Tai Chi und Qigong bei MS können eine sanfte Möglichkeit sein, Bewegung, Gleichgewicht, Koordination und Körperwahrnehmung zu trainieren. Dabei lassen sich viele Übungen an die individuellen Fähigkeiten anpassen – beispielsweise im Stehen, im Sitzen oder mit Unterstützung durch einen Stuhl oder Rollator.
Mein Interviewgast Mirko Lorenz ist Bewegungsbotschafter, Tai-Chi-Ausbilder und Präventionstrainer. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt auf Bewegungsstörungen. Er trainiert unter anderem Menschen mit Multipler Sklerose, Parkinson, Dystonien sowie Menschen nach einem Schlaganfall.
Wir sprechen darüber, was Tai Chi und Qigong eigentlich unterscheidet, warum langsame Bewegungen durchaus anstrengend sein können und wie das Training bei Gleichgewichts- und Mobilitätsproblemen angepasst werden kann.
Außerdem geht es um Tiefensensibilität, Spastik, Konzentration und Fatigue sowie um die Frage, wie wichtig regelmäßiges Training ist.
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Wer ist Mirko Lorenz?
Mirko, stell dich bitte kurz vor. Wer bist du und was machst du?
Mirko Lorenz:
Ich bin Mirko Lorenz und lebe schon seit vielen Jahren in Berlin. Ursprünglich komme ich ebenfalls aus Sachsen. Mein Weg hat mich unter anderem über China, Bayern und Niedersachsen nach Berlin geführt.
Seit ungefähr 15 Jahren arbeite ich selbstständig als Trainer, Lehrer und Ausbilder für Tai Chi und Qigong.
Mein Arbeitsschwerpunkt sind inzwischen Bewegungsstörungen. Ich arbeite unter anderem mit Menschen mit Parkinson, MS und Dystonien sowie mit Menschen nach einem Schlaganfall. Daneben biete ich natürlich auch klassische Tai-Chi- und Qigong-Kurse an.
Was hat dich zu dieser Berufswahl motiviert?
Mirko Lorenz:
Eigentlich bin ich gelernter Koch. Ich habe lange in der Schweiz gelebt und dort auch meine Kochausbildung gemacht.
Ich koche heute noch sehr gerne, aber schon in den ersten Berufsjahren habe ich gemerkt, dass mir der Stress und die Belastung auf Dauer zu viel waren. Ich wollte einen Beruf finden, den ich sehr lange und mit Begeisterung ausüben kann – eher eine Berufung.
Asiatische Kampfkünste haben mich schon damals sehr interessiert. Deshalb bin ich nach China gegangen, um mir in jungen Jahren diesen Traum zu erfüllen.
So bin ich letztendlich vom Kochen zur asiatischen Bewegungskunst gekommen.
Tai Chi und Qigong bei MS – Grundlagen und Ziele
Was sind die wichtigsten Ziele, wenn Tai Chi oder Qigong bei MS eingesetzt werden?
Mirko Lorenz:
Ich würde das zunächst etwas weiter fassen. Tai Chi und Qigong können zu einem Lebensweg werden. Tai Chi war ursprünglich eine Kampfkunst und dient auch der Persönlichkeitsentwicklung.
Heute steht für viele Menschen weniger der Kampf gegen einen äußeren Gegner als vielmehr die eigene Gesundheit im Mittelpunkt.
Wichtige Bereiche sind dabei Gleichgewicht und Balance, Entspannung, Konzentrationsfähigkeit, Motorik und Bewegungsfreiheit. Vor allem geht es darum, auf eine sanfte Weise in Bewegung zu bleiben.
Wer sich intensiver damit beschäftigt, kann darüber hinaus auch Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung entdecken.
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Tai Chi und Qigong?
Mirko Lorenz:
Das ist tatsächlich eine der häufigsten Fragen in meinen Kursen.
Qigong bedeutet vereinfacht gesagt die Arbeit mit der eigenen Lebenskraft. „Qi“ wird in der chinesischen Tradition als Lebensenergie verstanden. Durch beständiges Üben versucht man, diese Energie zu stärken und ihren freien Fluss zu unterstützen.
Dabei gibt es sehr unterschiedliche Formen. Es gibt beispielsweise stilles Qigong mit wenig Bewegung, aber auch Qigong mit Schrittarbeit.
