#175: Das Therapiefenster optimal nutzen durch hochwirksame frühzeitige Behandlung – Interview mit Dr. Antonios Bayas

In Folge 175 begrüße ich Dr. Antonios Bayas als Interviewgast zum Thema, wie man das Therapiefenster optimal durch eine frühzeitige, hochwirksame Behandlung bei MS nutzen kann. Dr. Bayas ist leitender Oberarzt und stellvertretender Direktor sowie Leiter der Sektion Klinische Neuroimmunologie an der Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie am Universitätsklinikum Augsburg.

Multiple Sklerose kann mittlerweile immer besser behandelt werden, sowohl durch verlaufsmodifizierende Medikamente, symptomatische Therapien und durch einen gesunden Lebensstil. Dabei macht es allerdings einen großen Unterschied, ob ich als Patient mehrere Jahre vergehen lasse, in denen die Krankheit – möglicherweise unbemerkt – voranschreitet oder ob ich gleich zu Beginn entschieden dagegen vorgehe.

Da MS eine Eisberg-Erkrankung ist, die für Betroffene größtenteils im Verborgenen stattfindet, aber von Anfang an das zentrale Nervensystem schädigt, ist es wichtig, die Hintergründe zu verstehen. Denn wenn Einschränkungen zunächst unbedeutend sind, sich zurückentwickeln, oder „nur“ neue Läsionen im MRT zu sehen sind, die aber keine Auswirkungen auf den Alltag haben, kann das dazu führen, dass man die Krankheit unterschätzt.

Doch jede Aktivität der MS trägt zu den späteren Folgen und Einschränkungen bei, deshalb ist es wichtig, möglichst schnell und effektiv in das Krankheitsgeschehen einzugreifen oder wenigstens stark zu verlangsamen. Denn es gilt, je früher gehandelt wird, desto stärker kann man die Langzeitprognose positiv beeinflussen.

Über die Details spreche ich mit Dr. Bayas. Diese Folge wurde von der Novartis Pharma GmbH unterstützt.

Inhaltsverzeichnis

Vorstellung

Zur Person

Beruflich tätig bin ich als leitender Oberarzt und stellvertretender Direktor sowie Leiter der Sektion Klinische Neuroimmunologie an der Klinik für Neurologie und klinische Neurophysiologie am Universitätsklinikum Augsburg. Ich bin 54 Jahre alt, wohne seit 2005 in Augsburg, war vorher in Würzburg, wo ich meine Facharzt-Weiterbildung zum Neurologen an der Universitätsklinik absolvierte. Seit 26 Jahren bin ich verheiratet, ich habe drei Kinder, davon sind zwei bereits außer Haus, ein Sohn ist Assistenzarzt in Frankfurt, ein Sohn lebt in Berlin, er ist in den Bereich Wirtschaft gegangen. Mein 3. Sohn besucht die 11. Klasse. In der Freizeit verbringe ich viel Zeit mit Familie, mache Sport, gehe öfter ins Theater / Konzerte, daneben verbringe ich Zeit mit Reisen und Freunde treffen.

Persönliche Motivation für den Beruf?

Mein Vater war Hausarzt, lange Zeit in einer Landarztpraxis. Ich wollte zunächst auch Hausarzt werden, dann kam aber die Begeisterung für die universitäre Medizin und Neurologie, ein spannendes Gebiet mit immer mehr diagnostischen, aber v.a. auch therapeutischen Möglichkeiten, und hier sticht die MS besonders hervor.

Menschen zu helfen, deren Situation zu verbessern, ein offenes Ohr zu haben und verlässliche Anlaufstelle zu sein, war und ist immer noch meine Hauptmotivation für den Beruf.

Daneben ist mir aber wissenschaftliche Tätigkeit sehr wichtig, in Würzburger Zeiten war ich noch im Labor mit Pipette, Zellkulturen, etc. tätig. Heute betreibe ich neben meinen klinischen Aufgaben schwerpunktmäßig klinische Forschung.

