#160: Interview mit Dr. Michael Lang zur digitalen Arzt-Patienten-Beziehung

Foto von Ulm von oben

Heute begrüße ich Dr. Michael Lang im Podcast und spreche mit ihm über eine Arzt-Patienten-Beziehung, die auf Augenhöhe stattfinden sollte und wie das gelingen kann. 

Mit den heutigen technischen Möglichkeiten und Chancen die Behandlung von Patienten zu verbessern, kann die persönliche Arzt-Patienten-Beziehung um eine digitale Komponente erweitert werden. Stichwort ist hier das Erfassen von vergleichbaren, strukturierten Daten, die eben deutlich aussagekräftiger sind, als die eigene Erinnerung, die ja auch immer emotional gefärbt ist.

Denn ein Arzt, der beispielsweise eine schleichende Verschlechterung seines Patienten mittels App-Tracking sieht, kann entsprechend die Behandlung anpassen und schnell darauf reagieren.

Dr. Michael Lang ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Gutachter bei Begumed Ulm, Geschäftsführer bei NeuroPoint Ulm GmbH und Head of Medical Affairs bei der NeuroSys GmbH.

An Ruhestand ist also nicht zu denken und dank seines Engagements und seiner jahrzehntelangen Erfahrung, treibt er weiterhin Innovationen im Gesundheitswesen voran.

Inhaltsverzeichnis

Vorstellung

Mein Name ist Michael Lang. Ich bin 65 Jahre alt und seit 40 Jahren Arzt der Nervenheilkunde. Davon habe ich 30 Jahre in eigener Praxis gearbeitet.

Seit 2000 habe ich die NeuroPoint Patientenakademie aufgebaut und mich in den vergangenen Jahren zunehmend für die digitale Arzt-Patienten-Kommunikation engagiert, mit dem Ziel, einerseits die ärztliche Sprechstunde effektiver zu gestalten, andererseits die Patientenautonomie zu stärken.

Privat bin ich stolzer Opa von aktuell 7 Enkeln.

Persönliche Motivation für Beruf

Ich wollte etwas wissenschaftliches Studieren und da war die Medizin ideal geeignet. Stets voller Neugier bleiben und eine sinnvolle Aufgabe haben, hat mir mein ganzes Arbeitsleben lang Spaß gemacht. Die Selbständigkeit war außerdem ein Zugpferd für mich.

Portraitfoto von Dr. Michael Lang, der in die Kamera lächelt

Digitale Arzt-Patienten-Beziehung

Wie sollte ihrer Meinung nach eine Arzt-Patienten-Beziehung in 2022 funktionieren?

Nutzung der modernen digitalen Möglichkeiten

Die PROMs (patient related outcomes = Patientenbezogene Daten) strukturiert erheben und im Verlauf beobachten. So können Patienten und ihre behandelnden Ärzte gerade bei chronischen Krankheiten eine schleichende Verschlimmerung erkennen.

Die Verfügbarkeit solcher Daten in der Sprechstunde helfen, diese effektiver zu machen – der Arzt verbraucht nicht Zeit für die allgemeine Anamnese, sondern kann gezielt nachfragen und dann gemeinsam mit dem Patienten medizinische Entscheidungen schneller und effektiver treffen.

Ein typisches Beispiel ist der Migränekalender, aber auch  die sensorbasierten Messungen zum Verlauf der MS.

Der Informierte Patient

Bei chronischen Erkrankungen sollte durch den Arzt über die Sprechstunde hinaus ein Informationsangebot zur Verfügung gestellt werden. Wir machen das mit der www.NeuroPoint.de und er dort angebotenen Patientenakademie.

Der Patient, der versteht, der um seine Erkrankung rundum Bescheid weiß, der sich nicht mehr ausgeliefert fühlt, der ein Kontrollgefühl über seine Krankheit hat, ist letztlich seiner Therapie treu und dadurch ein erfolgreicher Patient.

Was kann ein Patient von seinem Arzt erwarten und einfordern?

Fordern geht eher nicht; Vertrauen ist gut – aber nur so lange, als es kein blindes Vertrauen ist.

Ein informierter Patient kann die ihm zustehende Therapie einfordern und muss ggf. de Arzt wechseln, wenn er zu Erkenntnis kommt, dass sich sein Arzt nicht ausreichend engagiert.