Tai Chi hat seine Wurzeln stärker in der Kampfkunst. Auch dort existieren verschiedene Stilrichtungen. Ich selbst komme aus dem Chen-Tai-Chi.
Eine bekannte Entstehungslegende erzählt von einem Mönch, der einen Kampf zwischen einer Schlange und einem Kranich beobachtete. Die Schlange verkörperte dabei runde, ausweichende Bewegungen, der Kranich eher geradlinige Bewegungen. Darin wird die Idee von Gegensätzen und ihrer Balance sichtbar.
Historisch gibt es unterschiedliche Erklärungen zur Entstehung von Tai Chi. In meiner Tradition wird unter anderem erzählt, dass ein General im Ruhestand seine Erfahrungen aus der Kampfkunst mit Gesundheitsübungen, Atmung und Vorstellungskraft verband.
Im normalen Tai-Chi-Training sind deshalb häufig auch Qigong-Übungen enthalten.
Tai Chi und Qigong bei MS – Balance, Mobilität und Körperwahrnehmung
Wie können Tai Chi und Qigong Koordination und Gleichgewicht trainieren?
Mirko Lorenz:
Im Grunde ist die Antwort einfach: indem genau diese Fähigkeiten intensiv trainiert werden.
Ein wichtiges Prinzip von Tai Chi ist die langsame, bewusste und kontrollierte Bewegung.
Am Anfang geht es zunächst darum, den eigenen Körper besser kennenzulernen. Jede kleine Bewegung wird zuerst äußerlich geübt. Mit zunehmender Erfahrung geht man immer stärker in die Feinheiten.
Durch Aufmerksamkeit versucht man, das eigene Körpergefühl zu erhöhen.
Das ist besonders bei Gewichtsverlagerungen interessant. Wenn man diese sehr langsam und genau ausführt, dabei auf Körperhaltung und Gelenke achtet und die Bewegungen wiederholt, trainiert man damit genau die Fähigkeiten, die man für Gleichgewicht und Koordination benötigt.
Wie lässt sich Tai Chi bei eingeschränkter Mobilität oder mit Gehhilfen anpassen?
Mirko Lorenz:
Ich mache viele Übungen im Sitzen mit Menschen, die momentan nicht gut zu Fuß sind.
Ich arbeite gerne mit getrennten Gruppen – beispielsweise sitzenden Gruppen und Gruppen, die im Stehen trainieren. So kann das Training besser an die jeweiligen Fähigkeiten angepasst werden.
Im Sitzen lassen sich zumindest die Bewegungen des Oberkörpers sehr gut mitmachen. Gehtraining ist in diesem Moment natürlich nicht möglich, aber man kann sich Schritt für Schritt weiter herantasten.
Auch ein Rollator oder ein Stuhl kann in das Training eingebaut werden. Bei Balanceübungen steht bei mir beispielsweise immer ein Stuhl in der Nähe, insbesondere wenn jemand merkt, dass es an diesem Tag nicht so gut geht.
Sicherheit geht immer vor.
Welche Rolle spielt die Tiefensensibilität beziehungsweise Propriozeption?
Mirko Lorenz:
Im Tai Chi versuchen wir, immer mehr Zugang zum eigenen Körper zu bekommen. Das entsteht vor allem durch Wiederholung.
Je häufiger Bewegungen bewusst ausgeführt werden, desto differenzierter kann die Wahrnehmung des eigenen Körpers werden.
Das Ziel ist irgendwann auch, dass bestimmte Bewegungen zunehmend automatisch ablaufen.
Aus der Kampfkunst kennt man das beispielsweise von Reflexen. Eine Bewegung findet statt, bevor man bewusst darüber nachdenkt.
Im Alltag kann das zum Beispiel bedeuten, dass man sich bei einem drohenden Sturz schneller abfängt oder intuitiv eine günstigere Ausweichbewegung macht.
Solche Bewegungsabläufe entstehen nicht nach ein- oder zweimaligem Üben. Sie entwickeln sich durch regelmäßige Wiederholung und Training.
Anmerkung: Propriozeption bezeichnet die Wahrnehmung von Stellung und Bewegung des eigenen Körpers beziehungsweise einzelner Körperteile, ohne sie dafür ansehen zu müssen.
Tai Chi und Qigong bei MS – Entspannung, Spastik und Konzentration
Wie können die Übungen bei starken Muskelanspannungen oder Spastik angepasst werden?
