhalten viel dazu beitragen, Blase und Darm in ihrer Tätigkeit zu unterstützen. Alle folgenden Tipps beziehen sich nur auf die MS. Solltest Du weitere Erkrankungen haben, wie Herz-Kreislauf, Stoffwechsel, oder andere, bitte zunächst mit Deinem Arzt abklären.

Ernährung

  • Trink ausreichend Wasser oder Tee, am besten ungesüßt und nicht zu stark, damit Dein Körper wirklich viel Flüssigkeit davon erhält. Kaffee oder andere intensive koffeinhaltige Getränke bitte nur in Maßen genießen. Ich gieße meinen grünen Tee immer sehr oft auf und lasse ihn nur kurz ziehen. So habe ich einen angenehmen Geschmack, aber wenig Teein. Früh und nachmittags gibt es jeweils einen Espresso bei mir. Das hilft mir gegen die Müdigkeit und liegt völlig im Rahmen.
  • Reduziere möglichst Deinen Alkoholgenuss. Alkohol betäubt eher die Sinne und auch den Körper und ist bei MS besser nur selten und in geringen Mengen zu genießen.
  • Iss möglichst ballaststoffreich und ausgewogen. Also viel Gemüse, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und Obst. Fermentierte Speisen sind ebenfalls gut für eine gesunde Darmflora und einen aktiven Darm. Dazu gehören Joghurt, Buttermilch, Essig für den frischen Salat oder Sauerkraut. Fleisch und Wurst nur in geringen Mengen. Eher salzarm, und Fett nur in Maßen. Generell tut Abwechslung auf dem Teller gut. Dann erhältst Du alle Inhaltsstoffe, die Dein Körper braucht.
  • Falls Du Probleme mit Restharn hast, sind Cranberrysaft oder Preiselbeersaft gut, um das Bakterienwachstum in Deiner Blase zu hemmen.

Hör gern in die bereits vorhandenen Folgen zum Thema rein:

  1. #038 – Gesunde Ernährung bei Multipler Sklerose
  2. #091 – Interview mit Dr. Petra Goergens zu gesunder Ernährung bei MS
  3. #094 – Details zur gesunden Ernährung bei MS von Dr. Goergens

Verhalten

  • Unterdrücke Deinen Harndrang nicht, indem Du die Beine übereinanderschlägst. Was in seltenen Fällen vielleicht mal nötig ist, kann auf Dauer eine bestehende Spastik weiter verstärken. Gehe lieber vorbeugend oder in regelmäßigen Abständen auf Toilette. Versuche, das richtige Maß zu finden, indem Du Deine Blase nicht auf immer geringere Füllmengen trainierst, aber auch nicht verkrampfst.
  • Tägliche Beckenbodenübungen helfen Deinen Muskeln wieder stark zu werden und der Symptomatik entgegenzuwirken. Es gibt jede Menge davon. Yoga hält viel bereit, spezielle Beckenbodenkurse, Aquagymnastik, einfaches Anspannen und Entspannen. Für Frauen gibt es gerade nach der Geburt gezielte Beckenbodenübungen, aber auch für Männer. Treppensteigen trainiert den Beckenboden und eine besonders charmante Art ist übrigens Sex. Also nicht als Mittel zum Zweck, aber eben als netter Effekt nebenbei. Joggen hingegen oder andere Übungen, bei denen viel auf und ab gehüpft wird, wie Trampolin springen, sind kontraproduktiv bei einem geschwächten Beckenboden.
  • Bewege Dich regelmäßig und versuche eine gute Mischung aus Dehnung, Kraft und Ausdauer in Dein Sportprogramm einzubauen. Das hilft Dir vor allem bei Darmproblemen, ist aber für Dein generelles körperliches Wohlbefinden und eventuelle andere Symptome ebenfalls sehr gut.
  • Wenn Du Dir nicht sicher bist, ob Du zu viel Restharn in der Blase hast, kannst Du Deine Trinkmenge und den Urinabgang auch in einem Tagebuch festhalten. Das bedeutet natürlich, dass Du messen musst, wie viel du gepullert hast mit einer Art Messbecher. Oder Du wendest Dich an Fachpersonal, die mittels Ultraschall oder anderer Verfahren ebenfalls dazu Auskunft geben können.
  • Bei stärkeren Problemen mit Verstopfung kann eine Dickdarmmassage, auch Kolonmassage genannt, sehr angenehm sein. Wenn Du sie nur selten benötigst, kann sie ein Physiotherapeut durchführen. Bei einem regelmäßigen Problem solltest Du sie Dir erklären lassen, damit Du Dir selber etwas Gutes tun kannst.