Therapiefenster bei MS

Was genau ist mit dem Therapiefenster bei der MS-Behandlung gemeint?

Unter dem Therapiefenster versteht man Zeitabschnitte im Krankheitsverlauf, in denen durch die rechtzeitige und richtige Wahl der Therapie der weitere Krankheitsverlauf maßgeblich beeinflusst bzw. verändert werden kann, im positiven Sinn natürlich.

Es gibt verschiedene Therapiefenster:

Zuerst bei Diagnosestellung, hier muss man sich individuell für eine ausreichend effektive Therapie, die aber auch gut zum Patienten passt, entscheiden.

Ein anderes Therapiefenster tut sich auf, wenn die Krankheit unter einer Immuntherapie aktiv ist und man dann eine andere, effektivere Therapie wählen muss, die jedoch erneut die individuelle Situation der Patientin / des Patienten berücksichtigt.

Ein weiteres Therapiefenster kann sich ergeben, wenn sich der Krankheitsverlauf ändert und Patienten nach einem schubförmig-remittierenden Krankheitsverlauf eine sekundär progrediente
Multiple Sklerose entwickeln, d.h. wenn sich Symptome schleichend verschlechtern, wobei hier noch Schübe auftreten können. In dieser Phase kommen nur noch einige der MS-Therapien in Betracht.

Welche Chancen bietet eine frühzeitige Therapie?

Ziel der modernen Immuntherapie der Multiplen Sklerose ist eine möglichst vollständige Verhinderung der Entwicklung von Behinderung. Wir wissen, dass durch eine frühe effektive Therapie ein Übergang von der schubförmig-remittierenden in die sekundär progrediente Multiple Sklerose bei vielen Patienten verhindert werden kann.

Aber: Immuntherapien, die wir derzeit zur Verfügung haben, können vor allem die entzündliche Komponente der Multiplen Sklerose beeinflussen, diese äußert sich im Alltag durch Schübe oder zeigt sich in neuen oder aktiven MRT-Läsionen.

Begleitend kann bei der Multiplen Sklerose auch eine so genannte Neurodegeneration auftreten, d.h. es kommt zu einer Schädigung von Nervenzellen und Markscheiden unabhängig von Schüben und auch oft unabhängig von sichtbarer MRT-Aktivität, zunehmend je länger die Erkrankung verläuft. Für diesen Prozess haben wir bislang noch keine effektiven Therapien, so dass es das Ziel der modernen Therapie ist, diese degenerativen Prozesse, die wir therapeutisch schlecht beeinflussen können, möglichst früh zu verhindern und Therapien dann einzusetzen, wenn sie gut wirksam sind, d.h. in der entzündlichen Phase.

Wie wichtig ist eine wirksame Therapie, um möglichst langfristig ohne oder mit nur geringen Beeinträchtigungen zu leben?

Aus meiner Sicht ist dies sehr wichtig. Wie wissen, dass es einige Faktoren bei der Multiplen Sklerose, zum Beispiel eine sehr hohe Zahl an Herden in der MRT bei Diagnosestellung oder auch eine hohe Schubrate zu Krankheitsbeginn, gibt, die eine ungünstige Prognose bei der Multiple Sklerose anzeigen können. Deswegen ist es ja auch wichtig, bereits frühzeitig im Krankheitsverlauf solche Faktoren zu betrachten, die möglicherweise eine ungünstige Prognose anzeigen können, um bei diesen PatientInnen dann bereits frühzeitig eine möglichst effektive Therapie einzuleiten.

Welche Auswirkungen hat ein verzögerter Beginn der verlaufsmodifizierenden Therapie?