Mirko Lorenz:
Wenn wir mit Tai Chi beginnen, arbeiten wir zunächst mit langsamen, entspannten, ruhigen und fließenden Bewegungen. Das gilt auch für Qigong.
Mit Entspannung meine ich dabei nicht, auf der Couch zu liegen und fernzusehen.
Es geht vielmehr darum, den Körper möglichst ausgewogen einzusetzen. Dabei arbeiten wir mit Körperhaltung und Körperkorrekturen, versuchen die Gelenke zu entspannen und die Aufmerksamkeit bewusst in die Bewegung zu bringen.
Man muss sich gewissermaßen wieder mit dem eigenen Körper anfreunden. Auch wenn sich ein Körperbereich nicht gut anfühlt, versucht man, die Wahrnehmung dafür wieder zu entwickeln.
Ich war selbst früher ein sehr angespannter Mensch und hatte beispielsweise regelmäßig Probleme mit dem unteren Rücken. Ich habe erlebt, was durch sanfte Bewegung möglich sein kann.
Bei Menschen mit Spastik weise ich ausdrücklich darauf hin, sehr sanft und liebevoll mit dem eigenen Körper umzugehen.
Wenn eine Bewegung in diesem Moment nicht vollständig möglich ist, macht man eben nur einen kleinen Teil davon mit.
Es geht nicht darum, mit Gewalt gegen eine Grenze anzukämpfen.
Können Tai Chi und Qigong auch Konzentration und geistige Fähigkeiten beanspruchen?
Mirko Lorenz:
Tai Chi kann durchaus anspruchsvoll sein.
Es gibt viele unterschiedliche Bewegungen. Die Schrittarbeit muss beispielsweise mit den Bewegungen der Arme kombiniert werden. Dazu kommen runde und fließende Bewegungen, die für uns zunächst ungewohnt sein können.
Das lässt sich durch einen schrittweisen Trainingsaufbau lernen.
Tai Chi wird manchmal auch als Meditation in Bewegung bezeichnet. Man kann beispielsweise eine einfache Bewegung auswählen und versuchen, die Aufmerksamkeit vollständig mit dieser Bewegung zu verbinden.
Dadurch wird der Geist bewusst in das Training einbezogen.
Beim Qigong spielt außerdem die Vorstellungskraft eine wichtige Rolle. Wenn ich mir eine Bewegung oder einen Ablauf bewusst vorstelle, ist der Geist ebenfalls beteiligt.
Für mich gehören Körper und Geist zusammen. Wenn beides gut zusammenarbeitet, ist das wie in einer Firma, in der alle an einem Strang ziehen.
Was ist wichtig, damit das Training bei MS nicht überfordert?
Mirko Lorenz:
Man muss die Menschen dort abholen, wo sie gerade stehen.
Wenn ich einen traditionellen Tai-Chi-Unterricht, wie er vielleicht in China stattfinden würde, einfach unverändert auf eine Gruppe in einer Rehaklinik übertrage, könnte das viele Teilnehmer überfordern.
Deshalb muss man eine Brücke bauen.
Die Prinzipien sollen erhalten bleiben, aber der Schwierigkeitsgrad wird zunächst reduziert. Sobald etwas funktioniert, kann man schrittweise darauf aufbauen.
Wenn jemand Freude an Tai Chi oder Qigong findet und regelmäßig übt, können sich die Fähigkeiten mit der Zeit weiterentwickeln.
Tai Chi und Qigong bei MS – Training und individuelle Anpassungen
Wie beginnt ein Tai-Chi- oder Qigong-Training?
Mirko Lorenz:
Traditionell beginnt man beim Tai Chi mit dem richtigen Stehen. Danach kommen einfache Schritte.
Mein Trainingsprogramm Keep Moving basiert auf einem vereinfachten System aus Stehen, Gehen und Sitzen.
Wer stehen kann, übt zunächst einen sicheren Stand. Wenn jemand im Sitzen trainiert, beginnt man mit dem aufrechten Sitzen.
Dann führe ich die Teilnehmer Schritt für Schritt weiter.
Am Anfang können das sehr einfache Qigong-Übungen im Sitzen oder Stehen sein. Dabei konzentrieren wir uns beispielsweise auf Atmung und Vorstellungskraft. Die Bewegung selbst muss noch gar nicht kompliziert sein.
Später können einfache Schrittfolgen dazukommen. Die Arme lasse ich zunächst vielleicht sogar weg, damit die volle Aufmerksamkeit auf dem Stehen, den Schritten und der Gewichtsverlagerung liegt.