Die Einführung von Pauschale und Budget in unserem Gesundheitssystem hat meines Erachtens nach dazu geführt, dass mehr Krankheit verwaltet, als engagiert behandelt wird.

Warum ist diese neue Art der partnerschaftlichen Arzt-Patienten-Beziehung auch für Ärzte von Vorteil?

Alle Welt redet von partnerschaftlicher Arzt-Patienten-Beziehung – das ist grundsätzlich richtig – aber eine solche Partnerschaft kann nur entstehen, wenn die Patienten auch selbst über Ihre Erkrankung Bescheid wissen. Sie müssen informiert sein (und auch willens, sich zu informieren und selbst Eigeninitiative zu entwickeln).

Was ist das besondere an einer Arzt-Patienten-Beziehung bei einer chronischen Erkrankung wie der Multiplen Sklerose?

Zur Notwendigkeit, über die eigene Erkrankung wirklich fundiert Bescheid zu wissen, habe ich schon gesprochen:

  1. Es geht darum, dass Therapiefenster im frühen Stadium der MS bestmöglich zu nutzen. Patienten, die das verstanden haben, werden aktiv dazu beitragen, so gesund wie möglich zu bleiben und einen gewissen Aufwand und Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen.
  2. Außerdem spielen psychosoziale Aspekte einer chronischen Erkrankung, Schwangerschaft, Versicherung, Sport und Freizeit eine wichtige Rolle und auch darüber sollten Patienten bescheid wissen.

 

Besonders wichtig ist nicht nur der Arzt, sondern das gesamte Behandlungszentrum:

  1. Je besser sich der Patient aufgehoben fühlt, seine Krankheit versteht, offene Fragen beantwortet werden und er Unterstützung beim Umgang mit der MS hat, desto höher wird seine Therapietreue. Wir haben zwei Jahre unsere Daten ausgewertet und exzellente Zahlen ermitteln können. Den kompletten Artikel dazu gibt es in der Zeitschrift Nervenheilkunde, Ausgabe August 2022.
  2. Ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass die Bedeutung von MS-Schwester und Patientenakademie wichtiger sein kann als die Sprechstunde.

 

In meiner Sprechstunde hatte jeder meiner MS Patienten meine Handynummer, um sich im Falle eines Schubes jederzeit auch an mich persönlich wenden zu können. Das hat nie jemand ausgenutzt. Und wenn ich einen Anruf in meiner Freizeit bekam, konnte ich dem Patienten helfen und mich hat es nur wenig Zeit gekostet, die ich gern aufgewendet habe.

Wie können digitale Möglichkeiten dabei helfen, eine bessere Arzt-Patienten-Beziehung zu führen?

Das habe ich eigentlich schon ausgeführt – dadurch, dass der Arzt zum Zeitpunkt der Sprechstunde einen strukturierten Datensatz verfügbar hat, der den klinischen Verlauf charakterisiert, kann die Sprechstunde effektiver gestaltet werden.

Emendia MS App

Wie profitieren MS-Patienten, die die Emendia MS App regelmäßig nutzen?

  1. Auf der einen Seite durch die Visualisierung des Verlaufs der eigenen Erkrankung und
  2. auf der anderen Seite dadurch, dass die gemeinsam mit dem Arzt zu treffenden Entscheidungen auf validen Daten beruhen. So können Ärzte besser feststellen, wenn die MS vom schubförmigen in den chronisch progredienten Verlauf wechselt, was in der Regel einer veränderten Behandlung bedarf.
  3. Zuletzt sollen die betroffenen Patienten durch die Wissensvermittlung zum Thema MS (Ernährung, Sport, Leben mit MS, …) profitieren.

Wie unterstützt die Emendia MS App Neurologen dabei ihre Patienten individueller und effektiver zu betreuen?

Neurologen erhalten strukturierte Daten und objektive Messwerte. Diese helfen ihnen dabei rechtzeitig die adäquate Therapieentscheidung zu treffen. Man kann dadurch gut Veränderungen in der Kognition, der Feinmotorik und den oberen Extremitäten messen.

Wissensakademie NeuroPoint

Warum ist es wichtig als MS-Patient gut informiert zu sein?