Mehrere Arbeiten konnten zeigen, dass durch die frühe Immuntherapien das Risiko für eine raschere Behinderungszunahme wie auch die Entwicklung einer sekundär progredienten Multiplen Sklerose, die mit den heute zur Verfügung stehenden Medikamenten schlechter behandelt werden kann als die rein schubförmige MS, signifikant reduziert ist.

Kann ich die „verlorene Zeit“ am Anfang durch einen verspäteten Therapiebeginn irgendwie wieder aufholen?

Sehr gute Frage! Wenn in der Zeit, in der noch keine Therapie begonnen worden ist, durch Krankheitsaktivität bereits Nervenzellen Schaden genommen haben bzw. durch Läsionen in Gehirn oder Rückenmark Behinderung entstanden ist, ist es leider nicht möglich, diesen Vorgang wieder rückgängig zu machen, d.h. die Uhr zurück zu drehen.

Oft kann dies zu Beginn noch kompensiert werden, diese Kompensationsfähigkeit lässt im Lauf der Erkrankung jedoch nach. Es gelingt zwar häufig, zum Beispiel durch entsprechendes Training mit Physiotherapie bei motorischer Behinderung oder auch andere Therapiemaßnahmen diese
Schädigung zum Teil zu kompensieren, aber was an Nervengewebe verloren ist, bleibt verloren. In mehreren Therapiestudien konnte gezeigt werden, dass bei Vergleich von Placebo mit einer höher effektiven Substanz die Patientinnen und Patienten, die zunächst Placebo, d.h. ein Scheinmedikament, oder in anderen Studien eine weniger effektive Substanz erhalten hatten und dann auf die zu prüfende, effektivere Substanz umgestellt worden, diesen Unterschied an Behinderung im Vergleich zu den Patienten, die die effektivere Substanz von Anfang an bekommen hatten, nicht mehr aufholen konnten.

Wie gut kann man sich aufaddierende Einschränkungen und Beeinträchtigungen derzeit behandeln und wieder rückgängig machen?

Ziel der modernen Immuntherapie ist es, Behinderung bei der Multiplen Sklerose zu verhindern, d.h. eine Prophylaxe.

Wenn bereits eine Behinderung aufgetreten ist, und das können ganz verschiedene Symptome sein wie motorische Symptome mit zum Beispiel Lähmungen oder einer Gangstörung, kognitive Beeinträchtigungen, nur um einige zu nennen, dann kann man durch eine Immuntherapie diese Behinderung nicht rückgängig machen, da die Immuntherapie eine prophylaktisch wirksame Therapie darstellt.

In den Fokus rückt dann die ohnehin bei der Behandlung der Multiple Sklerose ganz wichtige Säule der symptomatischen Therapie, die Symptome verbessern soll und aus medikamentösen wie auch nicht medikamentösen Therapiemaßnahmen besteht. An wichtigen Therapien hierfür sind zum
Beispiel die Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie zu nennen, je nach Einschränkungen und Behinderung ist auch eine Rehabilitation oft sinnvoll.

Aber, es ist immer anzustreben, eine Behinderung möglichst zu vermeiden als dann später zu versuchen, die Symptome durch verschiedene, nicht immer erfolgreiche Therapiemaßnahmen zu bessern.

Warum schließt sich das Therapiefenster immer mehr, je länger die Krankheit aktiv ist?

Prophylaxe zielt darauf ab, möglichst Funktionen zu erhalten. Wenn die Krankheit ohne Therapie oder mit einer unzureichenden Therapie bereits zu einer relevanten Behinderung geführt hat, kann, ich wähle wieder den Vergleich, das Rad oft nicht mehr zurückgedreht werden, d.h. das Ziel der Immuntherapie, Behinderung und Einschränkung von Lebensqualität zu verhindern, kann dann nicht mehr oder in einem nur geringeren Ausmaß erreicht werden-

Was ist mit normal erscheinender weißer Substanz (NAWM) gemeint und was bedeutet diffuse Entzündungsaktivität bzw. Schwelbrand

Warum kann auch in einer normal erscheinenden weißen Substanz MS-Aktivität stecken und der Schwelbrand weiter voranschreiten, Stichwort „normal appearing white matter (NAWM)“?