Es geht darum, jeden Schritt und jeden kleinen Teil der Bewegung bewusst wahrzunehmen.
Damit trainiert man unter anderem die Beine, arbeitet an Hüfte und Kniegelenken und beschäftigt sich intensiv mit Gleichgewicht und Balance.
Wenn etwas sehr langsam gut funktioniert, lässt es sich anschließend häufig auch bei normalem Tempo besser umsetzen.
Das langsame Gehen ist also eine Trainingsmethode. Niemand soll sich anschließend im Alltag nur noch in Zeitlupe bewegen.
Wie anstrengend sind Tai Chi und Qigong?
Mirko Lorenz:
Wenn man Tai Chi intensiv trainiert, kann man am Anfang durchaus Muskelkater bekommen.
Bei Menschen mit stärkeren Einschränkungen muss das Training natürlich entsprechend angepasst werden.
Allein dadurch, dass Bewegungen langsam ausgeführt und beispielsweise die Knie leicht gebeugt werden, müssen die Oberschenkel deutlich arbeiten.
Durch die langsame und sehr genaue Steuerung werden außerdem teilweise Muskelgruppen beansprucht, die sonst weniger bewusst genutzt werden.
Intensiveres Tai Chi kennt auch sehr tiefe Stände, die entsprechend anstrengend sein können.
Eine andere Form der Anstrengung ist die Konzentration.
Für viele Teilnehmer ist es tatsächlich eine Herausforderung, eine Bewegung bewusst langsam auszuführen und die Aufmerksamkeit dabei aufrechtzuerhalten.
Unser Alltag ist häufig schnell. Wir hetzen von A nach B. Plötzlich alles bewusst langsam zu machen, ist deshalb zunächst ungewohnt.
Wie schnell kann man auch selbstständig zu Hause trainieren?
Mirko Lorenz:
Das ist individuell und hängt davon ab, wie intensiv jemand trainiert und welche Vorerfahrungen vorhanden sind.
Nach einem Kurs mit etwa zehn Einheiten sollte man aber normalerweise schon einige Dinge selbstständig zu Hause üben können.
Einfache Schrittfolgen oder das richtige Stehen lassen sich relativ schnell übernehmen. Bei komplexeren Bewegungen dauert es entsprechend länger.
Ich arbeite außerdem mit Online-Tutorials und Videos. So können Teilnehmer Bewegungen später noch einmal nachschauen.
Man kann also relativ schnell damit beginnen, auch zu Hause etwas zu machen.
Und natürlich freut sich jeder Lehrer, wenn ein Schüler wiederkommt und sagt: „Ich habe zu Hause geübt.“
Wie wichtig ist ein guter Tai-Chi- oder Qigong-Lehrer?
Mirko Lorenz:
Im Tai Chi arbeiten wir mit sehr feinen Körperkorrekturen.
Am Anfang sind das noch relativ offensichtliche Dinge: Ist der Stand ungefähr schulterbreit? Sind die Knie leicht gebeugt? Wie stehen die Knie zu den Füßen?
Später werden die Korrekturen immer feiner.
Vielleicht ist die Schulter nicht mehr hochgezogen, aber immer noch etwas verdreht. Dann schaut man auf das Verhältnis zwischen Schulter und Hüfte oder darauf, ob der Oberkörper zu weit nach vorn oder hinten geneigt ist.
Danach kann man wieder schauen, wo noch unnötige Spannung im Körper vorhanden ist.
Ein guter Lehrer hat dabei den Blick von außen und kann den Schüler immer weiter in die richtige Richtung führen.
Gerade am Anfang halte ich diese Begleitung für sehr wichtig.
Irgendwann muss aber auch eine gewisse Loslösung stattfinden. Der Schüler soll zunehmend selbstständig trainieren und seinen Körper selbst beurteilen können.
Viele meiner Schüler erzählen mir irgendwann, dass sie meine Stimme im Kopf hören. Sie stehen beispielsweise an der Supermarktkasse oder an der Bushaltestelle und denken plötzlich: „Knie leicht beugen.“
Dann merkt man, dass bestimmte Prinzipien bereits im Alltag angekommen sind.
Tai Chi und Qigong bei MS – Kurse, Erfahrungen und Forschungsstand
Wie kann man an deinen Kursen teilnehmen?
Mirko Lorenz:
Am einfachsten geht es über meine Homepage beziehungsweise über Keep Moving.