Der Informierte Patient hat Kontrollgefühl über seine Krankheit, fühlt sich weniger ausgeliefert, hat mehr Verständnis hinsichtlich der therapeutischen Notwendigkeiten und ist dann auch therapietreuer. Das bedeutet zusammengefasst, nur so wird der Patient zu einem erfolgreichen Patienten, der souverän mit seiner Erkrankung umgehen kann und das bestmöglich für sich und seine Gesundheit herausholen kann.

Was ist das Konzept der Wissensakademie NeuroPoint?

Bei der NeuroPoint steht die Patienteninformation an erster Stelle. Daneben gibt es auch Fortbildungsangebote für unsere kooperierenden Hausärzte.

Außerdem ist die NeuroPoint ein Studienzentrum in dem wir eigene Forschungsprojekte realisieren und an überregionalen Projekten teilnehmen.

Welche Art von der Weiterbildung finden MS-Patienten bei NeuroPoint?

Zu allen Themen rund um die MS …. Sport, Freizeit, Leben mit MS, Schwangerschaft und Kinderwunsch, Ernährung, …. Therapeutische Prinzipien, neue Therapien.

Zu welchem Vorgehen raten sie einem MS-Patienten, der noch nicht viel über seine Krankheit, die Behandlungsmöglichkeiten und eigenen Einflussmöglichkeiten weiß?

Gehen sie auf www.neuropoint.de und nutzen sie das vielfältige Online-Seminarangebot.

Zukunft

Welchen Durchbruch in der Forschung und Behandlung zur MS wünschen Sie sich in den kommenden 5 Jahren?

  1. Das ist primär progrediente MS (PPMS) rechtzeitig erkannt wird. 
  2. Das wir es schaffen, alle Formen der MS früher und konsequenter zu behandeln und das „Therapeutisches Fenster“ nutzen.
  3. Das wir existierende Strukturen nutzen, um moderne Infusionstherapien allen Patienten zugänglich zu machen. Dafür braucht es eine gute Vernetzung und optimierte Nutzung. Denn nur wenige niedergelassene Ärzte können Infusionen anbieten, was aber nicht dazu führen darf, dass Patienten auf die modernen und effektiven Therapiemöglichkeiten verzichten müssen. Unter www.IVP-Ulm.de finden Sie bereits eine Übersicht und das Angebot soll deutschlandweit weiter wachsen.

Blitzlicht-Runde

Wie lautet Ihr aktuelles Lebensmotto?

  1. Wer rastet, der rostet – ich will auch mit 65 aktiv bleiben und gestalten.
  2. Nichts ist so stark, wie eine Idee, für die die Zeit gekommen ist – ich will mit meiner Erfahrung in den nächsten 10 Jahren die Digitalisierung in der Medizin vorantreiben.

Vervollständigen Sie den Satz: „Für mich ist die Multiple Sklerose...

… auch zukünftig eine Herausforderung – sie betrifft junge Menschen, denen man helfen muss, ein weitgehend normales Leben zu führen.“

Welche Internet-Seite können Sie zum Thema MS empfehlen?

Mit welcher Person würden Sie gern einmal ein Kamingespräch führen und zu welchem Thema?

Aus dem Bauch heraus … mit Frau Baerbock. Mich begeistert aktuell ihr kompromissloses Auftreten (auch wenn ich ein sehr wertkonservativer Mensch bin, der eher kein Wähler der Grünen ist).

Sprechen würde ich mit ihr über die Verantwortung, die wir Deutschen in Europa übernehmen können.

Welches Buch oder Hörbuch, das Sie kürzlich gelesen haben, können Sie uns empfehlen und worum geht es darin?

Viktor Frankel: Das Leiden am sinnlosen Leben: Psychotherapie für heute. – Es geht darum, wie man es schafft Glück zu empfinden, nämlich in der Erfüllung eines Lebenssinns.

Verabschiedung

Möchten Sie den Hörerinnen und Hörern noch etwas mit auf dem Weg geben?

Seien Sie aktiv in der Bewältigung ihrer Erkrankung; Patienten werden nicht gesund gemacht, wenn sie nicht selbst aktiv werden.

Wo findet man sie und ihre Angebote im Internet?

Vielen Dank an Dr. Michael Lang für das interessante Gespräch und die motivierenden Worte selbst aktiv zu werden, um das bestmögliche Leben mit MS zu führen. Stetig kommen neue Möglichkeiten dazu. Es liegt an Dir sie zu nutzen.

Bis bald und mach das beste aus Deinem Leben,
Nele

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