Die Frage ist zunächst, wie können wir die Aktivität bei der Multiple Sklerose erfassen. Zunächst natürlich durch Befragung der Patienten, d.h. die Anamnese, ferner durch die neurologische Untersuchung und Patienten-Fragebögen, die uns Auskunft geben können über das Ausmaß von beispielsweise Fatigue wie auch Lebensqualität. Das MRT spielt bei der Beurteilung der Aktivität der Multiple Sklerose eine ganz entscheidende Rolle, da es das beste technische Verfahren ist, das anzeigen kann, wie aktiv die Erkrankung ist, indem das MRT uns Einblicke in das Gehirn und / oder Rückenmark erlaubt.

Wichtig zu wissen ist jedoch, dass wir im MRT nicht die gesamte Krankheitsaktivität erkennen können. Es gibt bei MRT-Geräten unterschiedliche Feldstärken, angegeben in Tesla. Dies ist die Einheit, mit der man die Stärke eines magnetischen Feldes im Rahmen der Kernspintomographie  angibt. Je höher die Feldstärke ist, umso mehr können wir die bei der MS auftretenden Vorgänge erkennen. Aber auch mit den heute in der Regel routinemäßig zur Verfügung stehenden MRT-Geräten, oft mit einer Feldstärke von 1,5 oder 3 Tesla, entgeht uns dennoch ein Teil der Krankheitsaktivität bei der Multiple Sklerose, die jedoch wiederum zu Behinderung führen kann.

Wir wissen, dass die Läsionen, die wir in der Kernspintomographie sehen, Ausdruck der aktuellen oder früheren Aktivität der Multiple Sklerose sind. Daneben betrachten wir auch das Ausmaß der Hirnatrophie, wobei wir diese im klinischen Alltag und außerhalb von Studien in der Regel nicht routinemäßig bestimmen.

Was wir mittlerweile gut wissen, und nun direkt zu Ihrer Frage, ist, dass auch in der normal erscheinenden weißen Substanz, d.h. dort, wo u.a. Nervenfasern verlaufen und sich auch die Myelinscheiden und das Stützgewebe des zentralen Nervensystems befinden, Krankheitsaktivität stattfinden kann, die wir in den routinemäßigen MRT-Untersuchungen nicht erfassen können.

Entzündungsvorgänge können somit im gesamten zentralen Nervensystem und auch in der so genannten normal erscheinenden weißen Substanz auftreten, ohne dass wir diese mit den routinemäßig zur Verfügung stehenden MRT-Techniken entdecken können.

Modernere MRT-Techniken, wie zum Beispiel die MRT-Spektroskopie, können diese Vorgänge, wie zum Beispiel oxidativen Stress, zum Teil abbilden, werden aber nicht in der klinischen Routine eingesetzt.

Dies bedeutet jedoch auch, dass ein stabiles MRT eine voranschreitende Krankheitsaktivität nicht ausschließen kann. Sich daher alleine auf das MRT zu verlassen, halte ich daher für falsch, wichtig sind wie immer die Schilderungen der Symptome von Seiten der Patienten wie auch der neurologische Befund und auch andere Messungen, die wir im klinischen Alltag durchführen. Am Schluss ist es dann ein Puzzle verschiedener Untersuchungen, aus dem heraus wir entscheiden, ob ein Patient bzw. eine Patientin stabil ist.

Hochwirksame Therapien bei MS

Wie merken Patienten/Ärzte wenn es Zeit ist von der aktuellen Therapie auf eine hochwirksame Therapie umzusteigen? Muss es immer der Schub sein?

