#152: Interview mit PD Dr. phil. Peter Bublak zu innovativen Marker für kognitive Störungen bei MS

Im Hintergrund ist ein Foto eines Saxophons zu sehen. Livemusik erleben ist eine Form von Teilhabe, die kognitive Fähigkeiten fördert, aber auch zu einem Teil erfordert

In Folge 152 begrüße ich Privatdozent Dr. phil Peter Bublak als Interviewgast. Er ist Neuropsychologe Universitätsklinikum Jena und wir sprechen über seine Studie „Innovative Marker für kognitive Störungen bei MS“.

Da kognitive Defizite häufig zu einem verfrühten Ausscheiden aus dem Arbeitsleben und einer eingeschränkten Teilhabe am sozialen Leben führen, gilt es diese rechtzeitig zu erkennen und Gegenzusteuern.

Bisher war es schweirig alle Aktivitäten der Multiplen Sklerose im zentralen Nervensystem genau zu erfassen. Mit dem neuen visuellen Test kommt ein weiterer Biomarker hinzu, der zu einem besseren Gesamtbild führt und einen genaueren Ist-Zustand ermöglicht.

Das hilft dabei zu sehen, wo ein Patient am Anfang mit seiner MS steht und auch wie gut die Therapie anschlägt.

Inhaltsverzeichnis

Vorstellung

Ich komme ursprünglich aus München, arbeite aber seit Ende 2005 an der Uniklinik in Jena. Ich bin 57 Jahre alt, habe 2 Kinder. In meiner Freizeit bin ich gerne mit meiner Familie in der Natur unterwegs, zu Fuß oder mit dem Fahrrad, und höre gerne Jazz-Musik.

Motivation für den Beruf

Interesse für den Menschen und seine geistigen Fähigkeiten und die Neugier für das Organ, das „dahinter steckt“. Auch die vielen verschiedenen Facetten der Neuropsychologie und ihren interdisziplinären Charakter finde ich reizvoll

Innovative Marker für kognitive Störungen

Welchen Einfluss haben kognitive Störungen bei MS auf das berufliche und private Leben?

Kognitive Einschränkungen sind bei MS-Patienten/-innen einer der entscheidenden Faktoren dafür, die Berufstätigkeit aufgeben zu müssen. Verlangsamung, Konzentrationsschwächen und verminderte Belastbarkeit wirken sich negativ auf die Arbeitsfähigkeit aus. Das Wissen um kognitive Störungen und das damit verbundene Risiko erzeugt deshalb auch Sorgen und Ängste und schränkt so die Lebensqualität ein. Eine verringerte Belastbarkeit/schnellere Ermüdbarkeit führt natürlich auch im privaten Leben zu Einschränkungen, z.B. bei Arbeiten im Haushalt, beim Betreuen kleiner Kinder, dass man seinen Hobbies nicht mehr wie gewohnt nachgehen kann, seine sozialen Kontakte weniger pflegt etc.

Wie viel Bedeutung hat man kognitiven Störungen in der Vergangenheit beigemessen?

Dass bei MS kognitive Störungen auftreten können, war eigentlich von Beginn an bekannt und wurde schon von Charcot im 19. Jhdt. beschrieben. Allerdings standen für die Neurologie lange Zeit doch eher die körperlichen Auswirkungen der Erkrankung im Vordergrund. In den letzten etwa 20 Jahren wurde aber der Bedeutung der kognitiven Störungen zunehmend Rechnung getragen.

Wie wurden kognitive Störungen traditionell gemessen?

Es gibt eine Reihe von Papier-Bleistift-Verfahren und auch PC-basierten Verfahren, mit denen Tempo- und Merkfähigkeit gemessen werden können.

Warum begaben Sie sich auf die Suche nach einer verbesserten Messung?

Es gibt in der kognitiven Informationsverarbeitung des Menschen mind. 2 zentrale Begrenzungen: kurzfristige Speicherung und Geschwindigkeit. Also: die Menge an Informationen, die parallel im Bewusstsein gehalten werden können und die Geschwindigkeit, mit der auf diese Informationen zugegriffen werden kann. Beide Aspekte bestimmen entscheidend das Ausmaß unserer geistigen Leistungsfähigkeit. Traditionelle Verfahren messen diese Aspekte mit jeweils ganz anderen Testverfahren, die sich oft auch von der Methodik sehr stark unterscheiden. Was fehlte, war eine einheitliche Messmethode, die auf einer einheitlichen theoretischen Grundlage steht und beide Aspekte gleichzeitig bestimmt.

Welche neuen Methoden haben Sie angewendet um kognitive Störungen zu ermitteln?

Die kurzzeitige Darbietung von Buchstabengruppen auf der Basis der von Claus Bundesen an der Universität von Kopenhagen entwickelten „Theorie der visuellen Aufmerksamkeit“

Woher wussten Sie, dass die verlangsamte visuelle Erfassung als Parameter für eine generell reduzierte geistige Verarbeitungsgeschwindigkeit taugt?

Es gilt als gesichert, dass mehr als die Hälfte der Nervenzellen im Gehirn auf visuelle Informationen reagiert. Das Aufmerksamkeitssystem zur Verarbeitung visueller Informationen ist weit verzweigt und auf allen Ebenen der Verarbeitungshierarchie eng mit anderen Gehirn-Systemen vernetzt. Daraus leitet sich die Annahme ab, dass Aussagen über die Effizienz des visuellen Aufmerksamkeitssystems auch Rückschlüsse auf die generelle geistige Leistungsfähigkeit erlaubt. Zumal bekannt ist, dass visuelle Leistungen bei MS-Patienten/-innen besonders häufig herabgesetzt sind und mit anderen Leistungen in Zusammenhang stehen.