Psyche

  • Vielleicht musst Du öfter aufs Klo, wenn Du emotional angespannt bist. Dann kann es hilfreich sein, eine Gesprächstherapie zu nutzen, ob als eins zu eins Psychotherapie oder in größeren Gesprächsrunden musst Du für Dich herausfinden.

Medikamentencheck

  • Es kann sein, dass Antispastika oder andere Medikamente Deine Darmstörungen intensivieren. Frag am besten Deinen Neurologen danach und wägt gemeinsam ab, wie sich die Vorteile zu den Nebenwirkungen verhalten, bevor ihr etwas anpasst. Schließlich kann es bei der MS gut sein, dass Du mit mehreren Symptomen zu kämpfen hast.

Generell gilt, dass Du die geschädigten Nerven mit den genannten Maßnahmen zwar nicht reparieren kannst, aber Deinem Körper dabei hilfst, alle anderen Einflussfaktoren auf Blase und Darm zu optimieren. Dadurch verringert sich ganz gewiss das Problem.

Welche Hilfsmittel und Medikamente gibt es gegen Blasen- und Darmstörungen?

Medikamente

Es gibt Medikamente, die das spastische Zusammenziehen der Blase abmildern, andere wirken sich entspannend auf den Schließmuskel aus.

Wenn Du nachts nicht mehr durchschlafen kannst, ist es möglich, die Urinproduktion zeitweise zu verringern oder aber den Muskel, der für den Blasendrang verantwortlich ist, den Austreibermuskel, gezielt abzuschwächen.

Falls die Blasenprobleme bei Dir zu einem akuten Harnwegsinfekt führt, helfen Antibiotika.

Für den Darm werden wasserspeichernde Abführmittel genutzt. Mittels Osmose ziehen sie Wasser in den Dickdarm zurück, damit Dein Stuhlgang nicht hart wird, sondern schön weich bleibt und dadurch einfacher ausgeschieden werden kann. Außerdem regt eine größere Stuhlmenge, durch das mehr an Wasser, die Darmtätigkeit besser an.

Darüber hinaus gibt es Medikamente, die den Transport anregen.
Falls der äußere Schließmuskel massiv von einer Spastik betroffen ist und Schmerzen verursacht, kann eine Injektion für Abhilfe sorgen.

Und falls das entgegengesetzte Problem auftritt, also ungewollter Stuhlabgang kannst Du medizinische Kohletabletten nutzen. Sie binden den Darminhalt.

Hilfsmittel

Auffanghilfen und Stopper
Es gibt ein großes Portfolio an Hilfsmitteln, die Dir dabei helfen möglichst entspannt am normalen Leben teilzunehmen ohne Rücksicht auf Deine MS-Symptome nehmen zu müssen.

Dazu zählen Inkontinenzhilfen, die Urin und Kot auffangen. Für Frauen sind es spezielle Einlagen und Tampons und für Männer eine Art Kondom.

Beim Darm ist es für beide Geschlechter eine Art Tampon. Selbst Schwimmen ist damit weiter möglich.

Und Schwimmen oder Aquasport zählt zu den Sportarten, die bei MS besonders gut sind. Umso schöner, dass Hilfsmittel Dir dabei helfen können, dem Wassersport weiter nachgehen zu können.