Zeichen dafür, dass mit einer vorhandenen Immuntherapie die Krankheit nicht oder nicht ausreichend stabilisiert ist, können Krankheitsschübe sein. Aber auch zunehmende Behinderung unabhängig von Krankheitsschüben kann anzeigen, dass die aktuelle Therapie nicht ausreichend wirksam ist. Das dies nicht selten auftritt, haben wir in den letzten Jahren zunehmend gelernt.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist erneut die Kernspintomographie, da wir wissen, dass nur ein Teil der Läsionen, d.h. der entzündlichen Veränderungen, die neu auftreten, auch Symptome machen. Jedoch die Gesamtheit dieser Läsionen kann dann zu verschiedenen Symptomen wie Fatigue und auch kognitiven Störungen führen. Der Wechsel auf eine effektivere Therapie kann daher unter anderem oft auch durch ein Voranschreiten von Behinderung ohne Schübe begründet werden. Daher sind bei der Beurteilung verschiedene Testungen, wie die der Gehstrecke, oder auch Fragebögen, zum Beispiel zur Lebensqualität, wichtig. Aber alleine die MRT-Aktivität kann zu einer
Umstellung führen.

Welchen Behandlungserfolg strebt man mit hochwirksamen Therapien an, Stichwort NEDA?

Mit hoch wirksamen Therapien strebt man an sich den gleichen Behandlungserfolg wie auch mit weniger effektiven Therapien an, d.h. wir wollen Schübe verhindern, wir wollen verhindern, dass Behinderung auftritt oder zunimmt und wir wollen MRT-Aktivität verhindern. Dies wurde im Begriff NEDA zusammengefasst, übersetzt mit No Evidence of Disease Activity, d.h. kein Hinweis für Krankheitsaktivität.

Wichtig ist es auch, Symptome zu verhindern, die man den Patientinnen und Patienten nicht sofort ansieht, wie beispielsweise Fatigue, kognitive Störungen und vegetative Symptome in Form von zum Beispiel einer Blasenstörung. Wesentliches Ziel ist eine möglichst gute Lebensqualität der Patientinnen und Patienten.

Welche Prognosefaktoren deuten auf eine aktive bis hochaktive MS und damit für die Behandlung mit einer hochwirksamen verlaufsmodifizierenden Therapie?

Wir müssen hier zwei mögliche Szenarien unterscheiden:

Zum einen Patientinnen und Patienten, die noch keine Therapie haben, zum Beispiel, weil die Diagnose gerade erst gestellt wurde. Hier gibt es eine Reihe von Faktoren, die eine, in der MSLeitlinie nennen wir es eine wahrscheinlich hochaktive Multiple Sklerose, anzeigen können:

Von einer wahrscheinlich hoch aktiven Multiplen Sklerose gehen wir aus, wenn ein Schub zu einem schweren Defizit geführt hat, obwohl die Schubtherapie mit all ihren Möglichkeiten ausgeschöpft wurde; ein wahrscheinlich hochaktiver Verlauf muss auch dann angenommen werden, wenn sich Patientinnen und Patienten von den ersten beiden Schüben schlecht erholt haben, oder auch, wenn eine hohe Schubfrequenz mit mindestens drei Schüben in den letzten zwei Jahren oder mindestens zwei Schüben im letzten Jahr vorliegt. Von einem wahrscheinlich hochaktiven Verlauf gehen wir auch dann aus, wenn bereits im ersten Krankheitsjahr eine relevante Behinderung vorliegt oder wenn motorische Symptome aufgetreten sind. Auch das MRT kann einen wahrscheinlich hochaktiven Verlauf anzeigen, wenn mindestens zwei Kontrastmittel-aufnehmende Herde und eine hohe Anzahl anderer Herde in der MRT nachweisbar sind, v.a. wenn sie im Rückenmark oder im Bereich des
Hirnstamms oder Kleinhirns nachzuweisen sind.