Ich biete regelmäßig Online-Angebote an und bin außerdem bundesweit unterwegs.
Dazu gehören Workshops, Patientenveranstaltungen und Trainingsreisen, beispielsweise in ein Kloster.
In Berlin gibt es außerdem regelmäßige Wochenkurse, die entweder ich selbst oder Trainer aus meinem Team anbieten.
So gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, Tai Chi und Qigong zunächst einmal kennenzulernen und auszuprobieren.
Weitere Informationen gibt es unter:
Was sagt die Forschung zu Tai Chi bei MS?
Mirko Lorenz:
Ich habe mir dazu unter anderem eine kleine Studie angeschaut, die in Bayreuth durchgeführt wurde.
Dort wurden Tai-Chi-Übungen bei Menschen mit MS hinsichtlich Gleichgewicht, Koordination, Müdigkeit und Depression untersucht.
Die Studie war mit 32 Teilnehmern allerdings klein. Die Tai-Chi-Gruppe trainierte meines Wissens zweimal pro Woche jeweils 90 Minuten über ungefähr sechs Monate.
Im Vergleich zur Kontrollgruppe wurden Verbesserungen unter anderem bei Gleichgewicht und Koordination sowie bei depressiven Symptomen beschrieben.
Auch die Lebenszufriedenheit entwickelte sich in der Tai-Chi-Gruppe positiv, während sich die Müdigkeit in der Vergleichsgruppe verschlechterte.
Spannend wäre natürlich zu wissen, wie es nach dem Studienzeitraum weiterging. Trainieren die Teilnehmer weiter oder fallen sie irgendwann wieder in ihre vorherigen Muster zurück?
Gerade bei der bei MS häufig auftretenden Fatigue finde ich den langsamen und sanften Ansatz von Tai Chi und Qigong persönlich interessant.
Für Menschen, denen Bewegung gerade schwerfällt, kann eine einfache Bewegung im Sitzen möglicherweise eine niedrigere Einstiegshürde darstellen.
In meinen Kursen berichten mir beispielsweise Teilnehmer, dass bestimmte Bewegungen zunächst schmerzhaft waren und mit regelmäßigem sanftem Üben besser wurden.
Dabei ist mir wichtig: nicht einfach über Grenzen hinweggehen. Man kann sich einer Grenze vorsichtig annähern, sollte aber auf den eigenen Körper hören.
Anmerkung von Nele: Mirko beschreibt hier den Forschungsstand und seine persönlichen Erfahrungen zum Zeitpunkt unseres Gesprächs. Die von ihm erwähnte Untersuchung war mit 32 Teilnehmenden klein. Einzelne positive Studienergebnisse bedeuten deshalb nicht, dass Tai Chi bestimmte MS-Symptome bei jedem Menschen verbessert. Für die individuelle Trainingsplanung sind die persönlichen Voraussetzungen entscheidend.
Welche positiven Veränderungen beobachtest du bei Teilnehmern?
Mirko Lorenz:
Manchmal sind es zunächst ganz einfache Dinge.
Auch bei einem Online-Kurs sieht man beispielsweise das Lächeln der Teilnehmer nach 45 Minuten. Sie haben etwas für sich getan, haben die Trainingseinheit geschafft und fühlen sich danach vielleicht besser.
Das kann man natürlich nicht immer eindeutig Tai Chi oder Qigong als spezifischer Methode zuschreiben. Aber allein das Erlebnis, aktiv etwas für sich getan zu haben, kann sehr wertvoll sein.
Ich beobachte bei regelmäßigem Training auch Veränderungen beim Gehen und bei den Schritten. Das betrifft nicht nur Menschen mit MS, sondern beispielsweise auch Menschen mit Parkinson.
Bei unseren mehrtägigen Klosteraufenthalten trainieren Menschen mit unterschiedlichen Bewegungsstörungen gemeinsam.
Nach fünf Tagen intensiven Trainings sehe ich bei manchen Teilnehmern deutliche Unterschiede im Gangbild. Teilweise nehme ich vor und nach dem Aufenthalt kurze Videos auf und vergleiche einige Meter Gehen miteinander.
Das sind persönliche Beobachtungen aus meiner Arbeit und natürlich keine wissenschaftliche Studie. Aber für einzelne Teilnehmer können solche sichtbaren Veränderungen sehr motivierend sein.
Wie intensiv wird bei solchen Trainingsreisen geübt?