Gezielte Entleerung von Blase und Darm
Falls Du Probleme mit dem Entleeren Deiner Blase hast, kannst Du lernen, Dich selbst zu katheterisieren. Dafür brauchst Du allerdings eine gute Feinmotorik, um Dich nicht versehentlich zu verletzen.

Eine Stufe weiter gibt es die Dauerharnableitung oder einen Blasenschrittmacher.

Für die Darmentleerung gibt es Klistiere und andere Hilfsmittel, die kontrolliert den Darm spülen, um ihn anschließend zu entleeren. Bitte unternimm hier keine Selbstversuche, sondern lass Dir die Technik und Gerätschaften von einer Fachkraft erklären. Das Wasser darf nicht zu weit in den Darm zurückfließen, das wäre gefährlich.

Was kannst Du in akuten Phasen tun?

Sprich Deinen Neurologen an. Dir kann mit Sicherheit geholfen werden. Und je besser Dein Neurologe von allen Symptomen weiß, desto gezielter kann er Dir helfen und abwägen in der Behandlung, wenn Du mehr als ein MS-Symptom hast.

Und wenn Blasen- und Darmstörungen dauerhaft bleiben?

Gibt es viele Experten, die Dir zur Seite stehen können.

Ernährungsberater, Physiotherapeuten, medizinische Fachkräfte für Inkontinenz. Du bist nicht allein. Das Problem haben viele.

Aber Du findest nur Linderung, wenn Du Dich traust, darüber zu sprechen. Je offener Du die Sachlage schilderst und wo Du durch die Blasen- oder Darmstörung überall eingeschränkt bist, desto besser können all diese Situationen abgeschafft werden. Für ein erfülltes und schönes Leben mit MS.

Du solltest außerdem den Euro-WC-Schlüssel beim CBF Darmstadt beantragen, wenn Du Dich innerhalb Deutschlands oder Europas bewegst. Er verschafft Dir Zugang zu über 12.000 öffentliche Behinderten-WCs an. Das kann eine enorme Erleichterung beim Reisen sein. Denn oft sind die Schlangen fürs WC an Bahnhöfen oder in Innenstädten lang. Du benötigst dafür nur eine Bestätigung von Deinem Neurologen, dass Du eine Inkontinenz hast.

Auf den Seiten von Amsel e.V. findest Du eine gute Übersicht zur symptomatischen Behandlung von:

Zum neurogenen Darm gibt es bereits eine Podcastfolge:

Was ist die beste Prävention gegen Blasen- und Darmstörungen?

Das Du ein gesundes Leben führst mit ausreichend Bewegung, Deinen Beckenboden trainierst, ausgewogener Ernährung, ausreichend Trinken und wenig Genussmitteln. Und natürlich gehört eine funktionierende Basistherapie dazu, die Dich vor weiteren Läsionen und Schüben bewahrt und die Multiple Sklerose möglichst komplett stoppt oder mindestens stark verlangsamt.

Denkanstoß

Sprich mit Deinem Neurologen über Deine Blasen- oder Darmstörung, egal ob sie akut auftritt oder Du sie schon länger hast und Dich bisher nicht getraut hast darüber zu reden.

Hilfe ist in vielfältiger Weise möglich. Du musst nur das Problem ansprechen und um Unterstützung bitten. Dein behandelnder Arzt kann Dich beraten und ihr könnt gemeinsam eine Strategie ausarbeiten, wie ihr dem Problem begegnen wollt. So viel wie nötig und so wenig wie möglich ist sicherlich ein guter Weg. Denn wenn Du zunächst mit eigenen Maßnahmen gegensteuern kannst, bleiben Dir weitere Optionen offen, wenn sich das Symptom verstärkt.

Aber bitte nicht zu lange warten, dass verschärft die Blasen- und/oder Darmfunktionsstörung womöglich. Und falls es akut ist, kann ein beherztes Eingreifen ebenfalls die beste Wahl sein.

Frage an Dich

Leidest Du unter Störungen von Blase oder Darm?

Bestmögliche Gesundheit wünscht Dir,

Nele

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Hier findest Du eine Übersicht aller Podcastfolgen.

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Nele Handwerker

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