Im anderen Szenario betrachten wir Patienten, die bereits eine Immuntherapie haben; bei diesen Patientinnen und Patienten sollte man dann eine hochwirksame Therapie beginnen, wenn unter der bestehenden Therapie weiter Schubaktivität auftritt oder auch dann, wenn wir sehen, dass das MRT
eine anhaltende Aktivität anzeigt.

Beim ECTRIMS 2022, dem größten MS-Kongress weltweit, sprach Prof. Gavin Giovannoni, einer der führenden MS-Spezialisten, von „Flipping the pyramid“. Was genau ist damit gemeint?

Früher, d.h. vor ca. 20 Jahren, hatten wir den Ansatz, dass wir zunächst immer erst weniger effektive Therapien eingesetzt haben und nur dann, wenn darunter Krankheitsaktivität auftrat, zu effektiveren Therapien gegriffen haben. Damals war jedoch die Auswahl an effektiven Immuntherapie noch viel
geringer und es standen kaum oder dann nur wenige gut bzw. besser verträgliche effektive Immuntherapien zur Verfügung.

Die genannte Pyramide, die in der Frage steckt, bedeutet, dass in der Basis der Pyramide, d.h. am Boden derer, zunächst sichere, jedoch weniger effektive Therapien stehen und eingesetzt werden, und nur bei Krankheitsaktivität diese Therapien dann auf effektivere Behandlungen umgesetzt werden. „Flipping the pyramide“, d.h. die Pyramide umdrehen, bedeutet jedoch, dass wir heutzutage bei vielen Patienten, bei denen wir erkennen oder befürchten müssen, dass sie einen sehr aktiven Krankheitsverlauf und damit ein hohes Risiko haben, Behinderung zu entwickeln, gleich von Anfang an hoch effektive Therapien einsetzen, um dann den Krankheitsverlauf der MS möglichst günstig zu beeinflussen.

Wie gut verträglich/sicher sind moderne hochwirksame verlaufsmodifizierende Therapien?

Das ist eine sehr gute und wichtige Frage, die man jedoch so pauschal nicht beantworten kann.

Wenn wir uns Gedanken über eine Therapie machen, und das tun wir immer zusammen mit den Patientinnen und Patienten, müssen wir viele verschiedene Faktoren betrachten:

Eine Entscheidung für eine hocheffektive Therapie begründet sich darauf, dass wir einen sehr aktiven Krankheitsverlauf sehen oder diesen, zum Beispiel aufgrund des MRTs, befürchten müssen. Bei der Entscheidung für eine Therapie müssen wir sowohl die Lebensumstände unserer Patientinnen und
Patienten wie auch andere Faktoren, wie Begleiterkrankungen, zum Beispiel Herzrhythmusstörungen, einen Diabetes mellitus, oder einen Bluthochdruck, und begleitende Medikamente berücksichtigen. Jede der hoch effektiven Therapien hat je nach Wirkmechanismus sein eigenes Risiko- und Nebenwirkungsprofil. Nebenwirkungen und das Risikoprofil müssen wir jeweils individuell mit den Patientinnen und Patienten besprechen und hinsichtlich seiner Krankheitsaktivität abwägen. Nach meiner Erfahrung können alle hocheffektiven Therapien überwiegend sicher und gut verträglich angewendet werden, wenn man notwendige Voruntersuchungen veranlasst, um eventuell Gründe gegen den Einsatz eines Präparates oder ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen zu erkennen. Ferner muss eine Therapie gut überwacht werden und bei auftretenden Problemen oder Nebenwirkungen müssen rasch entsprechende Konsequenzen gezogen werden. Daher gehört die moderne Immuntherapie der MS, vor allem hocheffektive Therapien betreffen, in die Hand der erfahrenen Neurologin beziehungsweise des erfahrenen Neurologen.

Insgesamt muss es jedoch klar sein, dass wir immer eine Güterabwägung vornehmen zwischen Krankheitsaktivität und Nebenwirkungs- beziehungsweise Sicherheitsprofil einer Therapien, beides muss zusammen passen.