Wie läuft ein solcher Test ab und wie lange dauert er?

Es wird ein sogenannter „Ganzbericht“ durchgeführt. Es wird für sehr kurze Zeit eine Buchstabengruppe präsentiert. Die Darbietungszeit liegt dabei deutlich unter 1 Sekunde und bewegt sich im Bereich von etwa 20 bis zu etwa 500 Millisekunden. Die untersuchte Person versucht, in dieser kurzen Zeit so viele Buchstaben wie möglich aus dem gesamten Display zu erkennen und zu nennen (daher der Name „Ganzbericht“). Es werden verschiedene Darbietungszeiten variiert. Aus der Anzahl der richtigen Nennungen in Abhängigkeit von der Darbietungszeit lässt sich anhand eines mathematischen Modells, das von der TVA vorgegeben wird, eine Leistungskurve bestimmen, die diesen Prozess der Informationsaufnahme abbildet. Aus der Form dieser Kurve lässt sich schätzen, wie schnell eine Person visuelle Information verarbeiten kann und wie viel Informationen zugleich im Bewusstsein Platz finden.

Was kann man tun, um die geistigen Fähigkeiten zu trainieren oder negative Auswirkungen zu kompensieren?

Gesunde Lebensweise, Bewegung, soziale Kontakte, geistige Forderung. Bei letzterer ist wichtig, dass der Spaß nicht zu kurz kommt!

In welchen zeitlichen Abständen macht es Sinn, den Test anzuwenden, um bei einer Verschlechterung rechtzeitig entgegen wirken zu können?

Es macht Sinn, den Test einmal jährlich zu absolvieren.

Wie verbreitet sind diese Test bereits? Können MS-Patienten sie bei ihrem behandelnden Neurologen einfordern oder bedarf es eines Neuropsychologen?

Das Verfahren ist nach wie vor experimentell und wird derzeit nur bei uns in Jena an MS-Patienten/-innen eingesetzt.

Für wen lohnt sich der eventuell damit verbundene Mehraufwand, den die Testung mit sich bringt?

Nach unserem Kenntnisstand macht der Test v.a. zu Beginn der Erkrankung Sinn, da er sensibler auf vorhandene Einschränkungen reagiert und Risikopersonen früher identifizieren kann.

Haben Sie noch einen Tipp, was MS-Patienten tun können, um ihre kognitiven Fähigkeiten zu trainieren?

Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass Patienten/-innen eher dazu neigen „zu viel zu wollen“ und nach einem Arbeitstag noch zusätzlich kognitives Training machen wollen. Wichtig ist aber auch, auf ausreichende Erholungsphasen zu achten, um zu entspannen und Ressourcen zu schöpfen. Unser Alltag stellt in aller Regel kognitive Anforderungen genug.  V.a. Personen, die durch Beruf, Haushalt und Kinderbetreuung ohnehin geistig gefordert werden, rate ich nicht zu zusätzlichem „Gehirnjogging“, sondern dazu, sich Auszeiten für sich zu nehmen, um sich selbst etwas Gutes zu tun und wieder Kraft zu tanken.

Welche Entwicklung wünschen Sie sich in der Neuropsychologie bezogen auf die MS in den kommenden 5 Jahren?

Die Möglichkeiten zu verbessern für eine frühere Identifikation von „kognitiven Risikopersonen“ zu Krankheitsbeginn und für eine frühere Erkennung, wenn jemand gefährdet ist, vom schubförmigen Verlauf in den chronisch progredienten Verlauf überzugehen.

Blitzlicht-Runde

Vervollständigen Sie den Satz: „Für mich ist die Multiple Sklerose... “

…als Neuropsychologe eine Chance besser zu verstehen, wie unser Denken funktioniert.

Wo können sich Patienten über die Neuropsychologie informieren, wenn sie mehr erfahren wollen?

Z.B. bei der Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP) oder beim Verband Niedergelassener Neuropsychologen (VNN).

Wie lautet Ihr aktuelles Lebensmotto?

Den Humor nicht verlieren!

Mit welcher Person würden Sie gern einmal ein Kamingespräch führen und zu welchem Thema?

Mit Marcel Fratzscher über unser Wirtschaftssystem und soziale Gerechtigkeit.

Welches Buch oder Hörbuch, das Sie kürzlich gelesen haben, können Sie uns empfehlen und worum geht es darin?

Mechtild Borrmann: Trümmerkind (kein sehr „aktueller“ Tip). Eine Mischung aus Kriminalroman und Zeitgeschichte der Nachkriegszeit.

Ein großes Dankeschön an Dr. Bublak für die vermittelten Erkenntnisse und Einsatzmöglichkeiten der Neuropsychologie bei Menschen mit MS und darum geeignete Messmethoden für kognitive Störungen zu finden. Denn dann kann man besser an Defiziten arbeiten und diese möglichst reduzieren.

Bis bald und mach das beste aus Deinem Leben,
Nele

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Hier findest Du eine Übersicht zu allen bisher interviewten MS-Patienten.

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