Mirko Lorenz:
Das ist tatsächlich relativ viel.
Der Tag beginnt häufig vor dem Frühstück mit etwa einer halben Stunde Qigong. Vormittags folgen ungefähr zwei Stunden Training und nachmittags noch einmal zwei Stunden.
Manchmal machen wir am Abend noch etwa 20 Minuten sehr ruhige Übungen – beispielsweise einfache Schrittarbeit oder stilles Tai Chi, um den Tag ausklingen zu lassen.
Insgesamt können so vier oder fünf Stunden Bewegung am Tag zusammenkommen.
Der große Unterschied zum Alltag ist aber, dass bei einer solchen Reise viele alltägliche Belastungen wegfallen.
Zu Hause gibt es Beruf, Familie, Kinder und viele andere Verpflichtungen. Während einer Trainingsreise kann die Energie viel stärker auf das Training und auf sich selbst gerichtet werden.
Abschließende Gedanken und wichtigste Erkenntnisse
Welche Entwicklungen in Forschung und Behandlung der MS wünschst du dir für die kommenden Jahre?
Mirko Lorenz:
Natürlich wünsche ich mir weiterhin gute Medikamente.
Gleichzeitig würde ich mir wünschen, dass andere Faktoren noch stärker untersucht werden – zum Beispiel Bewegung, Ernährung und ihr möglicher Einfluss auf den Umgang mit der Erkrankung.
Früher wurde Menschen mit MS teilweise sogar von Bewegung abgeraten. Heute wissen wir, wie wichtig es ist, solche Zusammenhänge wissenschaftlich genauer zu untersuchen.
Mich interessiert ein ganzheitlicherer Blick: Was können verschiedene Faktoren zusätzlich zur medizinischen Behandlung beitragen?
Dazu gehört für mich auch das soziale Umfeld.
Ich würde mir wünschen, dass stärker untersucht und berücksichtigt wird, wie wichtig Austausch und therapeutische Begleitung sein können. Menschen sollten Möglichkeiten haben, über Sorgen und Ängste zu sprechen und professionelle Unterstützung zu erhalten.
Vieles davon existiert bereits in Ansätzen. Ich würde mir wünschen, dass solche Bereiche noch stärker wissenschaftlich betrachtet und in die Versorgung integriert werden.
Was möchtest du Menschen mit MS zum Abschluss mit auf den Weg geben?
Mirko Lorenz:
Ich finde es aus eigener Erfahrung enorm wichtig, bei sich zu bleiben und auf den eigenen Körper zu hören.
Jeder sollte versuchen, sich ein Umfeld zu schaffen, das Körper und Geist stärkt.
Und ich wünsche mir, dass Menschen den Mut haben, aktiv zu bleiben und Methoden zu finden, die ihnen guttun und sie weiterbringen.
Das muss nicht Tai Chi sein. Es kann genauso gut Yoga oder etwas völlig anderes sein.
Wichtig ist, dranzubleiben und daraus möglichst eine Routine zu entwickeln, die Teil des Alltags wird.
Für mich geht es um ein aktives und selbstbestimmtes Leben.
Durch Kontinuität wächst auch der Glaube an sich selbst. Man sieht kleine Erfolge und merkt: Ich kann vielleicht doch noch etwas bewegen.
Und aus diesen kleinen Erfolgen kann wieder neues Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entstehen.
Kontaktdaten Mirko Lorenz
Mirko Lorenz | Keep Moving
Wilhelmsaue 7
10715 Berlin
E-Mail info@taiji-therapie.de
www.Taiji-Therapie.de
www.Keep-Moving.shop
Vielen Dank, Mirko, für das Gespräch und die vielen Einblicke in Tai Chi und Qigong.
Ich finde besonders wichtig, dass Bewegung nicht immer groß, schnell oder besonders sportlich sein muss. Ein sicherer Stand, eine bewusste Gewichtsverlagerung oder eine Bewegung im Sitzen können genauso ein Anfang sein.
Vielleicht sind Tai Chi oder Qigong für dich eine passende Möglichkeit, aktiv zu bleiben, deinen Körper bewusster wahrzunehmen und Bewegungen gezielt zu trainieren.
Und falls nicht, gibt es viele andere Bewegungsformen. Entscheidend ist, etwas zu finden, das zu dir, deinem Körper und deinem Alltag passt.
Bis bald und mach das Beste aus Deinem Leben,
Nele
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