Manche Patienten aber auch Ärzte haben Angst vor stärkeren Nebenwirkungen bei hochwirksamen Medikamenten. Wie begründet sind diese Bedenken und wie gut kann man ernsten Nebenwirkungen durch regelmäßige Laborkontrollen vorbeugen?

Wie schon gesagt, können hochwirksame Medikamente, auch je nach Wirkmechanismus, verschiedene Nebenwirkungen haben und diese Nebenwirkungen müssen wir mit den Patientinnen und Patienten offen besprechen, hierüber klären wir ausführlich auf. Zu erwähnen ist zum Beispiel das häufigere Auftreten von Infektionen, die je nach Präparat aufgrund der das Immunsystem beeinflussenden Eigenschaften, vorkommen können. Von daher sind Bedenken hinsichtlich Nebenwirkungen von hocheffektiven Therapien nachvollziehbar.

Aus meiner Sicht kann man das möglicherweise individuell erhöhte Risiko für gewisse Nebenwirkungen zum einen durch vorbereitende Untersuchungen, wie z.B. Laboruntersuchungen erkennen, um so festzustellen, ob eine gewisse Therapie für den Patienten überhaupt infrage kommt. Daneben ist die Überwachung der Therapie, wir sprechen hier von der Pharmakovigilanz, ganz entscheidend, um frühzeitig mögliche Nebenwirkungen zu erkennen und diesen zu begegnen.

Dies ist aus meiner Sicht ein ganz wichtiger Bestandteil einer modernen Immuntherapie, der dazu führen soll, hocheffektive Therapien möglichst sicher einzusetzen und hiermit auch anderen Kolleginnen und Kollegen sowie vor allem Patientinnen und Patienten möglichst die Angst zu nehmen.

Wie hat sich die Prognose für Menschen mit MS seit der Einführung hochwirksamer Therapien verändert?

Sie hat sich ganz deutlich verbessert! Seit Einführung der modernen, hoch effektiven Therapien sehen wir schwere Krankheitsverläufe glücklicherweise nur noch selten. Mehrere Studien konnten darüber hinaus zeigen, dass der frühe Einsatz von hocheffektiven Therapien verschiedene Aspekte wie die Entwicklung eines sekundär schleichenden Verlaufes oder auch die Entwicklung von Behinderung signifikant reduzieren konnte.

Welche positiven Auswirkungen kann das auf die Arbeitsfähigkeit und die Teilhabe am sozialen Leben haben?

Dies hat ganz viele positive Auswirkungen. Patientinnen und Patienten mit fehlender oder geringer Behinderung können natürlich viel häufiger in ihrem Beruf bleiben und haben eine viel größere Teilhabe am sozialen Leben, idealerweise in einer Form, wie sie vor der Diagnose der MS vorhanden war. Und genau dies ist das Ziel der modernen Immuntherapie.

Warum sollte man zusätzlich zur verlaufsmodifizierenden Therapie auf einen gesunden Lebensstil achten?

Wir wissen mittlerweile, dass die MS eine Erkrankung ist, bei der viele Faktoren eine Rolle spielen.

D.h. ganz verschiedene Aspekte wirken sich auf die Krankheitsaktivität aus. Beispielsweise zu nennen sind hier körperliche Aktivität beziehungsweise Sport, das Rauchen sowie das Körpergewicht. Wir wissen, dass sich Sport günstig auf verschiedene MS-Symptome wie zum Beispiel Fatigue auswirken kann. In mehreren Studien konnte nachgewiesen werden, dass Rauchen die Prognose der Multiplen Sklerose maßgeblich verschlechtert, weswegen wir unseren Patientinnen und Patienten dringend vom Rauchen abraten. Dass Übergewicht in der Kindheit und im Jugendalter das Risiko für eine MS erhöht, ist schon seit längerer Zeit bekannt. In einer kürzlich veröffentlichten Studie konnte gezeigt werden, dass bei neu diagnostizierten MS-Patientinnen und -Patienten das Gewicht bzw. das Übergewicht einen signifikanten Einfluss auf das Vorhandensein und die Entwicklung von Behinderung hat. Aufgrund dessen macht es durchaus Sinn, Patientinnen und Patienten auf einen gesunden Lebenswandel und auf das Vermeiden von Übergewicht hinzuweisen.

Wie wichtig ist ein positives Mindset? Sprich: Welche „Macht“ gebe ich der Erkrankung?

Aus meiner Erfahrung heraus sehr wichtig. Wir beobachten ganz häufig, dass Patientinnen und Patienten, auch wenn sie relevante Einschränkungen durch die MS haben, bei einer positiven Grundeinstellung und auch dann, wenn sie es schaffen, die MS-Diagnose gut zu verarbeiten beziehungsweise positiv mit der Erkrankung umzugehen, häufig eine viel bessere Lebensqualität haben als die Patientinnen und Patienten, denen das nicht gelingt. Auf der anderen Seite erleben wir häufig Patientinnen und Patienten, die keine oder eine sehr geringe Einschränkung beziehungsweise Behinderung durch die MS haben, jedoch von der Erkrankung und der Angst vor Behinderung gedanklich fast erdrückt werden. Diesen Patientinnen und Patienten muss man dringend eine Hilfestellung an die Hand geben, um hiermit besser zurecht zu kommen, um das für mich im Vordergrund stehende Ziel, eine gute Lebensqualität zu erreichen, umsetzen zu können. 

Blitzlicht-Runde

Vervollständigen sie den Satz: „Für mich ist die Multiple Sklerose... “

… eine herausfordernde, aber mittlerweile gut zu behandelnde
Erkrankung, deren Therapie in die Hand von erfahrenen Neurologinnen und Neurologen gehört.“

Welche Internetseite können sie zum Thema MS und Therapieentscheidungen empfehlen?

Die Seiten der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, DMSG, sowie des Krankheitsbezogenen Kompetenznetzes Multiple Sklerose. Hier finden sich unter anderem auch Aufklärungsbögen sowie für Patientinnen und Patienten verständlich geschriebene Patientenhandbücher zu zahlreichen Immuntherapien.

Welche Entwicklung im Bereich der Forschung und Behandlung der MS wünschen sie sich in den kommenden 5 Jahren?

Was wir weiter dringend benötigen, sind Marker, die den Krankheitsverlauf der individuellen Patientin bzw. des Patienten vorhersagen können, damit wir möglichst zielgerichtet Therapien einsetzen können.

Was uns heute auch noch fehlt, sind reparative, d.h. das Nervensystem bzw. die Markscheiden wiederherstellende Therapien; ferner Therapien, die den Verlauf der chronisch progredienten, d.h. schleichend verlaufenden Multiple Sklerose, effektiver beeinflussen können.

Verabschiedung

Möchten sie den Hörerinnen und Hörern noch etwas mit auf dem Weg geben?

Wir haben in der MS-Therapie in den etwa letzten zwei Jahrzehnten wirklich große Fortschritte bei der prophylaktischen Immuntherapie machen können. Die Multiple Sklerose gehört bzgl. der Therapien zu den sicherlich innovativsten Bereichen in der Neurologie, und sie wird weiterhin intensiv beforscht. Ich bin sehr zuversichtlich, dass auch in den nächsten Jahren weitere Fortschritte hinsichtlich verschiedener Aspekte erzielt werden können.

Vielen Dank an Dr. Antonios Bayas für die Erklärung, warum es wichtig ist, die MS ernst zunehmen und frühzeitig mit einer wirksamen Therapie gegenzusteuern, um mit möglichst wenigen bis keinen Einschränkungen sein Leben weiterzuführen.

Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele

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Nele Handwerker

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